SCHOKOLADENKUCHEN ZUM FRÜHSTÜCK


Seit Stunden starrte er auf den Fernseher, die flimmernden Bilder verschwammen vor seinen Augen und das erste Mal bereitete ihm sein Hobby keine Freude. Kein Film gefiel ihm, keine Dokumentation fesselte ihn, noch nicht mal eine DVD seiner Lieblingsserie Magnum konnte sein Interesse wecken. Abermals drückte er auf den Knopf seiner Fernbedienung, doch auch das Programm des folgenden Kanals überzeugte ihn nicht. Er rutschte auf dem Sessel hin und her und suchte nach einer Möglichkeit sich abzulenken. Normalerweise gelang ihm das mit fernsehen und seine eigenen Worte, die er am Vortag ausgesprochen hatte, gingen ihm nicht aus dem Kopf, obwohl sie in diesem Kontext wahnsinnig absurd klangen.

 

„Irgendwann würde ich gerne auf jemanden treffen, der Filme auf dieselbe Art schätzt wie ich,…“

 

Heute konnte er selber wahrlich keinen Sinn in Filmen erkennen. In der Regel halfen sie ihm ja abzuschalten, aber genau das wollte ihm an diesem Abend nicht gelingen. Seufzend richtete er sich auf und griff nach der Flasche Bier. Inzwischen die dritte.

 

„…oder zumindest die Art schätzt, wie ich sie schätze.“

 

Er nahm einen großen Schluck und versuchte krampfhaft seinen Gedanken zu entkommen. Doch der Filmstreifen, der in seinem Kopf ablief, und sich einfach nicht abschalten ließ, wiederholte sich immer und immer wieder. EJs Stimme hallte in seinen Ohren.

 

„Sie tut es Tony.“     „Sie tut es …. Sie tut es … Sie tut es.“

 

Verdammt. Ruckartig stand er auf und knallte unsanft die Flasche auf den Tisch. Die Fernbedienung, an die er sich bis eben krampfhaft versuchte festzuhalten, pfefferte er auf das gegenüberliegende Sofa. Das war so lächerlich und um sich selbst von seiner Meinung zu überzeugen, schüttelte er energisch den Kopf.

 

„Wer?“

 

Nein, es war unmöglich. Das tat sie nicht, niemals. Nicht …

 

„Ziva“

 

Tony lachte auf, genauso wie er es am Vortag getan hatte, als EJ ihm auf seine Frage antwortete. Ziva, Ziva …Ziva. Nein, es konnte nicht sein. Weil die Antwort in seinen Ohren einfach nur lächerlich klang. Vollkommen absurd und unmöglich.

 

„Agent Ziva David glaubt ernsthaft, dass der Film ‚Fluch der Karibik‘ ein Filmklassiker ist.“

 

Das war seine simple Antwort darauf. Richtig, so war es. Er trat ans Fenster und schaute in die Dunkelheit hinaus. Er wollte nicht aufgeben. Doch gegen die Stimmen in seinem Kopf fühlte er sich schlicht und einfach machtlos. Es war, als ob er verschlungen würde, mit erbarmungsloser Gier. Wie eine schnell wirkende Droge flossen die Worte durch seinen Kopf und rissen ihn mit.

 

„Ich spreche aber nicht von Filmen Tony. Ich spreche von DIR. Sie hat dich gern.“

 

Tony ballte seine Hände zu Fäusten. ‚Sie hat dich gern.‘ Er fühlte, wie er zitterte und wie er seine gesamte Willenskraft aufbieten musste, um nicht den Verstand zu verlieren. Was war nur mit ihm los? Jedes Mal wenn er einatmete, geschah etwas, das sein Hirn in Brei verwandelte und wenn er ausatmete, war ihm, als zogen sich die Muskeln seiner Herzgegend zusammen. Was war nur los?

 

„Wir sind bloß Kollegen.“

 

Die Worte, die gestern für EJ bestimmt waren, richtete er nun an sich. Ja, ok – vielleicht ein wenig mehr als bloß Kollegen, stimmte er trotzig zu. Freunde. Gute Freunde. Sehr gut Freunde. Es hatte beinahe eine hypnotische Wirkung auf ihn, diese Worte vor sich her zu stammeln. Und mit jeder steigernden Version bröckelte der Schutzwall in ihm mehr und mehr. Anfangs war er ja verwundert gewesen, wie gut sie sich verstanden, dass sie in vielen Dingen übereinstimmten, die gleiche Musik mochten, das gleiche Essen bevorzugten.

 

„Ja“

 

Andererseits hörten sie sich auch gegenseitig aufmerksam zu. Dadurch hatte sich ihre Freundschaft zusätzlich bestärkt. Sie erfuhren viel über die Vergangenheit des anderen. Er wusste was ihr in ihrem turbulenten Leben bereits alles widerfahren war, welche Sorgen und Ängste sie durchzustehen hatte. Sie kannte seine traurige Geschichte, seine kleinen Macken, bis ins kleinste Detail.

 

„Wir sind Teamgefährten.“

 

Gefährten. Genau. Dieses Wort klang glaubhaft. Sie hatten inzwischen auch eine gemeinsame Vergangenheit. Unzählige Momente, die sie zusammen erlebten. Auf ihrem Weg ermutigten sie sich gegenseitig, nicht aufzugeben. Sich verletzten sich gegenseitig und trösteten einander. Sie hassten sich. Sie versöhnten sich.

 

„Wir passen aufeinander auf.“

 

Richtig. Sie vertrauten einander ihr Leben an. Sie beschützten sich gegenseitig. So sollte es doch sein. In ihrem Beruf, der gespickt war mit Gefahren, war man auf einen Partner angewiesen, dem man blind vertrauen konnte. Blind.

 

„Ganz genau.“

 

Irgendetwas in seinem Innern bebte und löste ein warmes Gefühl in ihm aus. Er konnte Ziva vertrauen, in jeder Beziehung. Sie stand immer hinter ihm. Sie war immer in seiner Nähe. Ganz gleich, was er sich versuchte einzureden, es ließ sich einfach nicht abstreiten, dass Ziva David weit mehr als eine Kollegin und auch weit mehr als ein Teamgefährte war. Sie passten nicht nur gegenseitig aufeinander auf.

 

„Du solltest dich mit Menschen umgeben, für die du dein Leben lassen würdest.“

 

Er war bereit für sie zu sterben. Doch war er auch bereit, endlich zu seinen Gefühlen zu stehen?

 

 

*****

 

 

Der neue Tag dämmerte bereits. Und obwohl er keine Sekunde die Augen geschlossen hatte, fühlte er die Energie durch seinen Körper wallen. Er war auf alles vorbereitet. Der Plan stand und er würde ihn ohne Zögern durchziehen, das hatte er sich geschworen.

Er ging früh aus dem Haus, warf zuvor einen letzten Blick in seine Küche, in der das Chaos regierte, betrachtete den mit Schokoladenglasur überzogenen Kuchen, den er in der Nacht gebacken hatte und atmete tief durch. Er ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und ging zügigen Schrittes. Beinahe wäre er gerannt, denn er wusste, wenn er jetzt zögerte, hätte er vielleicht nie wieder den Mut sein Vorhaben umzusetzen. Er nahm nicht den Wagen, nutzte die monotonen Bewegungen, das Heben und Senken der Schritte um sich zu bestärken, krallte seine Hände in den Kuchenteig und gab sich keine Gelegenheit zu zweifeln. Durchgeschwitzt und schnaufend kam er an. Atemlos drückte er auf die Klingel.

 

Als Ziva die Tür öffnete, lächelte er, langsam und unbekümmert. Statt einer Begrüßung streckte er ihr den Schokoladenkuchen entgegen. Er kam zum Schluss, dass es ihm leichter fiel, ja sogar erheblich behaglicher war, wenn er nicht sprach. Auch Zivas verwirrten Gesichtsausdruck ignorierte er und schob sich an ihr vorbei in die Wohnung.

 

„Tony, was soll das?“, hörte er die braunhaarige Schönheit fragen. Sie folgte ihm ins Wohnzimmer, beobachtete, wie er seine Jacke auszog und über den Stuhl legte, sein Hemd richtete und sich zu ihr umdrehte.

 

„Du solltest den Kuchen abstellen“, raunte er, kam auf sie zu und entriss ihr die Köstlichkeit wieder. Entschlossen ging er in die Küche, stellte ihn auf dem Tisch ab und kehrte zu ihr zurück. Ziva stand noch immer wie verwurzelt inmitten ihrer Wohnung und blickte ihn verständnislos an.

 

„Es wird Zeit“, sagte er und trat auf sie zu.

 

Ein kurzes Lächeln blitzte in ihren wundschönen Augen auf. „Richtig Tony, es wird Zeit für eine Erklärung.“

 

Tony schüttelte zaghaft den Kopf und strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Die ganze Zeit blickte er dabei in ihre Augen. „Nein“, flüsterte er und streifte mit seinem Daumen sanft über ihre Wange. „Es wird Zeit“, wiederholte er leise und legte seine Finger in ihren Nacken.

 

„Zeit wofür?“ Sie blickte zu ihm auf, wägte ab, ob sie ihn von sich stoßen, oder seine Nähe einfach für einen Moment genießen sollte.

 

„Zeit für ein Happy End.“ Er zog sie an sich heran, spürte ihre zittrigen Hände, die sich schützend auf seine Brust legten. Er fühlte seinen eigenen Herzschlag im Einklang mit ihrem pulsierenden Atem. Nahm die kurze Unsicherheit von ihrer Seite wahr, bevor sie sich ihm vollends hingab. Er senkte den Kopf, berührte ihre Lippen mit den seinen. Ein Glücksgefühl strömte durch seine Adern, seine quälenden Gedanken kamen zur Ruhe, er vergaß alles um sich herum.

 

 

*****

 

 

Süß. Köstlich. Himmlich. Ihre Zunge glitt über die braune Glasur und verführerisch steckte sie sich ein Stück Kuchen in den Mund. Tony lehnt in Boxershorts an der Küchenzeile und beobachtete ihre geschmeidigen Bewegungen. In den letzten Stunden war sein größter Traum in Erfüllung gegangen, seine Sehnsüchte befriedigt und sein Verlangen gestillt worden. Er war noch immer wie benebelt, seine Arme und Beine fühlten sich an, als hätte er keine Knochen mehr.

 

Sie seufzte und kratzte die letzten Krümel auf dem Teller zusammen. Verführerisch blickte sie zu ihm auf. „Womit habe ich das verdient?“ Sie stand auf, kam zu ihm und schmiegte sich in seine Arme.

 

„Die Frage ist, womit ich dich verdient habe“, murmelte er ihr ins Ohr und nahm ihren Kopf zwischen seine Hände. Sanft strich er über ihre Haut. „Du bist wunderbar. Du bist attraktiv, hübsch, intelligent, du bist sexy, humorvoll, stark. Dich zu küssen, dich zu berühren, in deiner Nähe zu sein, ist alles was ich will. Du bist alles was ich will.“

 

Sie ließ ihre Hände durch sein Haar gleiten, bevor sie sie auf seine Schultern legte. Ihr Mund hielt einen Zentimeter von seinen Lippen entfernt inne und verzog sich zu einem Lächeln. „Eigentlich meinte ich den Schokokuchen zum Frühstück“, hauchte sie und strich zärtlich mit den Lippen über sein Kinn.“

 

„Der Kuchen war Plan B. Extra dicke Schokoladenglasur. Liebeskummer lässt sich am besten damit bekämpfen.“