MUSCA DOMESTICA


 

 

„Ah, eine LEICHE.“ hallte der Schrei der kleinen Sarah durch den Gruppenraum der blauen Gruppe. Mit zitternder Lippe stand das rothaarige Mädchen an der breiten Fensterbank und riss die Kulleraugen weit auf, das Entsetzen spiegelte sich beinahe im Glas des Fensterscheibe.

 

Der Schrei des Mädchens ging allen anwesenden Kindern durch Mark und Bein. Und in rasender Geschwindigkeit bildete sich eine kleine Kindertraube um Sarah, die mit ihrem rechten Zeigefinger auf „ETWAS“ zeigte.

 

Auch Diggs war sofort vor Ort, schließlich hatte er die kleine Rothaarige schon sehr in sein Kinderherz geschlossen und sofort weckte der Schrei sein Beschützerinstinkt in ihm und er machte sich große Sorgen um sie. Er warf einen kurzen, flüchtigen Blick auf die „Leiche“ und zog Sarah dann vorsichtig am Ärmel ihres grünen Pullovers zur Seite.

„Du musst dir das nicht länger ansehen.“ flüstere er ihr leise ins Ohr und sah sie tröstend an. Sarah nickte nur kurz und rieb sich die feuchten Kulleraugen. „Geh rüber in deine Gruppe zum Spielen. Ich kümmer mich darum und komm dich später noch mal besuchen.“ Beruhigt sah er dem zierlichen Mädchen hinterher und als Sarah endgültig um die Ecke verschwand, machte er auf dem Absatz kehrt und warf sich zurück ins Getümmel.

 

Mit breiten Ellenbogen boxte Diggs sich zurück zum Tatort. Zufrieden stellte er fest, dass auch Milena, Taljah und sogar Tommy in erster Reihe standen und sich alles ganz genau ansahen. Auf seine Leute konnte er sich verlassen.

„Mia, Tali, wir brauchen eine Pinzette. Los.“ Die beiden Mädchen warfen sich einen kurzen Blick zu und drehten sich beinahe gleichzeitig um. Nachdem sie sich durch die schaulustigen Kinder gewühlt und endlich wieder Luft zum Atmen hatten, dreschte Mia los und prallte mit voller Wucht gegen Rocky, der soeben um die Ecke bog.

 

Dieser war gerade damit beschäftigt gewesen dem kleinen Jungen, der seit Wochen Taljah anhimmelte, eine seiner Krabbelgruppenerfahrungen zu erzählen. Der Zusammenprall mit der stürmischen Milena ließ ihn jedoch inne halten. Doch bevor er auch nur ansatzweise den Mund wieder aufmachen konnte, brabbelte Mia bereits los.

 

„Wir haben eine Leiche in der blauen Gruppe. Diggs ist schon vor Ort. Das solltest du dir unbedingt ansehen. Taljah und ich besorgen dir eine Pinzette.“

 

Rocky nickte wissend. Die Tatsache, dass sein Freund Diggs eine Pinzette anforderte, ließ die Vermutung aufkommen, dass es sich hierbei um eine ziemlich kleine Leiche handeln musste.

„Jonny, kannst du mir dieses Lupenglas aus der Experimentenkiste besorgen?“ Ein Strahlen ging durch das Gesicht des kleinen Jungen. „Na klar“ murmelte er und raste davon.

„Da hast du ja einen willigen Assistenten.“ grinste Taljah ihren älteren Freund an und dankte ihm innerlich, dass sie ihren Fan endlich mit jemandem teilen konnte.

 

Ihre Wege trennten sich, Jonny war auf der Suche nach dem Lupenglas, Rocky auf dem Weg zur Leiche und Mia und Taljah rannten in Richtung Personaltoilette. Vor wenigen Tagen hatte Sabby sich bei dem Versuch mit Anlauf über den morschen Holzbalken im Garten zu rutschen, einen riesigen Holzsplitter in die linke Pobacke gezogen und daher wusste Taljah, die ihr damals zur Hilfe geeilt war, wo im Kindergarten eine Pinzette aufbewahrt wurde. Taljah lächelte, als sie an die quietschende, umherhüpfende Sabby denken musste, die Miss Cumberland beinahe verzweifeln ließ. Es hatte sage und schreibe 10 Minuten gedauert, bis der Splitter draußen, die Wunde desinfiziert war und ein riesiges Pflaster mit Totenkopf auf dem Hintern des Mädchens klebte.

„Jiiipppiiieeee, wir haben einen neuen Auftrag“, katapultierte Mia ihre Freundin aus deren Gedanken und riss in ihrer Euphorie die Arme hoch.

„Psssstt, Mia!“, kam es von der kleinen Israeli und sie packte Milena an einen Arm um sie in eine ruhige Ecke zu ziehen. „Nicht so laut, oder willst du das alle es schon mitbekommen? Um die Pinzette zu holen, müssen wir uns unauffällig ins Bad der Erzieherinnen und an den Medizinschrank schleichen.“

Milena schlug sich in gespielter Untertänigkeit die Hand vor den Mund. „Upps, Tali das hab ich doch glatt vergessen“, dabei rollte sie genervt mit den Augen. „Musst du immer so kalt und berechnet sein? Wenn ich nicht laut und auffällig bin, dann ist das AUFFÄLLIG, Taljaaaaaaaah.“

Tali nahm eine ihrer wilden Locken und während sie damit spielte, überlegte sie kurz. Wahrscheinlich hatte Mia in dem Fall sogar recht. Eine ruhige Milena war einfach zu auffällig. „Okay“, kam es vorsichtig von ihr. „Ich gebe zu, du hast recht, aber sei trotzdem nicht ganz so laut. Und jetzt komm, wir müssen los, Diggs wartet.“

„Jiiipppiiieeee!“, rief Mia da zum zweiten Mal und warf ihrer Freundin mit hochgezogenen Augenbrauen und triumphierenden Grinsen, einen Blick zu.

„Boorrrrrhhhhh“, machte Tali und fuchtelte mit ihren Armen. „Mach doch was du willst, aber komm jetzt“, dann warf sie sich in einer Bewegung gekonnt ein paar Haarsträhnen über die Schulter und lief an Milena vorbei. Diese ließ sich nicht zweimal bitten und tollte hinter Taljah her.

An der Erwachsenen Toilette wurden sie wieder ganz das eingespielte Team, das sie waren. „Ich geh als erste rein. Du hältst Wache“, flüsterte die kleine Israeli Milena ins Ohr und war schon durch die Tür verschwunden, bevor Mia darauf irgendwas erwidern konnte.

„Na klasse, Tali , du hast immer den ganzen Spaß und ich muss mal wieder Wache stehen“, frustriert verschränkte sie die Arme vor der Brust, als plötzlich die Tür erneut aufging.

„Mia, ich brauch dich hier drinnen.“

Sofort machte sich Milenas schiefes DiNozzo Grinsen auf ihrem Gesicht breit. Sie warf noch einen vorsichtigen Blick über ihre Schulter und betrat dann das Bad.

„Was?“, fragte sie und Taljah deutete auf den Schrank. „Oh, der hängt aber hoch!“

„Ja, ich komm da nicht ran“, kam es von Tali und sie maß mit dem Auge ihre Freundin ab. Mia war ein Stückchen größer als sie, aber würde das reichen? „Versuch du es mal“, wisperte sie ihr zu.

Mia stellte sich auf die Zehenspitzen, aber auch sie schaffte es nicht an den Hängeschrank zu kommen. „Geht nicht! Und jetzt?“

Taljah spielte wieder mit einer ihrer Locken während sie ihre Freundin beobachtete. „Du musst mich auf deine Schultern nehmen. Zusammen sind wir groß genug.“

„Oh Gott, Tali, das ist doch nicht dein ernst, oder?“

„Oh doch ich denke schon. Ich würde zwar lieber drauf verzichten, aber das müsste passen. Los geh auf die Knie.“

Mia ließ sich auf ein Knie nieder, damit Taljah aufsitzen konnte. Beim Aufstehen fehlte es ihr aber an Kraft. „Oh Gott Tali, du bist viel zu schwer für mich“, stöhnte sie.

„Doch das schaffst du. Denk an was Schönes, dann klappt das schon.“

Milena seufzte einmal kurz auf, dann drückte sie sich in die Höhe und stöhnte dabei laut auf.

„Na klappt doch“, kam es von Tali. Eine Hand hatte sie in Mias Haare gewühlt um sich festzuhalten, die andere steckte sie nach dem Schrank aus.

„Wackle nicht so herum, du brichst mir den Rücken“, fauchte Mia zurück.

„Sei nicht immer so wehleidig.“

„Wir können ja gerne mal tauschen.“

„Komm noch zwei Schritte und wir haben es geschafft“, sagte die Israeli und endlich konnte sie den Hängeschrank öffnen.

„Ohhhh, mach schneller, ich krieg einen Krampf im Hals, ich krieg einen Krampf im Hals“, jammerte Mia.

Taljah reckte sich soweit sie konnte nach oben, dann hatte sie das Fach erreicht in dem die Pinzette lag. „Jeehhh, ich hab sie. Du kannst mich runter lassen“, sagte sie und hielt das Objekt der Begierde in der Hand.

„Das wird auch Zeit“, knurrte Mia und ließ sich wieder auf die Knie fallen, damit Taljah absteigen konnte, dann wischte sie sich die Schweißtropfen von der Stirn und legte sich eine Hand auf den Rücken. „Ich glaub du hast mir den Rücken gebrochen“, sagte sie mit einem begleitenden Stöhnen.

Tali drehte sich zu ihr um und kniff sie in den Oberschenkel.

„AUUUAAA“

„Tut das weh?“, fragte Tali belustigt.

„Mann Tali, was sollte das denn. Jetzt hab ich auch noch ein kaputtes Bein und muss humpeln wie mein Daddy“, kam es aufgebracht von Mia und sie rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht über ihren Oberschenkel.

„Na, wenn du das gespürt hast, dann kann dein Kreuz auch nicht gebrochen sein. Und jetzt komm, Diggs wartet“, und schon sprintete sie auf die Tür zu. Doch plötzlich fiel ihr etwas ein und sie blieb noch einmal stehen. „An was hast du vorhin eigentlich gedacht?“, fragte die kleine Israeli.

Mia grinste, während sie an Taljah vorbei ging und ihr die Pinzette aus der Hand nahm. „An das Lob von Diggs, wenn ich ihm die Pinzette bringe“, sagte sie und humpelte theatralisch durch die Tür.

 

Wenige Minuten später kamen die beiden Mädchen zum Tatort zurück. Die neugierige Meute war es inzwischen leid und die Kinder hatten sich wieder in die einzelnen Spielecken verzogen. Tommy hatte einen schrecklich konzentrierten Gesichtsausdruck und zeichnete gerade eine Skizze. Er hatte sich aus Pappe einen kleinen tragbaren Laptop gebastelt, auf dessen Unterseite er die Buchstaben des Alphabets gemalt und oben drauf einen Spiralblock befestigt hatte, auf dessen Blättern er nun die Umrisse der Leiche und den Abstand zum Fenster und zur Wand malte. Der Pappkarton war in den letzten Tagen zu seinem ständigen Begleiter geworden, seine Freunde und besonders Mia zogen ihn schon immer auf und nannten den Karton Papptop. Nur, wenn er mit Sabby in der Musikecke rumtobte, legte er das Ding zur Seite.

 

Rocky beugte sich unterdessen mit einer großen Lupe über die Leiche und zuckte im ersten Moment zurück, weil er mit der riesigen Vergrößerung nicht gerechnet hatte. Gekünstelt kratzte er sich am Kopf und warf einen Seitenblick zu DIggs.

„Äußerlich sind keine Verletzungen sichtbar. Sieht alles ganz Ganz aus.“ Er räusperte sich und nickte dankend Milena zu, die ihm soeben über die Schulter blickte, und nahm die Pinzette entgegen. Mia schenkte ihm ein kurzes Lächeln und blickte dann mit freudiger Erwartung zu Diggs. Doch dessen Mine blieb eisern und auf Mias Gesicht konnte man sofort die Enttäuschung sehen. Wenigsten ein kleines *gut gemacht* hätte sie sich gewünscht. Doch nur einen Bruchteil später galt ihre Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen an der Fensterbank. Vorsichtig nahm Rocky die Leiche zwischen die Spitzen und beförderte sie in das Lupenglas, welches Jonny, der gerade noch rechtzeitig angerannt kam, ihm mit roten Backen und stolzem Lächeln unter die Nase hielt.

„Sabby soll das Lexikon der Tiere aber vorsichtshalber durchblättern und nochmal mit Tommys Skizze und der Leiche vergleichen.“ murmelte Rocky. „Nicht das es so geht, wie letztes Jahr in der Krabbelgruppe, als man…“

 

„Ich bring die Leiche zu Sabby“ Tommy redete einfach dazwischen, klappte seinen Papptop zusammen und nahm das Lupenglas entgegen. Ein Blickkontakt mit Diggs genügte und schon eilte er aus der Gruppe.

„Mia“ Diggs ignorierte den verdutzten Rocky ebenfalls und stellte sich an die Seite des Mädchens. „Du befragst die Kinder, irgendjemand muss doch etwas gesehen haben.“ Mias Mundwinkel zeigten immer weiter nach unten. „Etwa alle?“ Sie zog die Stirn in Falten. „Und Taljah?“

„Tali beobachtet aus der Ferne.“ Diggs winkte Mia zu sich heran, damit er nur noch flüstern musste. „Vielleicht fällt ihr irgendwas auf, was du übersiehst.“

„Oh Diggs, das sind aber sehr viele“, flüsterte sie zurück.
„Ich weiß und es werden nicht weniger wenn du nicht bald anfängst“, sagte er und gab ihr im weggehen eine leichte Kopfnuss.
Milena rieb sich die schmerzende Stelle und zog einen Schmollmund, doch dann machte sie sich gehorsam auf den Weg zu den ersten Kindern.

„Hallo, mein Name ist Milena ich komm von der gelben Gruppe und ich hab mal eine Frage an dich.....“, Mia erschauerte innerlich und räusperte sich, es war immer und immer wieder derselbe Ablauf. Immer die gleiche Frage und gebracht hatte es bisher gar nichts. Überhaupt nichts. Niemand hatte etwas gesehen. Jetzt war sie mit der zweiten Gruppe durch, fehlte nur noch die rote Gruppe. Wieder räusperte sie sich. Das wurde immer schlimmer mit ihrer Stimme und es waren noch mal so viele Kinder. Leicht wütend sah sie sich nach Taljah um, denn immerhin sollte diese sie ja aus der Ferne beobachten, doch wo war sie? Sehen konnte sie sie jedenfalls nicht. Sie seufzte einmal tief, räusperte sich erneut und versuchte so ihre Stimme zur Mitarbeit zu überreden, dann machte sie sich auf den Weg zu der letzten Gruppe. „Hallo, mein Name ist Mia und ich komm von der gelben Gruppe, ich hab da mal eine Frage an dich.....“, sagte sie immer heiserer werdend.

Tommy und Tali saßen mittlerweile zusammen in der Spielecke und bequatschten die letzte Sesamstreet Sendung. „Hast du Bibo gesehen, oder die Geschichte wo sie gezeigt haben wie ein Computer zusammengebaut wird?“, fragte Tommy sie aufgeregt.
„Nein, wir mussten den Fernseher vorher ausmachen, weil meine Mom Besuch bekommen hat.“, kam es von Tali. Eigentlich mochte sie die Sendung auch gar nicht so gerne. Wo gab es denn sowas, sprechende Kuscheltiere? Aber Tommy zuliebe würde sie sich auch so einen Müll ansehen.
„Solltest du nicht Mia im Auge behalten?“, fragte der Kleine Taljah gerade.
„Och, die kommt auch ohne mich klar“, kam es von der Israeli.

Mia hatte endlich die letzten Kinder befragt und machte sich müde und heiser auf die Suche nach Tali. Da sah sie die Beiden zusammen in der Spielecke sitzen, raste auf sie zu und lies sich stöhnend auf einen freien Stuhl fallen.

„Was ist denn mit dir?“, fragte Tommy.
„Das weißt du doch wohl“, krächzte sie zurück. „Wahrscheinlich habt ihr beiden doch jedes Wort von mir verfolgt? Haben wir hier irgendwo was zu trinken, ich hab so ein Kratzen im Hals“, sagte sie und räusperte sich wieder.
„Nö, haben wir nicht“, kam es von Tommy und Taljah fast gleichzeitig. Und als Mia große Augen machte, fuhr Tali fort: „Weißt du, man kann deiner Stimme nicht so lange zuhören. Das nervt.“
Leicht beleidigt zog Milena ihre Unterlippe hoch.

 

Ein leises Schlürfen war aus der Musikecke zu hören, die mal wieder notdürftig zu Sabbys Labor umfunktioniert wurde. Auf die laute Musik musste das Mädchen mit den Rattenzöpfen leider verzichten, da Miss Cumberland wegen der angeblich entsetzlichen Musik am Vortag, gegen Spätnachmittag die Nerven verloren hatte und den CD-Player konfisziert hatte.

Doch Sabby wusste sich abzulenken; wenn sie nicht gerade versuchte, beim Schlürfen mit dem Strohhalm den Takt des Ententanzes zu blubbern, gurgelte sie vergnügt mit dem Multivitaminsaft in ihrem Mund.

Die Kiste mit den Rasseln hatte sie liebevoll zur Seite geschoben und stattdessen das Lupenglas mit der Leiche in der Mitte des kleinen Tischchens drapiert. Sie beugte sich leicht vor, blickte in das Glas und runzelte die kleine freche Nase. „NEIN“ Sie trippelte 4 kleine Schritte weiter, blieb stehen, beugte sich vor, runzelte erneut die Nase. „NEIN“ Weitere 4 Schritte. „NEIN“ „NEIN“ und „NOCHMAL NEIN“ Enttäuscht und leicht verwirrt zog sie ihre Rattenschwänze fest und wischte sich kurz mit dem Ärmel ihres schwarzen T-Shirts über die Nase. Die Zeit, sich ein Taschentuch zu besorgen hatte sie nicht. „Nicht eine einzige Blutspur.“

Leicht frustriert setzte sie sich auf den Kindergartenstuhl und stieß wie von der Tarantel gestochen wieder hoch. „Auuuuutsch.“ Sie fasste mit ihrer Hand auf die linke Pobacke, drehte sich um und trat wütend gegen den Stuhl. „Blödes Ding.“ grummelte sie.

„Oh weh, oh weh. Weshalb sind wir denn so übel gelaunt?“ Diggs kam soeben um die Ecke gebogen und hob zur Begrüßung, aber auch zum Eigenschutz die Hand.

„Weil, weil…….“ Abbys Unterlippe zitterte. „Weil mein Popo immer noch weh tut. Deshalb.“ Sie rieb mit ihrer Hand über die schmerzende Stelle.

„Hast du Ergebnisse für mich?“

Tommy erschien neben ihnen und warf Sabby ein kurzes Lächeln zu. Deren Augen erhellten sich schlagartig und sie fuhr mit ihrem Reden fort.

„Ich habe die Leiche nochmals mit dem Tierlexikon vergleicht.“

„Verglichen ist die richtige grammatikalische Form.“ mischte sich Tommy ein.

„Siehst du“, Mias Stimme war beinahe nur noch ein leises Krächzen. „Das mag sie so an dir Mr.TomTom, du bist immer sooo perfekt.“

„DAS spielt aber gerade keine Rolle.“ zischte Gibbs noch, bevor Mia endgültig verstummte und sich stöhnend auf der kleinen Polstercouch niederließ.

„Es handelt sich hundertprozentig um eine „Musca domestica“ auch Stubenfliege genannt. Laut meinem Wikipedia-Kinder-PC gehört die Stubenfliege zur Familie der Echten Fliegen, sie…“

Sabby blickte in Diggs Gesicht. „Das interessiert dich nicht, verstehe! … Folgt mir.“ sprach sie und ging einen Tisch weiter. Sie griff nach einem langen Stil mit einem löchrigen Quadrat an einem Ende und hielt das Gebilde Diggs unter die Nase. „Eine Fliegenklatsche,…. die meist angewendete Mordwaffe bei dieser Tierart. Allerdings hinterlässt sie rote Spuren, sogenanntes Fliegenblut, bäh, und die Fliegen sehen hinterher….“ Sie zeigte auf zwei Exemplare, die sie liebevoll auf Watte gebettet in einem Suppenteller aufbewahrte. „….etwas vermatscht aus.“

„Fliegenklatsche ist also ausgeschlossen.“ fasste Diggs zusammen. „Weiter!“

„Laut Wikipedia-Kinder-PC benutzen Mörder auch gerne Haarspray.“ Sie griff nach einer Dose, öffnete sie und hielt sie unter Diggs Nase. „Haarspray von Miss Smith …. riecht lecker, was?“ Sie hob die Arme und stöhnte kurz auf. „Der Geruchstest war aber auch negativ.“ Jetzt verschränkte sie die Arme vor dem Körper und drehte sich entschlossen zu den anderen um. „Angesichts der Aussage von Rocky, dass das Tier ziemlich trocken war, befürchte ich, wir müssen bei dem ganzen hier Mord ausschließen. Das arme Tier ist wohl einfach an Altersschwäche gestorben.“

„Wie LANGWEILIG“ kam es gleichzeitig von Taljah, Tommy und Diggs.

„Alle Arbeit umsonst.“ murmelte Tommy und wunderte sich über Taljahs entschiedenes Kopfschütteln. „Nicht ganz, Tommy“ Sie stieß ihn leicht in die Seite. „Mia hat doch keine Stimme mehr.“ grinste sie und die Kopfnuss von Diggs nahm sie mit Freude entgegen.

 

Mia saß auf dem bequemen Sofa und wackelte mit ihren nackten Zehen, in den neuen rosafarbenen Sandalen. Die Schuhe waren ihr neustes Highlight und sie hatte dafür, mit Ziva, schwer kämpfen müssen. Nur am Rande hatte sie das Gespräch ihrer Freunde verfolgt. Erst als das Wort LANGWEILIG fiel, wendete sie den Blick von ihren Füßen. „Oh nein“ schoss es ihr durch den Kopf. Die ganze Befragung war also umsonst. Das Leben konnte so gemein sein und dabei wurden ihre Halsschmerzen immer schlimmer und sprechen konnte sie auch so gut wie nicht mehr. Ihre Hand griff an ihren Hals und sie schluckte schwer. Doch dann erschien ein riesiges Grinsen auf dem Gesicht des Mädchens und von den anderen unbemerkt schlich sie sich leise davon.

„Mis,, Cl...mb..la..d“, Milena versuchte sich zu räuspern, aber ihre Stimme wurde dadurch nicht besser, darum fasste sie sich wieder an den Hals und sah ihre Erzieherin mit wehleidigen Augen an.
„Milena, was hast du denn wieder angestellt?“, fragte die Angesprochene sofort und kniete sich neben das kleine Mädchen.
„Hal..sch..rzen“, versuchte sie sich verständlich zu machen und strich ihr pinkfarbenes T-Shirt glatt.
Ihre Erzieherin verstand sie auch so und nahm sie mit einem Lächeln an die Hand. Endlich hatte der liebe Gott ihre Gebete erhört. Für heute war es Schluss mit der Fragerei. Sie atmete befreit tief durch. „Na, dann komm mal mit ins Büro, da bekommst du was zum lutschen und ich ruf deinen Vater an, damit er dich heute schon früher abholt.“

Wenige Minuten später saß Milena DiNozzo auf dem Schreibtischstuhl von Miss Smith, drehte diesen im Kreis, ließ die Beine baumeln und lutschte zufrieden grinsend, an einem Schokoladeneis. Halsschmerzen konnten auch LECKER sein.