Illusion der Freiheit


Illusion der Freiheit

 

 

Die einzige Freiheit die der Mensch besitzt ist das "Wie".
Wir können Schicksalsschläge oft nicht verhindern,
aber es bleibt uns überlassen "Wie" wir sie meistern.

Susanne Krieber

 

 

„Drück die Wunde ab“, hörte er Tonys verzweifelten Befehl. „Verdammt, wo bleibt der Krankenwagen? Wir verlieren ihn noch.“

 

Er hätte nicht erklären können, warum er sich wohl fühlte. Doch in diesem Moment spürte er eine tiefe Verbundenheit mit seiner Umgebung. Vielleicht lag es am strahlenden Licht, das alle Konturen und Kontraste intensivierte, dadurch die Farbenpracht durchdringend leuchten ließ und somit die wunderbaren Details zu einer einzigartigen Harmonie mit den Teilen seines Seins verband. Er sah Menschen kommen und gehen, hörte das Lachen seines Kindes. Er stand zu seiner Entscheidung und folgte dem Ruf der Freiheit.

 

 

Wenige Tage zuvor:

 

Die Kälte hatte in den letzten Nächten endgültig die Macht an sich gerissen und verwandelte Washington D.C. tagsüber in eine weiße, klare Winterlandschaft. In dicke Jacken gemummelt, ließen sich die Menschenmassen scheinbar willenlos durch die Straßen treiben, die Weihnachtshektik hatte nicht nur vom Leben der Großstadt Besitz ergriffen. Doch dem pulsierenden Leben tagsüber folgten die stillen Nächte und mit der späten Abendstunde ergriff auch heute eine lethargische Trägheit Besitz von DC. In den Straßen wurde es schlagartig ruhiger, die Bürgersteige waren wie leergefegt und nur das Knirschen der Schritte auf dem Schnee einiger weniger später Spaziergänger unterbrach hier und da die beinahe unnatürliche Ruhe der Stadt.

 

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In gleichmäßigen Bewegungen glitt das Schleifpapier kontrolliert und mit schlafwandlerischer Sicherheit über die Maserungen des Holzes. Leroy Jethro Gibbs, ein Mann der einsamen Stunden, stand wie so oft nach getaner Arbeit an seiner Werkbank im Keller seines Bungalows. Wie auch die Tage zuvor, war er vollends versunken in die Handarbeit und so entstand unter seinen Fingern einmal mehr ein kleines Wunderwerk.

 

Langsam und scheinbar vom Bewohner des Hauses unbemerkt, schritt Tobias die Stufen der Kellertreppe herab. Er wusste, Jethro hatte ihn längst bemerkt und dass der NCIS Agent ihn trotz alledem bewusst ignorierte, ließ ihn schmunzeln. Das war eben seine Art, leicht introvertiert und manchmal einen Hauch überheblich; eben Gibbs mit Haut und grauem Haar. Am Ende der Treppe angekommen, blieb er stehen und wartete ruhig auf eine Reaktion. Nein, dieses eine Mal wollte er die bessere Ausdauer beweisen und nicht schon wieder derjenige sein, der als Erster die Stille durchbrach. Lange Zeit war lediglich das gleichmäßige Ratsch, Ratsch des Schleifpapiers auf dem Holz zu hören. Bis endlich…

 

„Was zum Teufel willst du hier, Tobias?“, kamen schließlich die leisen Worte über Gibbs Lippen. Für einen kurzen Moment hob dieser den Kopf und warf ihm einen fragenden Blick entgegen. Und auch wenn Tobias sich einbildete, die flüchtige Andeutung eines Lächelns auf seinen Mundwinkeln entdeckt zu haben, kehrten die stahlblauen Augen des Grauhaarigen sofort wieder zurück zum hölzernen Gegenstand.

 

Tobias, von einer inneren Zufriedenheit und einem gewissen Stolz erfüllt ,endlich durchgehalten zu haben, trat an die Werkbank und stellte mit Nachdruck eine Flasche Bourbon auf die Arbeitsfläche. Während er sich die teuren Lederhandschuhe, ein Geburtstagsgeschenk seiner niedlichen jungen Enkeltochter, von den Händen streifte, beobachtete er mit Argusaugen Gibbs, der wortlos nach zwei Schraubengläsern griff, den Inhalt geräuschvoll leerte und danach neben der Flasche auf die abgewetzte Fläche der Arbeitsplatte knallte.

 

„Du solltest das Angebot des FBI annehmen.“ Tobias lehnte sich mit der Hüfte gegen die Werkbank und griff nach dem Flaschenhals. Mit gekonntem Griff öffnete er die Flasche. „Der Personenschutz ist die einzige Möglichkeit…“

 

„Nein“, hämmerte ihm die Stimme von Gibbs überzeugend und leicht aggressiv angehaucht entgegen.

 

„Du solltest die Drohung wirklich ernst nehmen, Jethro.“ Tobias goss die goldene Flüssigkeit in die dicken gläsernen Einmachgläser, setzte seufzend die Flasche ab und schob Gibbs ein Glas entgegen. Nichts anderes hatte er erwartet. Seit Tagen waren sowohl das FBI, wie auch der NCIS, einem Waffenhändlerring dicht auf den Versen gewesen. Nur durch die obligatorische Zusammenarbeit und die von oben delegierte Kooperation war es den beiden Teams letztlich gelungen, einen Großteil der Bande auffliegen zu lassen. Dabei kam ein Mitglied, scheinbar höherer Stellung und mit persönlicher Verbindung zum Kopf des Clans, ums Leben und nun hatte das Cartell blutige Rache geschworen. Vermehrt wurden Drohungen gegen den Todesschützen, und somit speziell gegen die Person Leroy Jethro Gibbs ausgesprochen. Sowohl im Team des NCIS, wie auch bei den Unterstellten von Fornell, dem Teamleiter des FBI-Teams, hatten sich berechtigte Sorgen breitgemacht. Lediglich an Gibbs schienen die ausgestoßenen Drohungen förmlich abzuprallen und er kümmerte sich einen Dreck darum.

 

„Ich lasse mich nicht manipulieren“, grollte Gibbs und nahm einen großen Schluck des Bourbons. Sich hierfür zu bedanken schien ihm nicht notwendig – der Besuch Fornells an sich war seiner Meinung nach überflüssig. „Das sind doch nur leere Drohungen.“ Er spürte selbst die leichte Unsicherheit in seiner Stimme und um davon abzulenken, stieß er sich vom Tisch ab und ging an das seitliche Regal, zog eine Schublade auf und kramte beschäftigt in dessen Inhalt.

 

„Herrje, Jethro, was hat das mit Manipulation zu tun? Kannst du nicht einfach mal klein beigeben? Dein Team sorgt sich um dich. Sei doch nicht immer so ein verdammter Sturkopf.“ Die Lautstärke der Unterhaltung stieg unweigerlich an, von der vorangegangen Stille war schon lange nichts mehr übrig und eine fühlbare Spannung lag plötzlich in der Luft.

 

Gibbs knallte die Schublade unsanft zu und drehte sich mit blitzenden Augen zu seinem ungebetenen Gast um. „Was das mit Manipulation zu tun hat? Ich bitte dich, Tobias! Diese angebliche Bedrohung meiner Sicherheit und euer solides Versprechen mich rund um die Uhr zu bewachen und zu schützen - was ich im Übrigen für vollkommen überflüssig halte – ist doch Manipulation genug.“

 

„Bedenk doch, Jethro.“ Tobias war nicht gewillt, so schnell aufzugeben. „Der Personenschutz wird dich in Nichts einschränken.“ Tobias, hilflos mit den Schultern zuckend, ging einen Schritt auf den NCIS-Agenten zu. „ Er wird sich im Hintergrund halten und nur eingreifen, wenn es die Situation unbedingt erfordert.“

 

„Und wer entscheidet, wann so ein Zeitpunkt gekommen ist“, fragte Gibbs bissig.

 

Fornell wand sich. Die Frage hatte er befürchtet. „Komm schon, du weißt doch wie so was abläuft. Wir bringen dich in ein sicheres Versteck bis der Fall endgültig gelöst ist.“

 

„Und somit hätten die dann ihr Ziel erreicht“, grummelte Gibbs. Seine Augen waren zu winzigen Schlitzen zusammengekniffen. „Ich würde Dinge tun, die mir wesensfremd sind, mich vor dem drohenden Unheil verstecken.“

 

„Du gibt also zu, dass es gefährlich werden könnte.“

 

„Tobias, ich müsste meine Freiheit, die ich so sehr liebe, aufgeben. Und ihnen somit Macht über mich geben. Ich wäre ein Spielball der gehässigen Handlungen eines Verbrechers. Das, mein lieber Tobias, ist ein Handel, auf den ich mich verdammt noch mal niemals einlassen werde. Regel 21“

 

„Regel 21?“, entsetzt riss Tobias die Augen auf. Gibbs Regeln waren schwer zu durchbrechen und somit sah er auch sein eigentliches Vorhaben, Gibbs vom nötigen Personenschutz zu überzeugen, haltlos verfliegen. „Und die lautet?“ Er runzelte die Stirn und hielt für einen langen Moment die Luft an.

 

„Opfere deine persönliche und bürgerliche Freiheit niemals für die Illusion von Sicherheit.“ Er ließ den Satz einen winzigen Augenblick wirken, bevor er weiter sprach. „Das Bedürfnis nach Sicherheit hat einen mächtigen Einfluss auf das menschliche Verhalten. Alleine durch die vorstellbare Bedrohung und das Versprechen von möglichem Schutz, lassen wir uns doch zu Handlungen hinreißen, die wir eigentlich gar nicht tun wollen und die nicht unserer individuellen Einstellung entsprechen. Die Sicherheit ist für mich nur eine ferne Illusion, die wir uns vorgaukeln lassen. Sicherlich, die ersten Angriffe werdet ihr abwehren können, doch das dadurch nur hinausgezögerte Ende habt ihr nicht in der Hand – ihr werdet es nicht beeinflussen können.

 

Schweigend stand Tobias mitten im Raum und blickte in die eisblauen Augen Gibbs, der soeben sein Glas in einem Zug leerte. Angestrengt dachte er über die eben gehörten Worte nach. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, versuchte er eine Frage zu formulieren. „Du willst dich …. der Gefahr… also wirklich …. stellen?“

 

„Die Gerechtigkeit wird siegen“, beantwortete Gibbs beinahe beiläufig die Frage und kehrte zu seinem Arbeitsbereich zurück. „Gibt es sonst noch was?“, fragte er, während er erneut nach dem Schleifpapier griff und begann, mit fließender Bewegung die Maserung des Holzes entlang zu streifen. „Ich habe zu tun…“

 

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