Eduards Herz klopfte wild, als er die Tür zur Engelsbar aufdrückte und eintrat. Es war weit nach Mitternacht. Jene Zeit, in der sich die Schutzengel gerne trafen, weil sie sich sicher sein konnten, dass ihre Schützlinge friedlich in ihren Betten schlummerten und keinerlei Gefahren drohten.
Auch er hatte endlich Feierabend, nachdem er Tony daran gehindert hatte, in der Dusche auszurutschen und es ihm gerade noch rechtzeitig gelungen war, das kaputte Stuhlbein wieder in die Fuge zu schieben, um einen dramatischen Sturz zu verhindern. Eduard war müde von dem anstrengenden Tag, doch er freute sich auf ein kühles Bier und einen schönen Abend mit seinen Freunden und mit ihr. Aufgeregt ließ er seinen Blick durch die Bar schweifen …

… und da stand sie. Salome. Ihre blonden Löckchen kringelten sich um ihren Kopf, die Sommersprossen in ihrem Gesicht schimmerten golden. Sie lächelte ihm entgegen und sah dabei umwerfend aus, einfach niedlich. Seine Sally. Seit geraumer Zeit war sie Ziva David zugeteilt und in Eduards Augen machte sie einen hervorragenden Job. Im Vergleich zu den anderen NCIS Agents war Ziva seitdem noch nichts wirklich Schlimmes passiert, von ein paar Kratzern mal abgesehen. Sally war unglaublich. Hübsch, intelligent, engagiert. Sie sah Gefahren voraus, war Beste in Krisenkalkulation und Abstandsmessungen, hatte eine Ausbildung in Nahkampfrettung. Sie war schlichtweg ein Traumengel.

Wenn er Salome sah, klopfte Eduards Herz ganz laut in seiner Brust und er bekam, was ihm leider auch ziemlich peinlich war, in diesen Momenten immer merkwürdige rote Flecken im Gesicht. Nicht viele, aber man konnte sie ganz genau erkennen. Die anderen schmunzelten dann immer und zogen ihn auf, fragten, ob ihm heiß wäre oder ob er sich warme Gedanken mache. Besonders Coraline hatte größte Freude, ihn damit zu ärgern. Vor ein paar Wochen hatte sie ihn an den Schultern festgehalten und mit ausgestrecktem Zeigefinger seine Flecken gezählt. Laut, damit alle mithören konnten. Peinlich war das gewesen. Sie war bis sechsundzwanzig gekommen. Danach kam sie mit ihrem Gesicht ganz nah, riss die Augen weit auf, legte schließlich den Kopf schief und schenkte ihm ein glückliches Lächeln. Seitdem grinste sie ihn immer nur wissend an.

Denn wenn man ganz genau hinsah, und das hatte Coraline an jenem Abend ja getan, dann konnte man es erkennen. Die Flecken in Eduards Gesicht liefen nach unten spitz aus, während sie oben doppelt abgerundet waren. Ehrlich! Kleine rote Herzchen zierten das liebliche Engelsgesicht. Eduard war verliebt, bis über beide Ohren.

Eduard wusste das natürlich längst und es war für ihn ein befreiendes Gefühl gewesen, endlich seine Zuneigung zu Sally nicht mehr vor den anderen zu verbergen. Im Gegenteil. Auch Salome hatte er bereits seine Liebe gestanden und seit zwei Wochen waren sie ein Paar. Sie waren eigentlich unzertrennlich. Eigentlich! Denn tagsüber waren sie sehr beschäftigt und hatten jede Menge Arbeit. Manchmal wünschte sich Eduard einen Schützling, der einen langweiligen Bürojob ausübte. Dann hätte er weniger zu tun und könnte mehr Zeit mit Salome verbringen. Aber er wollte nicht meckern, es gab schließlich auch angenehme Tage. Wenn es keinen aktuellen Fall gab und die Agents am Schreibtisch Aktenberge bearbeiteten, saßen sie auf dem Treppengeländer des Großraumbüros, blickten nach unten auf ihre Schützlinge und unterhielten sich über Gott und die Welt. Dadurch dass Tony und Ziva zusammen arbeiteten, sahen sie sich auch tagsüber. Aber nach deren Arbeit, trennten sich meist auch ihre Wege. Eduard war dann immer ganz traurig, obwohl sie sich nur für ein paar Stunden nicht sahen und hätte gerne gehabt, dass Tonys Leben nur noch aus Arbeit bestände, denn dann hätte er Salome immer um sich. Jede Minute ohne Salome war für ihn eine vergeudete Minute. Und als er genau diese Worte am Vormittag seiner Engelsfreundin ins Ohr flüsterte, hatte sie leise gekichert. „Eduard“, antwortete sie mit sanfter Stimme. „Ich habe eine Idee.“ Und dann hatte sie ihm ihren Plan ins Ohr gewispert.


*****




Sie hatten alle Vorkehrungen getroffen, sämtliche Schutzengel informiert. Es konnte losgehen.
Eduard schluckte schwer, denn auch wenn er es nicht zugeben wollte, ganz wohl war ihm bei ihrem Vorhaben nicht. Schließlich brachte er seinen Schützling in Gefahr. „Kalkuliertes Risiko“, hatte Salome ihm immer wieder vorgebetet. „Es passiert Tony schon nix. Vertrau mir.“
Und ja, er vertraute seiner Sally. Aber traute er auch seinen Fähigkeiten und vor allem traute er Coraline?
Egal, es gab kein Zurück mehr. Das Geschehen war bereits im vollem Gange.
„Verdammter Mist“, hörte er Ziva fluchen und als er zu ihr rüber schielte, sah er, wie die Agentin den Hörer auf die Telefonstation knallte.
„Was ist los? Ärger mit deinem Vermieter?“, fragte Tony daraufhin.
„Nein, mit den Handwerkern. Wasserrohrbruch. Meine ganze Wohnung steht unter Wasser.“
Salome zwinkerte Eduard zu, der nur wissend den Kopf schüttelte.
„Ich wollte gestern ein Bild aufhängen, dabei bin ich abgerutscht und hab mir auf den Finger gehauen. Vor Wut habe ich dann ein weiteres Mal auf den Nagel gehämmert und leider das Stromkabel getroffen. Die Handwerker mussten die Wand aufbohren und haben dabei eine Wasserleitung angebohrt.“
Eduard beugte sich zu seiner Freundin. „Musstest du gleich so übertreiben?“ Salome zuckte mit den Schultern. “Gekonnt ist eben gekonnt. Guck.“ Sie deutete auf Tony.
„Brauchst du einen Schlafplatz?“, fragte dieser genau in diesem Moment.
„Wäre das denn okay?“
„Natürlich wäre das okay, du Trottel“, schrie Eduard auf. „Was ist das denn für eine Frage.“ Salome lachte. „Das, Eduard, ist doch bloß Höflichkeit.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und, Liebling, danke Timmys Schutzengel.“
„Warum?“ Eduard sah sie überrascht an. „Hat Penny etwa …“
Sally lachte laut. „Eigentlich wäre Tim jetzt hier und wenn er Ziva einen Platz zum Schlafen anbieten würde, hätte Tony verloren.“
Eduard runzelte die Stirn.
„Tim ist soeben an der letzten Treppenstufe hängengeblieben und lässt sich in diesem Moment von Dr. Mallard verarzten. Hat sich das Handgelenk verstaucht, der Arme.“ Salome verdrehte die Augen.
Ziva stand auf und trat an Tonys Schreibtisch. „Ich will dir aber nicht zur Last fallen.“
„Du fällst mir doch nicht zur Last“, gab Tony entrüstet von sich. „Freunde helfen sich doch in der Not.“
Eduard stieß Salome in die Seite, so dass diese gerade noch rechtzeitig die Balance wieder fand und leise fluchte. „Jaaa, Eduard, sie sind Freunde.“
„Neee“, nuschelte Tonys Schutzengel. „Die sind noch viel mehr.“
Salome seufzte. „Ja, aber das müssen sie erst noch begreifen.“
Die beiden Engel beobachteten die Agenten, wie sie die letzten Arbeiten erledigten und ihren Rucksack packten, wohlwissend, dass weder McGee auftauchte, noch Gibbs unerwartet um die Ecke schoss. Der Teamleiter hatte sich schon früh am Tag verabschiedet, wegen schrecklichen Kopfschmerzen, nachdem er am Vormittag auf dem Weg zu seinem Kaffeeshop gegen einen Laternenpfahl gestoßen und durch eine Platzwunde geschwächt war. Es war wie verhext, das NCIS Hauptquartier schien heute vom Pech verfolgt. Dabei … stellten bloß die Schutzengel ihre Arbeit ein.

Zufrieden schmunzelnd folgten Eduard und Salome ihren Schutzbefohlenen in Tonys Wagen, ließen sich auf dem Rücksitz nieder und beobachteten, Arm in Arm, wie verliebte Engel eben in einem Auto auf der Rückbank sitzen, wie die beiden Pläne schmiedeten. Diese einigten sich nach einer kurzen Diskussionsphase auf einen Videoabend, auf Bier und Pizza. Alles nach ihrem Geschmack. Salome kicherte immer wieder erfreut auf.

Als sie in Tonys Straße einbogen, gab Eduard ein Zeichen, in dem er einen Stern am Himmelszelt anwies, ganz hell zu leuchten. Tony parkte den Wagen, die beiden Agenten stiegen aus. Salome sah im Augenwinkel wie die Frau, Mitte zwanzig, dunkelhaarig, mit Coraline im Schlepptau auf dem Fahrrad um die Ecke schoss. Blindlings raste die Frau auf sie zu. Weder sie, noch Tony, noch Ziva konnten rechtzeitig ausweichen. Und während alle drei Schutzengel in Gelächter ausbrachen, fielen die Menschen zu Boden. Die Frau überschlug sich dreimal und blieb wenige Meter weiter am Laternenpfahl liegen. „Autsch“, rief Coraline und warf einen kurzen Blick zu ihrer Schutzbefohlenen.
„Hat sie sich weh getan?“, fragte Salome besorgt.
„Nee, das steckt Linda schon weg.“ Coraline schüttelte den Kopf. „Macht euch lieber Gedanken um eure Agents. Die scheinen mehr abbekommen zu haben.“
Und tatsächlich. Während Linda sich schon wieder aufrappelte, lagen Tony und Ziva noch immer auf dem Boden, aufeinander, ineinander verkeilt.
„Jeeeeetzt“, schrie Eduard ganz laut und blickte zur Dachkante. Salomes Augen folgten seinem Blick. „Bitte“, schrie sie hinterher. Und während Coraline ihre schützenden Flügel über Linda warf, deren Schmerzen damit erträglich machte, schoss ein Engel, der in vielen Kreisen nur Amor genannt wurde, einen Pfeil auf die am Boden liegenden Menschen. Er schoss durch Tonys Brust, der Pfeil durchbohrte dessen Herz und blieb schließlich in Zivas Körper stecken.
„Upps“, stieß Tony hervor und richtete sich stöhnend auf. Dann sah er besorgt zu Ziva herab. „Geht es dir gut?“
Ziva lächelte matt, streckte Tony die Hand entgegen und ließ sich von ihm auf die Beine ziehen. „Solange du bei mir bist, kann es mir nicht schlecht gehen“, antwortete sie leise.
„Heißt das, du musst jetzt für immer bei mir bleiben?“ Tony stützte sie und schenkte ihr ein Lächeln.
„Vermutlich“, stammelte sie, „zumindest für eine lange, lange Zeit.“ Sie legte ihren Kopf an die helfende Schulter. „Gehen wir nach oben.“


*****




Überglücklich strahlte Eduard seine Salome an. Am liebsten wäre er ihr in die Arme gefallen, doch Coralines Hand hielt ihn zurück.
„Ja, ja“, kicherte der kleine Schutzengel und wandte sich an Amor, der soeben neben ihr landete. Sie grinste über beide Ohren. „Wenn Engel lieben, haben die Menschen keine Wahl.“
„Nein.“ Amor schüttelte den Kopf und sprach mit ernster Stimme weiter. „Du verstehst das falsch. Denn wenn Engel sich untereinander lieben, so wie Eduard und Salome, dann, meine Kleine, dann ist es für die Menschen die wahrhaftige, die einzigartige, die große Liebe. Auch wenn die Menschen meist länger brauchen als die Engel, bis sie es verstehen. Irgendwann kommt der Moment, da können selbst sie ihrem Schicksal nicht mehr entkommen.“

- The End -