Sie hörte das Ticken der Uhr, spürte den leichten Luftzug auf ihrer Schulter. Sie fühlte, wie ihr Puls pochte. Und doch kam ihr alles unwirklich vor, so unreal. Seit einer gefühlten Ewigkeit drückten Ziva Davids Hände auf die blutende Wunde ihres Kollegen; doch die rote, warme Flüssigkeit drängte weiter hervor, wie eine unstillbare Quelle des Todes, die ihr keine Zeit ließ, Atem zu holen. Ihre Finger zitterten. Ihr Herz bebte. Reines Adrenalin schoss durch den zierlichen Körper der Israelin.

Und mit einem Mal wurde ihr bewusst, was ihr die Situation so unreal vorkommen ließ. Seine Augen. Seine grünen, liebenswürdigen Augen. Er sah sie direkt an. Ruhig, sein Blick war nicht verängstigt, nein, er schien sogar vollkommen entspannt zu sein. Und im selben Moment wusste sie, es gab dieses Mal kein Entkommen. Tony DiNozzo starb in ihren Händen und sie schien unfähig, ihm zu helfen.

 

Sie blickte zur Uhr. Wie viele Minuten waren vergangen, seitdem Tony, von der Kugel getroffen, zu Boden ging? Wie viele Minuten, seit sie den Notruf abgesetzt hatte? Drei, vielleicht vier? Wie viel Blut war in dieser Zeit aus seinem Körper geflossen? Und warum kam nicht endlich Hilfe?

 

Er sah sie an, ließ seinen Blick über ihren hübschen Körper wandern und folgte dann ihrem Blick und dem Geräusch der tickenden Uhr. TickTack! Seine Zeit schien abgelaufen. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet heute?! Wo er so vieles hätte ändern wollen. Wo er es endlich hätte wagen wollen, ein neues, glückliches Leben zu beginnen, gemeinsam mit ihr? Seine Lider wurden schwer. Müdigkeit überrollte ihn.

 

„Tony, rede mit mir.“ Zivas Worte brachen, und dennoch blickte sie ihm tief in die Augen. „Du musst bei Bewusstsein bleiben. Hörst du? Erzähl mir was, irgendwas.“ Sie versuchte den kontinuierlichen Druck auf seine Schusswunde nicht zu verringern. Doch ihre Finger krampften, sie verlor stetig an Kraft.    

                         

„Was?“ Seine Lippen fühlten sich seltsam weich an. Seine Worte waren einem Flüstern gleich. „Was soll ich dir erzählen? Außer … vielleicht … ich glaube, …. ich werde sterben.“ Die Worte hallten in seinem Kopf wider und hinterließen eine seltsame Leere in ihm. „Und … ich würde … zu gerne die Zeit … zurückdrehen.“

 

„Das würde ich auch gerne.“ In ihren Worten schwang Traurigkeit mit. Ziva kniete sich, beugte sich vor und legte sich mit ihrem Körper über ihre, auf die Wunde pressenden Hände.

 

„Ich … habe … es dir doch damals … gesagt.“ Tony verzog das Gesicht. Was eigentlich ein Lächeln sein sollte, entpuppte sich als schmerzliche Grimasse. „… im Container …“

 

„Was meinst du?“, stieß Ziva hervor und warf einen weiteren Blick auf die Uhr. Es dauerte zu lange. Noch war Tony bei vollem Bewusstsein, noch konnten sie ihm helfen. Aber noch immer waren keine Sirenen zu hören.

 

Tony schnappte nach Luft. „Dein Leben … es wäre … erfüllter gewesen,… hättest“

 

„hätte ich mit dir geschlafen?“, beendete Ziva mit einem Hauch von Melancholie in der Stimme den Satz. Ein kleines Lächeln huschte über ihr angestrengtes Gesicht. Typisch DiNozzo, selbst im Kampf um sein Leben, dachte er nur an das eine. Auf ihn war Verlass. Sie kannte ihn. Sie vertraute ihm. Sie mochte ihn. Hinter seiner aufgesetzten Fassade war er ein toller Mann.

 

„Ja.“ Kleine Schweißperlchen bildeten sich auf Tonys Stirn. Er wurde immer blasser. Der Versuch zu nicken, scheiterte. „Ich … war … bereit ...“ Er suchte ihren Blick und machte sich bereits auf das wütende Funkeln darin gefasst. Dieses Funkeln, das er so sehr liebte. Doch was er fand, waren weiche, traurige Augen. „Ziva?“

 

Er hob langsam den Arm und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

 

„Was machst du da, Tony! Hör auf dich zu bewegen.“ Sie beobachtete, wie er geschwächt den Arm wieder sinken ließ und zufrieden ausatmete.

 

„Ich wollte … bloß … die Haarsträhne … das zaubert … dir … immer ein … Lächeln ins Gesicht.“

 

Sie sagte nichts. Lächelte. Doch sie konnte nicht verhindern, dass sich Tränen in ihren Augen bildeten.

 

„Es tut … mir … leid.“

 

„Was?“ Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Nein. Tony. Du musst dich nicht entschuldigen. Es ist nur…“ Sie stockte erneut.

 

„Was?“

 

Sie seufzte. „Ich wünschte ich hätte es getan. Ich wünschte, ich hätte mir dir geschlafen.“ Und in dem Augenblick als sie die Worte flüsterte, war das Wissen, dass dies die Wahrheit war, ein winzig kleiner Trost. Zugleich schnürte es ihr die Kehle zu. Sie war gerade dabei, das Wichtigste in ihrem Leben zu verlieren. Für immer.

 

Tony schloss für einen Moment die Augen. Auch wenn das Blut unaufhaltsam aus seinem Körper floss und er immer schwächer wurde, spürte er eine reine Welle von Energie und Glück durch seinen Körper fließen. „Ich … wünschte, … ich hätte… es dir gesagt … Es gab so … unzählig viele Momente …“ Er kämpfte gegen die Schwärze an, die sich unaufhaltsam in ihm ausbreitete.

 

Es blieb Ziva nicht verborgen, dass Tony immer schwächer wurde. „Welche Momente?“ Sie musste ihn wach halten. Wenn er einschlief, hatte sie keine Kontrolle mehr über ihn. „Tony, welche Momente?“ Ein erneuter Blick auf die Uhr ließ sie erschauern. Die Zeit schien still zu stehen.

 

„Piratenfilm … du hast … gesagt … ich bin … dein Freund … ich hab … nicht …“ Sein Körper erzitterte, seine Beine krampften. „… gesagt, … wie wichtig … du … mir bist.“ Sein Körper bäumte sich unter dem ihren auf.

 

„Es kommt gleich Hilfe, Tony. Halte durch!“ Sie erhöhte den Druck, obwohl sie körperlich gar nicht mehr dazu in der Lage war. „Ich weiß doch, dass ich dir wichtig bin.“

 

„Woher?“

 

„Vorsichtig handhaben. Der Inhalt ist unersetzlich. Das hast du damals zu mir gesagt, als du Ray noch nicht kanntest und ich wissen wollte, was du ihm beim ersten Treffen sagen würdest.“

 

„Stimmt.“

 

„Du hast mit deinem Vorgehen gegen Rivkin deine berufliche Laufbahn gefährdet. Für mich. Obwohl ich es damals nicht verstanden habe.“

 

„Stimmt.“

 

„Und damals in Somalia hast du gesagt, du könntest nicht ohne mich leben.“

 

„Ach ja“, gurgelnde Laute kamen aus Tonys Mund. Er hechelte nach Luft. Mit großer Anstrengung öffnete er wieder die Lider.

 

„Du hast mich immer beschützt. Das war alles nicht selbstverständlich. Nicht für mich.“

 

„Ich … bin … wie … Bruder“ Tony keuchte, das Sprechen fiel ihm immer schwerer.

 

„Nein, du bist viel mehr als ein Bruder. Tony, das warst du schon immer.“

 

„Ha, ich hätte … Ray … im … Waschraum … verprügeln … sollen.“ Tony bemerkt Zivas verwirrten Blick, doch bevor sie nachfragen konnte, sprach Tony weiter. Seine Stimme war tonlos. „Du bist … Nummer 26 … auf … meiner … Liste.“

 

„Nummer 26? Meinst du die persönliche Liste von Dingen, die du noch im Leben machen möchtest?“

 

„Ja“ Ein weiteres Mal verkrampfte sein Körper, doch er wollte nicht aufgeben. Noch nicht. „26 … Sag … es … ihr.“

 

„Okay, wem willst du etwas sagen?“ Sie beugte sich weiter vor, um ihn besser zu verstehen.

 

„Dir … sagen“, hauchte er beinahe unhörbar. Er nahm einen tiefen Atemzug. „Ziva … ich … liebe … dich.“ Sein Körper erschlaffte, sein Kopf sank erschöpft zur Seite. Seine Lungen hörten auf nach Luft zu hecheln. Es war still. Nur das Ticken der Uhr teilte die Welt in Sekunden, während Tonys Lebenszeit in ihren Händen zerrann.

 

Ihre blutverschmierten Hände umfassten sein Gesicht, berührten seine Haut. Noch warm und weich. Sie beugte sich vor. Küsste seine Lippen. Ein erster Kuss, der für immer der letzte bleiben sollte. Sie hatte ihn verloren, bevor sie ihn für sich gewinnen konnte. Für ein Leben im Glück. Was ihr blieb, waren schöne Momente. Momente mit einem Mann, den sie liebte.