HAIRCUT


 

Prolog

 

„Jetzt halt doch endlich still, Tali.“ Mia verdrehte genervt die Augen. Seit über einer halben Stunde saßen die Mädchen in der Puppenecke vor dem Frisiertisch und versuchten die wilde Locken von Taljah zu entwirren.

 

„Mensch Mia, je länger du kämmst, umso schlimmer wird es“ fluchte der Lockenkopf und versuchte so ihre Freundin zu stoppen, doch eigentlich wusste sie, dass Mia sich nicht aufhalten lassen würde.

 

„Vielleicht sollten wir ihr doch einen Zopf machen“ mischte sich Sabby ein, die Multisaftschlürfend neben den beiden auf dem Kinderherd saß und dem Drama zusah. Dabei baumelte sie immer mit den Beinen hin und her. „Vielleicht so Zöpfe wie ich hab“ Sie schüttelte ihren Kopf, so dass ihre schwarzen Rattenzöpfe durch die Luft flogen.

 

Mia schüttelte nur den Kopf und kämmte weiter. Dann warf sie einen Blick über Taljahs Schulter und betrachtete ihre Freundin im Spiegel. „So siehst du wunderschön aus“ Sie trillerte noch eine letzte Strähne und drapierte sie in Taljahs Gesicht.  

 

„Total unpraktisch“ knurrte die Israelin und begutachtete das Werk kritisch im Spiegel. Doch sie waren nun mal auf der Suche nach dem Haareabschneider und alle anderen waren der Meinung, sie, mit ihren schönen Locken, sei bestens für diese Aufgabe geeignet. Und seit 4 Tagen musste sie nun jeden Morgen diese Prozedur über sich ergehen lassen und dabei hatte sie jedes Mal das Gefühl, dass es Mia besonderen Spaß machte.

 

Gerade wollte sie aufstehen, als Mia sie bestimmend zurück in den Stuhl drückte. „Warte, nur noch die Haarspange“ Sie kramte in ihrer Hosentasche und zog die Hello Kitty Spange heraus. Entsetzt blickte Taljah auf das Ungestüm in Mias Hand. „Nein, Mia, die ist rooooosaaaaaa. Vergiss es!“

 

 

Kapitel 1

 

Wenige Minuten später saß Taljah auf dem Dreirad und wartete auf Andy. Die rosa Haarspange thronte auf ihrem Kopf. Die letzten Tage hatte sie sich mit den Jungs und Mädchen der grünen Gruppe angefreundet und dabei immer wieder ihre Haare gekonnt in Szene gesetzt. Genau so, wie Mia es ihr zuvor beigebracht hatte. Schwungvoll warf sie auch jetzt ihre Haare über die Schulter. Ein wenig nervös war sie schon, denn Andy stand bei der Auswahl der verdächtigen Jungs ganz oben auf der Liste.

 

„Hallo“ Andy kam aus der Tür und hob zur Begrüßung die Hand. Er schenkte ihr ein großes Lächeln.

Taljah schmunzelte ihm entgegen, obwohl sie ihm am liebsten die Zunge rausgestreckt hätte. Aber jetzt war sie nicht Taljah, jetzt war sie ´Undercomer´. Also strahlte sie den Jungen an, der sich hinter sie aufs Dreirad setzte und die Hände um ihren Körper schlang.

 

Mia stand hinter der Glasscheibe und beobachtete das Geschehen. Zufrieden nickte sie, als sie sah, wie Taljah ihre Haare mädchenhaft über die Schulter schmiss. Und auch wenn es ihrer Freundin selbst nicht gefiel, sie fand, Tali sah mit der Haarspange einfach nur hinreisend aus. Angewidert verzog sie allerdings das Gesicht, als Andy ihre Freundin begrüßte und auf das Dreirad aufstieg.

„Elvis hat das Gebäude verlassen“ murmelte sie, zuckte mit den Schultern und machte sich auf den Weg. Das war ihr Zeichen.

 

„Da ist er“ flüsterte Tommy Diggs von hinten in dessen Ohr. Er stand auf dem Anhänger des Dreirades und hielt sich krampfhaft an dem Gestänge fest. Sein Griff verkrampfte sich noch mehr, als DIggs in die Pedale trat und langsam Tali und dem Verdächtigen folgte. „Wir sind dran“ murmelte Diggs zurück.

 

Leise und ganz vorsichtig öffnete Mia die Tür zum Gruppenraum der grünen Gruppe. Die Kinder der Gruppe waren bereits alle im Garten, ein Teil war mit Miss Smith auf einem Spaziergang. Sie sollte eigentlich ungesehen bleiben. Schnell schaute sie sich nochmals um, konnte aber im Flur niemanden entdecken. Sie huschte hinein und schloss die Tür beinahe lautlos. Erleichtert atmete sie aus. Niemand hatte sie entdeckt.

Zögerlich ging sie durch das Zimmer und sah in jede Spielecke. Als sie einen Blick in die Puppenecke warf, riss sie entsetzt die Augen auf.

„Hier liegt Andys neues Opfer“ murmelte sie. Sie nahm ihre Finger zur Unterstützung und zählte die Fundorte. Eins, zwei, drei, vier ……. „Nummer Fünf“ Angewidert kaute sie auf ihrer Unterlippe. „Mädchen, weiß, ziemlich neu gekauft und einfach auf dem Boden liegen gelassen“ Tränen stiegen Milena in die Augen. Auch wenn es sich hier nicht um Puppe handelte, es war immerhin eine Puppe und Puppen behandelte man nicht so. Puppen waren liebevolle Freunde, man musste sie pflegen und liebhaben. „Was ist mit ihren Haaren?“ Dass sie mit sich selber sprach, fiel Mia gar nicht auf, zu sehr machte ihr das Gesehene zu schaffen. Ängstlich ging sie näher heran und beugte sich über das Opfer. „Ja, ihr wurden die Haare abgeschnitten.“

 

 

Kapitel 2

 

„Und wo geht es nun hin, bei dieser Überraschungsfahrt?“ Taljah blickte über ihre Schulter und blinzelte den Jungen verspielt an, während sie gleichmäßig, aber langsam in die Pedalen trat. Schließlich musste sie den anderen die Möglichkeit geben, ihr folgen zu können. Würde sie fahren wie immer, würde zwar Diggs sicherlich hinterherkommen, aber Tommy vermutlich rücklings vom Dreirad stürzen.

„Es wäre doch keine Überraschung, wenn ich es dir sagen würde, Tali“ grinste der Junge und zeigte in eine bestimmte Richtung. „Bieg da vorne um die Ecke.“

Taljah wagte einen kurzen Blick zu ihren Freunden, nur um sicher zu gehen, dass sie sie im Auge hatten.

„Wer ist dieser Junge?“ Andy hatte natürlich den Blick des Mädchens bemerkt.

„Was?“ Tali runzelte die Stirn. Hühnerkacke, schoss es ihr durch den Kopf. Das war ein Fehler.

„Der Junge auf dem Dreirad? Wer ist das?“ zischte er ein wenig verärgert.

„Ach das, nur ein ehemaliger Freund.“ Zum Glück war Andy neu im Kindergarten und noch nicht mit den Freundschaften der Kinder untereinander vertraut. Dachte Taljah zumindest. Andys Gesichtsausdruck blieb ihr allerdings verborgen.

Plötzlich zog Andy eine Kinderschere aus seiner Hosentasche. „Pah, dass ich nicht lache. Los fahr um die Ecke.

 

Diggs hatte von weitem die Schere blitzen sehen. „Mist“ fluchte er und trat fester in die Pedale. „Halt dich fest, Tommy.“ Tommy wurde auf der Stelle kreidebleich, beinahe grünlich im Gesicht.

„Diggs, an der Hausecke rechts abbiegen“ stieß er atemlos hervor und schloss panisch die Augen, als der andere Junge bereits das Lenkrad herumriss und der Anhänger sich gefährlich zur Seite neigte. Gerade als sich das Gefährt wieder im Gleichgewicht befand, wurde Tommy nach vorne geschleudert. Denn Diggs musste eine Vollbremsung hinlegen und quietschend kamen die Reifen zum Stehen. Mr. Bob hatte soeben mit einer Schubkarre die Gartenkammer verlassen und stand nun mitten im Weg. Nur wenige Millimeter trennten das Dreirad der Jungs und die Schubkarre des Gärtners. Tommy bildete sich ein, Diggs fluchen zu hören. Doch über dessen verbotene Worte konnte er nicht länger nachdenken, Diggs stieß sich nach hinten ab und Tommy prallte stöhnend mit den Rippen gegen die Stange. Das war sicherlich das allerletzte Mal dass er sich auf dieses Gefährt wagte. Wieder wechselte Diggs abrupt die Richtung und raste nun an Mr.Bob vorbei.

Dieser konnte den Kindern nur kopfschüttelnd hinterher sehen. Ein Schmunzeln legte sich auf das Gesicht des alten Mannes. Seit der Geschichte mit dem Osterhasen sah er die Rasselbande mit ganz anderen Augen. Vorsichtig blickte er sich um. Wo blieb der Rest? Normalerweise tauchten sie nur gemeinsam auf. Und gemeinsam waren sie, wie sagte die Erzieherin immer, anstrengend. Er beneidete Miss Cumberland keine einzige Minute. Jeden Abend beobachtete er sie, wenn sie erschöpft und mit Ringen unter den Augen die Eingangstür zuschloss. Sie war eine aufmunternde Person, hilfsbereit den Kindern gegenüber, immer freundlich. Doch die Arbeit war hart. Wenn man nur bedachte, was Milena DiNozzo und Taljah David bereits in ihrer Kindheit erlebt hatten. Dass die Kinder hier und jetzt eine glückliche, fröhliche Zeit hatten und das Erlebte beinahe in Vergessenheit geriet, war auch größtenteils ihr Verdienst. Mr.Bob atmete kurz durch und konzentrierte sich wieder auf sein Vorhaben, das Unkrautrupfe im Blumenbeet hinterm Haus. Vielleicht waren die schönen Blümchen bereits aufgeblüht und er konnte den Erzieherinnen eine Freude machen und einen kleinen Blumenstrauß ins Personalzimmer stellen.  

 

 

Andy hatte sie gezwungen vom Dreirad abzusteigen und schupste sie vor sich her in Richtung Spielzeugkammer. Dabei fuchtelte er wild mit seiner gelben Spielzeugschere wild in der Luft umher. Taljah hatte ängstlich die Arme nach oben gehoben, verzweifelt überlegte sie, was sie tun könnte.

„Du gehörst in diese Diggs-Clique, hab ich recht?“ fragte Andy, der noch immer die Schere in der Hand hatte. Doch Taljah ging nicht auf seine Frage ein.

„Warum hast du den Puppen die Haare abgeschnitten, Andy?“ Vorsichtig drehte sie sich zu ihm um und schielte auf die Schere in seiner Hand.

„Das geht dich gar nix an“ kam es trotzig von dem Jungen zurück und Taljah runzelte die Stirn.

„Ist dir sowas auch mal passiert?“ Sie wollte so schnell nicht aufgeben, nervtötende Fragerei half auch immer bei ihrer Mutter, wenn sie etwas wollte. Wieso also nicht bei diesem Jungen.

Andy stöhnte kurz auf. „Das ist unwichtig, was mir passiert ist.“ Er ging noch einen Schritt auf Taljah zu. „Lauf los“ raunte er.

 

„Wo sind sie hin?“ Diggs bremste und stoppte das Dreirad direkt neben Taljahs etwas kleinerem Modell, es hatte kein Anhänger, deswegen war sie damit auch schneller unterwegs und Diggs hatte ihr nicht folgen können.

„Da ist ihr Dreirad“ Tommy deutete darauf und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Das seh ich auch.“ grummelte Diggs und sah sich verzweifelt um. „Aber wo ist Tali?“

 

Taljah sah keinen Ausweg, die Büsche verhinderten den Blick zum Haus. Niemand konnte sie sehen, also drehte sie sich gezwungenermaßen um und lief weiter in Richtung Spielzeugkammer. Mit jedem Schritt wusste sie, dass sie immer mehr in der Falle saß.

„Geh da rein“ kommandierte er und als Taljah vor der Tür stehen blieb, trat er noch dichter an sie heran. Er hob eine Haarsträhne an und mit Entsetzen hörte Taljah die Geräusche. Unverkennbar, er öffnete die Schere, er wollte tatsächlich, „NEIN“, das würde sie nie zulassen.

 

Der Schrei kam unverkennbar von Tali und Diggs riss entsetzt die Augen auf. Auch Tommy biss sich auf die Unterlippe.

„Das kam von da hinten“ deutete er mit dem Finger in Richtung Spielzeugkammer. Doch Diggs war längst unterwegs und verzweifelt versuchte er dann DIggs Tempo mitzuhalten.

 

Im allerletzen Moment riss sie ihren Kopf zur Seite und *schnipp* Andy schnitt ins Leere. Wütend griff er ihr erneut in die Haare und zog ihren Kopf nach hinten, doch Tali drehte sich um und schlug ihm die Schere aus der Hand. Nach einer kurzen Schrecksekunde realisierte Andy die Situation und riss die Augen weit auf. Damit hätte er nicht gerechnet. Das Mädchen kämpfte wie ein Junge. „Na du bist mir ja eine“, zischte er anerkennend durch die Zähne. Taljah war schrecklich wütend und warf sich gegen ihn. Ihr die Haare abschneiden zu wollen, das war ja wohl das letzte. Ihre kleinen Fäuste hämmerten gegen seine Jungenbrust.

 

Das Andy sich wehrte, war Taljah in diesem Moment egal, sie verspürte keine Schmerzen, pure Panik hatte sich in ihr ausgebreitet. Heftig zog der Junge an ihren langen Locken und Mias rosa Haarspange flog in einem hohen Bogen davon. Sie trat ihn mit voller Wucht auf den Fuß und brachte ihn somit zu Boden. Das hatte ihre Tante Ziva ihr beigebracht, genauso sollte sie fremden Männern oder Frauen auf den Fuß treten, wenn sie mal wieder in Gefahr sein sollte. Doch der Junge zog sie mit zu Boden. Wie ein Wollknäuel rollten sie sich ein paar Mal hin und her, bis es Taljah endlich gelang, Andy wegzustoßen.

Das war ihr Moment, sie versuchte sich aufzurichten und weg zu krabbeln. Doch Andy durchschaute ihren Plan und robbte hinter ihr her. Er erwischte sie am Fuß und riss sie zurück. Stöhnend versuchte Taljah immer wieder sich los zu reißen.

 

Plötzlich sah sie Mias Haarspange auf dem Boden liegen, ihre letzte Chance. Mit einem Aufschrei riss sich Taljah erneut los, nur wenige Zentimeter war sie entfernt. Ein letzter Stoß nach hinten, dann griff sie danach, drehte sich um und piekte Andy, der sich soeben auf sie werfen wollte, in die Schulter. Der Junge schrie kurz auf und hielt sich die schmerzende Stelle. Das war ein Volltreffer. Denn scheinbar hatte er endlich genug. Seine Augen hatte er weitaufgerissen und starrte dem Mädchen in die Augen, bis er aufstand und schreiend davon rannte. Taljah unterdessen ließ sich zurück auf den Boden gleiten, streckte alle viere von sich und blickte in den blauen Himmel. In ihrer Hand hielt sie Mias Haarklammer. Diese war doch zu etwas gut.

 

„Taaaaali, Taaaaaliiiiiiiii“ Diggs rannte über die Wiese auf das Mädchen zu. Es war ein schrecklicher Anblick, der sich ihm bot. Die Israelin war von oben bis unten mit Matsch und Grasflecken bedeckt. Ihre Haare waren zerzaust und auf ihrer Stirn hatte sie eine kleine Platzwunde. Diggs fasste sie am Arm und zog sie nach oben. „Komm hoch“ sagte er besorgt und sah seine kleine Freundin an. Er zog sie nach oben und umfasste ihr Gesicht. „Alles in Ordnung?“ fragte er mit leiser, mitleidiger Stimme.

Taljah atmete noch immer schwer, sie war vollkommen außer Atem. Daher nickte sie nur kurz.

 

Tommy, der zunächst die Verfolgung des flüchtenden Andy aufgenommen hatte, kam zurück. „Er ist weg“ keuchte er und betrachtete Tali. „Du bist ganz schön schmutzig“ kicherte er, als er die Klamotten des Mädchens musterte. Doch der böse Blick von Diggs ließ ihm das Lachen im Halse stecken. „Ich hol Ducky. Der kann dich verarzten.“

 

Wenige Minuten später saß Taljah auf einer Schaukel. Ihre Augen stierten gerade aus, während Rocky ihre Platzwunde an der Stirn verarztete und ein kleines Pflaster, das er sich vorher aus Milenas Notfallbox geborgt hatte, darauf klebte.
„Du solltest das von einem Erwachsenen untersuchen lassen“, sagte er ihr und stopfte die Reste des Pflasters in seine Hosentasche.
„Es geht mir gut, Rocky“, erwiderte Taljah, konnte aber ihre Augen nicht von der Stelle abwenden an der sie gerade noch mit Andy gerungen hatte.
Jetzt kam Diggs auf sie zu und kniete sich vor sie in den Sand. Er hielt ihr ein Päckchen hin.
„Das sind saubere Sachen. Zieh dich um und dann geh rein, leg dich etwas in den Ruheraum.“ Besorgt musterte er noch immer das Gesicht des Mädchens. Tali nickte und nahm das Paket aus seinen Händen. Ihre Kleidung war ein einziges Chaos. Überall war sie mit Schlamm bekleckert. Sie verkroch sich im Gebüsch um ihre Wechselkleider anzuziehen.

Milena lehnte sich aus dem Fenster um nach den anderen Kindern Ausschau zu halten. Schon viel zu lange saß sie alleine in der grünen Gruppe fest, mit der gefundenen Puppe und wartete.
„Wo bleibst du denn, TomtomTrödel?“, rief sie Tommy zu, doch dieser verdrehte nur die Augen.
„Wir sind hier noch beschäftigt Mia“, rief er zurück.
„Wie geht es Tali“, wollte Milena darauf hin wissen.
Tommy schüttelte traurig den Kopf. „Sie ist völlig durch den Wind“, sagte er und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe.

Ein kleiner Junge aus der grünen Gruppe, der immer alles besser wusste und von allen nur noch „Schleicher“ genannt wurde, näherte sich Diggs und Rocky.
„Ihr habt ihn also gestellt?“, fragte er mit einem neugierigen Blick zu Taljah die gerade wieder um die Ecke bog. „Ich hätte es vermutlich genauso gemacht!“, fügte er wichtigtuerisch hinzu.
„Klar Schleicher, ich befürchte nur du wärst nicht Andys Typ gewesen, deine Haar sind ein bisschen zu kurz“, erwiderte Diggs darauf und wandte sich wieder an Tali, die soeben aus dem Gebüsch herauskam und ihm ihre schmutzigen Kleider hin hielt.
„Du solltest doch zurück zur Gruppe. Warte, ich lass dich von Tommy hinbringen.“ Fürsorglich schaute er ihr ins Gesicht und inspizierte das rosarote Pflaster.
„Ich kann sie ja mitnehmen“, bot sich Schleicher an, doch Tali schüttelte darauf hin nur den Kopf.
„Nein, es geht mir gut.“ Damit drehte sie sich um und ging zum Haus zurück.

Kapitel 3


Leise öffnete Taljah im Gruppenraum ihre Eigentumsschublade. Ganz oben neben ihrer Büroklammersammlung lag eine Packung mit Brausebonbons. Diese war noch unberührt, denn im Normalfall stand sie nicht so auf Süßigkeiten. Vorsichtig schaute sie über ihre Schulter, um sicher zu sein nicht von Miss Cumberland erwischt zu werden, denn eigene Süßigkeiten waren eigentlich verboten. Dann steckte sie sich den Leckerbissen schnell in den Mund. Die Brause zerging in Windeseile und hinterließ ein herrliches Gefühl. Wie gut das doch nach dem Schock tat. Milena hatte recht, manchmal konnte Zucker auch helfen und nicht nur schaden.

Als Diggs, Tommy und Milena auf sie zu kamen, schluckte sie gerade die Reste herunter. Diggs sah ihr besorgt ins Gesicht. „Du solltest doch in den Ruheraum gehen“, sagte er und sah sie dabei streng an, doch seine Stimme sprach eine andere Sprache. „Ich habe es gerade Miss Cumberland erzählt, Andy ist nun bei ihr im Büro und bekommt mächtig Ärger“, teilte er ihr mit.
„Wisst ihr schon, wem die letzte Puppe gehörte?“, wollte sie von ihnen wissen.
Diggs schüttelte den Kopf. „Nein.“
Taljah stand langsam aus. „Ich denke ich geh noch mal in die Gruppe wo ich Andy getroffen habe und zeige das Bild der Puppe. Ist Sabby schon fertig mit dem Bild malen?“, wieder nickte Diggs, sah sie dabei aber fest an. Sie sah abgekämpft und erschöpft aus. Er würde es ja nie zugeben, aber er machte sich große Sorgen um die kleine Israeli. Deshalb wandte sich auch an Mia. „Du bleibst bei ihr“

Mia schaute Taljah besorgt an, als Diggs bereits weitergegangen war. Auch ihr war aufgefallen, dass es Tali nicht so gut ging, wie sie behauptete.
„Was?“, fragte Taljah harsch, als sie Milenas besorgten Blick bemerkte.
„Du siehst gar nicht so schlimm aus. Tommy meinte noch, du wärst fertig.“ Am liebsten wäre sie ihrer Freundin um den Hals gefallen, doch andererseits wollte Mia ihre Sorgen nicht direkt preisgeben. Langsam streckte sie die Hand aus, um Taljah durch die lockigen Haare zu gehen, so, wie sie es häufig tat. Doch Tali fing blitzschnell ihren Arm ab und verdrehte ihn ihr schmerzhaft.
„AUUUAA. Taliiii. Ich wollte dir doch nur durch die Haare fahren, das bringt dich manchmal zu lächeln“, sagte Mia erschrocken und rieb sich den schmerzenden Arm.
Reumütig erwiderte Taljah ihren Blick. „Tut mir leid, Milena!“
Mia schüttelte langsam den Kopf, beließ es aber zunächst dabei und folgte schließlich Taljah, die sich schon mit schnellen Schritten auf den Weg zur Nachbargruppe machte.

 

Kurz vor der Tür des Gruppenraumes hielt Mia Taljah am Arm fest und zog sie zur Seite.

„Was ist?“ zischte Taljah ihre Freundin an und verdrehte die Augen als sie Mias Geste sah. Diese hielt den Zeigefinger vor ihre Lippen und deutete ihr still zu sein.

Leise erklang die Stimme von Miss Arnolds, die im Zimmer mit den Kindern der grünen Gruppe sprach. „Es wurde eine fünfte Puppe gefunden, der man die Haare abgeschnitten hat. Wir wissen mittlerweile, wer es war und Andy wird auch mit den entsprechenden Konsequenzen leben müssen. Ein Mädchen aus der anderen Gruppe hat es herausgefunden und es zum Glück ihrer Erzieherin erzählt. Ich hoffe, ihr zieht daraus eine Lehre. Man darf nicht einfach Spielzeug kaputt machen. Und wenn ihr irgendetwas entdeckt oder beobachtet, so könnt ihr jederzeit zu mir kommen.“

„Ja, Miss Arnolds“ ertönte die bunte Vielfalt an Kinderstimmen und ein reges Gemurmel begann.

Mia und Taljah nickten sich wissend zu und betraten dann den Gruppenraum.

„Wow“ stieß Milena hervor und fixiert ein Mädchen in der Puppenecke. „ Ich nehme das Mädchen mit dem rosa T-Shirt“ murmelte Mia entzückt.

„Ihr Name ist Heidi“ grummelte Taljah zurück. Es war ja wieder typisch, alles was rosa war, zog Mia magisch an. Doch noch bevor sie den Gedanken zu Ende denken konnte, war Mia bereits unterwegs.

 

„He“ Taljah zuckte leicht zusammen, als sie von hinten angesprochen wurde. Seit dieser Prügelei mit Andy war sie enorm schreckhaft und ständig sah sie die, vor Entsetzen aufgerissenen Augen des Jungen vor sich.

„Tali, hast du das von Andy gehört? Er ist in unserer Gruppe, er spielt immer in der Bauecke. Ich habe heute Morgen noch mit ihm geredet, ist das zu fassen?“

„Michael, ich bin das Mädchen von dem Miss Arnold eben gesprochen hat. Ich war immer nur hier um herauszufinden, wer die Haare abschneidet.“

„Du hast spioniert, das warst wirklich du?“ fragend blickte der Junge in Taljahs braune Augen.

„Ich gehör in Diggs-Team“ sagte das Mädchen beiläufig.

„Du lieber Himmel“ Michaels Gesichtsausdruck wurde traurig. „Du warst nie wirklich….“

Taljah biss sich verlegen auf die Unterlippe und verzog das Gesicht. Doch der Junge redete weiter.

„Ah…und als du mit mir spielen wolltest, da hast du…du dachtest….vermutlich….“ stammelte der Junge.

Taljah hatte ein schlechtes Gewissen, Michael war schließlich immer sehr nett zu ihr gewesen. Diese Abfuhr hatte er nun wirklich nicht verdient. „Michael, ich habe meine Arbeit gemacht“ versuchte sie zu erklären. Doch das machte die Sache nur noch schlimmer.

„Klar“ Er nickte missmutig. „Es war nur Arbeit“ Mit hängenden Schultern ging er an Taljah vorbei und setzte sich an den Puzzletisch. Taljah sah ihm verwirrt nach, nur um ihm wenige Zeit später zu folgen.

 

Mia erstarrte. Gerade eben hatte sie das Gespräch mit Heidi beendet und ließ ihren Blick auf der Suche nach Taljah durch den Raum schweifen. Und da saß sie nun, am Puzzletisch mit diesem Jungen. Ach, wie war doch gleich sein Name, grübelnd kratzte sie sich am Kopf. Michael richtig, MICHAEL. Und was tat dieser Michael?

 

„Weißt du, ich bin seit Tagen auf der Suche nach der Puppe meiner Freundin.“ Michael hatte den Kopf ein wenig schief gelegt und spielte nervös mit seinen Fingern. „Tanja, meine Freundin, sie ist vor einer Woche umgezogen und geht jetzt in einen anderen Kindergarten.“ In den Kinderaugen bildeten sich Tränen und Taljah beobachtete verwundert diesen Vorgang. Jungs weinten doch nicht.

„Und ihre Puppe ist weg?“ fragte Taljah und nahm tröstend seine Hand.

„Die Puppe ist seitdem verschwunden, du glaubst doch nicht, dass Andy sie…..“ Die erste Träne kullerte über seine Wange. „Glaubst du, dass sie noch mehr Puppen finden?“ murmelte er leise.

„Ich hoffe nicht“ schulterzuckend antwortete Taljah und schüttelte dann den Kopf.

In diesem Moment bemerkte Michael das Pflaster. Vorsichtig hob er die Hand und berührte Taljahs Haare, entblößte dadurch ihre Verletzung, die Rocky mit einem Pflaster bedeckt hatte.

„War er das?“ flüsterte er und strich ihr zärtlich die Haarsträhne hinter das Ohr.

 

Mias Augen wurden trübe. Michael tat es wirklich. Der Junge saß Taljah gegenüber und strich ihr durch die Haare. Das war unmöglich. Vor wenigen Minuten war die Israelin vollkommen ausgerastet, als sie ihr durch die Haare fahren wollte. Sie, ihre Freundin. Den Arm hatte sie ihr schmerzvoll umgedreht. Typisch Tali. Und dieser aufgeblasene Schönling mit seinem Augenaufschlag durfte es. Mia war enttäuscht. Schließlich war Taljah IHRE Freundin und er, ER war nur ein dahergelaufener Junge aus der grünen Gruppe. Wütend stampfte sie auf den Boden und biss sich auf die Unterlippe. Das war ja so ungerecht.

 

Kapitel 4

 

Rocky hatte sich in der Experimenten-Ecke im Nebenraum ausgebreitet. Die karierte Fliege, die ihm seine Mutter heute Morgen angezogen hatte, hatte er feinsäuberlich an einem Haken an der Wand aufgehängt und sich einen Plastikkittel angezogen, den sie sonst zum Malen mit Wasserfarben benötigten. Die Puppen lagen nebeneinander auf der Fensterbank.

Diggs öffnete die Tür und streckte seinen Kopf herein. „Gibt es was, Rocky?“ flüsterte er und schielte nochmals nach draußen um sich zu vergewissern, dass Miss Cumberland beschäftigt war und sie nicht beobachtete.

„Komm rein, Diggs“ sagte der Junge und schob seine Brille zurecht. „Ich untersuche gerade die letzte Puppe.“

Diggs schloss die Tür hinter sich und ging zur Fensterbank. Da lagen sie, die Puppen, die sie in den letzten Tagen gefunden hatten. Hübsche Puppen, doch leider hatte man ihnen die langen Haare abgeschnitten. Da lag Mandy, Karrens Puppe, Sally, die schwarzhaarige Puppe von Kelly, Snoopy hatte große Ähnlichkeit mit Mias Puppe und gehörte Rebecca, Conny hatte einen roten Punkt auf der Wange, weil ihre Besitzerin Luisa sie angemalt hatte und als letzte Marias Puppe, dessen Namen er noch gar nicht kannte. Diggs seufzte, es war einfach eine Schande, dieses schöne Spielzeug so zu zerstören.

„Allen Puppen wurden die Haare abgeschnitten“ Rocky trat neben ihn an die Fensterbank. „Auf den ersten Blick alles gleich“

Diggs nickte.

„Bei genauem Hinsehen aber habe ich was entdeckt“

Diggs warf ihm einen Seitenblick zu. „Was willst du da denn entdeckt haben“ Er rümpfte die Nase, sein Freund war ja immer für eine Überraschung gut.

„Jonny, hilf mir mal“ forderte er den kleinen schüchternen Jungen auf, der seit neustem zu ihrer Gruppe dazu gestoßen war und ihm gerne zur Hand ging. Schnell setzten die beiden die Puppen auf, so dass sie alle aus dem Fenster schauten.

„So meine Lieben Damen, jetzt ist die Aussicht auch viel besser. Jetzt könnt ihr die Kinder auf der Rutschbahn beobachten. Rutschen macht wahnsinnigen Spaß, auf dem Spielplatz zu Hause hinter unserem Haus gibt es auch ein riesen Rutsche und immer wenn…:“

„Rocky“ Diggs tippte dem Jungen auf die Schulter und Jonny konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen.

„Ach ja, natürlich Diggs“ Rocky wandte sich von den Puppen ab. „Es ist einfach schön, wenn einem jemand zuhört“

„Erzähl es ihnen später weiter, Rocky. Was ist dir aufgefallen?“ Langsam wurde Diggs ungeduldig.

Rocky räusperte sich. „Wenn du dir die Puppen von hinten anschaust siehst du das alle Haare geschnitten wurden. Doch es gibt einen Unterschied.“

Diggs kam diese Situation wie eine Vorschulstunde bei Miss Smith vor. Das Ratespiel „finde den Fehler“ hasste er abgrundtief. Rocky bemerkte die Reaktion seines Freundes und wartete nicht weiter auf eine Antwort.

„Hier, bei Puppe eins, zwei, drei und vier sind die Haare ganz glatt abgeschnitten, so als hätte Andy vorher einen Zopf gemacht und dann ratschratsch alle Haare durchgeschnitten. Bei Nummer fünf ist es aber kein glatter Schnitt, eher ein ratschipatschiratscha. Krumm und schief eben, es passt so gar nicht zu dem Vorgehen von dem Blödmann, der hoffentlich gescheit von Miss Arnolds Ärger kriegt.“

Wütend stemmte er die Hände in die Hüfte, der Kerl war schließlich auf ihre Freundin losgegangen und hatte sie verletzt.

 

„Huiiiiiiiiiiii“

„Ooooohhhh“

„Huiiiiiiiiiii“

Sabby war bis in alle Räume des Kindergartens zu hören. Keine Angstschreie, nein, sie schien sich wirklich zu amüsieren. Trotzdem war Miss Cumberland leicht unruhig. Dieses Kind hatte die seltsamsten Ideen und hin und wieder wurde es leider auch gefährlich. Es explodierten Brausetabletten in der Sprudelflasche, es gab Flecken auf den Klamotten, weil sie mal wieder alles schwarz eingepinselt hatte und und und. Das Mädchen mit den lustigen Rattenzöpfen war immer für eine mehr oder weniger gute Überraschung brauchbar. Und auch dieses Mal war es nicht anders. Sabby kam ihr im Flur auf Rollschuhen entgegen und da sie nicht rechtzeitig bremsen konnte sauste sie mit voller Wucht gegen ihre Erzieherin.

„Sabby was soll das“ stöhnte Miss Cumberland auf und hob fragend die Augenbrauen, dabei rieb sie schmerzlich ihr Beckenknochen.

„Zeiteppidenz! Ich hab garantiert hunderttausend Minuten weniger gebraucht um vom Kinderbistro hierher zu kommen. Jetzt habe hunderttausend Minuten mehr Zeit zum spielen.“ Ein glückliches Lächeln war auf dem Kindergesicht und das Lachen breitete sich immer weiter aus. „Doch Miss Cumberland. Zetieppidenz ist wichtig, hab ich bei Miss Smith gehört“

Die Erzieherin verstand die Wörter nicht, doch nickte kurz ab. „Sabby, aber nicht im Gebäude. Rollschuhe gehören raus in den Garten.“

Sabby zog eine Schnute. „Ok. Ich fahr in den Nebenraum und zieh sie dann gleich aus.“ Sagte sie beleidigt und riss sich von der Frau los.

„Nicht gleich! Sofort“ rief ihr Miss Cumberland hinterher.

„Ja SOFORT, im Nebenraum“ hörte sie noch die Worte des Mädchens, bevor dieses im besagten Raum verschwand.

 

„Hier“ Sabby sauste durch das Zimmer, nicht gewillt auf die Worte von Miss Cumberland zu hören. Dafür machte Rollschuhfahren einfach zu großen Spaß. In der Hand hielt sie die Kinderschere, die sie von Andy beschlagnahmt hatten und fuchtelte wild in der Gegend rum.

Diggs, Rocky und auch Jonny hatten größte Mühe der Schere und Sabby immer wieder auszuweichen. „Huiiiii, Juhuuuu, aaaaaah!“ Sabby knallte gegen den Schrank und plumpste auf ihr Hinterteil. Geschockt riss sie die Augen auf und hielt die Schere in die Luft. „Autsch“

Diggs schüttelte den Kopf. „Sabby, kann die Schere uns irgendwas sagen?“

Sabby riss den Kopf herum und musterte Diggs verwundert. „Ja und Nein“ Schnell gab sie es auf, auf die Beine zu kommen und so setzte sie sich nur ungeschickt in den Schneidersitz, soweit es die Rollschuhe es zuließen. „Nein, also natürlich kann uns die Schere nix sagen. Sie ist ja auch nur eine Schere und Scheren können nicht reden. Glaub ich zumindest.“

„Sabby“ grummelte Diggs und warf ihr einen ernsten Blick zu.

„Okay, das hast du vermutlich nicht gemeint. Ansonsten weiß ich nur, dass diese Schere eine Rechtshänderschere ist, mit gelben Griff, vorne abgerundet. Die Scheren in der Vorschule sind vorne spitz, aber für die kleinen Kinder gibt es extra diese. Damit sie sich nicht verletzen, wenn sie damit rumfuchteln.“

„Oder damit Rollschuh fahren“ ergänzte Rocky und nahm dem Mädchen die Schere aus der Hand und reichte sie an Jonny weiter. Gemeinsam mit Diggs half er dann seiner quirligen Freundin hoch.

 

Mia unterdessen stand zusammen mit Tommy im Flur des Kindergartens und unterhielt sich mit ihm angeregt über die gefundene Puppe.
„Kannst du dir das vorstellen, sie sieht fast so aus wie Puppe. Immer wenn ich sie bei Rocky auf dem Tisch sehe, dann bekomm ich eine Gänsehaut und bin froh, dass ich Puppe noch habe...“ Mias Redefluss war kaum zu unterbinden und der kleine Junge ihr gegenüber konnte nur nicken, als sie plötzlich einen lauten Schlag hörten. Beide Köpfe fuhren herum und Mias Puppe war erst einmal vergessen.

Tali stand vor dem Schuhregal und trat wütend darauf ein.
„Stirb du blödes Teil“ zischte sie dem Regal zu und zog weiterhin an ihren Schuhen die sich mit den Schnürsenkeln irgendwie verhakt hatten.
Tommy warf Mia einen fragenden Blick zu. „Sie klingt ja nicht gerade gefasst?“
„Oh“, sagte Milena. „Das ist der israelische Standard Griff. Es geht ihr gut, wenn sie schon wieder fluchen kann.“ Mia versuchte damit Tommy und sich selber zu beruhigen. Doch Talis Gefluche versetzte sie um die Freundin in große Sorge und sie löste sich von ihrem kleinen Freund und ging auf die Israeli zu.
„Alles klar mit dir?“ fragte sie besorgt.
„Ja alles bestens“, kam es von Taljah und endlich löste sich ihr Schuh und sie bückte sich um sie anzuziehen.
„Hörmal, ich verharmlose nicht was du erlebt hast, ich will nur deine trüben Gedanken vertreiben.“
„Du bist auf den Holzweg, Mia. Ich habe keine trübdings Gedanken.“
„Gut, dann lass uns etwas trinken gehen.“ Erwartungsvoll sah sie ihre Freundin an.
Doch diese schüttelte nur den Kopf. „Nein. Jetzt nicht.“
„Trinken Tali … einen Orangensaft oder so. Da sind Vitadinger drin, sagt Mommy, das hilft bei allem.“
Der kleine Krauskopf sah Mia lange an, dann antwortete sie ihr in ihrer Heimatsprache.
Milena sah sie skeptisch an und legte ihren Kopf schief, trotzdem fragte sie verheißungsvoll: „War das ein JA?“
„Das war ein HALT DIE KLAPPE MILENA.“

 

 

Kapitel 5


Nachdem sie gesehen hatte, wie Mia sich wieder zu Tommy zurückzog, machte sich Taljah doch auf zu dem Kinderbistro in der hinteren Ecke in der Nähe der Küche. Sie setzte sich an einen der kleinen Tische und schlürfte an einem Orangensaft. Auch wenn sie es nicht zugeben würde, aber Mias Vitadinger schienen ihr wirklich gut zu tun. Plötzlich spürte sie neben sich eine Bewegung. Ganz darauf bedacht, dass Mia ihr doch noch gefolgt war, drehte sie sich um und erblickte zu ihrer großen Überraschung Michael.
„Hey, darf ich mich zu dir setzen?“
Tali zuckte mit den Achseln. „Klar. Was machst du hier?“
„Das könnte ich dich auch fragen. Aber meine Freundin kam immer gerne hier her und ich dachte ich wäre ihr hier wieder näher.“
„Erzähl mir von ihr.“
„Oh sie war“, als er merkte was er da gesagt hatte, fing er noch einmal von vorne an. „Sie ist ein tolles Mädchen. Einfühlsam, immer bereit mir zu helfen. Sie mag mich so wie ich bin. Aber sie hat mich auch mit ihren ewigen Filmanspielungen in den Wahnsinn getrieben, aber ich habe sich echt lieb gehabt.“ Mit einem traurigen Lächeln sah er auf seine Caprisonne.
Tali schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. „Das hört sich nach der großen Liebe an“, kicherte sie.
„Mhmm, ja, ich weiß nicht. Wenn du meinst...Meine Mommy meinte immer, wir passten nicht zueinander.“
„Und besuchst du sie mal?“, fragte ihn Tali interessiert.
„Ich weiß nicht wo sie wohnt. Sie meldet sich nicht mehr. Ich will sie ja nicht unbedingt besuchen, aber sie könnte mir ja wenigstens mal mitteilen wie es ihr nun so geht und ob sie schon Freunde gefunden hat.“
„Vielleicht kann ich dir helfen“
„Warum? Du kanntest doch Stephanie gar nicht.“
Taljah zuckte mit den Achseln und stand langsam vom Tisch auf.

„Ich muss zurück“, murmelte sie. „Wir sehen uns später“

 

 

Eine viertel Stunde später stand Tali in der Bauecke hinter Diggs. Ihr Blick war gefasst, aber ihr Gesicht sah traurig und niedergeschlagen aus. Sie wollte sich gerade auf die Kiste mit den großen Bauklötzen setzen als Milena mit Marias Bruder zu ihnen stieß.
„Das ist Randy, er ist Marias Bruder und ist extra herüber gekommen um die Puppenkleider seiner Schwester zu holen“, sagte Mia und blieb am Schrank mit den Legosteinen stehen.
Der Junge bedachte Diggs nur mit einem kurzen Blick und ging geradewegs auf Taljah zu. „He Tali. Ich wollte mich bei dir persönlich bedanken. Ich hoffe, dass du Andy so richtig eins auf die Nase gegeben hast. Er hat es verdient. Echt.“ Er nickte noch einmal bestätigend dem Mädchen zu und sah, dass sie sein Nicken ebenfalls erwiderte.

„Die Kleider sind bei Rocky im Nebenraum“ grummelte Diggs und warf Randy einen verärgerten Blick zu. Schon wieder hatte jemand Tali an die Prügelei erinnert. Dabei wollten ihre Freunde sie so gerne auf andere Gedanken bringen. „Tommy bringt dich hin“ fügte er noch hinzu und sah dem Jungen und Tommy hinterher. Diggs Gesichtsausdruck war sehr nachdenklich. Irgendetwas war ihm ins Auge gefallen, aber er wusste beim besten Willen nicht, was es war. Während er überlegte, kaute er auf seiner Unterlippe.  
Taljah stand immer noch auf den gleichen Fleck und starrte Marias Bruder wie hypnotisiert hinterher. Auch Diggs beobachtete den älteren Jungen bis er im Nebenraum verschwand, bevor er die Israeli nun ansprach und so aus ihrer Starre holte. „Tali?“
„Mir geht’s gut Diggs“, folgte ihr Standardantwort, doch ihr Blick sagte etwas ganz anderes.

Taljah war mehr als genervt von dem Gerede der anderen, es gab anscheinend kein anderes Thema mehr. Obwohl sie doch am liebsten diese Prügelei mit Andy ein für allemal vergessen wollte. Sie brauchte ein bisschen Abstand. Mit hängenden Schultern verließ sie das Zimmer und ging langsam den Flur entlang. Dabei setzte sie immer einen Fuß vor den anderen. TippToppTippTopp, sie versuchte sich so ein wenig abzulenken und das Spiel hatten sie in der letzten Turnstunde neu gelernt. Vorsichtig versuchte sie auf der Linie der Bodenfließen zu balancieren und streckte die Arme weit von sich um die Balance zu halten und blickte angestrengt auf den Boden um die Linie nicht aus den Augen zu verlieren. So bemerkte sie auch nicht, dass Michael auf sie zukam und erst als sie beinahe gegen ihn gestoßen wäre, blickte sie auf.

„Ich hoffe du warst nicht auf der Suche nach mir?“ neckte der Junge Tali und legte den Kopf schief. Ein verlegenes Lächeln legte sich auf seine Lippen.

„Ach, hast du das wirklich gehofft“ Taljah hob die Augenbrauen und strahlte ihn an.

„Nicht wirklich“ kicherte Michael. „Willst du noch nen Orangensaft, oder…?“ der Junge zögerte.

„Oder was?“ fragte der Lockenkopf und sah ihn verwirrt an.

„Oder du kommst mit zum Mittagsschlaf“ murmelte er leise, denn schließlich wusste er, dass Tali eigentlich schon viel zu groß war für den Mittagsschlaf.

„Warum sollte ich das tun?“ kam es prompt von dem Mädchen.

Michael hob die Schultern. „Weil du ein schlechtes Gewissen hast, wegen deiner Spionage, oder weil du diesen Andy verprügelt hast und jetzt ein bisschen Ruhe brauchst.“ Er kam ein wenig dichter und flüsterte Tali ins Ohr. „Vielleicht kann ich dich auch ein bisschen trösten“

 

Michael hatte recht, sie brauchte wirklich etwas Ruhe, die Prügelei mit Andy steckte ihr noch immer in den Knochen, die leichten Kopfschmerzen pochten in ihrem Lockenkopf. Taljah entschied sich mit zu gehen. Miss Donalds war zwar zunächst verwundert über Talis Erscheinen, besorgte dann aber doch noch schnell eine kleine Matratze und eine Decke für das Mädchen und platzierte diese direkt neben Michaels Platz. Die Erzieherin freute sich sehr darüber, dass Michael anscheinend eine neue Freundin gefunden hatte. Seitdem Stephanie, seine ehemalige beste Freundin und somit seine Spielpartnerin vor einer Woche wegzog, sah der Junge immer sehr traurig aus. Meist war er alleine und die anderen Kinder schienen ihn nicht zu interessieren. Vielleicht ging es ja jetzt aufwärts.

Tali legte sich hin, zog die Decke bis unters Kinn und schenkte Michael noch ein letztes Lächeln. Das Mädchen gähnte herzhaft und rollte sich ein. Ihr letzter Blick galt ihrer Büroklammer. Zu Hause legte sie diese immer unter ihr Kopfkissen, aber da sie plötzlich so müde war, hatte sie das Ding heute einfach neben ihrer Matratze platziert, direkt neben ihren Hausschuhen. Eine Minute später war Tali eingeschlafen.

 

Michael lag nun bereits eine halbe Stunde wach und rollte sich unruhig auf seiner Matratze hin und her. Er konnte einfach nicht einschlafen. Die Gute-Nacht-Geschichte im Kassettenrekorder war auch gleich vorbei. Er musste jetzt handeln, ob er wollte oder nicht. Er setzte sich auf und griff über Taljah, neben ihren Hausschuhen lag das Ersehnte. Nur noch wenige Zentimeter trennten ihn von….

Er konnte gerade noch so einen Aufschrei verhindern, blitzschnell hatte Tali nach ihrer Büroklammer gegriffen und hielt sie ihm nun drohend vor die Nase. Ihre Augen hatten sich zu schlitzen verengt und ihr Herz pochte wild.

„Ruhig“ Michael entfernte sich ein wenig von der Büroklammer, konnte aber nicht verhindern, dass er nach wie vor darauf schielte. „Ich habe nur nach meinem Teddy gegriffen, Tali. Ich kann ohne ihn einfach nicht einschlafen“ jammerte er leise und schob vorsichtig Taljahs Arm zur Seite.

„Hast du mit dieser Klammer Andy gepiekst?“ flüsterte er leise.

„Nein. Wir haben gekämpft und dann hab ich…..Nein, es ist nicht die Klammer.“ In Gedanken sah sie Mias rosa Haarspange auf dem Boden liegen. Nein, das würde sie niemals zugeben, dass dieses Ding ihr das Leben gerettet hatte.

„Und wie ist es jemanden zu verprügeln?“ Michael schien wirklich neugierig zu sein. „Hast du ihm rechts und links eine geboxt? Ich kann das mit links besser, ich bin nämlich Linkshändler, sagt meine Mama.“

„Es ist was es ist, es war das was nötig war, ich hab nicht weiter drüber nachgedacht.“

„Hattest du Angst“

„Nein“ kam es in brünstig aus Taljahs Mund.

„Tut mir leid“ fügte der Junge schnell hinzu, der die Empörung in Talis Stimme erkannte. „Das war eine blöde Frage.

„Wieso denken alle immer, dass Mädchen nur mit Puppten spielen und in rosa Kleidchen rumlaufen.“ zischte sie wütend und wollte gerade die Büroklammer zurücklegen.

„Ich habe noch nie eine Büroklammer in der Hand gehabt“ versuchte der Junge sie aufzuhalten.

„Ich will endlich schlafen, du wirst auch jetzt keine in die Hand nehmen“ Taljah schüttelte den Kopf.

„Mmmh“ kam es von Michael „Dann brauch ich aber meinen Teddy.“

 

 

Kapitel 6

 

Rocky hatte das Feld geräumt und überließ die Puppen, die noch immer auf der Fensterbank saßen, Sabby und ihren Untersuchungen. Mit einem dicken Lupenglas begutachtete sie nun die einzelnen Haarsträhnen.

„Hast du schon eine brauchbare Spur, Sabby?“ Tommy stand neben dem Mädchen und blickte ungeduldig über ihre Schulter.

Sabby rümpfte die Nase und seufzte kurz auf. „Ja, ich bin gut, Tommy. Aber ich kann nun mal keine Wunder vollbringen.“ Sie legte die Lupe aus der Hand und stemmte die Arme theatralisch in die Hüfte. „Das ist unmöglich. Ich habe es dir schon einmal, nein hunderttausendmillionenmal gesagt“, empörte sie sich.

Tommy hob entschuldigend die Hände und drehte sich gerade um, seine letzte Hoffnung war die Flucht. Doch Sabby gab natürlich nicht so einfach auf.

„Wo willst du hin?“ zischte sie und langsam drehte er sich wieder zu seiner Freundin um, während er eifrig überlegte, welche Ausrede er nutzen könnte.

„Äh, ich …mach mich wieder an die Arbeit.“ murmelte er, wohlwissend, dass es sich nicht glaubhaft anhörte.

„Du denkst, ich gebe so einfach auf, hältst du mich für eine Versagerin? Gerade du müsstest wissen, dass ich immer wenn´s schwierig wird zur Superduperform auflaufe.“ Tränen der Enttäuschung stiegen Sabby in die dunklen Augen. Doch plötzlich funkelten ihre Augen.

„Und jetzt bist du in Superduperform“ grinste Tommy sie an und legte den Kopf leicht schief.

„Ja, die Haarfarbe. Hier schau“ Sie zog den Jungen am Ärmel und drückte ihm die Lupe in die Hand. „Da“ Sie deutete auf eine Haarsträhne. „Alle Haare sind blond, eine schwarzhaarig, aber da ist ROT“ Sabbys Stimme zitterte vor Aufregung. „Rote Farbe“

 

Zwei Stunden später stand Taljah draußen im Garten und unterhielt sich mit Sara, Diggs kleiner rothaarigen Freundin aus der gelben Gruppe. Das Mädchen schüttelte soeben den Kopf.

„Ok“ sagte Taljah. „Aber falls du sie findest, könntest du mir dann Bescheid sagen?“

„Na klar“ antworte Sara und wandte sich dann wieder ihrer Freundin zu, die bereits mit den Springseilen auf sie wartete.

Mia hatte sich von hinten angeschlichen und tippte ihrer Freundin auf die Schulter. „Was machst du da?“ neugierig musterte sie Tali und spielte mit ihren Haaren.

„Ich suche die Puppe von Michaels Freundin.“ Der Lockenkopf drehte sich zu Mia um. „Und du?“

„Ich auch“ flüsterte diese und erntete dafür einen verwirrten Blick der Israelin.

„Was? Wozu?“ Taljah zog Mia zur Seite und sie setzten sich auf einen Baumstumpf.

„Nun, sie könnte leicht Opfer Nummer 6 sein und dein Freund Michael ist vielleicht der Haare-Abschneider.“

„Er ist kein Puppenzerstörer“ Tali zog eine Schnute und war schon ein wenig beleidigt.

„Nein, aber vielleicht ein Gehelfer.“ grummelte Mia, die verärgert darüber war, dass ihre Freundin diesen Jungen so in Schutz nahm.

„Mikey hat damit nix zu tun“ zischte Tali.

„Mikey?“ stieß Mia entrüstet hervor.

„Das ist sein Name“ Die Tatsache, dass Mia sie langsam nervte, war nicht mehr zu verstecken.

„Das ist sein Spitzname“ stieß das Mädchen hervor. „Hast du etwa…. Seid ihr jetzt Freunde. Erzähl´s mir nicht.“ Sie schüttelte sich. Doch sie konnte ihre Neugier einfach nicht zügeln „Doch, erzähl´s mir. Was hast du gemacht?“

„Was ich gemacht hab oder nicht gemacht hab, geht dich nix an“ grummelte Taljah, stand auf und ließ mit diesen Worten eine verwirrte und traurige Mia auf dem Baumstamm zurück.

 

Doch Taljah kam nicht weit, bereits im Flur, an der Treppe nach oben, hatte Mia sie eingeholt. Eigentlich wollte sie ihr aus dem Weg gehen, doch die kleine DiNozzo versperrte ihr den Weg.

„Wie ist Michael denn so?“ Sie musste Tali tatsächlich am Arm festhalten, dass diese nicht einfach weiterstampfte.

„Warum fragst du?“ So langsam machte Mia sie wirklich fuchsteufelswild und genervt atmete sie aus.

„Warum antwortest du nicht?“ Und nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu. „Und, ist er nett?“

Taljah verdrehte die Augen. „Siehst du, Mia. Das ist wieder nur ein Beweis für deine Eifersucht!“

„Nö“ kam es von Mia und sie schüttelte theatralisch ihren Kopf. „Ich“ dieses Wort betonte sie sehr sorgsam. „Ich mach mir Sorgen.“

Taljah legte die Stirn in Falten. „Warum das denn bitte?“, stieß sich auflachend hervor.

„Ich habe gesehen, wie ihr beide aus dem Schlafraum gekommen seid. Du machst sonst nie Mittagsschlaf.“ Und eigentlich wollte Mia damit nur auf das angeschlagene Gemüt ihrer Freundin anspielen und ihr sagen, dass sie sich Sorgen machte. Doch natürlich musste sie es wieder viel zu kompliziert formulieren.

Taljah staunte nicht schlecht und sie konnte ihren Mund nicht schließen, so sehr schnappte sie nach Luft. „Du bist mir gefolgt?!“

Eingeschnappt lachte nun Mia kurz auf. „Pah, bilde dir bloß nix ein. Ich war zufällig bei Miss Smith im Büro. Und da hab ich euch gesehen.“

„Ach vergiss es Mia“ wütend drehte sich Tali weg, versteckte ihre aufkommenden Tränen und stapfte davon.

 

„Tali ist verliebt, oh verliebt…., verlobt….. und la la la…“ Mias Stimme hallte durch den Gruppenraum. Auch wenn sie gesanglich nicht gerade begabt war, es war keine Ausnahme, dass die quietschende Stimme des Mädchens zu hören war.

„So ist es doch, genau wie bei den Zeichentrickfilmen, Diggs. Erst ist man verliebt, dann ist man verlobt und dann…“ Mia spielte sich geschickt in den Vordergrund und genoss Diggs ganze Aufmerksamkeit. Sie redete ununterbrochen.

„Halt die Klappe, DiNozzo“ erklang plötzlich die wütende Stimme Taljahs von der Seite.

Diggs sah kritisch zwischen den Mädels hin und her und hob dann fragend die Schultern. „Hab ich irgendwas verpasst?“

„Klar, Diggs“ Mia warf ihrer Freundin einen besserwisserischen Seitenblick zu. „Taljah hat sich in den Gehelfer von Andy verliebt“

„Hab ich gar nicht“ zischte Taljah zurück. Und außerdem ist er nicht der GEHILFE“ Taljah war sich sicher, dass genau das der richtige Ausdruck war und grinste triumphierend, als sie das kurze Lächeln in Tommys Gesicht sah, der sich dezent im Hintergrund hielt und die Szene beobachtete.

Taljah war ein Schritt auf Milena zugegangen und stemmt die Hände in die Hüfte. „Du irrst dich“

„Ach komm, Tali, sieh die Sache mal wie ein Schulkind. Den Beweisen zu folge ist er schuldig.“

„Das sind nur so indische Beweise“ Hilfesuchend sah sich Taljah nach Tommy um.

„Es heißt Indizienbeweise“ kam es prompt von dem Jungen zurück.

„Und die da wären?“ Diggs wagte es, sich zwischen die zwei Streithähne zu drängen und sie somit daran zu hindern, aufeinander los zu gehen.

Mia fühlte sich bestätigt, nickte und begann die Beweise aufzuzählen. „ Beide sind in der gleichen Gruppe.“

„Toll“ murmelte Tali und erntete einen bösen Blick von Diggs, welcher sie verstummen ließ.

„Heidi, ein Mädchen aus der grünen Gruppe hat erzählt, dass Andy und Michael befreundet sind. Sie haben häufig zusammen gespielt.“

Tali schnappte nach Luft und wollte gerade etwas sagen, doch Diggs kam ihr wieder einmal zuvor und erneut verstummte sie.

„Außerdem behauptet Michael, seit einer Woche auf der Suche nach der Puppe von seiner Freundin Tanja zu sein. Diese ist nämlich verschwunden. Es gibt keinerlei Hinweise, wo sie sein könnte. Aber Heidi hat gesagt, dass sie Michael vor einer Woche noch mit der Puppe gesehen hat, kurz bevor sie verschwunden ist.“

„Warum sollte er das getan haben?“ Tali petzte die Augen fest zusammen, damit Diggs sie nicht wieder stoppen konnte.

„Weil er eingeschnappt ist. Laut Heidi hat es nämlich seiner Freundin gar nix ausgemacht, wegzuziehen. Sie vermisst ihn noch nicht mal. Und deshalb will er sie jetzt ärgern.“

 

Kapitel 7

 

Taljah hatte sich erneut zurückgezogen. Irgendwie fühlte sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Hatten ihre Freunde recht, könnte es tatsächlich möglich sein, dass Michael dieser ‚Tripptrapptäter‘ war? Konnte sie sich so in einem Menschen wirklich so täuschen. Er war doch nett zu ihr. Sie ließ sich auf den Teppich der Puppenecke in den Schneidersitz gleiten und griff nach der erstbesten Puppe. In Gedanken versunken, starrte sie diese an.

„Du spielst mit Puppen?“ Diggs hatte sich leise angeschlichen, einen Moment lang seine Freundin beobachtet und trat nun näher an sie heran. Ertappt legte Tali die Puppe zur Seite.

„Mein Gefühl hat mich getäuscht“ murmelte sie. „Das ist mir noch nie passiert.“ Kleine Tränchen rollten über die Wangen des Kindes.

„Dein Gefühl hat dich bisher immer vor Schlimmeren bewahrt. Schau nur, die Sache mit Andy. Dein Gefühl hat dich gerettet, du hast im richtigen Moment gehandelt“ versuchte er den Lockenkopf zu trösten. Doch Tali schüttelte den Kopf.

„Ich hätte früher was tun müssen. Es wäre beinahe schief gegangen.“, betonte sie.

„Mmh, beinahe. Aber wenn du dich nicht auf dein Gefühl verlässt, heißt es das nächste Mal eben nicht mehr nur beinahe, sondern vielleicht zu spät.“

 

Tommy ging mit gehobener Nase den Kindergartenflur entlang. Er, er ganz alleine, durfte einen Auftrag von Diggs ausführen. Er sollte sich eine Meinung über Michael machen, ganz unvoreingenommen. Die Streithähne Mia und Tali waren zu keiner neutralen Sichtweise zu bewegen. Es war bereits Nachmittag und eigentlich müsste sich Michael jetzt in seiner Gruppe befinden. Vermutlich bastelte er gerade sein Muttertagsgeschenk. Vorsichtig steckte Tommy den Kopf zur Tür herein. Die Kinder der Gruppe waren allesamt beschäftigt. Er winkte Sarah zu, die ihn sofort entdeckt hatte und sah sich dann im Gruppenraum um. Michael saß tatsächlich am Basteltisch. Und so von weitem sah er ganz normal aus. Er musste näher ran, natürlich ohne dass der Junge Verdacht schöpfte. Er holte tief Luft und versuchte den Mut aufzubringen. Dann drückte er die Schultern durch und betrat den Raum. „Miss Arnolds“, nervös spielte er mit seinen Fingern und trat schüchtern zurückhaltend zur Erzieherin, die ebenfalls am Basteltisch und somit ganz nah bei Michael saß. „Könnten wir bitte ein bisschen Kleister haben. Unsrer ist alle“ zwitscherte er und legte nervös den Kopf zur Seite. Lügen fiel ihm immer schwer, doch hier brauchte er diese Notlüge.

„Sicherlich“ Miss Arnolds stand auf und ging zum Materialschrank. Das war seine Chance. Aus dem Augenwinkel beobachtete er Michael, der konzentriert an seiner Bastelarbeit saß und noch nicht einmal aufblickte. Als Zeichen der Konzentration hatte er seine Zunge zwischen die Lippen gepresst. Er sah so eigentlich ganz normal aus.

„Hier bitte, Tom“ Die Erzieherin hielt ihm die Kleisterpackung entgegen und schenkte ihm ein Lächeln. „Braucht ihr sonst noch was?“

„Danke, nein…Danke, Miss Arnolds“ stammelte Tommy ertappt. „Kleister reicht“

 

Sabby rollte mit ihren Rollschuhen um Andys Bobbycar herum. Tommy hatte es gemeinsam mit Diggs vorne im Eingangsbereich gemopst und zu ihr in den Nebenraum gebracht. Jetzt stand das rote Ding auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers. Sabby pfiff aufgeregt durch die Zähne. Vor ihr stand die Luxusausgabe aller Bobbycars. Verwöhnter Bengel, schoss es dem Mädchen durch den Kopf. Dieses Model hatte sogar einen Navigator vor dem Lenkrad .Und genau den wollte sie nun ausbauen, denn es war das letzte Teil, ansonsten hatte sie schon alles untersucht.
„Komm schon du riesiges, schweres Ding“, grummelte sie über das Gefährt gebeugt.
Doch das kleine kreisrunde Gerät ließ sich zwar drehen, aber sie bekam es einfach nicht aus seinem Fach. Sie quälte sich nun schon einige Zeit damit herum und als sie Mia kommen hörte, kam sie ihr sehr gelegen und freudig rollte sie einmal um sie herum.
„Ich könnte deine Hilfe gebrauchen, Milena.“
Mia sah sie fragend an und blickte dann auf ihre Rollschuhe. „Hast du die Dinger noch nicht satt?“
„Neinnn“, Sabby schüttelte übertrieben den Kopf und deutete auf das Navi.

„Roll zur Seite, das ist Mia-Sache“, sie atmete tief durch, beugte sich über das Bobbycar und ruckte an dem Gerät. Zumindest lenkte sie das ein wenig von der Sorge um Tali ab. „Puh das ist wirklich schwer“, sagte sie mit einem seltsamen Blick auf ihre Freundin und zog dann das Teil mit dem kleinen Finger heraus. Mit viel Theater legte sie es auf den Tisch. „Das war ja echt schwer, Sabby“, sagte sie gespielt erschöpft, doch ihre kleine Freundin hörte schon nicht mehr zu, sondern fingerte in dem Geheimfach, das sie unter dem Navi gefunden hatte, herum und holte dann ein kleines Kästchen hervor. Naseweis öffnete sie das Kästchen und das sonst so quirlige Mädchen musste feste schlucken. Zum Vorschein kamen vier abgeschnittene Puppenzöpfe.
„OhOh“, machte sie.
„Was?“, fragte Mia und drehte sich gerade wieder um, als Sabby ihr das Kästchen unter die Nase hielt. Als sie den Inhalt sah, schluckte sie schwer. „Ich hol die Anderen“

 

„Hast du die Zöpfe den Puppen zugeordnet?“ fragte Diggs bereits, bevor die Tür zum Nebenraum richtig geschlossen war. Aufgeregt lief er zum Tisch und betrachtete die Zöpfe.

„Nein, da bin ich dran. DIggs.“ Sabby rollte um den Tisch, schnappte sich einen Zopf und rollte zurück zur Fensterbank, verglich die abgeschnittenen Haare. Immer wieder hin und her.

„Okay, also dieser hier passt einfach.“ Lächelnd hob sie den Zopf mit den schwarzen Haaren in die Luft. „Schwarze Haare sind einfach rattenscharf“ Sie kniff das linke Auge zu und verglich die Kunsthaare mit ihrem eigenen.

„Und die anderen?“ grummelte Diggs und verdrehte die Augen. Mädchen waren soooo mädchenhaft. Ein besseres Wort fiel ihm dafür nicht ein.

„Ich helf dir ein bisschen, Sabby“ Rocky hatte unbemerkt das Zimmer betreten und schnappte sich einen Zopf. „Das wird nicht lange dauern.“

Tommy lehnte sich rücklings gegen die Tür und beobachtete das rege Treiben, Mia hatte sich auf das Schränkchen gesetzt und zwirbelte mit ihrem Haar. Diggs stand seitlich am Fensterbrett. Alle sahen sie gebannt auf Sabby und Rocky.

„Aufgrund der unterschiedlichen Haarfarbe und der Schnittmuster sind wir uns ziemlich sicher, dass die Haare zu Opfer 1, 2, 3 und 4 gehörten“ klärte Rocky seine Freunde auf.

„Wie ihr wisst, wurden die Haare von Opfer Nummer 5 nicht ratschratsch, sondern ratschipatschiratscha abgeschnitten. Dieser Zopf fehlt. Eindeutig.“

„Die Vermutung von Mias „Gehelfer“ klingt logisch, Diggs“, mischte sich Tommy ein und musste bei Mias Wortverdreher kurz grinsen. Mia bestrafte ihn mit einem bösen Blick. „Der Haareabschneider von Opfer Nummer 5 wusste, dass er die Haare abschneiden muss, aber nicht wie. Und er wusste auch nicht, dass Andy die Zöpfe aufgehoben hat.“

„Und auch nicht wo“, fiel ihm Sabby ins Wort und nahm wieder Fahrt auf. Immer wieder rollte sie im Kreis, selbst eine kleine Drehung war ihr mittlerweile gelungen.

„Mmh, aber es war eindeutig eine Rechtshändlerschere“ murmelte Rocky vor sich hin. „Das Schnittmuster passt nicht für einen Linkshänder“

„Und damit kannst du gaaaanz viele Kinder ausschließen“ meckerte Diggs. „Ungefähr drei, oder vier?“, enttäuscht seufzte er auf.

„Auf jeden Fall können wir Michael ausschließen“, stammelte Tommy, wohlwissend, dass Mia diese Aussage nicht passen würde und prompt erhielt er für die Worte einen Seitenrempler von seiner Freundin. „Was denn Mia?“ Er hob entschuldigend die Schultern. „Ich war vorhin in Michaels Gruppe und habe ihn beobachtet“, sagte er mit einem stolzen Lächeln im Gesicht. „Und Talis neuer Freund ist Linkshänder. Ich habe es genau gesehen, er hat nämlich gerade sein Muttertagsgeschenk gebastelt. Und das hat er ausgeschnitten, mit LINKS!“

„Nun Mia“, Diggs trat neben das Mädchen und legte ihr behutsam eine Hand auf die Schulter. „Da wird wohl eine Entschuldigung bei Taljah fällig sein.“

Mia knabberte an ihrer Unterlippe, sie fühlte sich alles andere als wohl. Anscheinend hatte sie Michael und vor allem ihrer Freundin Tali Unrecht getan. Ein schlechtes Gewissen machte sich in ihr breit.

Diggs sah ihr tröstend in die Augen, wandte sich dann aber ab und überlegte eifrig, wie er Sabbys Rollschuhkünste unterbinden sollte. So langsam nervte ihn das Rumgerolle.

Plötzlich hielt diese aber von ganz allein inne und wäre beinahe erneut auf dem Hosenboden gelandet, konnte sich aber gerade noch rechtzeitig am Tisch abfangen.

„Es ist die Puppe mit dem roten Fleck“ aufgeregt blickte sie zu Tommy. „Opfer Nummer 5 ist die Puppe mit der Farbe im Haar, Tommy und ich haben die vorhin entdeckt. Mit der Lupe. Wir haben uns alle Haarsträhnen angeschaut und zunächst war nix zu erkennen, aber dann….“

„Sabby“ erklang es gleichzeitig aus vier Kindermündern und stoppte den Redefluss des Mädchens.

„Farbe“ grummelte Diggs und sah in die Gesichter seiner Freunde. „Der Bruder von Maria hatte Farbe an seinen Pulliärmel. Welche Farbe, Sabby?“

„Rot wie Blut. Er hat eine Blutspur hinterlassen“ grinste sie und kicherte, sie fand ihren Satz extra lustig.

„Das passt, die Flecken waren ebenfalls rot“ fasste Diggs zusammen.

„Dann war es der Bruder?“ Mia sprang mit einem Satz vom Schränkchen runter.

„Große Brüder sind immer verdächtig“, meinte Diggs und warf Tommy einen kurzen Blick zu. „Fast immer“, korrigierte er sich dann selbst.

„Deswegen bin ich ein Einzelkind“, triumphierte Sabby und drehte eine Pirouette. „Huiiiiiiii“ und stieß dabei beinahe gegen Diggs, der bereits auf dem Weg war aus dem Zimmer zu gehen.

„Sabby“ genervt drehte er sich nochmal zu ihr um.

„Ja Diggs“ verunsichert blickte sie ihrem guten Freund in die Augen.

„Weg mit den Rollschuhen“ grummelte er und verließ den Raum. Dicht gefolgt von Mia und Tommy.

 

Kapitel 8

 

„Da hinten ist er“, grummelte Diggs und deutete in Richtung Schaukel. Einige Jungs hatten sich dort im Sandkasten versammelt und wollten anscheinend einen Tunnel graben. „Wir werden ihn überführen.“

Mia hatte sich die Sonnenbrille auf die Nase gesetzt und ihr rosa Sonnenhut extra schief auf den Kopf gesetzt. Sie sah ja so cool aus. Tommy zerrte am Ärmel seiner Jacke und räusperte sich. Die beiden wechselten einen kurzen Blick und stiefelten dann Diggs hinterher. Milena dachte kurz an Tali und entdeckte sie von weitem auf der Rutsche. Mit Michael. Mikey. Typisch. Doch Mia biss die Zähne zusammen, auch wenn es ihr das Herz zerriss, Taljah teilen zu müssen. Sie musste es wohl oder übel akzeptieren.

Sie waren an der Schaukel angekommen und als Marias Bruder sie entdeckte, kam er ihnen entgegen. „Habt ihr noch was von den Puppenkleidern?“, stellte er die Frage.

„Nein“ grummelte Diggs und musterte den Jungen, der ihm gegenüberstand. Tommy und Mia hatten sich seitlich des Jungen gestellt und Mia schob nun theatralisch ihre Sonnenbrille nach oben. Das hatte sie sich bei ihrem Daddy abgeschaut.

„Wir haben dir alle Kleider zurückgegeben“ fügte Tommy hinzu und begann um den Jungen herumzugehen. Die anderen Beiden machten es ihm gleich. Im Kreis umrundeten sie Marias Bruder, der verwirrt von einem zum anderen sah.

„Gibt es Neuigkeiten. Wisst ihr schon ob Andy eine deftige Strafe kriegt?“ Seine Stimme wurde immer unsicherer.

„Nun ja“, mischte sich nun Mia ein, „Er hat das Haareabschneiden an vier Puppen zugegeben.“

„Oh Mia“, Tommys Stimme. „Was ist mit der fünften Puppe?“

„Du meinst mit Marias Puppe?“ Ein kurzes Lächeln huschte über Mias Gesicht. „Nun, da gibt es ein paar Probleme.“

„Probleme, in welcher Art?“ Der Junge rümpfte die Nase und spielte nervös mit seinen Fingern.

„Nun, weißt du“, begann Diggs, noch immer den Jungen umrundend. „Die Tatsache, dass Andy die Zöpfe aufgehoben hat, ist die eine Sache.“ Er grinste.

„Dass er einen klaren Schnitt gemacht hat, eine andere.“, ergänzte Mia.

„Was wollt ihr damit sagen?“ Die Verwirrung des Jungen wurde immer größer. Doch seine Frage wurde von Diggs und seinen Freunden ignoriert.

„Was hast du da?“ fragte nun Tommy und deutet auf dessen Ärmel.

„Wasserfarbe. Ich habe heute Morgen gemalt.“, erklärte er schulterzuckend.

„Merkwürdig“ Diggs blieb nun direkt vor ihm stehen, griff nach dem Arm des Jungen und betrachtete den Farbfleck. „Es entspricht genau dem Farbfleck in den Puppenhaaren.“

„Was?“ erschreckt sah der Junge auf und entriss Diggs seinen Arm.

„Nun, war es nicht so. Du hast Marias Puppe die Haare abgeschnitten, wolltest du sie ärgern, oder…“

„Boah, sie ist so nervig.“, stieß der Junge hervor. „Puppe hier, Puppe da….. es war nicht zum aushalten.“

Sie hatten es geschafft. Ein weiterer Fall war gelöst. Sie hatten nicht nur den eigentlichen Täter überführt, nein, auch der Tripptrapptäter hatte mittlerweile gestanden und sich bei seiner nervenden, kleinen Schwester entschuldigt. Sogar die vermisste Puppe war im Bällebad aufgetaucht und Michael übergeben worden. Miss Smith hatte ihm sogar erlaubt, Tanja in ihrem neuen Kindergarten anzurufen und ihr die gute Nachricht zu erzählen. Tanja ging es gut, doch der Telefonanschluss bei ihr zu Hause funktionierte noch nicht, deswegen konnte sie sich tagelang nicht melden. Alles war gut. Fast alles.

 

Gemeinsam waren sie einfach unschlagbar. Jeder hatte seinen Teil beigetragen. Tali, die Undercomer Andy zur Strecke gebracht hatte. Mia, die das letzte Opfer gefunden hatte und die Zöpfe. Tommy, der sich mutig zur Beobachtung in die Nachbargruppe eingeschleust hatte. Rocky, der herausfand, dass eine Puppe mit ratschipatschiratscha abgeschnitten wurde. Sabby, die die rote Farbe entdeckt hatte und Diggs, der alle Zusammenhänge geordnet und den Tripptrapptäter zu einem Geständnis gezwungen hatte. Und zusammen saßen sie nun im Sandkasten am Klettergerüst und Jonny verteilte Gummibärchen, die er heimlich von zu Hause mitgebracht hatte.

„Die habe ich euch aus unserem Keller besorgt, wisst ihr, da ist es total dunkel. Aber für Freunde tut man so etwas ja gerne.“, begleitete er wortreich die Verteilung der verbotenen Süßigkeiten.

„Ha“ Mia lachte kurz auf. „Du bist ein kleiner `Kellergnom`“ Herzlich schlug sie dem kleinen Jungen auf die Schulter. Jonny, der das Wort nicht wirklich verstand und nix damit anfangen konnte, akzeptierte seinen neuen Spitznamen und freute sich sogar darüber. Es hörte sich ja auch irgendwie lustig an.

„Wo ist Tali?“ Mia sah in die Runde, bekam aber nur Kopfschütteln als Antwort. Ihre Stimmung war wieder auf dem Tiefpunkt und zerknirscht stand sie auf. „Ich geh sie suchen.“

 

Epilog

 

Taljah war im kleinen Garten hinter dem Haus. Sie saß gelangweilt auf der Schaukel und starrte in Richtung Gartenkammer. Jener Ort, an dem sie am Morgen mit Andy gerauft hatte und er beinahe ihre Haare abgeschnitten hätte. Und seit diesem Moment ging irgendwie alles schief.

Mia schlich sich von hinten an. Ihre Freundin so traurig zu sehen, tat ihr leid. Und gerne hätte sie sie getröstet, aber es fiel ihr beim besten Willen nichts ein, was gut genug für Tali gewesen wäre.

„He“, flüsterte sie und ließ sich vor der Israelin in den Sand plumpsen.

„Selber he“, murmelte Tali zurück und verzog das Gesicht zu einem Lächeln. Eigentlich war sie sauer auf Milena und wollte nicht mit ihr reden. Doch jetzt war sie schon mal da und sie wollte auch nicht unnötig streiten. „Das nächste Mal sollten wir besser auf mein Gefühl hören.“ Während sie Mia in die grünen Augen sah, ließ sie sich von der Schaukel rutschen und landete auf den Knien neben ihr im Sand. Um zu vermeiden, dass die anderen Kinder im Garten mithörten, steckten sie die Köpfe dicht zusammen.

Mia zog eine Schnute und nickte zögerlich. „Ich mag Michael aber nicht.“, hauchte sie. „Du bist MEINE Freundin.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Lockenkopfes. Es war unnötig, Mia von der Tatsache überzeugen zu wollen, dass man trotz Freundschaft auch mit anderen Kindern spielen konnte.

„Und du bist meine Freundin.“, bestätigte sie daher die Aussage und fügte, Augen rollend, hinzu: „Und meine Retterin.“

„Deine WAS?“ Mia riss die Augen auf und beobachtete verwirrt Tali, die sich auf die Knie stemmte und in ihrer Hosentasche wühlte. Zum Vorschein kam die rosa Hello-Kitty-Spange.

„Hier“ Sie hielt sie Mia entgegen. „Mit deiner Haarklammer habe ich Andy in die Flucht geschlagen. Gut, dass du mich gezwungen hast, sie zu tragen.“

Mia legte den Kopf ein wenig schief und sah Tali noch immer in die Augen. Dann nahm sie die Haarspange entgegen, ohne den Blick von ihr zu lösen. Vorsichtig hob sie die Hand und strich eine Locke des Mädchens aus dessen Gesicht und befestigte diese mit der Klammer. „Behalte sie. Als Zeichen unserer Freundschaft.“