EIN BESONDERER ABEND


Zärtlich streichelte die Frau dem Mädchen über den Kopf, mit trüben Augen blickte sie in die Ferne. Eine kleine Träne bahnte sich den Weg über ihre Wange, ihre langen schwarzen Haare wehten im Wind. Das Mädchen hob den Kopf und schaute ihr in die Augen. Mitfühlend schmiegte es sich an sie und umarmte sie fest. Wissend, dass dies der letzte gemeinsame Augenblick mit ihrer geliebten Tochter sein wird, kniete die Frau sich nieder. Ihre Hände hielten das Gesicht des Mädchens fest, ihre Finger streichelten das niedliche Gesicht. Sie strich eine kleine Locke zur Seite und küsste es auf die Stirn. Sie löste die Kette, die um ihren Hals hing und weinend legte sie die Kette um den Hals ihrer Tochter. „Du musst stark sein, mein kleiner Stern, für dich und deine Schwester. Sei nicht traurig. Ich hab dich lieb.“ Kraftlos ließ sie sich auf ihr Bett zurückgleiten. „Ich hab dich lieb, Mama. Ruh dich jetzt aus, nachher zeige ich dir mein neues Kunstwerk“, das Mädchen hauchte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und verließ das Zimmer. Die Frau schaute ihrer Tochter lange nach, schloss die Augen und schlief für immer ein.

Ziva saß auf der Dachterrasse, ihre Fingerspitzen glitten über die Kette ihrer verstorbenen Mutter. Der Todestag jährte sich zum 25.mal, sie starb viel zu jung. Ziva selbst war damals gerade 10 Jahre alt, der Tod kam für sie nicht plötzlich. Ihre Mutter war krank, die letzten Wochen ihres Lebens wurde sie immer schwächer. Die Ärzte waren ratlos, niemand konnte ihr helfen.

Mit dem Handrücken wischte Ziva sich die Tränen weg, ließ die Kette in die Schachtel zurückgleiten. Auf dem Weg in die Küche nahm sie eine Flasche Rotwein aus ihrem Weinregal. Sie schaltete den Backofen an, aus der Schublade nahm sie den Korkenzieher und ging zurück ins Wohnzimmer. Mit der Fernbedienung schaltete sie ihre Musikanlage an, sie öffnete die Flasche und schenkte sich ein Glas Rotwein ein. Im Hintergrund erklang die Musik. Ihre Mutter war eine begnadete Klavierspielerin gewesen, als Kind konnte sie ihr stundenlang zuhören. Wenn ihre Mutter übte, schlich sie sich häufig in das Zimmer und setzte sich in die Zimmerecke. Manchmal hielt sie den Atem an, um ja nicht einen Ton zu verpassen. Heute hatte sie nur noch diese CD, ihre Mutter hatte sie ein Jahr vor ihrem Tod aufgenommen. Sie drehte die Musik lauter.

Beinahe hätte sie das Klingeln an der Tür überhört. Ziva verdrehte die Augen, sie würde wohl keinen ungestörten Abend verbringen können. Sie ging zur Tür und öffnete einen Spalt. Vor der Tür stand Tony, ihr Kollege, in der Hand eine Flasche Wein und eine gelbe Rose zwischen den Zähnen. „Hallo Ziva.“, grinsend blickte er sie an. Bevor er weiter sprach, nahm er die Rose in die Hand und streckte sie ihr entgegen. „Du hast heute den ganzen Tag so traurig ausgesehen, da dachte ich mir, du brauchst jemanden, der deine Laune wieder ein bisschen aufheitert.“ Tony legte den Kopf schief und sah sie an. Ziva musst lachen, machte eine einladende Geste und ließ ihren Gast herein. Eigentlich hatte sie gehofft, den Abend allein verbringen zu können, aber Tony war eindeutig die beste Alternative. Vielleicht war es besser, nicht zu sehr an die Vergangenheit zu denken. „Die Zukunft ist wichtig“, sagte sie sich in Gedanken und schob Tony in ihr Wohnzimmer. „Auch ein Glas?“, Ziva deutet in Richtung des Rotweins auf dem Tisch. „Da sag ich nicht nein.“, Tony setzte sich auf das Sofa und strich über ein Kissen. Aus dem Augenwinkel beobachtete er Ziva, wie sie ein zweites Glas aus dem Schrank holte und es füllte. „Wunderschöne Musik, wer spielt denn da?“ Erschrocken sah Ziva ihn an, auf diese Frage war sie nicht vorbereitet. Tony merkte ihre Reaktion und sah sie verwirrt an. „Meine Mutter“, Ziva antwortete fast flüsternd. „Sie ist gut.“ Tony kam ihr entgegen und nahm ihr das Glas aus der Hand, “du hast noch nie über sie gesprochen“. Zivas Augen füllten sich mit Tränen. „Sie war gut, Tony, sie ist vor langer Zeit gestorben.“ Tony strich ihr über den Arm, „tut mir leid.“ Dankbar lächelte Ziva ihn an und setzte sich auf das Sofa, ihr Glas stellte sie auf den Wohnzimmertisch, zog ihre Knie unters Kinn. „Wie willst du mich den aufheitern, Tony. Das war doch dein Plan, oder etwa nicht?“ Bevor er antworten konnte, fiel sie ihm ins Wort. „Aber zunächst solltest du dich um die Pizza im Ofen kümmern, nicht das sie anbrennt.“ Tony grinste sie an und ging in die Küche. „Mein Spezialgebiet als Halbitaliener.“, Ziva vernahm von weitem seine Stimme und das Klappern der Teller. Sie nutzte die Zeit um sich wieder zu fangen, schaltete eine andere Musik ein und lehnte sich zurück. Mit zwei Tellern bepackt kam Tony zu ihr. Er hatte bereits gemerkt, dass sie die Musik gewechselt hatte und hielt es für besser, es einfach stillschweigend zu akzeptieren. „Zunächst gibt es Pizza auf dem Sofa.“, er streckte ihr einen Teller entgegen. Ziva war ihm dankbar, dass er das Thema nicht wieder auf ihre Mutter lenkte, sie wollte jetzt nicht über sie reden. „Danach gehen wir tanzen, oder etwas trinken oder… was immer du möchtest.“ „Was immer ich möchte?“, Ziva sah ihn verschmitzt an, „da muss ich mal überlegen.“ Genüsslich biss sie in ein Stück Pizza. Sie schielte zu Tony hinüber. Sie mochte ihn sehr, seit Jahren arbeiteten sie zusammen und schon von Anfang an hatte es zwischen ihnen geknistert. In mühseliger Kleinarbeit hatten sie eine Freundschaft aufgebaut, sich zeitweise gehasst und wieder versöhnt. In den letzten Wochen jedoch hatten sich ihre Gefühle für ihn wiedermal entfacht, sie genoss seine Nähe, fühlte sich bei ihm sicher. Sie war es aber auch, die eine gegenseitige Annäherung aufgrund ihrer gemeinsamen Arbeit bisher abgelehnt hatte.

Das Mädchen saß am Bett ihrer Mutter, mit den Fingern spielte es mit den Locken der Frau. Sie war schwach, ihr Atem ging langsam und gleichmäßig. Sie drehte den Kopf zu ihrer Tochter und blickte ihr tief in die Augen. „Irgendwann findest auch du die wahre Liebe, meine Ziva, du wirst sie erkennen. Dann hab den Mut das Richtige zu tun.“

Ziva schüttelte den Kopf um die Gedanken zu vertreiben. Tony stellte gerade sein Glas ab und schaute sie gespannt an. „Also gut, ich bin auf alles gefasst. Was willst du tun?“, Tony rückte ein Stück näher. „Was ich will?“, Ziva drehte ihren Kopf zu ihm, sah ihm direkt in die Augen. „Ich würde gerne, ich möchte….dich küssen.“ Langsam kamen sie sich näher, Ziva fühlte sich schwindlig. Zärtlich berührten sich ihre Lippen, zunächst zaghaft und leicht. Tony nahm ihren Kopf in seine Hände, berührte ihr Gesicht. Ziva war unfähig zu denken, sie berührte seine Wange, seinen Hals. Er erwiderte ihren Kuss, leidenschaftlicher und fordernder. Sie ließ es geschehen. Er zog sie näher zu sich heran und sie versanken in einen langen Kuss. „Was hat deine Einstellung geändert?“, Tony schob ihr Gesicht ein wenig weg und schaute sie an. „Bis eben wolltest du nur Freundschaft.“ Er strich ihr eine Haarsträhne zurück und wartete auf eine Antwort. „Vielleicht hab ich eben erst den Mut gefunden zu meinen Gefühlen zu stehen.“ Tony bemerkte den Ernst in ihrer Stimme und nickte ihr langsam zu. Ziva stand auf und schenkte Rotwein nach. Schweigend nahm sie ihr Glas und ging auf die Terrasse, die Schachtel mit der Kette stand noch immer auf dem kleinen Tischchen. Sie nahm sie in die Hand, öffnete sie erneut und nahm die Kette mit dem Anhänger in die Hand. Sie blickte über die Lichter von DC und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Die Abendluft war angenehm kühl, ein wenig fröstelte sie. „Ach Mama, wie recht du hast.“, flüsterte sie den Sternen zu.

Schon immer hatte das kleine Mädchen den Anhänger bewundert. Er blitzte und funkelte auf, wenn die Sonnenstrahlen ihn umhüllten. Wenn sie in den Armen ihrer Mutter lag und ihren Geschichten lauschte, spielte sie häufig damit. Einmal öffnete sich aus Versehen das kleine Herzchen. Das Mädchen blickte hoch, „Was steht da?“. Die Mutter lächelte sie an und las es ihr vor. „ Gegen wahre Liebe ist man machtlos.“

Tony war zu ihr auf die Terrasse gekommen, er umarmte sie von hinten und drückte sie an sich. Ziva genoss seine Nähe und schloss die Augen. „An was denkst du?“, Tony flüsterte beinahe. „Ich sollte ab heute die Kette meiner Mutter tragen.“ Ziva öffnete ihre Hand und legte sich die Kette um, wohlwissend, dass Tony es nicht verstand, was sie da sagte. Er drehte sie zu sich um und blickte darauf, „Sie ist wunderschön.“ Zärtlich küsste er sie auf die Lippen.

- THE END -