­­Stummer Schrei

 

Worüber man nicht sprechen kann,

darüber muss man schweigen.

(L.J. Wittgenstein)

 

 

Wenn das Geschehene nicht in Worte zu fassen ist, wie kann man seinem Gegenüber dann vermitteln, was in der Vergangenheit geschah? Der letzte Ausweg ist das Schweigen. Und mit der zehrenden Stille das unabkömmliche Vertrauen in andere Menschen, die gewillt sind zu helfen. Man kann nur hoffen, dass jemand die Zeichen deutet, die Spuren einwandfrei auswertet und am Ende daraus die richtigen Schlüsse zieht. Nur dann gibt es Hoffnung und die Aussicht, aus dem Sog des Schweigens zu entkommen und sich der Welt, die grausam und unerbittlich schmerzvolle Narben auf die Seele des Menschen säte, wieder zu öffnen.

 

 

 

Dr. Daniel Griffin arbeitete seit drei Jahren auf der psychiatrischen Krankenstation des Klinikums. Wenngleich sein Beruf anstrengend war und ihn sichtlich bis an seine geistigen und körperlichen Grenzen forderte, liebte er seine Arbeit. Sein Beruf war für ihn nicht nur eine Tätigkeit, mit der er das nötige Geld für seinen Lebensunterhalt verdiente, sondern vielmehr Berufung. Er wollte dort helfen, wo seine Hilfe am dringendsten nötig war. Und das Schicksal hatte ihn hierher verschlagen.

 

Doch an Tagen wie diesem war er kurz davor, alles hinzuschmeißen. Er wollte dem Übel der Welt den Rücken kehren, um dem Elend, dem er jeden Tag aufs Neue begegnete, zu entfliehen. Manchmal hatte sein Geist genug von jenen Schatten, die sich in den tristen Räumen der Psychiatrie ausbreiteten und die man nach einer langen Schicht nicht einfach so abzuschütteln vermochte, wie Büroangestellte mit einem einzigen Klick ihren Arbeitscomputer herunterfuhren.

 

Was ihn dennoch immer wieder motivierte und ihm Kraft gab, die schwierigen Situationen seines Alltags zu meistern, waren allerkleinste Erfolgserlebnisse. Ein kurzes Lächeln einer depressiven Patientin, der flüchtige Blickkontakt eines autistischen Menschen, oder gar ein Gespräch mit einer schizophrenen Person, die sich endlich nach Monaten ihre Krankheit eingestand. Kleinigkeiten, die zeigten, dass er nicht umsonst tagein tagaus die Qualen anderer Menschen ertrug und es sich eben doch lohnte zu kämpfen. Bei seinem aktuellen Fall schien er jedoch auf Fortschritte vergebens zu warten.

 

Der Arzt stand hinter der Scheibe und blickte auf das leere Krankenbett. Die Patientin, die auf Zimmer 323 untergebracht war, saß unverändert auf der breiten Fensterbank, die Beine dicht unter das Kinn gezogen und den Blick starr aus dem Fenster gerichtet. Ihr schwarzes langes Haar fiel in leichten Locken über ihre schmalen Schultern. Da sie ohne persönliche Sachen eingeliefert wurde, hatte ihr inzwischen eine Pflegerin eine Trainingshose und einen sonnengelben weiten Pullover besorgt. Eine warme Farbe, die im Widerspruch zur leblosen Atmosphäre des Zimmers mit den spärlichen Möbeln stand.

 

Seit Tagen schien die Lage unverändert. Die Frau, die man am 23. Juli, noch mit deutlichen Spuren schwerster Misshandlungen, hier eingeliefert hatte, blieb ihm nach wie vor ein Rätsel. Die körperlichen Verletzungen heilten, doch ansonsten war keine Besserung in Sicht. Das Gegenteil war der Fall. Sie schwieg seit jenem Tag und er selber, aber auch niemand sonst, vermochte dieses eiserne Schweigen zu brechen. Niemand fand einen Weg mit ihr zu kommunizieren.

 

Bei jeder leichten Berührung zuckte die junge Frau zusammen, ein Blickkontakt war schlichtweg unmöglich. Die vor Entsetzen weit aufgerissen Augen, wenn man ihr zu nahe kam, spiegelten unverblümt die Dramatik der Vergangenheit wieder. Was immer dieser Frau zugestoßen war, was immer sie erlebt hatte, es muss zu grausam gewesen sein, als das eine menschliche Seele es ertragen könnte.

 

Über Nacht hatten sie ihr ein starkes Beruhigungsmittel gespritzt, um sie so über eine Infusion mit den nötigsten Mineralien und Vitaminen zu versorgen, die ein Mensch zum überleben brauchte, denn auch die Nahrung verweigerte die junge Frau seit Tagen. Es musste schnellstens etwas geschehen, sie mussten einen Weg finden zu ihr durchzudringen, ansonsten richtete sich die Patientin irgendwann zu Tode.

 

Woher sie noch immer die Kraft nahm, aus dem Bett zu steigen und den Platz auf der Fensterbank einzunehmen, war ihm ein Rätsel. Sie war ihm ein Rätsel. Sie wirkte zwar nach außen zerbrechlich, doch den Kampf, den sie in ihrem Inneren zu bestreiten schien, zeugte nicht nur von großem Kampfgeist, sondern auch von enormer Willensstärke. Jeder andere wäre bereits hilflos zusammengebrochen. Doch über dieser fremden Person lag eine Aura, die er zu beschreiben nicht fähig war.

 

Dr. Griffin konnte sich nicht vorstellen, was eine solch starke Traumatisierung in ihr auslösen konnte. Sie kannten weder ihren Namen, noch ihren Wohnort. Keine der bereits durchgeführten polizeilichen Ermittlungen hatten bisher ein Ergebnis erzielt. Sie wussten nichts über sie. Nichts. 

 

 

 

Zur gleichen Zeit fuhr sich Gibbs durch die graumelierten Haare und beobachtete mit Adleraugen die Umgebung und sein Team. Als der Anruf vor wenigen Stunden beim NCIS einging, war er gerade dabei seinen ersten Becher Kaffee zu leeren. Ziva und Tony waren damit beschäftigt, die letzten lästigen Aktenberge von einer Ecke in die nächste zu verbannen und McGee versuchte, das Handy eines Drogenhändlers aufzuspüren. Der Anruf kam kurz nach acht. Die Fahrt zum Tatort hatte beinahe zwei Stunden gedauert.

 

Der NCIS hatte inzwischen den Tatort großräumig abgesperrt. Nur wenige Schaulustige, der Kleidung nach zu urteilen Jogger, die sich in den frühen Morgenstunden auf den Waldwegen körperlich ertüchtigen wollten und somit dem Drama direkt in die Arme liefen, standen auf der anderen Seite des gelben Flatterbandes mit der Aufschrift ‚Crime Scene - Do not cross‘ und diskutierten über den möglichen Ablauf dieser abscheulichen Tat. Sie streckten die Hälse, um doch noch einen Blick auf das Grauen zu werfen.

 

Die Frau, die die Leiche gefunden hatte, saß mit bleichem Gesicht und noch immer am ganzen Körper zitternd auf einem Baumstumpf. Tony nahm ihre Aussage auf und warf immer wieder einen betroffenen Blick auf die völlig verstörte Zeugin.

 

„Wir haben nichts weiter als die Hundemarke, die das Opfer um den Hals trug. Ich habe die Daten gecheckt. Thomas Price, Marine Corps. Wir haben da nur ein Problem, Boss.“ McGee hielt dem Chefermittler das tragbare Gerät unter die Nase und deutete auf die Eintragungen in der Dienstakte. „Der Mann ist seit über fünf Jahren tot.“

 

Gibbs verzog keine Miene, nickte und trat näher an die Leiche. Der Körper lag seltsam verdreht am Rand eines weitgehend ausgetrockneten Flussbettes, in einer riesigen krustigen Blutlache. Die hellen Kieselsteine um ihn herum waren bräunlich gesprenkelt. Die Verwesung hatte bereits deutliche Spuren hinterlassen, die Haut war eingetrocknet und Fliegen hatten sich in den offenen Wunden eingenistet. Der süßliche Geruch war abscheulich. „Ducky, was meinst du?“, grummelte der Teamleiter und hielt sich ein Taschentuch vor die Nase.

 

„Den genauen Todeszeitpunkt kann ich dir noch nicht sagen, aber ich würde mich vorläufig auf zwei bis drei Tage festlegen. Durch die Hitze und die Dürre der letzten Tage ist der Gute ziemlich vertrocknet. Insgesamt haben wir hier 16 Messerstiche.“ Der Pathologe kniete neben dem Opfer und betrachtete den freigelegten Oberkörper des Mannes. „Zwei, vielleicht auch drei davon waren tödlich, dieser hier in der Nähe des Herzens ist vermutlich tief genug um ...“ Er zeigte auf die Einstichstellen und seufzte. „… ach Jethro, wer auch immer auf ihn eingestochen hat, er muss ziemlich wütend gewesen sein.“

 

Ziva fand kurze Zeit später die mögliche Tatwaffe. Das Messer lag im Gebüsch, nur wenige Meter von der Leiche entfernt. Tony, der nach der Zeugenaussage damit beschäftigt war, jeden umgeknickten Grashalm um den Tatort herum zu fotografieren, tütete es ein. Es gab nicht mehr zu tun. Sie fuhren zurück. Im Gepäck ein vermeintlich toter Marine, ein blutverschmiertes Messer und Gibbs böse Vorahnung.

 

 

 

 

Dr. Griffin betrat das Zimmer. Seine Patientin saß noch immer regungslos am Fenster. Ihr Atem ging ruhig, doch wenn er genau hinsah, erkannte er die zitternden Finger der Frau. Beinahe lautlos, um sie nicht zu erschrecken, ging er durch den Raum auf sie zu, blieb für ein paar Sekunden neben ihr stehen und folgte ihrem Blick nach draußen. Dann setzte er sich auf den unbequemen Stuhl neben dem Bett. Er warf einen unsicheren Blick zur dunklen, verspiegelten Scheibe, wohlwissend, dass seine Kollegen dahinter gebannt beobachteten, was er als nächstes tat. Bis vor wenigen Minuten hatte er ja noch selbst diese Position eingenommen, sich dann aber entschieden, nicht länger zu warten und die Problematik anzugehen. Seufzend drehte er sich zu dem kleinen Beistelltischchen neben dem Bett um und rückte geräuschvoll den Teller, darauf das unangetastete Frühstück, zurecht.

 

„Sie haben immer noch nichts gegessen.“ Er nahm die Scheibe Toast mit Käse und biss ein Stück davon ab. „Sie haben doch nichts dagegen. Ich habe einen riesen Hunger. Ich hatte Nachtschicht und der Snack-Automat im Flur hat den Geist aufgegeben.“ Er kaute, blickte sie aber weiterhin an. „Sie sollten auch etwas zu sich nehmen.“ Während er das Frühstück aß und dazu den Tee trank, beobachtete er sie ganz genau und jede noch so kleine Reaktion wäre ihm aufgefallen. Doch sie saß nur da und atmete. „Wissen Sie, ich habe ein Problem.“ Er stand auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, die Hände verschränkte er vor seinem Bauch. „Ich kenne noch nicht einmal ihren Namen. Ich kann keine Angehörigen verständigen. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich ratlos.“ Er zuckte mit den Schultern und legte seinen Kopf schief. „Helfen Sie mir.“ Vorsichtig streckte er die Hand nach ihr aus. „Kommen Sie, sagen Sie mir was passiert ist.“

 

Im selben Moment bereute er seine Worte. Die Frau drehte ihren Kopf ruckartig in seine Richtung. In ihren blutunterlaufenen Augen spiegelte sich kalte Wut und der Anblick ließ dem Arzt das Blut in den Adern gefrieren. Noch bevor Dr. Griffin zu irgendeiner Handlung fähig war, sprang sie von der Fensterbank und ging auf ihn los. Ihre kalten Finger umfassten seinen Hals und die zuvor zitternden Daumen bohrten sich unaufhaltsam in seine Kehle. Sie drückten zu. Fest. Er schnappte nach Luft, zerrte an ihren Handgelenken, um sich aus dem tödlichen Griff zu lösen. Ohne Erfolg. Er konnte nichts gegen die Kraft ausrichten. Und sie? Sie starrte ihn an. Sekundenlang. Ihre Augen zuckten panisch und verloren dann blitzschnell an Glanz. Er sah, wie die Wut und Angst in ihr zerbrach. Die Panik verschwand und Trauer trat hervor. Sie ließ los. Dr. Griffin ließ sich würgend an der Wand herabgleiten, umfasste seinen geschundenen Hals und sah durch die verengten Schlitze seiner Augen, wie die zierliche Frau sich in die hinterste Ecke zurückzog und das Gesicht in ihren Händen vergrub. Vielleicht war es ein kleiner Fehler gewesen, sie so direkt darauf anzusprechen.

 

 

 

 

In den Pfützen spiegelt sich das Mondlicht. Die Kälte der sternenklaren Nacht lässt meinen Körper erbarmungslos zittern. Alles dreht sich und gleichzeitig scheint die Zeit still zu stehen. Ich laufe durch den Wald, hetze durch dunkle Hecken. Die Äste und Dornen der Sträucher hinterlassen tiefe Kratzer in meinem Fleisch, doch der Schmerz dringt nicht in mein Bewusstsein, ich spüre ihn nicht. Ich fühle nichts. Atemlos renne ich weiter, mein Herzschlag dröhnt in meinem Kopf. Ich höre ihn rufen, höre, wie er dicht hinter mir schreit. Nur noch wenige Meter entfernt. In der Hand halte ich das Messer.

 

 

 

 

„Mit anderen Worten, wir wissen nichts.“ Tony lehnte sich im Schreibtischstuhl zurück. Den ganzen Tag traten sie auf der Stelle. Es war zermürbend und frustrierend zugleich.

 

Nichts würde ich nicht sagen.“ Ziva stand auf und kam an seinen Tisch, lässig lehnte sie sich an die Seitenwand. „Wir haben immerhin einen Tatort, eine Leiche und wir haben die Mordwaffe.“

 

Tony lachte auf. „Ja, dann fehlen uns ja nur noch so unwesentliche Dinge, wie der Name des Opfers, eventuelle Zeugen, ein Motiv und der Täter.“

 

„Wo sollen wir ansetzen, wenn wir noch nicht mal wissen, wer da unten in der Pathologie liegt?“

 

„Haben denn die Fingerabdrücke auf der Tatwaffe etwas ergeben?“, mischte sich McGee ein, der soeben mit frischem Kaffee das Büro betrat.

 

„Abby konnte sie bislang nicht zuordnen. Nicht nur unser Opfer ist ein Phantom, nein, oh Wunder, auch der Täter.“

 

„Oder die Täter“, Ziva biss sich überlegend auf die Unterlippe und hob dann wissend den Zeigefinger. „Abbs meint, unter den gut sichtbaren Fingerabdrücken und dem getrockneten Blut befinden sich noch weitere, leider nicht brauchbare Abdrücke. Aber die Teilabdrücke passen sicher nicht zu den anderen.“

 

„Das wird ja immer besser. Zwei Täter für ein unbekanntes Opfer.“

 

„Und es kommt noch besser.“ Die Köpfe der Agenten schnellten herum, als die Stimme der Forensikerin ertönte. „Dieser Fall wird immer mysteriöser. Ratet mal, was Mister Massenspektrometer eben herausgefunden hat.“

 

„Abbs, bitte keine Ratestunde. Es ist frustrierend genug.“ McGee hielt Abby den Schalter für den großen Bildschirm entgegen. „Bitte, kurz und schmerzlos. Gib uns Informationen.“

 

Etwas zerknirscht blickte sie in die Runde. „Ein wenig mehr Euphorie hätte ich schon erwartet, denn ….“ Sie klickte. „… ich kann euch sagen, dass wir vermutlich nicht nur 2 Täter, sondern auch mindestens 2 Opfer haben. Ich konnte insgesamt drei verschiedene Blutgruppen feststellen. Da haben wir zunächst B positiv, diese Blutgruppe können wir zu 99,99999998% unserem Opfer zuordnen. Desweiteren haben wir 0 negativ und A positiv.“

 

„Wow, unser Täter hat also Blutgruppe 0 negativ oder A positiv. Das schränkt unsere Suche auf, verbesser mich, wenn ich falsch liege, auf etwa 40% der Weltbevölkerung ein?! Große Klasse“, stöhnte Tony unsensibel auf und verschränkte die Arme hinter dem Nacken. Zerknirscht sah er seine Kollegen an. „Gesetz des Falles, dass ich mich wiederhole, ich bin noch immer der Meinung, wir haben nichts. Nada. Niente. Null.“

 

 

 

Seine Kollegen stürmten in den Raum. Irgendeiner schrie: „Fixiert sie. Die ist ja gemeingefährlich.“ Zwei Pfleger packten die Frau an den Armen und zerrten sie zum Bett. Eine Schwester zog eine Spritze auf. Die Frau wehrte sich nicht, ließ es geschehen. Jemand reichte Dr. Griffin die Hand und half ihm aufzustehen. Alles geschah gleichzeitig.

 

„Stopp“, schrie er inmitten des Chaos und sofort verstummten die anwesenden Ärzte, die Krankenschwester und Pfleger. „Lasst sie los.“ Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn und er spürte seinen Pulsschlag tief an der Schläfe pochen. Er ignorierte die verwirrten Blicke der Anderen und ging langsam auf sie zu. Sie saß apathisch auf der Bettkante und sah ihn an. Ja, sie sah ihm direkt in die Augen. Doch der Blick war leer.

 

„Das kommt nicht wieder vor“, sagte er ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Er hoffte auf ein Zeichen, eine winzige Regung in ihrem Gesicht, die ihm sagte, dass er nicht falsch lag und seine überschäumende Angst unbegründet sei. Seine Kehle brannte wie Feuer und das Sprechen fiel ihm schwer. „Sie wird mich nicht mehr angreifen.“

 

Dr. Griffin schluckte schwer. Oh Gott, was tat er hier? Er spielte mit dem Feuer. Diese Frau war nicht nur gefährlich, sie zog ihn mit sich, zog ihn in ihren Bann. Und er hatte nichts dagegen zu halten. Er musste handeln. Er spürte die kritisierenden Blicke seiner Kollegen auf sich, wusste, er tat das Falsche und hörte sie schon jetzt hinter seinem Rücken reden. ‚Abstand halten zu Patienten‘, das hatte er bislang allen gepredigt, die bei ihm in die Lehre gingen. Nur er selbst war nicht in der Lage, es einzuhalten. Nicht in diesem Fall. Dr. Griffin hob die Hand und berührte ihre Wange.

 

Ein Blitz durchfuhr den Körper seiner Patientin, kurz bevor sie ohnmächtig in sich zusammensackte. Er konnte nicht einschätzen, ob es die Berührung seiner Fingerspitzen war, oder noch Auswirkungen des Schockzustand wegen des vorangegangen Szenarios. Die Frau glitt bewusstlos aus seinen Händen.

 

 

 

Meine zerrissene Kleidung ist befleckt. Ich spüre wie das Blut auf meiner Haut langsam trocknet, nehme den leicht metallischen Geruch wahr, der flaue Übelkeit in mir hervorruft. Es ist still, nur das Geräusch meines Atems und mein Herzschlag sind zu hören. Ich drehe meinen Kopf und sehe ihre rot unterlaufenen Augen, die an die Decke stieren. Ich berühre ihre Schulter. Ihre Haut ist kalt. Sie liegt neben mir, tot und steif. Ich versuche zu schreien, doch kein Laut entrinnt meiner Kehle.

 

 

 

 

Gibbs betrat die Pathologie. Vor wenigen Minuten hatte Dr. Mallard den Teamleiter über Handy angerufen und ihn gebeten nach unten in die heiligen Hallen zu kommen.

 

„Was hast du?“ Mit wenigen Schritten war er an der Seite des Älteren, noch bevor sich die Flügel der Automatiktür vollständig geschlossen hatten. Erst da bemerkte er die Person, die an der Seite stand und in ein angeregtes Gespräch mit Jimmy Palmer vertieft schien.

 

„Oh Jethro, schön, dass du kommst. Darf ich dir Dr. Arnolds vorstellen. Ein guter alter Bekannter aus Miami. Er war zufällig in D.C. unterwegs und …“

 

„Dr. Arnolds“, Gibbs nickte dem Mann zu und wandte sich dann an Duck. „Du hast mich doch nicht zu dir geordert, um mir alte Freunde vorzustellen? Ich will nicht unhöflich erscheine, aber ich habe einen Fall zu lösen.“

 

„Richtig, Agent Gibbs. Und ich finde den Fall äußerst interessant“, mischte sich der Fremde ein und gesellte sich zu den beiden älteren Männer. „Ich denke, ich kann Ihnen mit meinem Ansatz ein kleines bisschen weiterhelfen. Ich arbeite normalerweise für das Miami Police Department und bin spezialisiert auf Rekonstruktionen von Fingerabdrücken.“

 

„Ha“, Gibbs lachte auf. „Sie wollen mir weismachen, Sie wären dazu imstande aus den vertrockneten Resten dieser Leiche…“

 

„Bitte Jethro, du solltest mehr Respekt gegenüber Dr. Arnolds Arbeit haben, er ist eine Koryphäe auf diesem Gebiet.“

 

„Wissen Sie Agent Gibbs“, Jimmy kam an den Tisch, „ich habe mehrfach die Doktorarbeit und auch die unzähligen Fachbücher des ehrenwerten Dr. Arnolds gelesen. Es ist wirklich faszinierend und die Erfolge sprechen für sich. Er injiziert mit einer winzigen Spritze den ausgetrockneten Fingern eine Mischung aus Phenol und Sulfoxiden.“ Palmer bemerkte den Blick des Teamleiters und nuschelte den Rest seines Vortrags nur noch leise vor sich hin. „Im Übrigen ist diese Zusammenstellung hochgiftig. Er spritzt und nach einigen Minuten ist der Finger wieder so prall, dass man tatsächlich Fingerabdrücke nehmen kann.“

 

Gibbs nickte dem Assistenten zu. „Vielen Dank für die Belehrung, Mr. Palmer.“

 

„Jethro, wir bräuchten diesen Fingerabdruckscanner und schon könnte Dr. Arnolds seine Fähigkeiten einsetzen. Vorausgesetzt du bist mit dieser Vorgehensweise einverstanden?“

 

„Worauf wartet ihr noch. Mr. Palmer, gehen Sie und holen dieses Dingsbums.“ Doch bevor Gibbs den Satz aussprechen konnte, hob Jimmy das Gerät bereits in die Höhe.

 

„Abby hat es schon vorbeigebracht“, in seiner Stimme schwang Stolz und mit einem Grinsen übergab er den Scanner an Dr. Arnolds.

 

 

 

Dr. Griffin saß an ihrem Bett und beobachtete das unruhige Heben und Senken ihres Brustkorbes. Seit einer Stunde schlief die junge Frau und wälzte sich auf der Matratze hin und her. Vermutlich wurde sie von Albträumen geplagt. Hin und wieder schrie sie auf, murmelte unverständliches Zeug und verkrampfte ihren Körper. Die Erinnerungen ließen sie körperlich leiden. Behutsam fuhr er immer wieder mit einem kühlen Tuch über die hitzige Stirn und sprach beruhigend auf sie ein.

 

Einen ganzen Tag hatte es gedauert, bis die Patientin nach ihrer Panikattacke wieder zu sich gekommen war und er das erste Mal seit ihrem Aufenthalt in der Klinik das Gefühl hatte, eine richtige Verbindung zu ihr aufbauen zu können. Nein, kommunizieren war nicht möglich. Aber immerhin nahm sie ihn wahr und blickte ihn für kurze Momente an. Der Bann schien gebrochen.

 

Immer wieder döste sie weg, doch ihre Wachzustände wurden länger. In diesem Moment öffnete sie erneut die Augen, doch dieses Mal huschten sie nicht nervös hin und her. Sie fixierten ihn. Ihre Lippen zitterten, so als wolle sie etwas sagen. Doch sie schaffte es nicht, die letzte Hürde zu überwinden. Erschöpft schloss sie ihren Mund und ihre Augen.

 

 

Sie beginnt zu kreischen, nur sind ihre Schreie keine richtigen Schreie. Ihr Mund ist voller Blut. Die Laute die sie hervorbringt, verebben in einem gurgelnden Geräusch.

 

 

 

Als Gibbs das Großraumbüro betrat, sprangen die Teammitglieder von ihren Schreibtischen auf und stürmten in Richtung des großen Bildschirms. Der Chefermittler konnte sich ein winziges Lächeln nicht verkneifen, stellte sich zu ihnen und nahm demonstrativ einen großen Schluck Kaffee zu sich. „Legt los.“

 

„Die Methode von Dr. Arnold hat tatsächlich funktioniert“, begann McGee. „Er konnte den Fingerabdruck der Leiche rekonstruieren. Es handelt sich um Marine Peter Kiley. Er ist vor 5 Wochen aus dem Irak zurückgekehrt.“ Alle blickten auf das Foto des Opfers.

 

„Es gibt keine Familienangehörigen, keine Freunde. Die Kollegen beschreiben ihn als sehr zurückhaltend und irgendwie merkwürdig.“ Ziva verdrehte die Augen und zuckte hilflos mit den Schultern. „Das sind deren Worte, nicht meine. Mehr ist aus denen nicht rauszukriegen.“

 

„Ich habe nach Verbindungen zu Thomas Price gesucht, dessen Hundemarke er um den Hals getragen hat. Es scheint als wäre Peter Kiley bei ihm aufgewachsen. Jedenfalls hatten sie seit Peters Kindheit, etwa im Alter von acht Jahren, die gleiche Adresse.“

 

„Findet raus, was das zu bedeuten hat“, knurrte Gibbs, nahm einen weiteren Schluck und nickte dann. „Weiter!“

 

„Ich habe einen anderen Ansatz verfolgt.“ Tony warf seinem Boss einen Seitenblick zu und nahm von McGee die Fernbedienung entgegen, um die Bilder seiner Präsentation am Bildschirm aufzurufen. „Aufgrund der vielen Blutspuren die Abby gefunden hat und Duckys Aussage, dass Peter Kiley wohl nicht zimperlich mit seinem Gegenüber umgegangen sein muss, bin ich von weiteren Opfern ausgegangen und habe nach vermissten Personen Ausschau gehalten, beziehungsweise Krankenhäuser in der Umgebung durchforstet.“

 

Tony machte eine theatralische Pause, die Gibbs aufstöhnen ließ. Doch erst als Ziva ihn mit dem Ellenbogen in die Seite stieß, sprach er weiter. „Es wurden in dem Zeitraum der 5 Wochen zwei Frauen vermisst gemeldet. Elena Kostanovic vor vier Wochen und Jennifer Mayer vor etwa zwei Wochen. Abby wertet bereits die DNA der Frauen aus, um sie mit den Spuren zu vergleichen.“

 

„Gute Arbeit. Redet mit den Familien. Vielleicht gibt es eine Gemeinsamkeit.“ Gibbs wollte sich bereits umdrehen, als er von Tony gestoppt wurde.

 

„Ich habe aber noch mehr.“ Er hob den Arm und knipste in Richtung Bildschirm. Darauf erschien ein Gebäude. „Das Marienhospital, ein wirklich schöner Bau, erinnert mich an die Filmkulisse in …. Egal.“ Er kniff kurz die Lippen zusammen. „Jedenfalls wurde bei ihnen zum ungefähren Zeitpunkt des Mordes eine Frau mit schweren Verletzungen eingeliefert.“

 

„Und? Was sagt sie?“ McGee runzelte die Stirn. Tonys Ermittlungsergebnisse waren auch für ihn noch neu.

 

„Nichts, sie sagt rein gar nichts. Sie schweigt.“

 

 

 

Das Zimmer ist nicht größer als eine kleine Kammer. Es ist dunkel. Finsternis umgibt mich. Und Stille. Ich höre meinen leisen Atem und mein Herz, das pochend in meiner Brust schlägt. Und wieder flehe ich es an, aufzuhören, endlich still zu stehen. Ich will dass alles hier endlich ein Ende nimmt. Nein, ich will nicht sterben, aber auch nicht die Schmerzen weiter ertragen, die meinen Körper gefangen halten. Ich will leben.

Dumpfe Schritte dringen in mein Ohr und lassen mich erstarren. Es ist soweit. Die Nacht ist angebrochen und wieder gibt es kein Entkommen.

 

 

„Dr. Griffin“ Eine Krankenschwester trat ans Bett und überprüfte den Puls der Patientin. „Draußen warten Agenten des NCIS auf Sie. Sie haben ein paar Fragen unsere Fremde betreffend.“

 

„Navycops?“ Der Arzt runzelte die Stirn, legte das Tuch zur Seite und folgte der Schwester nach draußen. In der Tür blieb er kurz stehen und warf einen letzten Blick auf die Frau. Jetzt schlief sie ruhig. Er wischte sich die Hände an seinem weißen Kittel ab und reichte dem Mann, der im Flur auf ihn wartete, die Hand. „Was kann ich für sie tun?“

 

„Agent DiNozzo“, stellte sich Tony vor und deutete dann auf Ziva, die in der Nähe an der Wand lehnte, „meine Kollegin Agent David.“

 

Ziva nickte dem Arzt entgegen. „Es geht um ihre Patientin. Sie scheint in ein Verbrechen verwickelt zu sein.“

 

„Ja. Sie wurde mit schweren Verletzungen bei uns eingeliefert, seitdem schweigt sie. Wir gehen davon aus, dass sie Opfer von schlimmsten Misshandlungen wurde. Ermitteln Sie in diesem Fall? Haben sie den Täter?“

 

„Wir gehen ebenfalls von einem Verbrechen aus“, sprach Ziva, stieß sich von der Wand ab und warf einen kurzen Blick durch das kleine Fenster in der Tür. „Allerdings sehen wir ihre Patientin in diesem Fall nicht als Opfer, sondern vielmehr als Täter.“

 

 

 

Wenige Minuten später betraten sie das kleine Büro des Psychologen. Dr. Griffin deutete den Agents, Platz zu nehmen und ließ sich selbst stöhnend auf seinem Schreibtischstuhl nieder. Nein, er konnte seine Müdigkeit nicht verbergen und am liebsten hätte er sich ausgiebig gestreckt. Sein Blick huschte entschuldigend über seinem unordentlichen Tisch, auf dem sich zwischenzeitlich Papierberge türmten, Akten, die er dringend bearbeiten musste. Doch er hatte sich in diesen einen Fall so verbissen, dass ihm diese Arbeit vollkommen aus den Händen geglitten war. Mit wenigen Handgriffen räumte er das Chaos zur Seite und hob die Schultern. „Es ist momentan viel los.“

 

„Was können Sie uns über die Frau sagen?“, fragte Ziva und beobachtete, wie der Arzt nach der obersten Akte griff, diese aufschlug und anfing zu blättern.

 

„Sie wurde am 23. Juli um 05:30 Uhr aus dem General Hospital zu uns übergeleitet. Dort wurde sie ungefähr 3 Stunden zuvor mit schweren Verletzungen eingeliefert.“

 

„Mit welchen Verletzungen?“, fragte Tony beiläufig und bekam sofort die von ihm bereits befürchtete unbefriedigende Antwort.

 

„Ärztliche Schweigepflicht. Agent DiNozzo, ich rede sicherlich schon viel zu viel.“, stöhnte Dr.Griffin und fuhr sich durch die Haare.

 

„Die Frau ist, sagen wir mal, nicht zurechnungsfähig. Wer übernimmt ihren Fall? Das Vormundschaftsgericht? Ziva, ruf Direktor Vance an, wir bräuchten ….“

 

„Ach, lassen wir dieses Geplänkel. Ich denke, ich kann dieses eine Mal darüber hinweg sehen. Sollten die Informationen allerdings zur Lösung des Falles nicht nützlich sein, bitte ich Sie, dass unser Gespräch …“

 

„… nie stattgefunden hat“, beendete DiNozzo den angefangen Satz und nickte.

 

„Es gibt einen genauen ärztlichen Bericht.“ Dr. Griffin zog mehrere Papiere aus dem Stapel und überflog die ersten Abschnitte. Dann seufzte er. „Kurz gesagt, schwere Schnittverletzungen, Hämatome im Brust- und Bauchbereich, Brandverletzungen an Armen und Beinen, Würgemahle am Hals, Verletzungen im Genitalbereich. Mit anderen Worten, es gibt nichts, was man an ihr ausgelassen hätte. Und ehrlich gesagt, wundere ich mich nicht, dass sie danach kein Vertrauen mehr in ihre Umgebung hat. Und schweigt.“

 

DiNozzo nahm den Bericht entgegen. Die einzelnen Diagnosen waren mit Fotos untermauert und Tony musste bei jedem einzelnen Bild schlucken. „Das liest sich wie eine Autopsie von Ducky“, murmelte er in Richtung seiner Partnerin.

 

„Meine Kollegen und ich sind von einem Verbrechen ausgegangen“, ging Dr. Griffin auf DiNozzos Anmerkung ein. „Was Sie hier sehen, ist die Standardvorgehensweise, die Sicherung von möglichen Beweisen. Sie ist ein Opfer.“ Kleine Schweißperlen standen auf der Stirn des Arztes und kurzweilig schien er vollkommen in Gedanken versunken, bevor er mit klaren Worten weitersprach. „Wenn sie tatsächlich jemanden getötet hat, dann, und bitte nehmen Sie mir das nicht übel, dann hat derjenige den Tod wahrlich verdient.“

 

„Das herauszufinden, lassen Sie mal unsere Sorge sein.“ DiNozzo runzelte die Stirn. „Können wir mit der Patientin reden?“

 

Entsetzt schüttelte der Arzt den Kopf. „Der psychische Zustand meiner Patientin ist mehr als kritisch. Jegliche Aufregung könnte weitere Panikattacken auslösen. Die letzte war von einer langen Ohnmacht gefolgt. Sie fiebert und hat nur kurze Wachphasen. Obwohl wir ihr Xanax in einer fast unmenschlichen Dosis geben.“

 

Tony hielt dem Arzt die Bilder der vermissten Frauen entgegen. Doch schon im Ansatz schüttelte dieser den Kopf.

 

„Ich kenne die Bilder, Agent DiNozzo. Wir haben ja selbst versucht, herauszufinden, mit wem wir es zu tun haben. Niemand vermisst sie. Niemand kennt sie. Sie ist wie ein Phantom.“

 

Zivas Handy klingelte und während die beiden Männer sich weiter über die Vorgehensweise der Klinik zur Identifikation der Frau austauschten, stand sie auf und trat ein wenig zur Seite. Das Telefonat dauerte nicht lange.

 

„Das war unsere Kriminaltechnikerin“, sagte sie und wandte sich dann an Tony. „Abby kann die eine DNA Jennifer Mayer zuordnen. Bei dieser Elena gibt es allerdings keine Treffer.“ Ziva rümpfte die Nase und drehte sich wieder zum Arzt. „Dr. Griffin, wir bräuchten eine Blutprobe oder so was ähnliches.“

 

„Es wurde bereits eine DNA-Analyse bei ihr gemacht. Ist ebenfalls Standard bei einem solchen Fall. Sie finden alles in dieser Akte.“ Dr. Griffin schob das Schriftstück über den Tisch in Richtung der Agents. „Bitte“, sagte er in fast flehendem Ton, „finden Sie heraus, wer ihr das angetan hat und machen Sie den Täter, sollte er noch am Leben sein, dingfest.“

 

 

 

Vorsichtig richte ich mich auf. Jeder Teil meines Körpers schmerzt und Nebel umhüllt meine Gedanken. Meine Unterlippe ist angeschwollen, ich spüre deutlich mit der Zungenspitze den kleinen Riss in der dünnen Haut. Ich schmecke den bleiernen Geschmack von Blut in meinem Mund.

Durch die Lamellen an den Fensterscheiben dringt ein wenig Licht in den Raum. Es ist hell genug. Ich sehe sie. Von weitem. Ihre leeren Augen starren mich vorwurfsvoll an, durchdringen mich. Ich habe sie umgebracht.

‚Es ist okay‘, hallt ihre Stimme in meinem Kopf. ‚Es ist okay.‘ Immer und immer wieder die gleichen Worte. ‚Es ist okay.‘ Nichts ist okay! Meine Fingerspitzen kribbeln, doch meine Hände sind gefesselt. Ich kann sie nicht befreien.

 

 

„Sie ist sehr unruhig, Doktor“, erklärte die Krankenpflegerin, als Dr. Griffin das Zimmer betrat. „Seit ungefähr zehn Minuten wälzt sie sich hin und her. Ihre Atemfrequenz ist sehr hoch. Das Fieber leicht gestiegen.“ Sie warf einen mitleidigen Blick auf die Patientin.

 

„Danke Jenny, ich werde jetzt wieder übernehmen.“ Er setzte sich auf den Rand des Bettes, griff nach dem kühlen Lappen und tupfte vorsichtig die Schweißperlen von ihrer Stirn. Was ging nur in ihr vor? „Ganz ruhig“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Alles ist okay.“

 

Ihr ganzer Körper bäumte sich schlagartig unter ihm auf und beinahe hätte sie ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, griff er nach ihrer Hand und strich behutsam über die weiche Haut. In diesem Moment öffnete sie die Augen. Doch dieses Mal blickten sie wieder ins Leere. Nur der verstärkte Druck ihrer Finger verrieten eine Veränderung. Er dachte, sie würde ihn loslassen, ihn wegstoßen. Doch sie ließ ihn gewähren. Dr. Griffin überlegte, ob er einen Vorstoß wagen sollte und entschied sich dafür.

 

„Wie heißen Sie“, fragte er mit heiserer Stimme. Sein Herz klopfte wild in seiner Brust. Es war ein Risiko, sie etwas zu fragen. Doch sie blieb ruhig.

 

Sie drehte langsam den Kopf zu ihm, schloss aber die Augen. „Mara“, kam es tonlos über ihre Lippen. „Mein Name ist Mara.“ Sie schlief wieder ein.

 

 

 

„Wirst du mich umbringen?“, platzt es aus mir heraus, weil plötzlich nur noch diese eine Frage in meinem Kopf umherirrt.

„Dich umbringen?“ Er wirkt ernsthaft schockiert. „Warum um alles in der Welt sollte ich dich umbringen wollen? Ich liebe dich doch. Weißt du das nicht mehr? So oft habe ich es dir schon gesagt. Wieso glaubt ihr mir nicht? Ich liebe dich! Ich liebe dich!“ Er kommt näher, gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Und ich weine. ‚Ich liebe dich‘ ‚ich liebe dich’ ‚es ist okay‘… Seine Lippen wandern über meinen Körper. Seine Sanftheit vermischt sich mit den Schmerzen meines Körpers, ein unerträgliches Gefühl.

 

 

 

Abby war in ihrem Element. Die unterschiedlichsten Beweise lagen vor ihr auf dem Tisch ausgebreitet, sämtliche Geräte liefen. Sie war hochkonzentriert.

 

„Hey Abbs!“ Gibbs trat an ihre Seite und hauchte einen kleinen Kuss auf ihre Wange.

 

„Da bist du ja endlich.“ Die Kriminaltechnikerin schüttelte beleidigt den Kopf. „Du hast lange gebraucht. Hat dich der Direktor aufgehalten?“

 

Gibbs schenkte ihr ein Lächeln, ignorierte aber die Bemerkung. „Was hast du für mich?“

 

Abby nickte frustriert. Im Gegensatz zu sonst, war sie ruhig und gefasst. Zu ruhig, nichts war zu erkennen von der sonst so aufgedrehten Kriminaltechnikerin. „Die Frau in der Klinik ist tatsächlich die Gesuchte. Der Abgleich zeigt eine zu über 99prozentige Übereinstimmung. Leider passen auch die Fingerabdrücke.“

 

„Leider?“ Gibbs warf ihr einen verwirrten Seitenblick zu.

 

„Ja leider. Hast du diesen Bericht gelesen? Weißt du, was man ihr alles angetan hat? Welche Qualen sie erleiden musste? Sie ist keine Mörderin und…“

 

„… dennoch hat sie zugestochen“, beendete der Teamleiter den Satz. „Hast du einen Treffer in der Datenbank? Wer ist unsere Unbekannte?“

 

„Bisher keine Treffer“, murmelte Abby und verzog das Gesicht.

 

„Was ist los, Abby?“ Gibbs zog die Kriminaltechnikerin in seine Arme. Irgendwas stimmte mit ihr nicht.

 

„Es ist so anders. Weißt du? Normalerweise gilt mein Mitgefühl dem Opfer, also dem Toten, doch dieser Peter Kiley ist anscheinend ein Monster. Während unsere mutmaßliche Täterin vielleicht mehr Opfer ist als Täterin. Und trotzdem eine Mörderin. Oder war es Notwehr? Aber so viele Messerstiche? Gibbs?“

 

„Finden wir heraus, was passiert ist“, murmelte der Grauhaarige ihr ins Ohr. „Nur so gewinnen wir Klarheit. Deine Fähigkeiten sind gefragt.“

 

Abby wand sich aus der Umarmung. „Ja! Und ich habe auch schon damit angefangen. Ich untersuche gerade die Kleider unseres Opfers, ähm, verdammt, von diesem Kiley eben, dem eventuellen Opfer. Oh Gott, ist das kompliziert. Vielleicht finde ich heraus, wo er sich vor seinem Tod aufgehalten hat. Und dann …“ Sie drehte sich zu ihrem Gesprächspartner um, doch Gibbs war bereits verschwunden. „Ich ruf dich an, sobald ich was weiß“, schrie sie in die Leere.

 

 

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Ich spüre die raue Haut seiner Finger, sie hinterlässt eine heiße Spur auf meinem Körper.

Ich fühle die Klinge des Messers an meiner Kehle. Nein, er will mich nicht umbringen. ‚Ich liebe dich‘. Schon wieder. Er zerrt mich auf das Sofa. ‘Ich liebe dich‘. Er lacht. Liebe tut nicht weh, es ist ein Geschenk. Er aber schenkt mir nur Schmerzen. Ich wende den Kopf zur Seite, schließe die Augen und fange an zu zählen. Zählen hilft. Ich habe das Gefühl mein Inneres reißt in Fetzen und geht in lodernde Flammen auf. Das Feuer rast durch meinen Körper. Ich presse die Lippen fest aufeinander. Nicht schreien! Wenn ich schreie, wird er wütend. Alles verschwimmt. Die Dunkelheit rettet mich.

 

 

 

Nach einer halben Stunde Fahrt, kamen Ziva und Tony laut ihrem Navigationsgerät an dem Ort an, den McGee ihnen genannt hatte. Die Mittagssonne brannte und die Hitze schwirrte über den Asphalt, dies trug nicht unbedingt zur guten Laune bei. Tony knurrte und zog sein Handy hervor.

 

„Einfach Grandios, McGee. Hier ist nix, außer Wiese und Feld.“ Mit dem Zeigefinger tippte er das Navi an und grinste. „Ja McNeunmalklug, die Adresse ist richtig eingegeben, was ….“

 

Ziva entriss ihm das Telefon und schenkte ihm einen bösen Blick. „Wir werden uns einfach mal umsehen. Wir melden uns später.“, sprach sie hinein, klappte ohne weitere Worte das Handy zu und gab es ihrem Kollegen zurück. Noch bevor Tony etwas erwidern konnte, stieg sie aus.

 

Der Halbitaliener blickte ihr einen kurzen Moment nach, bevor er sich dazu durchringen konnte, ihr zu folgen. Mit einem letzten wehleidigen Blick auf die Klimaanlage im Wagen, stieß er stöhnend die Tür auf. „He, wo willst du hin?“, schrie er seiner Partnerin hinterher, die inzwischen in einen kleinen Trampelpfad zwischen den Feldabschnitten einbog. Er hastete ihr hinterher. „Was hast du vor?“, schnaubte er, als er endlich aufschließen konnte.

 

„Was wohl?! Den Spaziergänger befragen, der da hinten auf der Bank sitzt.“ Ziva stapfte unaufhaltsam weiter und ignorierte das Schnaufen und die Klagen ihres Kollegen. Erst als sie in unmittelbarer Nähe des Mannes waren, warf sie ein Blick über ihre Schulter und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

 

Tonys Augen blitzten wütend. „Schau dir meine Schuhe an“, murrte er.

 

Der Mann pfiff und sofort kam ein großer grauer Hund aus dem Dickicht gestürzt und legte sich schwanzwedelnd vor den Füßen seines Herrchens ab.

 

„Entschuldigen Sie, dürfen wir Ihnen kurz ein paar Fragen stellen?“, wandte sich Ziva an den Spaziergänger, der unsicher nickte und ihnen mit einem Blick auf den spanischen Windhund deutlich machte, dass er sich notfalls zu verteidigen wusste. Ziva setzte ihr charmantes Lächeln auf. „Sind Sie hier aus der Nähe?“

 

Doch noch bevor der Mann auf die Frage antworten konnte, mischte sich Tony ein. „Wir sind auf der Suche nach … nun ja, nach was eigentlich?“, knurrte er Ziva an. Dann drehte er sich mit einem wesentlich freundlicheren Gesicht wieder dem Wanderer zu und wies auf das Feld. „Hier sollte ein Haus stehen. Laut unserem Navigationsgerät stimmt die Adresse, aber es ist weit und breit nichts zu sehen.“

 

„Meinen Sie das Price Grundstück?“ Der alte Mann richtete sich auf. „Da kommen Sie zu spät. Der gute alte Thomas ist schon vor über 5 Jahren verstorben. Das Haus wurde vor etwa zwei Jahren abgerissen.“

 

„Kannten Sie Thomas Price?“ Ziva setzte sich neben ihn auf die Bank und blickte in die Ferne.

 

„Natürlich, hier kennt jeder jeden. Manchmal sogar besser als sich selbst. Thomas war ein Freund der Familie und eine Zeitlang mit meiner Cousine Mary liiert.“ Der Mann bückte sich und strich dem Hund über das gräulich schimmernde Fell.

 

„Dann kennen Sie auch Peter?“ Tony blickte dem Wanderer in die Augen. Dass dieser bei der Erwähnung des Namens kurz zusammenzuckte entging ihm nicht.

 

„Sind Sie Freunde von ihm?“ Seine zuvor müde wirkende Stimme war mit einem Mal schrill, beinahe ängstlich. Er blickte zwischen den Beiden hin und her.

 

„Nein“, antwortete Tony und zog seinen Ausweis hervor. „Wir sind vom NCIS, mein Name ist DiNozzo.“

 

„Agent David“, fügte Ziva hinzu. „Können Sie uns etwas über Peter Kiley erzählen?“

 

„Der Junge war kein Guter, was hat er denn verbrochen?“ Nervös spielte er mit seinen Fingern. „Tut mir leid“, er blickte auf seine Hände, „aber wenn ich an seine kalten Augen denke, gruselt es mich immer noch.“

 

„Nun ja, wir wissen nicht, ob er tatsächlich etwas Falsches gemacht hat. Er ist tot.“

 

„Oh, das ist traurig“, in seiner Stimme schwang tatsächlich ein wenig Mitleid, und um seine Empfindungen glaubhaft zu machen, fügte er hinzu: „Jeder Tod ist traurig. Zumindest für die Hinterbliebenen. Wie hat seine Schwester es aufgenommen?“.

 

„Schwester?“ Tony runzelte die Stirn. „Wir wissen nichts von einer Schwester.“

 

„Doch, doch. Es gab noch eine Schwester. Thomas wollte nach dem Tod seiner Freunde beide Kinder bei sich aufnehmen, aber mit dem kleinen Mädchen ist es nicht so gut gelaufen. Und so viel ich weiß, wurde sie kurze Zeit später adoptiert. Kam aber regelmäßig zu Besuch. Die beiden Kinder waren wir Feuer und Wasser.“

 

„Kennen Sie zufällig ihren Namen?“, fragte Ziva.

 

Der Mann überlegte. „Wenn ich mich recht erinnere, hieß sie Nora.“

 

 

 

 

Sie liegt neben mir, tot und steif. ‚Es ist okay‘. Ich sehe im dunklen Schein der Lampe ihre rot unterlaufenen Augen, die an die Decke stieren. Ich berühre ihre Schulter. Ihre Haut ist kalt. Ich versuche zu schreien, doch kein Laut entrinnt meiner Kehle. Ich versuche mich aufzurichten. Jeder Muskel in mir zieht sich zusammen, schmerzhafte Krämpfe durchjagen meinen Körper. Ich sehe das Messer auf dem Tisch. Er ist nicht da.

 

 

Draußen war es bereits seit Stunden dunkel, als Dr. Griffin spürte, wie er allmählich müde wurde. Doch er schlief nie länger als ein paar Minuten, schlug zwischendurch immer wieder die Augen auf und schnellte bei jedem Geräusch hoch. Er hatte die Bundesagenten sofort über den Namen informiert und erfahren, dass das Opfer wohl der Bruder der Patientin war. Mehr war noch immer nicht bekannt. Es war frustrierend.

Seit einer halben Stunde schreckte Nora immer wieder aus dem Schlaf auf. Ihr Atem ging stoßweise, ihr Puls raste. Nur wenn sie für kurze Zeit in den sicheren Schlaf zurückfiel, beruhigte sich ihr Herzschlag und für einen winzigen Moment entkrampfte sich ihr Körper. Wenn sie aufwachte, befand sich ihr Bewusstsein in einem Dämmerzustand. Dr. Griffin saß ratlos an ihrem Bett. Er konnte nichts tun. Nur die Schweißperlen von ihrer Stirn tupfen, beruhigend auf sie einreden und warten. Sie hatte das Schweigen gebrochen, ihm verraten, wie sie hieß. Jetzt murmelte sie im Schlaf. Immer wieder die gleichen Worte. ‚Es ist okay‘.

 

 

 

Ich irre durch den Mondschein. Ich trage ein Laken um die Schulter, kann mich aber nicht erinnern, woher ich es habe. Es ist blutgetränkt und an manchen Stellen bereits durch die getrocknete Flüssigkeit steif, aber es wärmt. Und ich friere. Ich ziehe es fester um mich. Ich bemerke, dass ich das Häuschen umkreise, bereits das fünfte, vielleicht auch das sechste Mal. Vermutlich sollte ich besser davon laufen, solange er noch schläft. Aber irgendetwas hält mich fest.

 

 

 

Die beiden NCIS Agenten hatten telefonisch ihre Informationen weitergegeben und noch bevor sie zum Navyyard zurückkehren konnten, hatte McGee Ergebnisse auf dem Tisch. Mit einem stolzen Lächeln auf dem Gesicht stieß er sich nun vom Schreibtisch ab und trat an den Bildschirm. Nur wenige Sekunden später stand Gibbs neben ihm.

 

„Nora Fleming, 28 Jahre alt. Sie wurde im Alter von 4 Jahren adoptiert, nachdem ihre Eltern bei einem Brand ums Leben kamen. Viele Informationen gibt es nicht über sie, Boss. Kein geregeltes Einkommen, wechselnde Meldeadressen. Sie war für ein paar Jahre in Europa.“

 

Er klickte demonstrativ auf den Drücker und das Bild von Noras Pass und das der bisher unbekannten Patientin erschienen. „Volltreffer, Boss. Nora ist unsere schweigsame Unbekannte.“ Zwar war diese Feststellung nicht mehr nötig, aber trotzdem fand er, dass es laut ausgesprochen werden musste.

 

Gibbs betrachtete die beiden Fotos und legte den Kopf schief. „Und niemand vermisst diese Frau? Was ist mit den Adoptiveltern?“ Gibbs nahm einen Schluck Kaffee und wartete demonstrativ auf McGees Fortsetzung des Berichts.

 

McGee nickte wortlos und klickte weiter. „Edward und Sue Fleming. Er arbeitet in der Führungsetage einer Autofirma. Sie ist Hausfrau. Eine gut situierte Familie, es gibt noch zwei weitere Kinder.“

 

„Holen wir sie her. Vielleicht bringen die Beiden ja Licht in die Sache. Informier Tony und Ziva, sie sollen das Ehepaar unterwegs aufgabeln und dann ...“

 

„… checke ich die Handy- und Bankverbindungen und versuche den Radius einzugrenzen, an dem Nora sich die letzten Tage aufgehalten hat.“ McGee ließ sich wieder auf den Stuhl sinken, rückte seine Tastatur zurecht und blickte mit zusammen gekniffenen Augen seinem Boss hinterher, der in Richtung Labor davon raste.

 

 

Ich sitze auf einem Felsblock und weine. Zu lange schon. Mein Körper schmerzt, er friert. Mein Unterleib brennt. Andere hat er umgebracht. Mich nicht. ‚Ich liebe dich‘. Meine Finger umgreifen krampfend das Messer. Lichtkegel stürzen über die Dunkelheit. Ich werfe mich in die Büsche. Ein Ast ritzt mir die Wange auf. Meine Haare fallen mir ins Gesicht, als ich auf alle viere sinke und davon robbe. Er ist wach. Ich habe das Laken verloren. Die Kälte dringt in mich, lässt mein Herz still stehen. Er wird es finden. Ich werde wegrennen und er wird mich einholen. Er wird mich zurückbringe. Ich muss hier weg.

 

 

Ruckartig setzte sich Nora im Bett auf. Ihre Augen blickten panisch umher. Noch bevor Dr. Griffin reagieren konnte, sprang sie aus dem Bett. Sie schrie. Und weinte zugleich. In allerletzter Sekunde schaffte es der Arzt sich zwischen die Patientin und die Tür zu bringen, konnte so gerade noch verhindern, dass sie aus dem Zimmer stürmte. Ihre Pupillen waren beängstigend geweitet, ihr Atem keuchte. Angst und Verzweiflung schüttelten ihren Körper.

 

Dr. Griffin schrie ihren Namen. Immer und immer wieder. Doch die Frau reagierte nicht auf ihn, versuchte zunächst eisern sich an ihm vorbei zu drücken, doch dann gab sie auf und verkroch sich in der hintersten Zimmerecke. Ihre Finger kratzten über ihre Narben. Sie fingen wieder an zu bluten.

 

„Nora, beruhige dich.“ Er ging langsam auf sie zu. Er hörte wie sich hinter ihm die Tür öffnete und eine Krankenpflegerin den Raum betrat. Er ignorierte sie. „Nora, es ist alles gut. Niemand wird dir hier etwas tun.“ Er ging vor ihr auf die Knie und nahm erleichtert wahr, dass ihre Anspannung ein wenig nachließ. „Du musst damit aufhören.“ Er griff nach ihrem Arm. „Du verletzt dich selber. Es blutet bereits. Du bist hier doch in Sicherheit. Alles ist gut.“

 

Minuten vergingen. Noras Atem wurde gleichmäßiger. Sie zitterte. „Geben Sie mir bitte eine Decke“, wies Dr. Griffin die Pflegerin an und erhielt sofort das Gewünschte. „Ich denke Sie können dann gehen, ich habe alles wieder im Griff.“ Die Tür fiel ins Schloss.

 

„Wir sind alleine. Nora. Alles ist gut.“ Sie nickte. „Du frierst.“ Er streckte ihr die Decke entgegen. „Darf ich dich zudecken?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, rückte er näher und bedeckte ihren Körper. Er ließ sich neben ihr auf den Boden nieder und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand.

 

„Er ist mir gefolgt.“ Ihre Stimme war heiser. „Ich bin weggerannt, aber er war zu schnell.“

 

 

*****

 

 

Gibbs betrat das Besprechungszimmer und setzte sich neben Ziva, die dort bereits auf ihn wartete. Ihnen gegenüber saßen Mr. Und Mrs. Fleming. Die Frau sah etwas mitgenommen aus. Der Mann hingegen schlichtweg verwirrt.

 

„Entschuldigen Sie bitte, dass wir sie zu so später Stunde herholen mussten. Aber wir versuchen ein Verbrechen aufzuklären und benötigen alle Informationen, die wir erhalten können.“

 

Das Ehepaar nickte stumm und blickte Gibbs mit fragenden Augen entgegen. Dieser nahm das Foto, das Nora im Krankenhaus zeigte. „Ist das ihre Tochter?“

 

Die Frau schrie kurz auf und schlug verzweifelt die Hände vor das Gesicht. Ihre schlimmsten Vorahnungen wurden bestätigt. Der Mann brauchte einen Moment bis er den Schock verarbeitet hatte, doch dann nickte er traurig und griff nach der Hand seiner Frau. „Ja, das ist Nora.“ Er stockte. „Was ist passiert? Wie geht es ihr?“

 

„Sie ist auf dem Weg der Besserung. Körperlich gesehen. Allerdings ist ihr psychischer Zustand sehr kritisch. Darf ich fragen, wann Sie ihre Tochter das letzte Mal gesehen haben?“

 

„Das ist lange her, Agent Gibbs. Sehr lange. Nora ist ein Freiheitsliebender Mensch. Sie ist spontan, andere würden sie vermutlich als sehr sprunghaft beschreiben. Sie wollte etwas erleben. Sie hatte so viele Träume. Beziehungen waren ihr da nur im Weg.“

 

„Sie hatten keinen Kontakt zu ihr?“

 

„Doch, sie schrieb Karten. Zu Weihnachten, zu Geburtstagen. Sie tauchte aus dem Nichts auf. Dann verschwand sie in einer Nacht und Nebelaktion und meldete sich Monate nicht. Bis sie wieder vor der Tür stand. Das ist Nora. Wissen Sie? Am Anfang war es schwierig ihr Verhalten zu akzeptieren, doch wir haben gelernt, damit umzugehen. Es war ihr Weg, ihr Leben. Und wenn sie nur so glücklich sein kann, ist es okay für uns. Letztes Jahr im November war sie das letzte Mal bei uns.“  

 

„Sie ist nicht ihre leibliche Tochter.“ Es war keine Frage, mehr eine Feststellung.

 

Die Frau schüttelte den Kopf. Sie schien sich wieder gefangen zu haben, doch ihre Augen behielten den besorgten Blick bei. „Nein. Wir haben sie mit vier adoptiert. Nora war so ein liebes Mädchen. Aber man hatte immer den Eindruck als fühle sie sich nicht wirklich zu Hause.“

 

„Wie war das Verhältnis zu Thomas Price und Peter?“

 

Mr. Fleming zuckte mit den Schultern. „Thomas war ein netter Mensch. Doch die Aufgabe ein kleines Mädchen zu versorgen, war einfach zu viel für ihn. Er hatte den Hof, er war alleine. Mit Peter. Es ist ihm sichtlich schwergefallen, das Kind wegzugeben. Aber er hat erkannt, dass es für Nora die bessere Alternative war.“

 

„Haben Sie ihn öfters gesehen?“ Gibbs blickte Mrs. Fleming an, die seufzte.

 

„Ja. Wir wollten, dass Nora Kontakt zu ihrem Bruder hat, schließlich war er der einzige leibliche Verwandte den sie noch hatte. Wir meinten es gut, und haben auf die regelmäßigen Besuche bestanden. Doch inzwischen glaube ich, Nora hasste diese Wochenenden. Wenn sie zurückkam, sprach sie immer nur von Onkel Thomas, nie aber von ihrem Bruder. Wenn wir sie direkt auf ihn ansprachen, schwieg sie.“

 

„Wie war Peter seiner Schwester gegenüber?“

 

Mr. Fleming richtete sich im Stuhl auf und fuhr sich über die Stirn. „Er hat sich immer sehr gefreut. Schon wenn wir auf den Hof fuhren, kam er meist aus dem Haus gerannt und die Begrüßungen waren in der Regel sehr stürmisch. Er war vernarrt in seine kleine Schwester.“

 

„Er war ein guter Junge“, ergänzte seine Frau.

 

Gibbs bemerkte den sich verändernden Gesichtsausdruck des Mannes, als seine Frau die Worte aussprach. „Sind Sie da anderer Meinung, Mr. Fleming?“

 

„Er war ein guter Junge, ja, wenn wir Nora auf den Hof brachten. Aber wenn wir kamen, um sie wieder abzuholen, war er wie verwandelt. Er tobte und …“

 

„… er konnte sich schwer wieder von ihr trennen“, beendete die Frau den Satz. „Verständlich für einen Jungen, der alles in seinem Leben verloren hat. Mein Mann hatte da weniger Verständnis.“

 

„Dir hat er ja auch nicht das Taschenmesser in den Rücken gerammt“, presste Mr. Fleming durch zusammengebissene Zähne hervor.

 

„Das war ein Versehen, das weißt du doch. Der Junge ist gestolpert.“, verteidigte sie Noras Bruder emotionslos.

 

Der Mann winkte ab. „Lass uns die alten Geschichten nicht aufwärmen. Können wir zu ihr? Und warum fragen Sie uns das alles? Was ist denn in Gottes Namen passiert?“

 

Gibbs legte eine Pause ein. Und übergab damit das Wort an Ziva. Diese griff nach erneuten Fotos, die sie in die Mitte des Tisches schob. „Gehen wir recht in der Annahme, dass das Peter ist?“ Sie sah von den Fotos zu dem Ehepaar auf.

 

Die Frau nahm das Bild in die Hand, um es näher zu betrachten. Dann nickte sie. „Ja, auf dem Foto ist er älter, aber wir haben ihn ja auch schon mehrere Jahre nicht mehr gesehen. Seine Augen sind unverkennbar.“ Sie legte das Bild zurück.

 

Zögerlich blickte Ziva auf das nächste Foto in der Hand, entschied sich aber, es zurück zu halten. „Es tut mir leid, aber der Bruder ihrer Tochter wurde ermordet. Und Nora steht unter dringendem Tatverdacht.“

 

Es war still im Raum. Mrs. Fleming klammerte sich unermüdlich an die Hand ihres Mannes, dieser blickte stumm aus dem Fenster. „Nein“, schluchzte sie auf. „Nora ist keine Mörderin.“

 

„Bisher wissen wir zu wenig, um es ausschließen zu können. Deshalb brauchen wir ihre Hilfe. Ihre Tochter schweigt, der Arzt sagt, sie sei zeitweise nicht ansprechbar und bekäme sofort Panikattacken, wenn man versuche, etwas aus ihr heraus zu bekommen. Doch wenn wir sie entlasten wollen, müssen wir jetzt die Spuren sichern.“

 

„Wie können wir Ihnen behilflich sein?“, fragte der Mann mit zitternder Stimme.

 

„Sagt Ihnen der Name Jennifer Mayer etwas?“, mischte sich Gibbs wieder ein.

 

Die Frau runzelte überlegend die Stirn, verneinte dann aber. Auch der Mann schüttelte den Kopf. Ziva schob ein Foto der vermissten Frau in die Mitte. „Wir konnten auch ihre DNS an der Tatwaffe finden.“

 

„Wir kennen diese Frau nicht“, sagte Mr. Fleming und seine Frau gab zu verstehen, dass sie der gleichen Meinung war. „Aber Noras Freunde sind uns auch nicht bekannt.“

 

Gibbs nickte. „Haben Sie eine Idee, wo Peter sich in den letzten Wochen aufgehalten haben könnte? Wir wissen, er kam vor 5 Wochen aus dem Irak zurück.“

 

„Ich denke, er lebt noch immer auf dem Hof von Thomas. Nach seinem Tod hat der Junge alles geerbt. Nora hat das irgendwann erwähnt, wenn ich mich recht erinnere.“

 

„Leider wurde der Hof bereits vor Jahren abgerissen.“ Gibbs fuhr sich durch die grau melierten Haare. Langsam verlor er die Hoffnung, hier etwas Brauchbares zu erfahren. „Aber wenn Nora von dem Erbe wusste, hatte sie augenscheinlich Kontakt zu ihrem Bruder.“

 

„Sie trafen sich einmal im Jahr. Am Todestag ihrer Eltern. Nora fuhr immer mit einem mulmigen Gefühl hin, aber sie dachte, sie sei es ihren Eltern schuldig. Und Peter bestand vehement auf dieses eine Treffen, im Gegenzug dazu, ließ er sie das Jahr über in Ruhe.“

 

„Wann ist der Todestag?“

 

„Der 23. März, oder war es der 24.?“, wandte sich die Frau an ihren Mann.

 

„Der 23., Agent Gibbs“, beantworte er die Frage.

 

Gibbs überlegte. „Zu dieser Zeit war Peter im Irak. Ist es vorstellbar, dass das Treffen verschoben wurde?“

 

„Ja, wie gesagt, Peter bestand auf dieses eine Treffen. Es ist möglich.“

 

„Wo fanden diese Treffen statt?“

 

„Sie trafen sich zunächst auf dem Friedhof und fuhren dann gemeinsam zu der kleinen Waldhütte ihrer Eltern.“ Ihre Augen weiteten sich. „Warten Sie, unser Sohn müsste die Adresse haben. Er war früher oft mit Nora zum Angeln dort.“

 

*****

 

In den frühen Morgenstunden erreichte das Team die abgelegene Waldhütte. Es hatte ein wenig gedauert, bis sie den Sohn der Flemings erreichten. Doch dieser konnte ihnen letztlich eine genaue Wegbeschreibung geben. Die Kieselsteine, die den Anfahrtsweg bedeckten, durchschnitten die morgendliche Stille.

 

„Hier muss es sein. Wenn die Beschreibung von Marc Fleming stimmt, ist das der Pfad, der zur Hütte führt.“ Gibbs deutete auf den Wagen, der am Rand stand, sagte aber nichts.

 

„Das Kennzeichen ist auf Peter Kiley zugelassen.“ McGees Antwort kam so schnell, dass Ziva und Tony sich verdutzt ansahen.

 

„Rast dein Kopf jetzt mit LTE durch die Datenbank?“ Der Halbitaliener klopfte seinem Kollegen von hinten auf die Schulter. „300 Megabit pro Sekunde?“

 

„Er ist mit seinen Gedanken einfach nur bei der Arbeit.“ Ziva kniff die Augen zusammen. „Können wir jetzt los? Oder wollt ihr euch weiter über Schwimmgeschwindigkeiten unterhalten?“

 

„Surfen“, knurrte Gibbs vom Fahrersitz aus. „Es heißt Surfgeschwindigkeit. Ziva! Das weiß sogar ich.“ Er öffnete die Autotür und stieg aus. „Und wenn ihr nicht augenblicklich in DSL Geschwindigkeit aus dem Auto steigt, habt ihr ein Problem mit eurem Provider.“

 

*****

 

Dr. Griffin gönnte sich eine Pause. Seine Muskeln schmerzten von der kalten unbequemen Nacht auf dem Fußboden. Quälende Stunden lagen hinter ihm. Erst gegen 4 Uhr am Morgen war es ihm gelungen, Nora aus der Ecke hervorzulocken und dazu zu bewegen, sich wieder ins Bett zu legen. Seit einer halben Stunde schlief sie. Tief und fest. Jetzt saß er im Personalraum, auf einem ungemütlichen Sofa. Kreidebleich.

 

Widerwillig schob er sich ein Stück Weißbrot zwischen die Zähne, kaute darauf herum und schüttete schließlich schwarzen Kaffee hinterher. Sein Appetit war verschwunden, doch das Knurren seines Magens wollte ihn murrend davon überzeugen, etwas zu essen. Und ein wenig Schlaf wäre vermutlich auch angebracht gewesen. Doch mit diesen grauenhaften Bildern im Kopf, fand er heute vermutlich heute keinen ruhigen Schlaf. Der Psychologe war aufgewühlt. Noras Worte waren verworren, da es ihr schwer fiel, alles in die richtige Reihenfolge zu bringen. Sie teilte sich ihm nur bruchstückhaft mit, und er konnte sich noch kein klares Bild machen. Es galt Stück für Stück kleinste Puzzleteile zusammen zu fügen. Wollte er das?

 

Ihre Stimme hallte in seinem Kopf nach. ‚Ich bin gerannt.‘ Sie konnte also fliehen, sie rannte weg, doch er holte sie wieder ein. ‚Er ruft nach mir‘ Wie fühlte ein Mensch, dem man Schreckliches zufügte, wenn es ihm nach tagelanger Folter gelang, zu entkommen? Wenn man für einen Moment die Freiheit spürte? ‚Ich höre seine Schritte‘ Nur um sich dann der drohenden Gefahr bewusst zu werden, dass alles wieder von vorne begann? ‚Das Messer in meiner Hand‘ Sie stach auf ihn ein. Hätte er auch so gehandelt? ‚Ich habe ihn erstochen‘

Dieser Abschnitt war logisch. Zumindest empfand er ihn als nachvollziehbar. Was er nicht verstand, war, dass sie wenige Augenblicke später von IHR sprach. ‚Ich musste sie töten‘. Wen meinte sie? Gab es eine weitere Leiche? Und war auch das Notwehr? Dr.Griffin merkte, wie die Übelkeit in ihm aufstieg und schob den Teller zur Seite. Er bekam einfach keinen weiteren Bissen runter. ‚Es ist okay‘ ‚Es ist okay‘, diesen Satz hatte sie hundertfach wiederholt. Doch war es das tatsächlich? War es okay?

 

„Dr.Griffin?“ Eine Schwester öffnete leise die Tür und warf einen Blick in den abgedunkelten Raum. „Ich störe Sie ungern, aber die Eltern von Nora sind da. Sie waren gestern Abend schon da, aber da hielt ich es für besser, sie wegzuschicken. Es war kurz nach der Panikattacke.“

 

Dr. Griffin streckte seine müden Glieder und warf einen Blick auf die Uhr. Hatte er tatsächlich zwei Stunden sinnlos in die Luft gestarrt? Er nahm einen Schluck seines inzwischen kalt gewordenen Kaffees. „Ich komme sofort. Ich möchte erst mit den Eltern sprechen, bevor wir sie zu ihr lassen. Bringen Sie sie in mein Büro.“ ‚Es ist so dunkel in der Kammer‘, hörte er Nora sagen. ‚Ich kann nicht atmen‘. War die Kammer größer als sein Büro gewesen? Oh Gott, er musste damit aufhören. Wenn es ihm nicht gelang, sich von ihren Worten zu distanzieren, drohte er verrückt zu werden. Jedenfalls fühlte es sich so an; er verlor den Verstand. ‚Es ist okay‘

 

Die Krankenschwester nickte und schloss lautlos die Tür hinter sich. Dr. Griffin stand auf und schob den Vorhang zur Seite. Der Sonnenschein durchflutete das Zimmer. Und sofort fühlte er sich erleichtert. ‚Es ist hell genug. Ich sehe sie‘. Kopfschüttelnd über seine eigene Unfähigkeit, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen und Abstand zu nehmen, öffnete er das Fenster. Er atmete tief ein. ‚Ich sehe ihre Augen‘ Ein weiterer Atemzug. ‚tote Augen‘.

 

*****

 

Auf leisen Sohlen schlichen die Agenten den Weg entlang. Die Waldhütte stand etwas zurückgesetzt unter hohen Bäumen. Ein kleines Paradies am Rande der Stadt. Friedvolle Ruhe inmitten der Natur, weit weg vom Trubel und Lärm der Menschen. Ein perfekter Ort. Der perfekte Ort; für ein Verbrechen.

 

Gibbs und McGee schlugen sich in die Hecken und waren auf dem Weg hinter das Haus, während Tony in geduckter Haltung auf die Hütte zulief und sich dann mit dem Rücken an die mit Holz verkleidete Mauer presste. Vermutlich war dieser ganze Aufwand nicht nötig, schließlich waren das Opfer in der Pathologie und die vermeintliche Täterin in der Psychiatrie. Oder umgekehrt? Noch nie war Tony sich so unsicher, ob die Wörter Opfer und Täter die richtigen Begriffe darstellten. Passte ‚der Tote‘ und ‚die Lebendige‘ besser? Grundlegend war dieser Fall aber gelöst. Und das Vorgehen war Pflicht. Zudem waren noch weitere Menschen involviert und so lange sie den genauen Tathergang nicht kannten, ging die Sicherheit der eigenen Person vor. Nachher entpuppte sich der Tote noch als lebendig. Tony seufzte ungehört. Ziva war ihm gefolgt, schlängelte sich an ihm vorbei und schlich an der Hauswand entlang.

 

„Die Tür steht auf.“ Sie blieb stehen, nickte Tony zu und versuchte, einen Blick ins Fenster zu werfen. Sie deutete ihm aber, dass sie nichts sehen konnte. Sie gingen lautlos weiter. Neben der Tür blieben sie stehen und warteten. Nur wenige Sekunden später tauchten Gibbs und McGee auf der anderen Seite auf. „Also, kein Hinterausgang“, flüsterte Ziva ihrem Kollegen hinter sich zu. Sie stand am nächsten zur Tür und verzog angewidert das Gesicht. „Ich glaube nicht, dass sich da drin jemand freiwillig aufhält.“ Ein modriger Geruch schlug ihr entgegen. „Das sollten wir besser gleich Ducky überlassen.“

 

Gibbs wies sie an, weiter zu gehen. Doch mit jedem Schritt, den sie sich dem Inneren des Hauses näherten, wussten sie, das alles was sie da drinnen finden würden, eine weitere Leiche war.

 

*****

 

Die engen Räume des Häuschens lagen im Dunkeln. Die Vorhänge waren fast vollständig zu gezogen. Es war finster, warm und stickig. Mechanisch sicherten die Agents die Zimmer, blendeten den Gestank aus ihren Gedanken, wichen umgestoßenen Möbelstücken und Glasscherben aus. Es herrschte ungesehenes Chaos. Erst als Gibbs die Gardine zur Seite zog und Sonnenstrahlen das Zimmer fluteten, wurde ihnen das ganze Ausmaß bewusst. Sie befanden sich an einem Tatort. Nicht an irgendeinem. Was sich hier abgespielt haben musste, glich der Kulisse eines Horrorfilms. Doch Tonys Filmzitat blieb aus. Selbst der sonst so geschwätzige Halbitaliener war verstummt. Schwarze verkrustete Tropfen, vermutlich getrocknetes Blut, zierten den ehemals beigen Teppichläufer und auch der restliche Holzfußboden wurde nicht verschont. Blutige Händeabdrücke sprangen einem von den weißen Wänden entgegen. In der Mitte stand verlassen und einsam ein altes, unbequemes Sofa. In der Ecke stand ein Tisch, doch die Stühle waren umgestürzt im Zimmer verteilt. Vor der Küchenzeile lag ein Mensch, seltsam verkrümmt, das Grün der Haut wich bereits einem dunkleren Braun. Die leeren Augen starrten ins Zimmer. Es stank bestialisch. Kleine Fliegen gaben gehaltvolle Geräusche von sich, als Gibbs sich der Leiche näherte. Er drückte sich seinen Handärmel vor das Gesicht, um der drohenden Übelkeit vorzubeugen, während Tony es bevorzugte, ein Fenster zu öffnen.

 

„Wir brauchen Ducky“, knurrte der Chefermittler und versuchte den bitteren Geschmack in seiner Kehle durch schweres Schlucken zu verbannen. „Ruft ihn an. Sichert die Spuren. Findet heraus, was hier passiert ist. Ziva und ich sehen uns draußen um.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er den Raum.

 

Während Ziva Gibbs nach draußen folgte, war Tony näher gekommen und warf einen kurzen Blick auf das Opfer, verzog dabei das Gesicht und stammelte ein leises „wow“. McGee hingegen räusperte sich still und blickte sich scheu in dem Zimmer um.

 

„Das wird verdammt lange dauern. Hier gibt es eine Menge Spuren. Abby wird einiges zu tun bekommen.“ Er ging in das Nebenzimmer und betätigte mit dem Ellenbogen den Lichtschalter. Eine lose Glühbirne glimmte an der Zimmerdecke auf. Der Raum war nicht viel größer als eine kleine Kammer, gerade genug Platz um ein Bett aufzustellen. Es wirkte auf eine merkwürdige Art und Weise aufgeräumt. Und sauber. Vermutlich lag es aber daran, dass sich außer einer Matratze und einer Decke nichts weiter im Zimmer befand. Er schüttelte traurig den Kopf.

 

„Hey, ich hab hier was.“ Tony war an den Tisch getreten. „Eine Damenhandtasche. Ich vermute mal sie gehört nicht unserem Täter, ähm Opfer. Ach, du weißt, was ich meine. Hast du Handschuhe dabei?“ Provozierend blickte er zu seinem Kollegen.

 

„Wieso sollte ich?“, murrte dieser und verdrehte die Augen.

 

Tonys Augen blitzen. „Weil …“, er fing an in seiner Innenseite der Jacke zu kramen. „ein guter Agent immer ein Paar Gummiüberzieher bei sich trägt.“ Grinsend und mit einem lauten Schnalzer zog er die Handschuhe über und wendete sich wieder der Tasche zu. Er öffnete sie, entnahm die Geldbörse und klappte diese auf. „Bingo.“ Triumphierend hielt er den Ausweis in die Höhe. „Die Tote ist Jennifer Mayer. Unsere Vermisste.“

 

*****

 

Dr. Griffin fuhr sich nervös durch die Haare. Nach einem halbstündigen Gespräch mit Noras Eltern hatten sie gemeinsam den Entschluss gefasst, das Risiko einzugehen und die Patientin mit ihrer Adoptivfamilie zu konfrontieren. Es konnte gut gehen. Ja. Es konnte aber genauso gut schief laufen. Doch wenn er den Worten der Eltern Glauben schenken durfte, war das Verhältnis zwischen ihnen positiv und mit großem Vertrauen bestickt. Wieso floh Nora in ihrer Not nicht zu ihnen? War sie nicht mehr dazu fähig, rationale Entscheidungen zu treffen? Wenn er den besorgniserregenden Zustand bedachte, in dem sie hier eingeliefert wurde, hielt er das für möglich. Sie hatte scheinbar alles ausgeblendet, ihr ganzes Leben. Wenn selbst der eigene Bruder in der Lage war, einem so etwas anzutun, wem konnte man dann noch vertrauen?

 

Der Arzt nickte den Eltern zu und öffnete die Tür einen Spalt. Er hatte in aller Kürze versucht, die bruchstückhaften Informationen, die er von Nora hatte, an die Eltern weiterzugeben, ohne zu viel hinein zu interpretieren. Er wollte keine falschen Schlüsse ziehen. Wie schnell war man von einem Tathergang überzeugt und somit blind für weitere Schlüsselinformationen. Das Gesamtbild war wichtig. Er musste dringend mit dem NCIS Kontakt aufnehmen und ihnen seine Informationen mitteilen. Vielleicht gab es auch an ihrer Front bereits Neuigkeiten.

 

Nora schlief noch immer. Und es sah seltsam friedlich aus. Im Gegensatz zu den letzten Tagen flatterten ihrer Lider nicht, ihr Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. ‚Ich bin so müde‘ Sie lag ruhig im Bett. Und fand erholsamen Schlaf. ‚Ich kann nicht weglaufen.‘ Dr.Griffin beobachtete die besorgte Mutter, die sofort nach der Hand ihrer Tochter griff und liebevoll darüber strich. Er sah einen Vater, der sich diskret zurückhielt, hinter seiner Frau stand und sie in der schweren Stunde stützte. In beiden Augenpaaren entdeckte er Tränen.

 

„Sie entschuldigen mich.“ Er trat an die Seite der Eltern. „Sie wird sicherlich noch eine Weile schlafen. Wenn sie aufwacht, seien sie behutsam. Drängen Sie sie nicht. Wenn sie Ihre Nähe nicht will, dann bitte ich Sie ihren Wunsch zu akzeptieren und Distanz zu halten.“

 

„Natürlich.“ Die Mutter weinte ehrliche Tränen. „Danke.“

 

„Ich bin in der Nähe. Bitte geben Sie mir Bescheid, wenn Sie etwas brauchen.“ Er schüttelte dem Vater die Hand und verließ den Raum. ‚Es ist okay.‘ Irgendwas in ihm, ließ ihn wissen, dass Nora bei ihren Eltern in guten Händen war. ‚Es ist okay.‘

 

*****

 

Der Wald stand im krassen Gegensatz zum Tatort. Friedlich, beinahe gemütlich zeigte er sich von seiner ansehnlichsten Seite. Sattes Grün strahlte von den Blättern der Bäume, die dicht gedrängt, den Blick in den blauen Himmel versperrten. Nur wenige Sonnenstrahlen fanden den Weg auf den Waldboden und hinterließen dort eine warme, heimelige Atmosphäre. Natur. Wunderschöne Natur. Es gab keinen Weg oder Trampelpfad, und dennoch ein paar von Menschen nieder getrampelte Pflanzen.

 

„Ziva?“ Gibbs musterte seine Agentin. „Hast du was gefunden?“ Vorsichtig, um keine Spuren zu zerstören, folgte er ihr in den Wald.

 

„Es ist merkwürdig.“ Die Israelin blieb stehen und wartete bis ihr Boss aufschloss. „Zunächst sah es so aus, als wäre jemand im Kreis gelaufen. Doch dann ist derjenige scheinbar panisch geflohen, ohne darauf zu achten, wohin er lief. Abgeknickte Äste. Diese Büsche hier sind dicht, teilweise mit Dornen. Dennoch waren sie kein Hindernis.“

 

„Sie war in Panik.“ Er deutete auf einen weißen Fleck in der näheren Umgebung. „Was ist das?“ Während er den Fleck ansteuerte, redete er weiter. „Gehen wir davon aus, sie konnte sich befreien.“

 

„Sie verlässt die Hütte, ist aber psychisch nicht in der Lage den Ort des Grauens zu verlassen? In ihrer Verzweiflung umrundet sie immer wieder das Häuschen.“

 

„Erst als Peter auf sie aufmerksam wird, rennt sie los.“ Gibbs blieb stehen und trat zur Seite, um seine Agentin vorbei zu lassen.

 

„Ein Laken.“ Ziva fotografierte den blutgetränkten Stoff. „Ziemlich viel Blut. Von Nora?“

 

Der Chefermittler schüttelte den Kopf. „Zu viel. Wohl eher von unserer Leiche.“

 

Ziva blickte in die Ferne. „Boss, von hier bis zum Fundort der Leiche sind es etwa 3 Kilometer. Sie muss am Ende ihrer Kräfte gewesen sein.“

 

„Und dennoch war sie in der Lage, mehrfach auf einen Mann einzustechen.“ Gibbs atmete tief durch. „Was ging in ihr vor?“

 

Ziva hob die Schultern, atmete tief ein. Die Luft tat ihr gut. „In Extremsituationen mobilisiert man Kräfte, die man zuvor noch nicht einmal erahnen kann.“ Ihre Stimme wurde melancholisch. „Purer Überlebenswille.“

 

*****

 

Es war bereits später Nachmittag als Gibbs einen Anruf aus der Pathologie entgegennahm, aufstand und im Treppenhaus verschwand. Das Team nahm die Aktion zur Kenntnis, aber niemand blickte ihm nach oder überlegte auch nur ansatzweise ihm zu folgen. Ziva telefonierte seit einiger Zeit mit dem Psychologen, der Nora behandelte und notierte sich die wichtigsten Punkte. Die Patientin hatte positiv auf den Besuch ihrer Eltern reagiert, aber schwieg seither. Dafür weinte sie. Was der Arzt als Fortschritt ansah. Doch die Bruchstücke, die Dr. Griffin ihnen aus dem nächtlichen Ausbruch zu berichten wusste, waren weitaus wichtigere Bestandteile des Puzzles.

 

Tony telefonierte ebenfalls. Er war durch Zufall, in seinen Augen natürlich durch polizeiliches Gespür der Extraklasse, auf die Verbindung zwischen Peter Kiley und Jennifer Mayer gestoßen. Freunde und Bekannte bestätigten ihm, dass es zwischen beiden bereits öfter zu sexuellem Kontakt gekommen wäre, sie aber nie ein Paar waren. Im Gegenteil, Jennifer hatte sich von ihm losgesagt, weil sie mit seiner immer wieder aufblitzenden Brutalität nicht zurecht kam. Aber das sei schon eine Weile her und sie hätten Peter auch schon seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Eins fügte sich zum anderen.

 

McGee überprüfte Jennifers Handydaten und glich sie mit denen von Peter Kiley ab. Er fand eine Überwachungskamera eines Parkplatzes, die beide Personen filmte, wie sie gemeinsam in ein Auto einstiegen. Der Umgang schien vertraut. Jennifer machte nicht den Eindruck, als würde sie nicht freiwillig mitgehen. Der Agent verfolgte den Wagen über einige Kreuzungen hinweg, verlor ihn dann aber im Nirgendwo. Die Richtung, in die sie fuhren, stimmte mit der Waldhütte überein.

 

Abby hatte eine Ecke der Asservatenkammer erobert und den kompletten Tatort rekonstruiert. Das Sofa, der Tisch, die Stühle, der befleckte Teppich, alles lag und stand detailgetreu an der Stelle, wo sie es in der Hütte vorgefunden hatten. Selbst die blutigen Handabdrücke der Wand hatte sie auf Papier ausgedruckt und an eine Stellwand gepinnt. Ihre Augen huschten hin und her, sie folgte den Spuren auf dem Boden, über die Spermaspuren auf dem Polster, bis hin zu den Spritzern an den Wänden, notierte alles und glich es mit den Tatortfotos ab. Das Bild in ihrem Kopf vervollständigte sich, doch wirklich schlau wurde sie nicht daraus. In der Hütte hatte sie die gleichen DNS Spuren sichergestellt, die sie zuvor auf dem, am Fundort der ersten Leiche entdeckten Messers, identifiziert hatte. Zumindest konnte sie bisher ausschließen, dass es nicht noch weitere Opfer gegeben hat. Sie stellte sich vor, wie die verletzte Jennifer versuchte, ihrem Peiniger zu entkommen, über den Boden robbte, dabei Blut auf dem Teppich verschmierte, sich hilfesuchend an der Wand abstützte, um blutige Abdrücke daran zu hinterlassen und doch immer wieder von ihm überwältigt wird. Das meiste Blut konnte sie Jennifer zuordnen. Weitaus weniger passte zu Nora. Die Menge war geschwinden gering. Abby warf einen Blick in die Akte des Arztes und ihre Vermutung wurde sofort bestätigt. Nora hatte ebenfalls Verletzungen, jedoch von der Art, die keine Lachen artige Blutspuren hinterließen.

 

Palmer währenddessen überflog ein weiteres Mal die Liste, die er mit Dr.Mallard aufgestellt hatte und die die Verletzungen des Opfers aufzählte. Mehrfache Rippenbrüche, Kopfverletzungen, innere Blutungen der Niere und Milz, zahlreiche Hämatome an Armen und Beinen, ebenso Platzwunden im Gesicht, Einrisse im Genitalbereich. Jede Verletzung an sich war grausam genug, doch sie hatten eines gemeinsam, sie waren nicht tödlich. Der Assistent fand es faszinierend, wie es ihnen noch Tage nach dem Mord gelang, Anhaltspunkte für vorhandene Verletzungen festzustellen. Und er bewunderte die Gabe von Dr. Mallard, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

 

Gibbs stand an der Bahre und blickte auf die Leiche herab. Nichts war mehr erkennbar von der Schönheit dieser Frau. Wie so oft hatte er auch bei diesem Fall bis zur letzten Minute gehofft, die Vermisste noch lebend zu finden, wobei er sich heute eingestehen musste, dass er von Beginn an nicht daran geglaubt hatte, sie unversehrt nach Hause zu bringen. Sie war ein winziges Teilchen des brutalen Ganzen.

 

„Sie musste einiges erleiden.“ Es war Ducky, der die eiserne Stille durchbrach. Er gesellte sich neben Gibbs und presste für einen Moment die Lippen aufeinander. Dann atmete er tief durch. „Der Täter hat sie tagelang gequält. All diese zahlreichen Verletzungen waren schmerzhaft, wenngleich auch nicht tödlich.“ Er deutete auf den Brustkorb. „Alle, bis auf diese Stichverletzung. Sie ging mitten ins Herz.“ Das Zischen der Tür verriet ihm, dass eine weitere Person die Pathologie betrat. Doch er drehte sich nicht um, bereits am Schritt erkannte er, wer es war. „Und wenn ich es auch ungern sage, dieser Stich gleicht wahrlich einem erlösenden Todesstoß.“

 

„Vielleicht war er das sogar.“ Ziva trat zu ihnen. „Dr. Griffin sagt, Nora hätte immer wieder gemurmelt ‚ich musste sie töten‘, vielleicht hat Jennifer sie angefleht, sie von den Schmerzen zu erlösen. Nachdem beide eingesehen haben, wie ausweglos ihre Situation war.“ Ihr Blick schweifte über den verwesenden Körper. „Wie grausam muss ein Mensch sein, dass andere sich gegenseitig umbringen, um ihm zu entfliehen?“

 

Ducky warf ihr einen bestätigenden Blick zu und sah dann in seine Unterlagen. „Ich habe Jennifers Verletzungen mit denen von Nora verglichen. Sie sind ähnlich, jedoch mit unterschiedlicher Intensität.“ Ducky atmete ein weiteres Mal tief durch.

 

„Bei seiner Schwester konnte er sich vielleicht zügeln und hatte sich besser im Griff. Vermutlich war die Barriere höher, als...“ Palmer mischte sich ein, brach seinen Satz jedoch vorzeitig ab, als Ziva nickte.

 

„Oder Nora hat sich weniger gewehrt. Jennifer jedenfalls wusste sich zu wehren. Tony hat mit Freunden gesprochen. Sie war wohl eher der Typ Mensch, der sich nicht alles gefallen ließ und Dinge ansprach, die ihr missfielen.“

 

Gibbs sah von Ziva zu Ducky. „Zurück zur Stichverletzung. Ist das gefundene Messer die Tatwaffe?“

 

„Die Größe und die Klingenstruktur passen überein.“ Während der Pathologe die Worte aussprach, ging Gibbs bereits Richtung Tür, dicht gefolgt von Ziva. Von weitem hörte er noch, wie der Agent ein kurzes ‚Danke Ducky‘ murmelte und zu seiner Kollegin sagte, es sei nun an der Zeit, Fragen zu stellen.

 

*****

 

Dr. Griffin stand hinter der Scheibe und blickte auf das leere Krankenbett. Nora saß auf der breiten Fensterbank, die Beine dicht unter das Kinn gezogen. So hatte er sie kennengelernt. Und doch war heute alles anders. Kleinigkeiten verrieten ihm, dass es Nora inzwischen viel besser ging und sie langsam wieder Sicherheit in ihrem Leben fand. Ihr Blick war aus dem Fenster gerichtet, doch lange nicht mehr so starr wie vor ein paar Tagen. Ihr schwarzes Haar fiel in leichten Locken über ihre schmalen Schultern. Doch das Haar wirkte frisch gewaschen. Statt dem gelben weiten Pullover und der Trainingshose, die ihr eine Pflegerin besorgt hatte, trug sie ihre eigenen Klamotten. Auf dem Nachttisch stand ein Blumenstrauß. Schokolade lag auf dem Tisch, neben Zeitschriften, noch immer ungelesen. Aber es schien Normalität in das Leben der Patientin zurück zu kehren. Ihre Atmung ging ruhig, die Panikattacken blieben aus. Selbst das Zittern ihrer Hände hatte sich vollends gelegt. Die ständige Beobachtung wäre bald nicht mehr notwendig. Noch etwas hatte sich verändert. Vor Noras Patientenzimmer saß ein Agent und überwachte genau, wer den Raum betrat. Nora stand unter Tatverdacht.

 

„Dr. Griffin?“ Eine Krankenschwester betrat den Beobachtungsraum, gefolgt von Gibbs und Ziva. „Die Agents wären jetzt da.“ Sie ließ die beiden an sich vorbei, nickte ihnen zum Abschied kurz zu und schloss die Tür hinter sich.

 

Während Ziva näher an die Scheibe trat und Nora ansah, begrüßten sich die beiden Männer. Der Arzt seufzte leicht, beinahe unhörbar. Was aber dem Teamleiter nicht verborgen blieb.

 

„Sie haben noch immer Bedenken, Doktor?“ Gibbs sah ihn fragend an.

 

„Ein wenig schon. Sie scheint zwar stabil zu sein, aber ich kann nicht einschätzen, wie sie auf Fragen reagiert. Agent Gibbs, sie hat sehr viel Schlimmes erlebt, und wir wissen immer noch nicht, was genau vorgefallen ist. Ein falsche Frage, ein falsche Geste, eine Assoziation, die sie mit dem Verbrechen in Verbindung bringt und die Panikattacken werden wieder ausgelöst. Ich verstehe, dass Sie die Befragung durchführen müssen, aber ich bitte sie einfach darum, feinfühlig zu sein.“

 

„Agent David wird die Befragung durchführen. Sie können sicher sein, dass sie ihre Worte mit Bedacht wählt.“ Gibbs blickte zu Ziva, die wortlos nickte und genau verstand worauf er anspielte. „Ich gehe davon aus, dass es Nora leichter fällt, sich einer Frau zu öffnen, die ähnliches bereits erlebt hat.“

 

„Ich möchte dass Sie mich begleiten“, mischte sich Ziva ein, noch bevor der Arzt Verständnisfragen stellen konnte. „Nora soll nicht denken, dass sie verhört wird. Sie soll jemanden an ihrer Seite wissen, der ihr ein Gefühl von Sicherheit gibt. Sie haben eine Vertrauensbasis zu ihr aufgebaut. Das könnte uns sehr nützlich sein.“

 

„Einverstanden.“ Dr. Griffin ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt. „Fangen wir an.“

 

*****

 

Nora hörte, wie sich die Tür öffnete. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Dr. Griffin und eine Frau das Zimmer betraten. Sie wollte reagieren, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Versteinert blieb sie sitzen, sah weiter aus dem Fenster in die Ferne. In den letzten Tagen hatte sie gelernt, dass es, wenn sie sich zu einer Reaktion zwang, alles nur noch schlimmer wurde.

 

„Nora.“ Dr. Griffin berührte sie an der Schulter, inzwischen ein vertrautes Gefühl, mit dem sie umzugehen wusste. „Nora, das ist Agent David vom NCIS. Sie muss dir ein paar Fragen stellen.“

 

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Fragen bedeuteten Erinnerung, Erinnerung bedeutete Schmerz. Schmerz tat ihr weh. Stumm schüttelte sie den Kopf und presste die Lippen aufeinander. Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Finger wieder anfingen zu zittern.

 

„Ist okay, Doktor.“ Ziva deutete dem Arzt sich an den Tisch zu setzen. Sie selbst lehnte sich gegen die Wand und blickte Nora entgegen. Kein Blick, der erwidert werden wollte, aber der Nora zeigte, dass sie Interesse an ihr hatte. „Lassen wir das mit den Fragen.“ Sie sah, wie sich Nora ein klein wenig entspannte. „Es gibt nichts schlimmeres, als in dieser Situation Fragen beantworten zu müssen.“, flüsterte sie so leise, dass sie sicher sein konnte, das nur Nora die Worte verstand. „Glaub mir, dass weiß ich nur allzu gut.“

 

Das Zittern der Hände ließ nach, auf Noras Stirn bildeten sich kleine Schweißperlchen. Ihr Hals fühlte sich an, als säße ein riesiger Stein auf ihrem Kehlkopf. Das Schlucken tat weh. Unweigerlich fuhr sie mit ihrer Hand zu der schmerzenden Stelle.

 

„Du musst auch nicht reden.“ Ziva ließ ihr Zeit, sich wieder zu fangen. „Darf ich mich setzen?“ Sie wies auf die freie Ecke der Fensterbank und wartete geduldig bis Nora nickte. Dann stieg sie schwungvoll auf das Fensterbrett und lächelte ihr entgegen. „Ich werde einfach unsere Ermittlungsergebnisse zusammenfassen.“

 

Nora erwiderte kurz und unsicher den Blick der Agentin. Dann sah sie zu Dr. Griffin. Erst als dieser ihr zunickte und ein ‚ich bleibe hier‘ murmelte, atmete sie tief durch und nickte ebenfalls.

 

„Okay Nora. Wir wissen von deinen Adoptiveltern, dass dein Verhältnis zu deinem Bruder Peter Kiley nicht sehr gut war und du ihm gerne aus dem Weg gegangen bist. Einmal im Jahr habt ihr euch zum Todestag eurer Eltern in der Waldhütte getroffen. Doch dieses Jahr war Peter im Irak. Ihm waren diese Treffen mit dir aber sehr wichtig. Und als er zurückkam, hat er vermutlich auf ein Wiedersehen bestanden.“

 

Nora blickte wieder aus dem Fenster. Ihre Hände hatte sie um ihren Hals gelegt, doch ihr Atem ging ruhig.

 

„Du hast nachgegeben. Und bist zu ihm gefahren. Schließlich war er dein Bruder. Du dachtest du bist verpflichtet, dein Versprechen einzuhalten. Ein Treffen im Jahr. Ein einziges Treffen.“

 

Nora schloss für einen Moment die Augen.

 

„Dann wissen wir nicht, was passiert ist. Wir wissen nicht, ob es zum Streit kam. Vielleicht wolltest du gehen, und er hinderte dich daran. Vielleicht hatte er Angststörungen, er kam ja gerade aus einem Kriegsgebiet zurück. Vielleicht …“

 

„Er wollte mich umarmen.“ Nora erschrak über ihre eigene Stimme und ängstlich rückte sie nach hinten. Ihre Augen flackerten und erst als Dr. Griffin an ihrer Seite stand, beruhigte sie sich wieder ein wenig.

 

„Das wolltest du nicht“, mutmaßte Ziva. „Die Situation ist eskaliert, er ist ausgerastet.“

 

Nora nickte. Ihre Hände fingen wieder an zu zittern. Ihr Gesicht war kreidebleich, ihre Lippen bebten. Doch sie schien aufmerksam zu sein.

 

„Er hat dich gegen deinen Willen festgehalten. Er hat dich gefesselt. Die Spuren konnte man an deinen Handgelenken und an deinen Fußknöcheln sehen. Du hast dich dagegen gewehrt.“

 

Nora presste die Lippen aufeinander und kämpfte mit den Tränen.

„Machen wir eine kurze Pause, Agent David.“ Dr. Griffin fuhr Nora tröstend über die Schulter. „Lassen Sie sie einen Moment zur Ruhe kommen. Ich werde uns etwas zu trinken holen.“ Er warf ihr einen bittenden Blick zu, als wüsste er, dass Ziva sich nicht daran halten würde, verließ aber dennoch das Zimmer.

 

Ziva sah ihm hinterher, blickte in den Spiegel, hinter dem sie Gibbs wusste und konzentrierte sich dann wieder auf Nora. Ihre Stimme war leise und traurig. „Es ist ein schreckliches Gefühl gefesselt zu sein. Man kann sich nicht bewegen, man fühlt sich ausgeliefert. Am ersten Tag hatte ich das Gefühl zu ersticken. Man ist nicht mehr sich selbst, fühlt sich fremdgesteuert. Nur die Schmerzen des Körpers kann man noch fühlen und die Sehnsucht nach Freiheit. Am zweiten Tag sind die Arme so taub, als gehörten sie nicht mehr zum eigenen Körper. Irgendwann fühlt man nichts mehr, nur noch den allumfassenden Schmerz bei den kleinsten Bewegungen.“

 

Sie hatte Noras Aufmerksamkeit. Ihre volle Aufmerksamkeit. Und ihre Augen bewiesen, dass sie auch ihr Vertrauen hatte. Sie verstand diese Frau, sie fühlte mit ihr. Sie beide verband weitaus mehr, als sie selber jemals einzugestehen vermochte.

 

„Es war so dunkel. Und still. Ich wollte einfach nur sterben.“ Ihre Stimme war brüchig, rau, beinahe als gehöre sie nicht zu ihr. Ihre Augen wurden trüb, ihr Atem stockte. ‚Das Zimmer ist nicht größer als eine kleine Kammer. Es ist dunkel. Finsternis umgibt mich. Und Stille. Ich höre meinen leisen Atem und mein Herz, das pochend in meiner Brust schlägt. Und wieder flehe ich es an, aufzuhören, endlich still zu stehen. Ich will dass alles hier endlich ein Ende nimmt. Nein, ich will nicht sterben, aber auch nicht die Schmerzen weiter ertragen, die meinen Körper gefangen halten. Ich will leben. Dumpfe Schritte dringen in mein Ohr und lassen mich erstarren. Es ist soweit. Die Nacht ist angebrochen und wieder gibt es kein Entkommen.‘ Sie riss sich aus ihren Gedanken und sah Ziva nun bewusst in die Augen. „Aber er kam immer wieder. Jede Nacht.“

 

„Er hat dir weh getan.“ Eine Feststellung, keine Frage. Ziva hielt dem Blick stand. „Er hat dich verletzt. Laut deiner Krankenakte hattest du zahlreiche Verletzungen.“

 

„Ich hätte mich nicht wehren dürfen.“ Ihr Ton war schlagartig verändert, mit Hass in den Augen begann sie an ihrer Haut zu kratzen. ‚Er kommt näher, gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Und ich weine. ‚Ich liebe dich.‘ Seine Lippen wandern über meinen Körper. Seine Sanftheit vermischt sich mit den Schmerzen meines Körpers, ein unerträgliches Gefühl. Ich will es nicht spüren.‘ „Wenn ich es nicht tat, war er zärtlich. Er hat mich doch geliebt.“

 

Ziva streckte die Hand aus und hielt ihr Handgelenk fest. Sie hörte auf sich zu kratzen. Beruhigend strich sie mit dem Daumen über ihre Haut. „Man kann die Berührungen noch lange danach spüren. Doch irgendwann verblasst das Gefühl.“

 

Nora lachte auf. In ihren Augen blitzte nicht nur der Hass, sondern auch Traurigkeit und tiefste Verzweiflung auf. „Hört es irgendwann auf? Geht es wieder weg?“

 

Die Agentin senkte den Blick. „Ich weiß es nicht“, wisperte sie. „Aber ich hoffe es, und es gibt Momente, da bin ich überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Aber man darf sich nicht unterkriegen lassen, es ist ein harter Kampf.“

 

„Das ist eine ehrliche Antwort.“ Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen. „Danke.“

 

Dr. Griffin betrat das Zimmer und verzog entrüstet das Gesicht. Er hatte schon vermutet, dass sich die Agentin nicht an seine Vorgaben halten würde, und ein wenig wütend war er schon. Allerdings verwunderte es ihn auch, dass Nora plötzlich so frei redete. Ihre Haltung hatte sich verändert. Ihr Blick war klar.

 

Ziva lehnte ihren Kopf gegen die Wand, atmete tief durch und versuchte die eigenen Gefühle zu verdrängen. Währenddessen öffnete der Arzt die Wasserflasche und füllte die Gläser. Eines reichte er Ziva, die dankend den Kopf schüttelte. Sie setzte sich wieder auf. „Machen wir weiter.“

 

*****

 

„Mein Kollege hat eine Aufnahme einer Überwachungskamera, die zeigt, wie Jennifer zu Peter ins Auto steigt. Sie schien freiwillig mitzugehen.“ Ziva bemerkte wie Nora sich wieder ein Stück weit zurückzog und ihre Körperspannung verkrampfte. „Aber sie hat die Hütte nicht mehr lebend verlassen.“ Die Agentin blickte zu Dr. Griffin. „Laut unserem Pathologen hat sie ähnliche, beinahe noch schlimmere Verletzungen davongetragen wie Nora. Sie muss geschrien haben vor Schmerzen.“

 

Durch Noras Körper ging ein Ruck und wie, als hätte jemand plötzlich zu laute Musik angemacht, riss sie die Hände hoch und presste sie auf ihre Ohren. ‚Sie beginnt zu kreischen, nur sind ihre Schreie keine richtigen Schreie. Ihr Mund ist voller Blut. Die Laute die sie hervorbringt, verebben in einem gurgelnden Geräusch.‘ Ihre Augenlider tanzten, ihr Atem ging ruhelos. Ihren Rücken presste sie gegen die Wand und ihren Kopf schlug sie immer wieder zurück.

 

Sofort war Dr. Griffin an ihrer Seite, versuchte beruhigend auf sie einzureden, doch alles was er tat, um sie davon abzuhalten, ihren Kopf gegen die Wand zu schlagen, sah wie nutzlose Versuche aus, jemanden zu retten, der nicht gerettet werden wollte.

 

Ziva war aufgestanden, sah mit leichter Panik von der Patientin zu dem Spiegel und wieder zurück, hoffte auf ein Zeichen ihres Teamleiters, die Befragung abzubrechen und beobachtete wenige Augenblicke später, wie der Arzt es langsam schaffte, Nora zu beruhigen. Mit einem Schlag hatte sie sich wieder im Griff, öffnete ihre Augen und sah Dr. Griffin an.

 

„Ich habe sie umgebracht.“ Ihre Stimme war schrill und unnatürlich. „Sie hat ihn angefleht, sie endlich zu erlösen. Aber er hat es nicht getan. Er war zu feige.“ Inzwischen schrie sie die Worte. „Er hat ihr weh getan, aber er hat es nicht geschafft, es zu beenden.“ Sie griff nach dem Wasserglas und leerte es in einem Zug. Es war absolut leise. „Er …“ Sie ließ das Glas auf den Boden fallen und das Klirren durchbrach die Stille.

 

„Er hat dir das Messer gegeben, damit du es tun kannst.“

 

„Sie hat mich angefleht, es zu tun.“ Sie nickte und ihre Augen wurden kalt. „Und ich habe es getan. Ich habe sie getötet. Danach war es endlich wieder still. Endlich hörten die Schreie auf. Und Peter wurde wieder ruhiger.“ Nora würgte und krümmte sich zusammen. Während Dr. Griffin ihr den Papierkorb entgegenhielt, versuchte sie immer wieder verzweifelt tiefe Atemzüge zu nehmen. ‚Ich spüre wie das Blut auf meiner Haut langsam trocknet, nehme den leicht metallischen Geruch wahr, der flaue Übelkeit in mir hervorruft. Es ist still, nur das Geräusch meines Atems und mein Herzschlag sind zu hören. Ich drehe meinen Kopf und sehe ihre rot unterlaufenen Augen, die an die Decke stieren. Ich berühre ihre Schulter. Ihre Haut ist kalt. Sie liegt neben mir, tot und steif. Ich versuche zu schreien, doch kein Laut entrinnt meiner Kehle.‘ „Ich bin eine Mörderin“, krächzte sie und stieß Dr. Griffin unsanft zur Seite. Sie stand auf. Die Glasscherben auf dem Boden knirschten, doch blieben von ihr unbeachtet. Sie ging zu ihrem Bett und legte sich, den Blick von ihnen abgewandt, auf die Matratze. Immer wieder murmelte sie dabei die Worte „Es ist okay“. ‚Ich sehe sie. Von weitem. Ihre leeren Augen starren mich vorwurfsvoll an, durchdringen mich. Ich habe sie umgebracht. ‚Es ist okay‘, hallt ihre Stimme in meinem Kopf. ‚Es ist okay.‘ Immer und immer wieder die gleichen Worte. ‚Es ist okay.‘ Nichts ist okay!‘ Nora rollte sich zusammen, wie ein kleines Kind, das verzweifelt versuchte, den aufwühlenden Kummer zu vergessen.

 

„Bitte Agent David.“ Dr. Griffin stellte den Eimer zu Boden und sah mit einem strengen Blick in den Spiegel und danach wieder zu der Agentin. „Nora braucht eine Pause. Bitte gehen Sie jetzt.“

 

Ziva nickte dem Arzt zu und ging zur Tür. Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich noch einmal um und blickte zurück auf das Bett. Nora weinte und Ziva wusste, dass die Tränen nötig waren, um das Geschehene zu verarbeiten. In ein paar Stunden würde sie wiederkommen, mit ihr über die Flucht sprechen, feststellen, dass sie in Notwehr und unter großer psychischer Not gehandelt hatte, ihr sagen, dass sie keine Mörderin im eigentlichen Sinne war. Doch die Erinnerungen würde sie ihr niemals nehmen können.

 

*****

 

Dr. Griffin folgte Ziva nach draußen, wies eine Pflegerin an, die Scherben sofort zu beseitigen und betrat den Überwachungsbereich, in dem der Teamleiter gegen die Wand gelehnt, noch immer auf das Bett sah. Ziva warf ihrem Boss einen finsteren Blick zu, bevor sie nach ihrer Jacke griff und wortlos den Raum verließ.

 

„Wann denken Sie können wir mit der Befragung fortfahren?“ Während sein Blick Ziva folgte, wandte er seine Worte an den Arzt.

 

„Drängen Sie Nora nicht.“ Der Arzt fuhr sich durch die Haare. „Es ist mir ein Rätsel, wie Ihre Agentin sie zum reden gebracht hat, aber wir sollten sie nicht überfordern. Was wollen Sie eigentlich noch von ihr? Sie hat doch gestanden. Sie fühlt sich schuldig. Sie betitelt sich selbst sogar als Mörderin.“

 

„Ist sie es denn nicht?“, murmelte Gibbs und lachte leise auf.

 

„In meinen Augen ist sie zweifelsfrei das Opfer.“ Die Stimme des Arztes schien vollkommen überzeugt. „Er hat sie zu diesen grauenvollen Taten gezwungen. Soll sie jetzt weiter leiden?“

„Sie hat Jennifer mit einem gezielten Stich ins Herz getötet. Danach gelang ihr die Flucht. Peter holte sie ein und dann tötete sie ihn mit 16 Messerstichen, ihren eigenen Bruder. Was glauben Sie, wie wird die Jury bei diesem Sachverhalt entscheiden. Sie ist die Überlebende, sie ist die Person, die zugestochen hat. Ihre Fingerabdrücke sind auf der Tatwaffe. Seine nicht. Punkt. Wir müssen alles wissen, bis ins kleinste Detail. Wir müssen jede Faser, jedes winzige Staubkorn, das zu ihrer Geschichte passt, finden, um sie zu entlasten und ihre Geschichte glaubhaft darstellen zu können. Nur wenn die Geschworenen von der Wahrheit ihrer Geschichte überzeugt sind, hat Nora eine Chance davon zu kommen. Glauben Sie mir, ich würde ihr gerne Zeit geben sich zu erholen, aber wir haben keine Zeit. Keine Sekunde dürfen wir ungetan verstreichen lassen.“

 

*****

 

Es war wie eine akribisch nachgestellte Szene in einem Horrorfilm. Abby ließ kein Detail aus. Jede einzelne Blutspur, jeder Fingerabdruck, Haare, kleinste Hautschuppen, die sie sicherstellen konnten, zierten den inzwischen großzügig ausgeweiteten Bereich der Aservatenkammer. Neben den Laborwerten hingen Fotos, neben den Fotos hingen weitere Beweismittel und kleine durchnummerierte Hütchen markierten die Fundstellen. Am Rand stapelten sich dagegen Caf!Pow-Becher in berauschenden Mengen.

 

Doch sie kam nicht weiter. So sehr sie sich auch in die Beweise hineinsteigerte und versuchte, irgendwelche logischen Schlüsse zu ziehen, sie kam immer wieder zum gleichen Schluss. Nämlich das sie nichts hatte. Außer die Darlegung einer Szene, die sie noch nicht einmal ihrem größten Feind wünschen würde.

 

„Abby?“ Die Stimme von Jimmy Palmer riss sie aus ihren Gedanken. „Abs? Wo bist du?“

 

„Ich bin hier hinten, hinter der Küchenzeile rechts. Du musst unter der Wäscheleine mit den Laborwerten durchtauchen, unter dem Sofa durchkriechen und über die Kisten mit dem Geschirr klettern.“ Ein kurzes Lächeln huschte über das Gesicht der Kriminaltechnikerin, als ihr das Chaos, in dem sie seit Stunden umher irrte, bewusst wurde. Geordnetes Chaos, verbesserte sie sich in Gedanken.

 

Das Stöhnen des Pathologieassistenten ließ sie ein weiteres Mal schmunzeln. „Was kann ich für dich tun, Timmy?“

 

„Für mich nix“, stöhnte der tapfere Kletterer und blieb abrupt auf der Kiste stehen. „Wow, hier sieht es richtig unheimlich aus.“ Dann zuckte er kurz mit den Schultern und schenkte Abby sein unwiderstehliches, übertrieben amüsantes Lächeln. „Ducky will dich sprechen. Hurtig!“ Er kniff die Augen zusammen. „Seine Worte, nicht meine“, murmelte er zum Abschluss und streckte Abby die Hand entgegen. „Darf ich dir rüber helfen?“

 

Abby lachte auf. „Danke Timmy, ich nehme lieber die Abkürzung.“ Und noch bevor Timmy antworten konnte, schob sie die Pinnwand, vor der sie stand, zur Seite und war in wenigen Sekunden am Fahrstuhl. „Kommst du?“

 

Auf dem Weg in die Pathologie sprach Jimmy kein Wort mit ihr. Nur hin und wieder knurrte er leise und schüttelte ungehalten den Kopf.

 

Als die beiden nach schweigsamen Minuten in den heiligen Hallen ankamen, hatten sich bereits Gibbs und Tony zu Ducky gesellt und lauschten ihm, mehr oder weniger erfreut, bei einem Vortrag über sichtbare und weniger sichtbare Tatvorgänge und Duckys Erfahrungen bezüglich der Thematik im Jahre 1989. Mit dem Öffnen der Automatiktür verstummte der Pathologe und hob den Zeigefinger. „Ah, da bist du ja, meine Teuerste.“

 

„Was kann ich für dich tun, Ducky?“

 

„Eine ganze Menge, hoffe ich. Ich bin soeben mit Mr. Palmer erneut Jennifers Autopsie durchgegangen und dabei auf eine Tatsache gestoßen, dessen ich bisher leider keine allzu große Bedeutung beigemessen habe.“ Er nahm einen tiefen Atemzug. „Allerdings hat mich Mr. Palmer auf etwas aufmerksam gemacht.“ Er nahm ein kleines Gläschen vom Schreibtisch und hielt es Abby entgegen. „Wärst du so nett und würdest diese Faser deinem Mr. Massenspektrometer zuführen?“

 

Gibbs nickte und wandte sich an Tony. „Fahr zu Ziva in die Klinik, informier sie über die neuesten Erkenntnisse. Noras Aussage muss unbedingt mit Duckys Vermutung übereinstimmen. Lasst dieses Krankenzimmer Video überwachen oder schneidet ihre Worte mit. Ganz egal. Hauptsache wir haben später eine passende Aussage, die Nora entlasten wird.“

 

*****

 

Ziva lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und beobachtete seit geraumer Zeit Noras unruhigen Schlaf. Hin und wieder murmelte sie unverständliches Zeug, ihre Hände verkrampften kurz oder sie wälzte sich im Bett. Doch als sie plötzlich und unerwartet die Augen aufriss, zuckte Ziva erschrocken zusammen und hätte beinahe den Becher mit Tee in ihrer Hand fallen gelassen.

 

Nora setzte sich auf und fuhr sich über die schweißnasse Stirn. Ihr Gesicht war blass und ihre Augen huschten durch das Zimmer, so als wolle sie sich vergewissern, dass sich niemand sonst im Raum befand. Wie ein Kind, das aus einem Albtraum erwachte.

 

„Wir sind allein“, bestätigte Ziva und trat einen Schritt auf Nora zu. „Dr. Griffin musste zu einem anderen Patienten. Er meint, wir kommen alleine zurecht.“

 

Nora nickte. Sie schob die sterile weiße Decke zur Seite und rutschte im Bett so weit nach hinten, um sich mit dem Rücken anlehnen zu können. Ziva setzte sich unterdessen an das andere Ende.

 

„Ich weiß es ist schwer, aber wir müssen nochmals über Jennifer sprechen.“ Ziva sah die Patientin direkt an. „Es ist wichtig, dass wir jedes Detail kennen. Was hat sie zu dir gesagt, was hat Peter gesagt? Wo stand er?“

 

„Ich konnte sie nicht verstehen“, flüsterte Nora leise, presste dann die Lippen zusammen und hielt sich für einen Moment die Ohren zu. Tränen liefen über ihre Wangen. „Sie schreit vor Schmerzen…“, presste sie schließlich hervor. „… und dabei fließt Blut aus ihrem Mund.“

 

Ziva warf einen Blick über ihre Schulter und sah in die Scheibe. Dahinter wusste sie Tony, der mit einer Kamera jedes Wort und jede noch so unbewusste Geste festhielt. Die Agentin atmete tief durch und ließ Nora Zeit, weiter zu sprechen.

 

„Ihre Augen.“ Nora erschauerte. „Sie sieht mich immer wieder an. Und sie schreit. Sie hört einfach nicht auf zu schreien.“

 

„Wo war Jennifer? Und wo warst du?“, versuchte Ziva die Emotionen abzuflachen. Häufig wurden die Zeugenaussagen verständlicher, wenn man nach klaren einfachen Fakten fragte. Ob es allerdings auch bei Nora funktionierte, wusste sie nicht einzuschätzen.

 

„Sie liegt auf dem Boden.“ Ihre Hände zittern. „Vor der Küchenzeile. Das Schreien macht ihn wütend.“

 

„Und du?“ Ziva griff nach ihrer Hand. „Wo warst du?“

 

„Ich sitze auf dem Sofa.“ Nora wirkte abwesend. Das Zittern ihrer Hände hatte nun auch ihren restlichen Körper wieder in Besitz genommen. Ihr Atem war unruhig, beinahe panisch. Erinnerungen schienen sie zu übermannen und sie schlug mit dem Hinterkopf gegen die Wand, dann entzog sie Ziva die Hand.

 

„Wo ist er?“

 

„Bei mir.“ Seine Lippen wandern über meinen Körper. Seine Sanftheit vermischt sich mit den Schmerzen meines Körpers, ein unerträgliches Gefühl. „Er sitzt neben mir.“, stieß sie hervor und riss die Augen auf. „Er …“ Ihre Worte brachen ab. Ich spüre die raue Haut seiner Finger, sie hinterlässt eine heiße Spur auf meinem Körper. Schon wieder. Er zerrt mich auf das Sofa. ‘Ich liebe dich‘. Er lacht. Nora lachte, ein verzweifeltes hysterisches Lachen, das genauso abrupt wie es auftauchte auch wieder verebbte. „Aber Jennifer schreit immer noch. Das macht ihn wütend“, sagte sie mit bitterer Stimme.

 

„Sie soll still sein?“

 

„Sie hat Schmerzen.“ Nora schüttelte den Kopf. Unaufhaltsam rannen die Tränen über ihr Gesicht. „Er will, dass ich dafür Sorge, dass sie still ist. Er gibt mir das Messer, zerrt mich zu ihr.“

 

„Stichst du zu?“

 

„Nein, er tut ihr weh. Er will dass sie ruhig ist. Er drückt die Decke auf ihr Gesicht. Sie kriegt keine Luft mehr. Ihre Augen flehen mich an. Ich will dass es aufhört.“

 

„Stichst du zu?“

 

„Ich schließe die Augen.“ Nora blickte zu ihr auf. Ihre Augen waren leer. Ihre Stimme war ein Flüstern. „Und dann steche ich zu.“

 

*****

 

Nur wenige Minuten später hatte Abby das Videomaterial der Befragung vorliegen. Ein ungewohntes Bild prägte ihr Labor. Statt der Agenten, hatten sich heute Ducky und Jimmy bei ihr eingefunden und sahen gespannt über ihre Schulter.

 

„Du hattest recht“, quietschte Abby auf und fiel dem Pathologen stürmisch um den Hals, als sie sich das Ende des Videos angesehen hatte. „Nora beschreibt, wie Blut aus Jennifers Mund läuft.“

 

Ducky nickte. „Aufgrund der inneren Blutungen. Sie hatte Magenblutungen, die sich durch die Speiseröhre nach oben drückten. Es ist also durchaus möglich, dass der Stich nicht die Todesursache war.“

 

„Beweisen kann man es nicht“, murrte Jimmy und fing sich einen bösen Blick von Abby ein. „Aber auch nicht ausschließen“, ergänzte er schnell.

 

„Sie könnte an den inneren Blutungen gestorben sein, ja, aber es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die wir ebenfalls nicht ausschließen können.“ Ein Lächeln huschte über Abbys Gesicht, sie klickte auf ihre Tastatur und die Auswertungen ihres Massenspektrometers wurden sichtbar. Die Kriminaltechnikerin blickte für einen winzigen Augenblick zur Tür. „Eine weitere Möglichkeit“, wiederholte sie etwas lauter.

 

„Welche?“ Gibbs tauchte auf und verdrängte Jimmy Palmer von dessen bisherigem Platz. Respektvoll trat dieser zur Seite und blickte zwischen Abby und dem Chefermittler verdutzt hin und her.

 

„Aspiration.“ Ducky, der sich über Gibbs Auftauchen weitaus weniger wunderte, wie sein unerfahrener Assistent, räusperte sich. Und erst als Gibbs ihm einen mürrischen Blick zuwarf, der reines Unverständnis widerspiegelte, sprach der Pathologe weiter. „Wir haben Blut und Speichelreste in Jennifers Lungen gefunden. Außerdem Fasern, die Abby der Decke zuordnen kann, die Peter Kiley der Toten auf den Mund presste, damit sie still ist. Es ist also durchaus möglich, dass sie daran erstickt ist, in dem die Flüssigkeit in ihre Luftröhre floss und sie keine Möglichkeit hatte, abzuhusten. Sie konnte nicht mehr atmen. Sehr qualvoll. Diese Tatsache würde aber auch erklären, wieso es beim Stich ins Herz zu dieser durchaus geringen Blutmenge kam. Zunächst dachte ich, das wäre aufgrund ihrer inneren Blutungen der Fall gewesen, doch diese Alternative hier halte ich für sehr viel wahrscheinlicher.“

 

„Wir haben also drei Todesursachen?“, murrte Gibbs. „Das wird ja immer besser.“

 

„Ja, Jethro, ich gebe es auch ungern zu. Aber ich kann nicht bestimmen, was den Tot letztlich herbeigeführt hat. Vielleicht war Jennifer schon tot, bevor Nora zugestochen hat.“

 

„Aber wenn sie erstickt ist, gibt es dann nicht äußere Merkmale? Einblutungen oder ähnliches?“

 

„Du meinst Einblutungen in den Augenlidern, hinter den Ohren oder an den Lippeninnenseiten.“ Ducky schob seine Brille zurecht. „Typische Merkmale. Aber diese treten nur auf, wenn das Opfer entweder erdrosselt oder erwürgt wurde. Oder der Tod durch Erhängen herbeigeführt wurde. Diese äußerlichen Zeichen werden durch Stauung der Halsgefäße verursacht, nicht aber durch den Mangel an Sauerstoff. Was wir nachweisen können, ist die Tatsache, dass nicht nur Flüssigkeit in ihren Lungen war, sondern auch, durch Fremdeinwirkung, Fasern in ihre Atemwege gelangt sind.“

 

*****

 

Ziva gönnte Nora eine Pause. Sie stand auf und ging ans Fenster. Die Aussicht war schön; während man am Horizont die Hochhäuser der Stadt sah, blickte man nach unten in einen kleinen Park. Das satte Grün stand im Kontrast zu dem tristen Grau der Stadt, das in einem traumhaften Blau des Himmels verschwand. So war das Leben, ein Wechsel zwischen schwarz und weiß. Es gab zweifelsfrei schöne Momente, aber auch Augenblicke, die man für immer vergessen wollte. Nora hatte ihr von den tragischen Momenten nach Jennifers Tod erzählt. Von den toten Augen, die sie im Schlaf noch immer vor sich sah, von Peters Berührungen, die sie noch immer fühlte und ebenso verabscheute, wie die nicht enden wollenden Liebesbeteuerungen ihres Bruders. Von der Sehnsucht, dem Drama zu entfliehen. Der Sehnsucht nach dem eigenen Tod. Wann erreichte man diesen Wendepunkt im Leben? Die Grenze, nicht weiter kämpfen zu wollen und sich selbst aufzugeben? Wann kam der Wunsch in einem auf, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen? Ziva riss sich aus ihren Gedanken und drehte sich zu Nora, die sich inzwischen wieder etwas beruhigt hatte, doch noch immer blass und zitternd am Ende des Bettes saß, um. In der Hand hielt sie ein Foto ihres Bruders. Nora hatte nicht aufgegeben. Im Gegenteil. Es war ihr gelungen zu fliehen. Und als sie Gefahr lief, erneut in seine Fänge zu geraten, hatte sie sich gewehrt. Doch zu welchem Preis?

 

*****

 

Sie hatte oft von ihm geträumt. Sie sah ihn als Kind neben sich stehen, als Junge der dem kleinen Mädchen über den Kopf streichelte. Sie sah ihn als Mann, der sie berührte, mit einer Sanftheit, die sie nur von wenigen Männern kannte, die sich dennoch falsch anfühlte. Sie sah sein Gesicht, das vor ihr verschwamm oder sich zu einer gehässigen Fratze verzog, die Berührungen wandelten sich in Schmerz. Meist schreckte sie dann schweißgebadet aus dem Schlaf auf. Doch heute Nacht war der Traum anders gewesen. Sie sah zum ersten Mal, wie Peter sie grob an den Haaren festhielt und sie mit weit aufgerissenen Augen ansah. Angst und Panik pulsierte in ihren Adern. Und sie sah zum ersten Mal, wie sie auf ihn einstach.

Dr. Griffin hatte sie darauf vorbereitet, ihr erklärt, dass die Erinnerungen irgendwann zurückkehren würden. Die letzten Wochen hatte sie Atemtechniken erlernt, um der pulsierenden Panik entgegenwirken zu können. In unzähligen Gesprächen mit dem Psychologen war sie gut vorangekommen, war dabei, das Erlebte aufzuarbeiten. Sie vertraute dem Mann voll und ganz. Nachdem der Staat Anklage wegen zweifachen Mordes gegen sie erhoben hatte, stand er ihr treu zur Seite. Er hätte sie auch einfach fallen lassen können. Doch er besuchte sie alle zwei Tage im Gefängnis und therapierte sie so gut es eben ging, hinter geschlossenen Mauern. Nora sehnte sich nach Freiheit. Doch nach der gestrigen Eröffnungsrede der Staatsanwaltschaft verlor sie immer mehr den Mut. Die Blicke der Geschworenen wirkten versteinert, der Richter verbissen. Ihr Anwalt saß neben ihr, seelenruhig und lauschte den Anschuldigungen. Dann plädierte er auf Unzurechnungsfähigkeit, stellte sie als Opfer da und mit jedem Wort, das er sprach, spürte sie, wie das Blut in ihren Adern gefror.

 

*****

 

Dr. Griffin saß in einem kleinen Cafe am Rande der Stadt, ihm gegenüber Noras Anwalt. Die Verlesung der Anklage lag bereits zwei Wochen zurück. Der Arzt blickte aus dem Fenster und beobachtete die vorbeifahrenden Autos.

 

„Wie geht es ihr?“, fragte Mr. McAllister. „Hält sie die Verhandlung durch?“

 

Der Arzt blickte auf und fuhr sich durch die Haare. „Machen wir uns nichts vor. Die Beweisaufnahme und die Zeugenaussagen, werden sie mitnehmen. Ich hoffe, sie hält durch. Sicher bin ich mir aber nicht.“

 

„Sie ist bestens vorbereitet. Mehr kann ich nicht für sie tun.“ Seufzend ließ sich der Anwalt in den Sessel sinken. Der Fall stand auf der Kippe. Noch nie war die Kluft zwischen Verurteilung und Freispruch so nah beieinander gelegen. Sein Abschlussplädoyer war ausgearbeitet, bis ins allerkleinste Detail. Sie konnten nur hoffen, dass die Geschworenen sich in Nora einfühlen würden und ihre seelische Zerrissenheit, das psychische Trauma, akzeptierten.

 

„Wie sieht es mit dem NCIS-Team aus?“

 

„Vorbereitet.“ Der Anwalt nickte. „Und es ist von großem Vorteil, dass die Bundesagenten sie nicht für eine Mörderin halten. Ich hoffe, diese Einstellung färbt auf die Geschworenen ab.“

 

„Ist Dr. Mallard weitergekommen, was die Todesursache von Jennifer angeht?“ Er nahm die Tasse und trank einen großen Schluck Kaffee.

 

„Nein. Nach wie vor kann er keine sichere Todesursache nennen. Er favorisiert allerdings die Erstickung, weil die Blutmenge sehr gering war und bereits Blut, Speichel und Fasern der Decke in Jennifers Luftröhre nachweisbar sind.“

 

„Bei ihm mache ich mir keine Sorgen im Zeugenstand. Er kommt sicherlich gut bei den Geschworenen an.“ Ein kurzes Lächeln huschte über Dr. Griffins Gesicht. „Hoffentlich ist das auch bei Miss Sciuto so.“

 

„Diese Frau ist der Wahnsinn. Sie konnte anhand winziger Spuren den Tathergang rekonstruieren. Die letzten Wochen war sie damit beschäftigt, die ärztlichen Unterlagen zu durchforsten, um zu beweisen, dass Nora, nachdem sie durch den Wald gelaufen ist, erneut geschlagen wurde. Ziemlich brutal sogar. Der Typ hat sie blutig geschlagen.“

 

„Und dann komm ich ins Spiel?“ Der Arzt stellte seine Tasse wieder ab und wartete auf ein Reaktion des Anwalts.

 

„Ja. Noras psychischer Zustand nach der Einlieferung wird von besonderer Bedeutung sein. Es ist gut, dass wir ihre Gespräche aufgezeichnet haben, um dem Gericht zeigen zu können, dass unsere Beweiskette sich mit der noch absolut unbeeinflussten Aussage von Nora deckt.“

 

*****

 

Es war der dritte Tag der Verhandlung. Nora saß in der Anklagebank wie ein Häufchen Elend. In den vergangen Tagen war sie ein weiteres Mal durch die Hölle gegangen. Sie hatte den einzelnen Sachverständigen gelauscht.

Sie hörte das Stimmengewirr um sich herum, doch mit ihren Gedanken driftete sie immer wieder ab. Sie versuchte, ruhig zu atmen und das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle zu halten. An ihre eigene Aussage am Vortag konnte sie sich bereits nicht mehr erinnern. Der Nebel, der sich in den vergangen Wochen gelichtet hatte, zog sich wieder zusammen. Am Abend hatte Dr. Griffin ihr Tabletten gegeben, damit es ihr leichter fiel durchzuhalten. Widerwillig war sie seiner Empfehlung gefolgt.

Es war das erste Mal an diesem Tag, dass Nora den Kopf hob. Ihr Anwalt war aufgestanden und begann mit seinem Abschlussplädoyer.

 

Mr. McAllister stand vor den Geschworenen. „Ich wünschte, ich könnte ihnen sagen, was genau an diesen Tagen vorgefallen ist. Ich wünschte, es gäbe Aufzeichnungen, Videos, Fotos oder gar Zeugen. Aber ich kann es nicht. Ich kann es nicht, weil ich nicht dabei gewesen war, genauso wenig wie sie. Alles worauf ich mich stützen kann, sind die Unschuldsbeteuerungen meiner Mandantin und die Gutachten angesehener Sachverständiger. In meinen Augen eine Beweiskette der Unschuld.“

 

Er drehte sich kurz zu Nora um, sah sie an, wandte sich dann wieder an die Menschen, die aufgereiht auf einer Holzbank saßen und ihn kritisch musterten. „Nur eine einzige Person war tatsächlich dabei. Nora Kiley. Die Angeklagte, das Opfer, die Täterin? Nora, die verzweifelt versucht, sich an Einzelheiten zu erinnern. Haben Sie ihr ins Gesicht gesehen?“ Er machte eine Pause, ließ den Geschworenen Zeit, Nora anzusehen. „Obwohl die Erinnerungen schmerzhaft für sie sind, sitzt sie hier. Sie ist bereit, uns das mitzuteilen, was sie uns mitteilen kann. Sie hat, von Schuld- und Schamgefühl gequält, über die Misshandlungen durch ihren Bruder gesprochen und uns einen Einblick in das grausame Geschehen gegeben.“

 

Eine Frau hustete. Mr. McAllister wartete, bis es mucksmäuschenstill war. „Um Nora des Mordes an Jennifer Mayer zu verurteilen, wäre es nötig, zu beweisen, dass das Opfer auch tatsächlich an dem Messerstich starb. Aber war sie nicht bereits tot?“ Er ging vor der Geschworenenbank auf und ab. Abrupt blieb er stehen und erhob seine Stimme. „Jennifer schrie vor Schmerzen, stundenlang, und letztlich forderte Peter sein Schwester auf, zuzustechen. Endlich für Ruhe zu sorgen! In welcher psychischen Verfassung war die Angeklagte zu diesem Zeitpunkt? Nachdem sie tagelang festgehalten, sie von ihrem eigenen Bruder mehrfach geschlagen und vergewaltigt wurde, sie nicht nur die eigenen Qualen, sondern auch die Schreie und das Wimmern von Jennifer ertragen musste? Ist man dann noch fähig, bewusste Entscheidungen zu treffen?“

 

Der Anwalt hielt inne. Ließ seinen Blick über die Menschen schweifen, sah jedem Geschworenen in die Augen. „Peter Kileys Tod.“ Er hob den Zeigefinger und deutete in die Ecke der Staatsanwaltschaft. „Es ist die Aufgabe der Anklage, Ihnen zu beweisen, dass Nora bewusst gehandelt hat.“ Er drehte sich wieder zu den Geschworen und deutete mit dem Finger auf sich selbst. „Meine Aufgabe ist es, Ihnen vor Augen zu führen, dass es außer ‚Mord‘ an Peter Kiley noch einen anderen triftigen Grund geben könnte, nämlich ‚Notwehr‘. Nora konnte sich befreien, sie lief durch den Wald, er hat sie verfolgt, eingeholt, sie brutal geschlagen und dann hat sie zugestochen. Die Angst, die Panik, die Wut, alles drängte an die Oberfläche und sie stach nicht einmal zu, nicht zweimal, nein, sie stach genau 16 Mal zu. Welche Grausamkeiten müssen Nora zugefügt worden sein, dass sie so handelte?“ Er wies auf die Wand, an der Beweise aufgehängt waren. „Sehen Sie sich die Fotos der Notaufnahme ganz genau an. Fühlen Sie Noras Schmerzen. Ihr Körper war übersät mit Blutergüssen, Kratzern und Platzwunden, sie erlitt Rippenbrüche. Ist sie Täterin oder Opfer?“

 

Es war still. Die Anspannung im Saal war spürbar. Die Menschen hielten den Atem an, aus Angst wichtige Worte zu verpassen. Mr. McAllister nickte langsam. „Ja. Nora schwieg. Tagelang. Aber nicht um etwas zu verheimlichen. Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich frage sie: Wenn das Geschehene nicht in Worte zu fassen ist, wie kann man seinem Gegenüber dann vermitteln, was in der Vergangenheit geschah? Richtig. Der letzte Ausweg ist das Schweigen. Und mit der zehrenden Stille das unabkömmliche Vertrauen in andere Menschen, die gewillt sind zu helfen. Man kann nur hoffen, dass jemand die Zeichen deutet, die Spuren einwandfrei auswertet und am Ende daraus die richtigen Schlüsse zieht. Nur dann gibt es Hoffnung und die Aussicht, aus dem Sog des Schweigens zu entkommen und sich der Welt, die grausam und unerbittlich schmerzvollen Narben auf die Seele des Menschen säte, wieder zu öffnen.“

 

Er trat ganz dicht an die Geschworenen heran. „Wir haben die Zeichen gedeutet. Wir haben die Spuren ausgewertet. Jetzt sind Sie daran, die richtigen Schlüsse zu ziehen.“

 

*****

 

Nora setzte sich im Bett auf, ließ ihre Hände über das weiche Laken streichen. Die Sonne schien durch die Schlitze der Jalousien. Seit ihrem Freispruch wohnte sie wieder bei ihren Eltern. Sie war zur Ruhe gekommen. Nur nachts plagten sie die Erinnerungen. Sie träumte von ihm. Von seinem Gesicht, dass sich zur Fratze verzog. Sie hörte im Traum ihren eigenen Atem. ‚Ich irre durch den Mondschein. Ich trage ein Laken um die Schulter, kann mich aber nicht erinnern, woher ich es habe. Es ist blutgetränkt und an manchen Stellen bereits durch die getrocknete Flüssigkeit steif, aber es wärmt. Und ich friere. Ich ziehe es fester um mich.‘ Sie zog die Knie unter ihr Kinn und konzentrierte sich auf das regelmäßige Ein- und Ausatmen. Das bekannte Pochen im Kopf ließ nach. ‚Ich bemerke, dass ich das Häuschen umkreise, bereits das fünfte, vielleicht auch das sechste Mal. Vermutlich sollte ich besser davon laufen, solange er noch schläft. Aber irgendetwas hält mich fest.‘ War das der Moment gewesen, in dem sie den Entschluss gefasst hatte? Die Entscheidung traf? Nein, sie lief davon. ‚In den Pfützen spiegelt sich das Mondlicht. Die Kälte der sternenklaren Nacht lässt meinen Körper erbarmungslos zittern. Alles dreht sich und gleichzeitig scheint die Zeit still zu stehen. Ich laufe durch den Wald, hetze durch dunkle Hecken. Die Äste und Dornen der Sträucher hinterlassen tiefe Kratzer in meinem Fleisch, doch der Schmerz dringt nicht in mein Bewusstsein, ich spüre ihn nicht. Ich fühle nichts. Atemlos renne ich weiter, mein Herzschlag dröhnt in meinem Kopf. Ich höre ihn rufen, höre, wie er dicht hinter mir schreit. Nur noch wenige Meter entfernt.‘ Nora spürte, wie ihr Herz klopfte, wie kalter Schweiß über ihren Rücken rann, als die Erinnerung zurückkehrte. ‚Ich sitze auf einem Felsblock und weine. Zu lange schon. Mein Körper schmerzt, er friert. Mein Unterleib brennt. Andere hat er umgebracht. Mich nicht. ‚Ich liebe dich‘. Meine Finger umgreifen krampfend das Messer. Lichtkegel stürzen über die Dunkelheit. Ich werfe mich in die Büsche. Ein Ast ritzt mir die Wange auf. Meine Haare fallen mir ins Gesicht, als ich auf alle viere sinke und davon robbe.‘ Nora sah sich selbst in den Büschen, wartend, lauernd, auf allen Vieren. Wie eine Raubkatze ausharrend. Er war dicht hinter ihr gewesen, suchte nach ihr und sie? Sie wartete. Wartete auf die Gelegenheit, aus ihrem Versteck zu springen. Sie sah sein Gesicht, das sich zu einer Fratze verzog, als sie zustach. Einmal, zweimal …