DIE NACHT DER NEBELKINDER


Nebelschwaden bahnen sich den Weg durch dickes Unterholz. Die großen, mächtigen Stämme der Bäume, die sich nach oben in den Himmel strecken, haben sie längst verschluckt. Es ist kalt und feucht. Einer jener Wintertage, der sich, durch graue Eintönigkeit, drohend über die sonst so friedliche Natur legt. Als käme nie die Sonne wieder. Als gäbe es kein Entkommen.
Es ist, als höre man sich entfernende Schritte im Nebel, doch der Schleier dämpft den Laut. Und dann ist alles still. Still und leer. Um dich herum nur toter Raum. Du gehst los. Vorsichtig bewegst du dich über den weichen Waldboden. Was du hörst, ist dein aufgeregter Atem, deine Schritte und der Schrei eines Vogels. Immer wieder drehst du dich um, doch der Nebel wird immer dichter. Man sieht kaum noch die Hand vor Augen.
Du irrst weiter, spürst wie die eisige Kälte langsam an dir herauf kriecht, von deinem Körper Besitz nimmt. Das dumpfe, schnelle Pochen deines Herzens hallt in deinem Kopf wider. Die Angst wird unerträglich. Du rennst. Du rennst durch die Ausweglosigkeit. Bis dein Körper dich nicht mehr tragen will. Dein Puls rast, alles um dich herum dreht sich. Erschöpft lässt du dich an einem Baumstamm hinunter gleiten, spürst das weiche Moos unter deinen Händen, die feste Rinde im Rücken. Du schließt die Augen. Doch der Nebel verschwindet nicht. Du siehst sie. Du siehst die toten Augen eines Kindes, die dich, durch den Nebel hindurch, um Hilfe anflehen. Blaue kalte Augen. Du erkennst die blonden Locken und die bläulich verfärbten Lippen des Mädchens. Kleine Blutstropfen fließen aus dem Mundwinkel und tropfen zu Boden. Lautlos öffnet das Kind den Mund zu einem Schrei.


*****


Anthony DiNozzo saß auf seiner weißen Couch und schwenkte mit der einen Hand das Cognacglas. Er hatte bisher noch keinen Schluck der goldenen Flüssigkeit getrunken, doch es tat gut, sich auf etwas zu konzentrieren. Er hatte überlegt, sich einen Film einzulegen, doch er wollte Ziva nicht wecken.

Ziva. Tony warf einen Blick durch die offene Tür ins Schlafzimmer. Sie schlief. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Zum ersten Mal seit Tagen, wälzte sie sich nicht im Bett umher. Stattdessen schien sie endlich zur Ruhe zu kommen. Er konnte nur erahnen, wie dringend Ziva einen solch erholsamen Schlaf nötig hatte.

Es war seit Tagen der gleiche Ablauf. Tony war an ihrer Seite, wenn die sonst so taffe NCIS Agentin schweißgebadet aus dem Schlaf auf schreckte. Er beobachtete Nacht für Nacht, wie sich ihre Finger unsicher in das weiße Laken krallten, bis sie klar und sicher war, wo sie sich befand. Bis ihr Atem nicht mehr stoßweise ging und sie sich langsam beruhigte.

Der psychologische Berater des NCIS meinte, es wäre eine Art, die vergangenen Tage zu verarbeiten. Den Schmerz zu bekämpfen, der ihr wiederfahren ist. Den Verlust zu verarbeiten. Niemand stecke es so einfach weg, alle Familienmitglieder verloren zu haben. Das war auch der Grund gewesen, dass er sie so bereitwillig bei sich aufnahm. In seiner Wohnung. Es hatte eine Zeitlang gedauert, bis Ziva seinem Angebot folgte. Nachdem sie es zunächst alleine versucht hatte und sich letztlich eingestehen musste, dass sie die Hilfe ihrer Freunde annehmen sollte, war sie vorübergehend bei ihm eingezogen. Sie wollte so lange bleiben, bis es ihr wieder besser ging.

Tony blickte zur Uhr. Er hatte noch eine halbe Stunde. So mysteriös er es auch fand, Zivas Albträume folgten einem Muster und kamen zur immer selben Uhrzeit. Er nahm einen Schluck Cognac und lehnte sich zurück. Das Leben war nicht nur ungerecht, hin und wieder war es auch seltsam.

Wenig später hörte er die inzwischen bekannten Geräusche aus dem Schlafzimmer. Ziva murmelte im Schlaf. Er stand auf und ging zu ihr, setzte sich an ihr Bett und strich beruhigend über ihre Hand. Kleine Schweißperlen bildeten sich bereits auf ihrer Stirn. Er wollte sie wecken, ihr die Spitze des Albtraums ersparen, doch der psychologische Berater hatte ihm davon abgeraten. Ziva musste dieses Hindernis erklimmen und meistern. Er konnte ihr nur zur Seite stehen. Und hinterher für sie da sein. Denn wenn sie aufwachte, war für sie nicht mehr an Schlaf zu denken. Sobald sie die Lider schloss, kehrte die Angst zurück. Das Gefühl der Panik, das sie überfiel, war beinahe körperlich spürbar. Selbst für ihn.

Tony wartete. Er würde sie auch diese Nacht in seine Arme ziehen. Hören, was sie ihm erzählte. Und auch wenn sie die Bilder nicht fassen, nicht beschreiben konnte, so blieben noch immer die Gefühle in ihrer Brust, die sie zu schnürten und ihr die Luft zum Atmen nahmen.

Es kam, wie Tony es vorhergesehen hatte. Ziva schrie im Schlaf und wenige Sekunden später erwachte sie. Sofort suchte sie seine Nähe. Sie zitterte am ganzen Körper, fror. Er zog die Decke enger um sie und strich ihr wärmend über den Rücken. Wie jede Nacht. Doch heute war etwas anders. Ziva weinte.

„Ich habe sie gesehen“, murmelte sie leise und schmiegte sich noch enger an seinen Körper. „Ich habe ihre Augen gesehen.“

Es war das erste Mal, dass sie sich an etwas aus ihrem Traum erinnern konnte. Beruhigend strich er ihr über den Kopf. „Wessen Augen hast du gesehen? Talis?“

„Nein“, sie stockte. „Ich weiß es nicht. Es waren die Augen eines Kindes. Sie waren blau.“

*****



Es herrschte reges Treiben im Großraumbüro des Navy Yards. Alltag war eingekehrt. Ziva vernahm zwar noch immer mitleidige Blicke, versuchte sie aber zu ignorieren, was ihr auch den Umständen entsprechend gelang. Sie wollte arbeiten, auch wenn jeder ihr davon abriet; sie brauchte diese Art von Ablenkung, denn zu Hause rum sitzen und grübeln, kam für sie nicht in Frage. Ganz im Gegenteil. Hier an ihrem Schreibtisch fühlte sie sich sicher. Die Kollegen versuchten ihr so viel Normalität zu bieten, wie es ihnen nur möglich war. Und Ziva wusste es zu schätzen. Besonders Tony stand ihr zur Seite. Dank ihm überstand sie auch die quälende Zeit außerhalb des Navy Yards, die Erinnerungen an das Erlebte, an ihre Vergangenheit. Und gemeinsam mit ihm überstand sie auch die Nächte.
Sie lächelte ihrem Kollegen entgegen, der soeben von der Toilette zurückkehrte, seine Nachrichten durch sah und etwas im PC überprüfte. Noch nicht ein einziges Mal hatte sich Tony darüber beschwert, zu wenig Schlaf zu kriegen, obwohl auch seine tiefen Augenränder Bände diesbezüglich sprachen, oder auch nur ansatzweise wegen Rückenschmerzen gestöhnt, weil er die Nächte auf dem Sofa verbrachte, bis, ja bis sie aus dem Schlaf schreckte. Dann war er an ihrer Seite.

Gelegentlich schrillte ein Telefon, man hörte gedämpft das Klappern der Tastaturen. Tony arbeitete konzentriert, McGee reinigte seine Tastatur. Sie selber war gerade dabei eine alte Fallakte zu schließen, als Gibbs hereinstürmte.
Sie sah im Augenwinkel, wie Tony bereits aufsprang, bevor der Grauhaarige ganz um die Ecke biegen konnte.

„Haben wir einen Fall? Gibbs? Können wir endlich die staubigen Akten zur Seite legen?“ Jeder hier wusste, wie ungern Tony diese Arbeiten erledigte. Die Vorfreude ließ seine Augen funkeln.

„Ja“, knurrte Gibbs und blieb vor seinem Schreibtisch stehen.

„Na, dann lass uns mal los.“ Tony griff in seine Schublade und holte Dienstmarke und Waffe heraus. Als er feststellte, dass sein Boss sich aber nicht vom Platz bewegte, hielt auch er in seiner Bewegung inne und verzog fragend das Gesicht. „Nicht los?“

„Nein.“ Gibbs schüttelte den Kopf und warf McGee einen USB-Stick zu.

„Keine Leiche?“, bohrte der Halbitaliener weiter, während er seine Sachen wieder in der Schublade verstaute. Ziva und er kamen gleichzeitig an Gibbs Seite zum stehen.

„Nein.“ In diesem Moment erschien ein Foto eines Zeltlagers auf dem großen Bildschirm. „Ein vermisstes Kind. Yasemin, 8 Jahre. Die Tochter eines Navy Generals. Seit fünf Tagen vermisst.“

„Seit fünf Tagen?“ Ziva drehte sich erstaunt zu Gibbs um. „Warum werden wir erst jetzt aktiv?“

„Das Mädchen hat wohl im Camp damit geprahlt, sie wolle sich für ein paar Tage verstecken, um ihren Eltern einen Schrecken einzujagen. Sie wollten warten, bis sie von alleine zurückkehrt.“

„Und jetzt werden sie langsam nervös?“

„Sie haben ihren Unterschlupf gefunden. Leer. Von Yasemin fehlt jede Spur. Es gibt Blutspuren, die auf ein mögliches Verbrechen hinweisen.“

Alle blickten gespannt auf den Bildschirm, auf dem das Foto des vermissten Mädchens erschien und niemand bemerkte Zivas Reaktion, wie sie leicht zusammenzuckte und noch blasser wurde, als sie es ohnehin schon war. Während sie versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen und das Zittern ihrer Hände zu verbergen, las McGee die Informationen vor, die er vor sich auf dem Bildschirm sah.

„Yasemin Starling. 8 Jahre. Die Tochter von Navy General Jeffrey Starling und Melissa Morgan. Seit einem halben Jahr geschieden. Die Betreuer des Camps bestätigten, dass Yasemin sich aufgrund des Zerwürfnisses ihrer Eltern in einer rebellischen Phase befand. Sie verschwand in der Nacht auf Sonntag. Es fehlten Kleidung und Konserven im Lager. Freundinnen erzählten, dass Yasemin ihr Verschwinden geplant hatte. Sie haben es aber wohl nicht für ernst genommen und daher die zuständigen Betreuer nicht informiert.“

„Wäre wohl besser gewesen“, fügte Tony hinzu und erntete dafür von seinen Kollegen stummes Kopfschütteln.

„Wo liegt das Camp?“ Gibbs sah McGee an, der sofort auf seine Tastatur einhämmerte. Wenige Sekunden später erschien auf dem Bildschirm eine Luftaufnahme der eingegebenen Koordinaten.

„Gegenwärtige Bilder. Das ist der Shenandoah-Nationalpark , das Camp liegt direkt am Fluss. Umgeben von Wiesen und dichtem Wald.“

„Ich seh da nix“, murrte Gibbs und hob streng die Augenbrauen.

„Oh.“ McGee hob den Zeigefinger. „Scheint wohl momentan ziemlich neblig zu sein. Warte, ich greife auf das Archiv zurück.“ Er klickte. „So, nicht aktuell, aber mit besserer Sicht.“

„Vielleicht hat sie sich im Nebel verlaufen.“ Ziva, die sich wieder unter Kontrolle hatte, biss sich auf die Unterlippe. „Vielleicht irrt sie irgendwo da draußen umher und findet nicht zurück.“

„Finden wir es heraus.“ Gibbs sah zu Tony, dann hob er fragend die Schulter und breitete vorwurfsvoll die Arme aus. „Worauf wartest du, DiNozzo?“

„Boss?“

„Hol endlich dein Zeug, wir müssen los.“

*****



Zwei Stunden später parkten sie den Truck auf dem matschigen Parkplatz des Camps. Obwohl es bereits zehn Uhr am Vormittag war, war es draußen finster. Die Scheibenwischer, die regelmäßig wischten, entfernten nur für Sekunden die winzigen Tropfen von der Scheibe. Bevor alles wieder verschwamm. Dicke Nebelschwaben lagen über der Natur und schienen alles zu verschlucken, was in ihre Nähe kam.

„Nicht gerade das schönste Wetter zum campen.“ Ziva beugte sich vor und sah aus dem Fenster. „Wir mussten früher immer nur mit brütender Hitze klar kommen.“ Sie lachte kurz, wurde aber sofort wieder ernst.

„Hey“ Tony hielt Ziva, die gerade nach dem Türgriff greifen wollte, zurück. „Alles okay mit dir?“

„Ja“, antwortete sie leise. „Obwohl ich mich gerade frage, warum ich von Nebel träume, um meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Das ist doch paradox. Es gab in meiner Vergangenheit keinen Nebel.“

„Der Nebel wird sich irgendwann lichten. Dann siehst du klar. Vielleicht ist es nur eine Verschleierungstransaktion deines Geistes, Seelentarnung oder so.“

„Seelentarnung?“ Ziva presste die Lippen aufeinander, doch ihre Augen lächelten. „Aus welchem Film hast du das?“

„Kein Film. Ein DiNozzo Zitat.“ Er verstellte die Stimme. „Oh Königin der Nacht, lichte deinen Schleier und enttarne deine Seele.“ Er lächelte sie an und nickte ihr aufmunternd zu. „Und dann schlaf endlich mal wieder eine Nacht durch.“

„Danke Tony.“ Ziva schloss für einen Moment die Augen. „Für alles.“

„Da kommt Gibbs.“, lenkte Tony ab. „Er und McGee sind sicherlich schon seit einer halben Stunde hier.“ Der Halbitaliener stieg aus und grinste seine Partnerin frech an. Er wusste, wie sie reagieren würde.

„Hättest du mich fahren lassen, wären wir auch schon längst angekommen.“

*****



Du frierst. Die Wärme verschwindet in dem Licht, das einen kalten, blauen Schein angenommen hat. Nebelfinger kriechen unaufhaltsam über den Boden, an den Büschen entlang, vorbei an den großen Bäumen. Sie huschen an deinen Beinen vorbei und über deinen Körper. Du spürst den Hauch eines Windes, er schleicht über deine Haut, lässt dich erschauern. Du siehst den blassweißen Dunst deines eigenen Atems, der sich mit der grauen Gefahr vermischt und am Ende eine Einheit bildet. Der Nebel nimmt dich gefangen, hält dich fest, zerrt an dir und was immer du auch tust, er gibt dich nicht frei. Dunkel ragen die Äste der alten Bäume in den Himmel, es scheint, als suchen auch sie einen Ausweg, den dicken Nebelschwaden zu entkommen. Oben ist es klar. Hell. Doch egal wie hoch du dich streckst, die Grenze ist nicht zu überwinden.

*****



Jodie nahm die Bundesagenten in Empfang. Das Gelb ihres Regencaps stach sogar durch den dicksten Nebel hindurch und wirkte groteskerweise, als entspränge er aus einer dieser bearbeiteten Schwarzweißfotografien mit Farbklecks, die es inzwischen an jeder Ecke zu kaufen gab. Die junge Frau begrüßte die Agents freundlich, man spürte jedoch deutlich, dass sie eigentlich schlechte Laune hatte. „Wir sind so froh, dass sie endlich da sind.“ Sie schniefte und streckte Gibbs widerwillig die Hand entgegen.

‚Willkommen im Shenandoah Nationalpark. Fühlen Sie sich wohl. Genießen Sie die Natur in vollen Zügen‘, stand auf einem großen Schild am Rande des Parkplatzes, das die Besucher im Nationalpark willkommen heißen sollte. Jodie verzog das Gesicht, als sie bemerkte wie der soeben aus dem Wagen gestiegene Agent das Schild las und zu einer Bemerkung ansetzte.

„Sagen sie nichts.“ Sie breitete die Arme aus und warf ihm einen bösen Blick zu. „Normalerweise ist es hier sehr schön. Doch seit zwei Tagen kämpfen wir mit diesem gottverdammten Nebel.“

Tony, zunächst etwas verwundert über die Reaktion der gelben Frau, schenkte ihr ein Lächeln. „Ich wollte doch nur…“, setzte er zu einer Entschuldigung an, doch die Frau ließ ihn nicht aussprechen.

„Ja, ich weiß. Nehmen Sie es mir nicht übel. Unser aller Nerven sind zum Zerreisen angespannt.“ Und das ist noch untertrieben, ergänzte sie in Gedanken. Jodie fühlte sich nicht nur ausgelaugt und müde, ihr Körper schmerzte höllisch und sie wünschte sich nichts sehnlicher als einen bequemen Stuhl. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal geschlafen hatte. Seit Tagen suchte sie die Umgebung ab und von ihrem anfänglichen Tatendrang war inzwischen nur noch ein Fünkchen Hoffnung übrig. „Das schlechte Wetter, das verschwundene Mädchen, dieser Kerl …“, redete sie sich beinahe in Rage und merkte nicht, wie ihre Stimme immer lauter wurde.

„Sicherlich, Miss …“ Gibbs musterte sie und hob fragend die Augenbraue.

„Miss Elvid“, ergänzte Jodie trocken und wunderte sich über den emotionslosen Gesichtsausdruck. „Aber nennen sie mich Jodie.“

„Jodie. Ich bin Specialagent Gibbs, das sind die Agents DiNozzo, David und McGee. Wir sind vom NCIS.“

„Ich weiß. Navycops.“ Die Frau verdrehte die Augen. „Dieser Kerl“, sie hielt kurz inne und biss sich gespielt auf die Unterlippe. „Verzeihen Sie, mal wieder.“ Wo hatte sie nur ihre Manieren gelassen? „Ich meine natürlich: Der General sitzt drüben in der Hütte. Er dreht langsam durch.“

„Sie meinen Yasemins Vater? Navy General Starling?“

„Ja, wissen Sie, ich habe Verständnis für seine Angst, er macht sich Sorgen um seine Tochter. Aber er führt sich auf, wie ein wildgewordener Affe. Also, ich will ihm nicht zu nahe kommen.“

„Das überlassen Sie mal uns.“ Ziva grinste und betrachtete die zierliche junge Frau. Zwar verdeckte das Regencape ihren Körper fast vollständig, doch man konnte erkennen, dass sie einem gut gebauten Mann vermutlich nicht sehr viel entgegenstellen konnte.

„Sicherlich.“ Jodie nickte. „Die Mutter tut mir nur leid. Sie sitzt die ganze Zeit in der Ecke und weint sich die Augen aus und dieser Mann hat kein einziges freundliches Wort für sie übrig.
Kommen Sie, ich bring sie rüber.“

Der lehmige rutschige Boden verschwand zeitweise in einer weißen Suppe. Man war der Laune der Natur vollkommen ausgeliefert. Während die Agents unsicher einen Schritt vor den anderen setzten, lief Jodie zielstrebig drauf los. Als sie bemerkte, dass die anderen nicht hinterher kamen, drehte sie sich um. „Dieser Bodenneben ist unheimlich, was?“

„Ich weiß eben gerne, wohin ich trete“, murrte McGee von hinten und drängte sich an Ziva vorbei. „Ich denke, es wird ziemlich schwer, Spuren zu finden, wenn wir nichts erkennen können.“

Ziva blieb stehen und starrte nach unten. Es hatte sie größte Überwindung gekostet, überhaupt aus dem Wagen zu steigen. Doch ihre Professionalität und ihre berufliche Haltung hatten sie gezwungen, über ihren Schatten zu springen. Jetzt stand sie hier, inmitten des Nebels. Und sie sah die Augen des Kindes vor sich, wie in der Nacht zuvor in ihrem Traum. Bildete sie sich das nur ein? Waren sie in ihrem Traum ebenso blau gewesen? Hatte sie tatsächlich Yasemins Augen gesehen? Oder vermischte sie jetzt schon Traum und Realität?

„Ist der Nebel überall so dicht?“ Tony hatte unbemerkt der anderen seine Hand schützend auf Zivas Rücken gelegt. Vielleicht gelang es ihm so, ihr Unbehagen ein wenig zu mindern. Ziva war blass, ihre Lippen zitterten leicht und er spürte, wie sehr sich die ehemalige Mossadagentin zusammenreißen musste. Vorsichtig schob er sie weiter.

„Der Nebel kommt und geht, Agent DiNozzo.“ Jodie trottete unbemerkt dessen, langsam weiter, damit die anderen Schritt halten konnten. Sie selber kannte den Pfad wie ihre eigene Westentasche. „Und ohne Nebel ist es hier wunderschön.“

„Kann ich mir gerade nicht vorstellen“, knurrte DiNozzo, wie zuvor auch McGee, leise, aber doch hörbar. „Wer kommt freiwillig hierher?“ Der Halbitaliener hob entschuldigend die Hand und runzelte die Stirn.

„Die Menschen hier sind sehr stolz auf ihren Nationalpark, Agent DiNozzo. Viele arbeiten tagein tagaus ehrenamtlich, als Wanderführer, oder Betreuer der vielen Kinder- und Jugendcamps. Die Camps sind ziemlich beliebt. Wissen Sie,…“ Sie wandte sich wieder McGee zu. „… der Nordeingang von Shenandoah ist zwar nur ca. 120 Kilometer von Washington D.C. entfernt, aber es ist, als käme man in eine andere Welt.“

„Oh ja, man taucht schlagartig in die Welt eines Horrorfilms mit extrem guten Specialeffekts ab. Tony liebt Filme, ich weniger.“ McGee hatte aufgeschlossen und war direkt hinter Jodie.

Jodie lachte. „Geben Sie dem Park eine Chance. Er hat außer dem
Nebel, eine Menge mehr zu bieten.“, rief sie über ihre Schulter hinweg.

„Ich weiß, ich war als Kind bei den Pfadfindern.“, griff der MIT-Absolvent auf. „Ich kenn den Shenandoah-Nationalpark. Aber bei Nebel ist er einfach …“

„… abscheulich“, ergänzte Jodie. „Und irgendwie unheimlich. Hier entlang.“ Sie deutete auf einen schmalen Pfad zwischen Bäumen und Büschen hindurch. Auf der kleinen Anhöhe lichtete sich der Nebel. „Der Leiter des Camps erwartet Sie in seinem Büro. In der Hütte da vorne. Der General ist bei ihm, soviel ich weiß.“

„Wo sind die Kinder?“, fragte Gibbs.

Jodie seufzte und ihr Gesicht verzog sich zu einer reinen Sorgenfalte. Sie deutete auf eine wesentlich größere Hütte, die weiter hinten lag und scheinbar für Veranstaltungen und ähnliches diente. „Wir haben die Kinder im Versammlungsraum des Zentrums untergebracht. Im Camp fühlten wir uns nicht mehr sicher. Die Eltern sind bereits informiert. Ein paar sind schon eingetroffen. Allerdings haben wir darauf bestanden, dass sie noch nicht abreisen, falls sie die Kinder befragen möchten. Die Eltern sind aufgebracht, natürlich nervös. Schließlich ist ein Kind verschwunden.“

*****


Gibbs erwartete sich ein, nach modrigem altem Holz riechenden Holzhaus, doch er wurde eines besseren belehrt. Die Hütte wirkte weder dunkel noch alt, eher modern und frisch renoviert. Eine Menge Holz schien den Renovierungsarbeiten zum Opfer gefallen zu sein, denn die Wände waren immer wieder mit Glas durchbrochen und natürliches Licht breitete sich aus. Man fühlte sich willkommen. Gibbs blieb einen Moment stehen und wartete bis sein Team aufgeschlossen hatte. Während er durch eine große Glasscheibe bereits den Leiter des Camps sehen konnte, der sich soeben über eine Karte beugte, die er auf seinem Schreibtisch ausgebreitet hatte, warf er Ziva einen besorgten Blick zu. Natürlich war es ihm nicht entgangen, dass es ihr nicht gut ging. Sie war blass, wirkte unruhig und ungewöhnlich still. Und das bereits seit Tagen. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie sich ein paar freie Tage gegönnt. Vielleicht zu wenige, um die Trauer und den Schmerz zu verarbeiten?


Im Augenwinkel beobachtete er wie Jodie, die sich im Eingangsbereich ihr Regencape über den Kopf zog und es an einen gusseisernen Kleiderständer hing, die Blicke der männlichen Agents auf sich zog. Sie hatte ihre blonden langen Haare zu einem Zopf geflochten, aus dem sich witterungsbedingt ein paar Strähnchen gelöst hatten und sich nun lustig um ihr Gesicht kringelten. Auf ihrem pinkfarbenen Oberteil prangten schwarze dicke Buchstaben; die Worte ‚Kiss me‘ bohrten sich unbewusst ins Auge. Ob Jodie sich den Blicken der anderen nicht bewusst war oder diese einfach nur gekonnt ignorierte, konnte Gibbs nicht sagen.

Die Tür hinter Gibbs wurde geöffnet „Sie müssen die NCIS Agents sein. Kommen Sie doch bitte rein.“

Jodie schlängelte sich an Gibbs vorbei. „Marc, das sind die Specialagents Gibbs, McGee, DiNozzo und David.“ Sie klopfte dem Mann im Vorübergehen auf die Schulter. „Das ist Mr. Daniels.“

„Ich bin froh, dass sie endlich hier sind.“ Der Leiter des Camps streckte ihnen die Hand zur Begrüßung aus. Gibbs erwiderte den Händedruck und folgte dem Mann in das Büro. Mr. Daniels sah nicht nur müde aus, seine Augen waren, vermutlich aufgrund von zu wenig Schlaf, gerötet und seine Lider wirkten schwer.

„Wo ist der General?“ Jodie ließ sich mit einem Seufzen in einen Sessel fallen und runzelte die Stirn.

„Ich konnte General Starling überreden, sich ein wenig auszuruhen. Ich habe ihm versprechen müssen, ihn bei ihrer Ankunft sofort zu informieren. Würdest du das bitte übernehmen?“ Er sah mit einem freundlichen, aber auch anweisenden Blick zu Jodie, die sich daraufhin noch weiter in den Sessel sinken ließ.

„Warten Sie, Jodie“ Gibbs deutete ihr, sitzen zu bleiben und wandte sich dann wieder an Mr. Daniels. „Ich hätte gerne ein paar Informationen und Details von ihnen, bevor wir mit dem General reden. Wir sollten schnellstens die Suchaktion koordinieren. Und wir benötigen Räumlichkeiten, in denen wir die Kinder befragen können.“

„Natürlich.“ Marc ging an seinen Schreibtisch. „Sie können mein Büro nutzen. Nebenan sind noch zwei weitere, etwas kleinere Zimmer. Sie bekommen alles, was sie wollen. Aber bitte“, flehte er, „bitte, finden Sie Yasemin.“

Tony war unbemerkt der anderen an den Schreibtisch gegangen und besah sich die Landkarte. „Wo genau befindet sich das Camp?“

„Ich habe das Camp mit einem blauen Kreuz gekennzeichnet. Es ist zu Fuß in ca. 20 Minuten zu erreichen. Die Camps für die Kinder liegen immer in gut erreichbarer Nähe.“

„Was bedeutet das rote Kreuz?“

„Dort haben wir Yasemins Lager entdeckt.“ Marc stockte und schluckte schwer. „Der Suchtrupp erzählte was von eventuellen Blutspuren, waren sich aber nicht sicher.“

„Das sollten wir uns schnellstens ansehen, Boss.“ Wie von einem Geistesblitz getroffen schnellte er herum und sah Gibbs in die Augen. „McPfadfinder und ich sollten bald los, sonst bekommen wir Probleme mit der Dunkelheit.“ Tony hoffte inständig, sein Plan würde aufgehen und der Teamleiter seinen Vorschlag annehmen. Er wollte unbedingt verhindern, dass Ziva durch den Nebel wandern musste, auch wenn es hieß, sie hier zurück zu lassen. Unbewusst biss er sich auf die Unterlippe und schickte Stoßgebete zum Himmel.

„Ich brauche McGee hier, er muss die Verbindungen einrichten.“ Die Worte des Grauhaarigen rissen eine Leere in den Raum. Für einen Moment herrschte eisige Stille. Er kniff die Augen zusammen. Auch ihm war mulmig zumute. Zum ersten Mal seit langer Zeit, hatte er nicht das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Doch heute war er gezwungen, diese Eingebung zu verdrängen. Sie mussten das Kind finden, schnellstens, und er konnte es sich nicht leisten, Ressourcen zu verschwenden. Er schluckte und wandte sich wieder an den Campleiter. „Von Ihnen, Mr. Daniels, brauche ich die Listen aller Personen, die im Camp waren, seien es Kinder, Betreuer, Angestellte. Bitte markieren Sie mir die Menschen, die etwas wissen, oder gesehen haben könnten. Ich werde zunächst mit dem General reden und dann nach Ihrer Dringlichkeit vorgehen.“

Marc nickte stumm.

Jodie rührte sich im Sessel. „Ich kann die Agents zum Camp und zum Unterschlupf bringen.“

„Zuerst zum Unterschlupf.“ Ziva, die gegenüber von Jodie an der Wand lehnte, zupfte nervös an ihrem Shirt. „Wenn wir davon ausgehen, dass Yasemin das Camp freiwillig verlassen hat, werden wir da nichts Entscheidendes finden. Wir müssen herausfinden, ob sie verletzt ist. Oder gar …“ Ziva blinzelte, um die aufsteigenden Bilder zu verscheuchen und zwang sich, positiv zu denken. Sie hoffte, dass niemand ihren Sinneswechsel bemerkte. „Vielleicht können wir den Zeitraum bestimmen, wann sie dort verschwunden ist. Wir brauchen unsere Ausrüstung vor Ort.“

Jodie riss die Augen auf. „Das ist ein Fußmarsch von ca. zwei Stunden. Ohne Gepäck und mit guter Kondition. Marc?“

„Nehmt Fletcher mit“, antworte er mit bitterem Unterton.

„Wer ist Fletcher?“ Gibbs zuckte mit der Augenbraue.

Jodie lachte zynisch auf. „Ein Mann mit Muskeln, Agent Gibbs. Mit Muskeln, wenig Verstand und einem Gewehr der Extraklasse.“ Sie schnalzte mit der Zunge.

„Reiß dich zusammen, Jodie“, murrte Marc und warf ihr einen weiteren bösen Blick zu. „Eure Querelen haben hier keinen Platz.“

„Aber er kennt den Wald, wie seine eigene Westentasche“, fügte sie brav hinzu und verschränkte trotzig die Arme vor dem Körper. „Und zum Tragen ist er gut genug.“

*****


Ziva stand am Fenster und blickte hinaus. Während sich der Bodennebel eisern in den Tälern festsetzte, lichtete sich der Himmel. Zwar hatte die Sonne nicht genügend Kraft, durch die Wolken zu stoßen, aber wenigstens hatte es aufgehört zu regnen.
Irgendetwas drängte sie da raus und hielt sie gleichzeitig fest. Etwas hatte von ihr Besitz ergriffen, dass sie nicht greifen, nicht beschreiben konnte. Immer und immer wieder sah sie das Gesicht des Kindes vor sich. Sobald sie die Lider schloss, stierten sie blaue Augen an. Sie tat es dennoch. Und die Welt verschwamm vor ihren Augen, so, als zögen die Nebelschwaden an ihr vorbei, um sie herum und durch sie hindurch, als nähmen sie sie in Gefangenschaft, schutzlos, willenlos den Launen der Natur ausgesetzt. Ziva kämpfte gegen den Druck in ihrem Kopf an und presste die Zähne fest aufeinander. Eine merkwürdige Hitze kroch durch ihren Körper, obwohl sie gleichzeitig fror. Sie lehnte die Stirn gegen die kühlende Scheibe. Was war bloß los mit ihr? Was geschah mit ihr? Das musste aufhören, sofort. Doch als sie die Augen wieder öffnete, wich der Nebel nicht. Nur die Augen waren verschwunden. Eine Hand griff nach ihr. Erschrocken wich sie vom Fenster zurück, stieß dabei an die Tischkante und warf Unterlagen zu Boden. Die Hand war noch immer dicht vor ihren Augen. Versuchte nach ihr zu haschen.

„Ziva?“ Tony war sofort an ihrer Seite und mit seiner Berührung verschwand das Bild. Zivas Puls raste, ihr Blut brannte in den Adern. Sie brauchte einen Moment, um sich in der Realität zu orientieren.

„Ziva, alles okay bei dir?“, fragte Tony besorgt und ließ ihren Arm noch immer nicht los.

„Ja, es geht mir gut.“ Ihre Stimme zitterte. Und wie um die letzten Bilder zu verscheuchen, schüttelte sie den Kopf, dann wiederholte sie die Worte: „Es geht mir gut. Ehrlich, Tony, ich bin okay.“ Wen wollte sie eigentlich überzeugen, Tony oder sich selbst?

„Wir müssen los.“ Tony hatte bereits seinen Rucksack aufgeschnallt und hielt einen weiteren in seiner Hand. „Bist du sicher, dass du mitkommen kannst? Wir können mit Gibbs reden, ich könnte alleine…“

„Lass uns los“, fiel Ziva ihm ins Wort, nahm ihm den Rucksack aus der Hand und zwang sich zu einem Lächeln.

„Nicht sehr überzeugend, Ziva.“ Tonys Miene hellte sich ein wenig auf, doch der besorgte Blick wich nicht. „Aber ich kann es akzeptieren. Jodie und dieser Fletcher warten schon auf uns.“

*****


Nebelschwaden umringen dich, streifen deine Haut. Du bist allein. Du versuchst zu schreien, doch kein Laut will deinen Mund verlassen. Du fühlst dich gefangen, spürst, wie die Panik in dir aufsteigt und sich unaufhaltsam mit dem Nebel vermischt. Du zitterst, du frierst und zugleich ist dir heiß. Es ist, als greifen Hände nach dir und halten dich fest. Sie schnüren sich fester um dich, um deine Beine, um deine Arme, um deinen ganzen Körper. Du schließt kurz die Augen, du blinzelst, um die aufsteigenden Tränen zu verbannen. Und als der Tränenschleier weg ist, siehst du die Hand, du erkennst sie genau. Überall ist Nebel, aber die Hand ist klar. Sie streckt sich dir entgegen. Der schwarze Nagellack ist längst abgeblättert. Die Hand ist schon lange tot.

*****


Der Himmel hatte sich gelichtet. Wenige Sonnenstrahlen drangen durch die Wolkenlücken und tauchten die Welt in ein warmes Licht. Die Natur zeigte sich zum ersten Mal für heute von ihrer schönen Seite.

„Wir sind gleich da.“ Jodie warf ihr Regencape über die Schultern und deutete in eine bestimmte Richtung. „Hinter diesem Hügel liegt der Unterschlupf.“ Sie warf ihrem Kollegen, der zeitgleich in eine andere Richtung zeigte, einen finsteren Blick zu und stiefelte wortlos weiter.

Ziva war Jodie und diesem Fletcher insgeheim dankbar. Die Freundlichkeiten, die die beiden auf dem Weg vom Hauptquartier bis hierher ausgetauscht hatten, boten ihr Ablenkung. Vergessen waren die Bilder, die sie vor wenigen Stunden vor sich gesehen hatte und die ihr für kurze Zeit die Luft zum Atmen nahmen. Ab und an versuchten sie zurückzukehren, doch die Streitigkeiten der beiden Ranger rissen sie immer erfolgreich aus ihren Gedanken. Hin und wieder musste sie sogar schmunzeln. Das ungleiche Paar war sich bei keinem Thema auch nur annähernd einig. Wenn Jodie den Regen schön fand, liebte Fletcher die Sonne, erwähnte Fletcher, dass die Regentropfen ganz okay waren, konnte Jodie nur den Sonnenstrahlen etwas abgewinnen.

Der Anstieg war steil. Während Tony keuchte, legte Ziva an Tempo zu. Je höher sie kam, umso wohler fühlte sie sich. Solange sie sich auf einer Hochebene befanden, konnte sie frei atmen. Auf dem Weg hierher, hatte es schwierige Stellen gegeben, Abschnitte mit dichtem Bodennebel, Orte, die ihr jedes Mal kalte Schauer über den Körper jagten. Doch letztlich hatte ihr Wille und ihre Selbstbeherrschtheit sie alle Hürden meistern lassen. Inzwischen stand die Sonne am Himmel und bot ihr Sicherheit. Ziva erreichte den Gipfel und erstarrte. Der Blick über die angrenzende Landschaft ließ ihr gewonnenes Selbstverstrauen wie ein Kartenhaus einstürzen. Das Tal lag in einem dichten Nebelmeer.

„Wow.“ Jodie, die nur wenige Meter von Ziva entfernt stand, starrte ebenfalls auf die vor ihnen liegende Talebene. „So intensiv habe ich den Bodennebel auch noch nie gesehen.“

„Über den Wolken“, pfiff Fletcher und zückte einen Fotoapparat.

„Zum Glück scheint ja jetzt die Sonne. Dann verschwindet der Nebel bald.“ Tony berührte vorsichtig Zivas Hand, doch sie zeigte keine Reaktion. ‚Nichts kann schlimmer sein als das hier‘, dachte er und strich ihr tröstend über den Handrücken.

Jodie schüttelte den Kopf. „Ich muss Sie enttäuschen Tony. Diese Art von Nebel kann Tage bis Wochen überdauern, ohne von der Sonne aufgelöst zu werden. Besonders bei der jetzigen Hochdruckwetterlage.

„Nur Wind kann ihn vertreiben“, mischte sich Fletcher ein. „Aber in diesem Tal ist es fast immer windstill.“

Tony schluckte schwer. ‚Aber uns erwarten stets noch schlimmere Dinge‘, fügte er gedanklich hinzu. „Dann lasst uns diesen Unterschlupf finden, Fotos machen und schnell wieder von hier verschwinden.“ Er blickte zu Ziva. „Und du wartest hier auf uns.“

„Auf keinen Fall“, presste Ziva hervor. „Ich bleibe ganz sicher nicht alleine hier.“

*****


Gibbs lehnte sich erschöpft im Stuhl zurück und nahm einen großen Schluck Kaffee. Nicht gerade seine Lieblingsmarke, aber frisch zubereitet und stark. Durch das Fenster des Büros sah er den General, der inzwischen vor Kummer zusammengesunken im Sessel saß. Der General, ein Mensch, ein Vater, wie jeder andere, durchlebte gerade die typischen Wellen der Angst, der Hoffnung, purer Energie und Sorge, der Panik und Trauer. Er suchte die Schuld bei anderen, und fand sie auch bei sich. Er war wütend auf die Welt, die es wagte, seiner Tochter so etwas anzutun. Wenngleich sie noch nicht wussten, ob Yasemine tatsächlich etwas zugestoßen war.

„Boss, soll ich die Freunde des Mädchens herholen?“ McGee stand auf und ging bereits zur Tür, als das Telefon läutete. Gibbs deutete ihm, einen Moment zu warten. Während Gibbs dem Anrufer lauschte und unverständliche Laute von sich gab, lehnte sich McGee gegen den Türpfosten und blickte dem Teamleiter ins Gesicht, seine Mimik verriet nichts. Er bekam zunächst nur Wortfetzen mit, die ihm Hoffnung machten, dass irgendwer das Kind gefunden haben könnte. „Ja, bringt sie her.“ und „Halt“. Doch dann kam ein Satz, der McGees Hoffnung verschlug. „Macht Fotos. Viele.“ und „Nein, wir dürfen keine Zeit verlieren.“

Gibbs legte den Hörer auf. „Sie haben eine Leiche in der Nähe des Camps gefunden.“ Er nahm einen weiteren Schluck Kaffee. „Ruf Ducky an, er soll sich mit Palmer auf den Weg machen. Die Deputys vor Ort machen Fotos und bringen dann die Leiche in ihre Pathologie. Ducky muss hier arbeiten.“

„Ist es Yasemine?“ Er ging zurück zu seinem Schreibtisch und wählte bereits Duckys Nummer. Sein Gesicht hatte sich verfinstert, und doch war noch ein letzter Funke Hoffnung in seinen Augen zu erkennen.

Der Chefermittler schüttelte den Kopf. „Nein. Die Verwesung ist schon zu weit fortgeschritten. Es kann ausgeschlossen werden, dass es sich um Yasemine handelt.“

*****


Der Weg war beschwerlich gewesen, er führte vorbei an felsigen Abschnitten, über Geröll und unebenen Boden, der die Unsicherheit, die man wegen dem, durch den Nebel nicht vorhandenen Blick zu seinen eigenen Füßen bereits fühlte, noch verstärkte. Tony wusste nicht, wie er seine Gedanken einordnen sollte, schwankte er doch zwischen Besorgnis und Bewunderung. Selbst er empfand es hier mehr als gruselig und er träumte schließlich nicht seit Tagen von Nebel und toten Augen. Er warf einen Blick zu Ziva und beobachtete für einen Moment, wie sie konzentriert und gefasst ihre Arbeit erledigte. Sie hatten Fotos gemacht, den Unterschlupf, bestehend aus Ästen und Moos, mit einer Seite leicht in einen Felsen übergehend, skizziert, eine Probe der eventuellen Blutspur genommen und sämtliche Utensilien, Schlafsack, leere Konservendosen und einen MP3-Player eingepackt. Der Akku war leer. Es herrschte Stille.

„Ist es ein gutes Zeichen?“ Jodies Stimme war einem Flüstern gleich, als hätte sie Angst jemanden aufzuscheuchen. Unsicher lugte sie um die Ecke. „Ich mein, dass sie keine vollen Essensvorräte zurückgelassen hat?“

Ziva und Tony warfen sich einen Blick zu. Wie stark sich Menschen, die ansonsten mit beiden Beinen im Leben standen, doch immer wieder an den winzigen Fäden der Hoffnung festhielten. Es war Ziva, die sich letztlich zu einer Antwort zwang.

„Wir wissen nicht, wie viele Vorräte sie genau bei sich hatte, Jodie. Vielleicht waren die Lebensmittel aufgebraucht, sie wollte ins Camp zurückkehren und hat sich dabei verlaufen.“

„Oder sie hat sich ein anderes Versteck gesucht, weil sie nicht alleine in diesem unheimlichen Nebel sitzen wollte“, zischte Jodie mit schriller Stimme und kämpfte mit den aufsteigenden Tränen.

Gerade als Tony etwas erwidern wollte, durchbrach lautes Getöse die Ruhe der Natur. „Das ist sicher der Hubschrauber“, sprach er daraufhin lauter, damit ihn die anderen verstehen konnten. „Er sucht die Gegend mit einer Wärmekamera ab.“ Und als die Stille zurückkehrte, fügte er leiser hinzu. „Egal, was passiert ist, ob Yasemine lebt oder, was ich nicht hoffe, bereits tot ist, wir werden sie finden.“

„Die Welt ist doch ungerecht.“ Jodie stieß vermutlich mit ihrem Fuß gegen einen Felsen, verzog kurz das Gesicht vor Schmerzen und biss sich dann auf die Unterlippe. „Ich sehe die Mädchen noch genau vor mir, so fröhlich, lachend. Vor wenigen Tagen haben sie noch in ihrem Zelt gesessen, all ihre Nagellackvorräte zusammengesucht und ihre Nägel kunterbunt lackiert. Kinder haben ein Recht darauf glücklich zu sein.“

Ziva wurde von dem plötzlichen Schwindel überrascht. Während sich die Welt um sie herum drehte und sie nicht mehr in der Lage war, sich auch nur ansatzweise zu orientieren, sackten ihre Beine unaufhaltsam unter ihr zusammen. Sie fand keinen Halt. Ihre Kraft wich aus ihrem Körper, wie die Luft aus einem Ballon und überließ sie der übermächtigen Natur. Sie hatte nichts entgegen zu setzen, sie musste sich ihrem Schicksal ergeben. Gerne hätte sie die Augen geschlossen, doch auch dazu war sie nicht fähig. Sie lag auf dem Boden, um sie herum der dichte Nebel. Sie fühlte das Kribbeln in ihren Fingern, bemerkte eine grausige Kälte, die durch ihre Füße, die Beine entlang, über ihre Hüfte und ihre Brust, bis in ihren Kopf stieg, spürte, wie eine explosive Hitze von ihren Händen Besitz nahm. Sie sah die Hand deutlich vor sich. Schwarzer, abgeblätterter Nagellack. Nicht bunt. Schwarz.

Ruckartig wurde ihr Körper hochgerissen. „Ziva“, besorgt blickte Tony in die, vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen seiner Partnerin. „Ziva, rede mit mir!“ Er tätschelte leicht ihre Wange. Diese war eiskalt und wenn er nicht ihr pochendes Herz hätte spüren können und sie noch wenige Sekunden zuvor lebend gesehen, hätte er sie schlichtweg für tot erklärt. Ihre Augen waren leblos. Ihr Körper war kalt. „Ziva?“

Jodie und Fletcher waren ebenfalls sofort an ihrer Seite. Während Jodie leise vor sich hin fluchte und sich bereits Sorgen machte, wie sie den Heimweg unter diesen Bedingungen bewältigen sollten, war aus dem sonst so fidel wirkenden jungen Mann jegliche Farbe gewichen. Blass blickte er auf die Agentin herab.

Nur langsam kehrte wieder Leben in die Israelin. Und während ihr Puls raste und ihr Herz wild in der Brust schlug, schmiegte sie sich in Tonys schützende Arme.

Jodie kicherte leise und erntete dafür Tonys bösen Blick. Verständlich, da er sich Sorgen machte, aber sie amüsierte sich gerade über den ängstlichen Blick Fletchers, der noch immer mit offenem Mund und mucksmäuschenstill da stand und Ziva anstarrte.

„Hey, hast du noch nie ne Frau gesehen, die in Ohnmacht fällt?“, pickte sie nach. „Das wird schon wieder. Fletcher. Keine Sorge.“

„Doch“, sprach Fletcher leise und stieg, absolut untypisch für ihn, nicht auf die Seitenhiebe ein. „Aber bisher hat noch keine Frau, die in Ohnmacht fiel, wie ein kleines Kind geweint.

„Was?“, fragten Tony und Jodie gleichzeitig und sahen ihn ungläubig an.

„Na, dieses Wimmern, die ganze Zeit“, versuchte sich Fletcher zu erklären und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

„Welches Wimmern?“ Tony hielt Ziva in ihren Armen und strich behutsam über ihre Haare. Er konnte spüren, wie sich die Anspannung in ihrem Körper löste.

„Na, ihres.“ Fletcher zeigte auf Ziva.

Jodie schüttelte amüsiert den Kopf. „Sie hat keinen Mucks von sich gegeben. Kann es sein, dass du zu viele Horrorfilme gesehen hast? Oder macht dich der Nebel jetzt verrückt?“

Hilfesuchend blickte der Ranger zu Tony, doch auch dieser schüttelte den Kopf. „Ich hab auch nichts gehört.“

Jetzt blickte Fletcher nicht mehr ängstlich, sondern verwirrt. Er schnürte den Rucksack enger um seinen Körper und zupfte das Regencape, das er sich um die Hüften gebunden hatte, zurecht. „Leute, ich glaube, wir sollten hier so schnell wie möglich verschwinden.“ Ein Hauch von Panik klang in seiner Stimme wider. „Können Sie laufen?“

Ziva, die sich inzwischen aus Tonys Armen gelöst hatte und neben ihm stand, nickte stumm. Auch sie wünschte sich nichts sehnlicher, als von hier zu verschwinden.

„Jetzt lass ihr noch ein paar Minuten“, zischte Jodie. „Sie muss erst wieder zu Kräften kommen. Wie soll sie denn jetzt den Heimweg schaffen? Wir sind noch zwei Stunden unterwegs.“

Doch Ziva fiel ihr ins Wort. „Er hat recht, wir sollten hier verschwinden. Sofort.“ Und bevor die anderen etwas äußern konnten, fügte sie hinzu: „Es geht mir gut. Ehrlich. Wir können los.“

 

*****

 

Mein Name ist Nancy. Ich war acht als ich verschwand. Der Nebel verschluckte mich, still und ohne Aufsehen. Leise umhüllte er meinen Körper und zog mich davon.

 

Ich trug in jener Nacht ein weißes Seidennachthemd. Am Rocksaum hatte meine Großmutter eine kleine Blume aufgestickt, eine rosa Rose, romantisch verspielt, so, wie Kinder es in meinem Alter mögen. Ja, damals mochte auch ich Blumen. Und ich liebte Rosa. Doch die Farben verblassten und der kalte Nebel nahm mich gefangen. Schwarz. Ich verschwand. Die Hilferufe verhallten. Niemand hörte in dieser Nacht meine Schreie.

 

Es war das erste Mal gewesen, dass ich mich heimlich aus dem Haus schlich. Ich war mit meiner Freundin Cloe verabredet, ein geheimes Treffen unter Mädchen. Doch Cloe wartete an diesem Abend vergebens auf mich. Nach zwei Stunden ging sie nach Hause, überzeugt davon, ich wäre in meinem Bett eingeschlafen; sie schlich sich in ihr Zimmer zurück und kroch unter die bestickte Bettdecke. Ihre Puppe drückte sie fest an sich. In dieser Nacht träumte sie von mir. Das erste Mal. Doch außer in ihren Träumen sah sie mich nie wieder.

 

Die Tage vergingen. Die Sorge meiner Eltern verwandelte sich in tiefe Trauer. Meine Mutter weinte, tagelang. In den Nächten schlich sie um unser Haus, so, als warte sie auf meine Rückkehr, wie ein ruheloser Tiger beobachtete sie die Welt. Auch die Gemeindemitglieder drehten jeden Stein um, doch die Suche nach mir blieb auch Wochen nach meinem Verschwinden erfolglos. Niemand fand mich. Der Nebel verschluckte meinen Körper, doch meine Seele blieb daheim.

 

Du siehst die Nebelschwaden. Sie kehren zurück. So wie in jener Nacht, kommen sie immer wieder. Sie schleichen über die Felder, überqueren die Täler und tauchen die Welt in ein unheimliches Licht. Es wird still, gedämpft. Und die Schreie der Vögel sind nicht mehr klar, sondern verschleiert, wie alles um dich herum.

 

In diesen Nächten kehre ich zurück, in der Hoffnung, jemanden zu finden, der meine Schreie hört. Cloe, meine beste Freundin, war dafür zu schwach. Zehn Jahre nach meinem Verschwinden nahm sie sich das Leben. Und wurde zu einem weiteren Opfer dieser grenzenlosen Macht. Der Nebel kriecht über deinen Körper. Er ist schon ganz nah. Sei vorsichtig.

 

*****

 

Gibbs fuhr sich nervös durch die Haare. Es war merkwürdig. Keineswegs war es sein erster Vermisstenfall, doch dieses eine Mal schien ihn, sein sonst so zuverlässiger Instinkt verlassen zu haben. Eine seltsame Leere füllte seinen Körper und Unbehagen machte sich breit. Zudem schmeckte der Kaffee hier immer lausiger. Er machte sich nichts vor. Die Zeit lief ihnen davon. Doch sie kamen einfach nicht weiter. Die Befragung der Freundinnen, der Betreuer des Camps, des Leiters, ja, selbst die Gespräche mit der Mutter und dem General hatten keine neuen Erkenntnisse gebracht. Und der Leichenfund in der Nähe des Camps machte die Sache nicht besser. Der oder die Tote beunruhigte die Zeugen zusätzlich und trieb die Gedanken aller in die falsche Richtung. Aber hatte die Leiche überhaupt etwas mit der Suche nach dem Mädchen zu tun? Schwebte Yasemine in Gefahr oder war sie tatsächlich nur weg gelaufen? Irrte sie durch den Wald? War sie noch am Leben? Ein weiterer Blick zur Uhr, ein weiterer Schluck Kaffee, ein Blick aus dem Fenster, nichts davon konnte ihn beruhigen. Laut McGees Aussage befanden sich Tony und Ziva auf dem Rückweg, Ducky und Palmer sollten jeden Moment ankommen. Alles lief routinemäßig ab, doch Gibbs war unzufrieden.

 

Wenig später betrat McGee den Raum. „Sie sind da.“ Müde ließ er sich auf einen Stuhl gleiten, klappte einen weiteren Laptop auf und steckte einen USB Stick hinein. Er hob die Schultern. „Boss, das kann nix mit unserem Fall zu tun haben“, stöhnte er und zeigte auf die soeben hochgeladenen Fotos.

 

„Das ist ein Skelett“, murrte Gibbs und blickte McGee fragend an. Die Bilder zeigten lediglich die Überreste von Knochen. „Ist das die Leiche, die sie eben gefunden haben?“

 

„Ja“, antworte McGee und klickte weiter durch die Bilder. Sie zeigten die Umgebung des Fundortes, die genaue Anordnung der Leiche vor, während und nach der Bergung. Unter anderen Umständen hätte man die Knochen sicherlich vorsichtiger ausgehoben, um eventuell vorhandene Spuren zu sichern, doch den Leuten vor Ort war ebenso, wie den Agenten hier, klar gewesen, dass die Zeit drängte. Was sie sich mit diesem Fund erhofften, war allerdings unklar.

 

„Wie hat man sie gefunden? Sieht eher aus, als wäre sie tief vergraben gewesen.“

 

„Einer vom Suchtrupp ist beinahe über die Hand gestolpert, die aus dem Boden raus ragte. Ziemlich gruselig.“ McGee schüttelte sich bei dieser Vorstellung. „Da sucht man nach einem kleinen Mädchen und findet so etwas.“

 

„Zeig mir nochmal das Bild von der Hand.“ Gibbs zog sich einen Stuhl herbei, um einen besseren Blick auf den kleinen Monitor zu kriegen, vom Tisch angelte er sich seine Brille. „Das sieht ja unheimlich aus.“

 

„Ja, ich finde es auch merkwürdig. Wenn man bedenkt, wie verfallen die sonstigen Knochen bereits sind. Da sieht die Hand dagegen irgendwie ‚lebendig‘ aus.“ McGee schüttelte sich erneut. „Ducky kann uns dafür hoffentlich eine Erklärung liefern.“

 

Von draußen erklang ein Poltern und noch bevor die beiden Agenten einen Blick durch das Seitenfenster werfen konnten, betraten zwei Männer den Raum. Ihre Gesichter spiegelten Frustration und Verwirrung wider. Einer hob zur Begrüßung die Hand, der andere nickte nur kurz.

 

„Boss, das sind die Männer von der Hubschraubercrew. Sie haben das Gelände großzügig abgesucht.“ Er wandte sich an die Männer. „Und? Habt ihr jetzt andere Ergebnisse?“

 

Gibbs blickte McGee fragend an. Ein eindeutiger Blick, der besagte, dass er sofort eine Erklärung wollte.

 

„Die ersten Aufnahmen waren, sagen wir mal, irreführend. Scheinbar gab es Probleme mit der Kamera.“ Nebenbei rief der MIT Absolvent die Bänder auf und ließ die gewünschte Stelle abspielen. Hier zum Beispiel sehen wir Ziva und Tony mit den beiden Ranger.“

 

„Ich sehe da aber mehr als vier Personen“, murrte Gibbs. „Ist das wieder so ein Aufnahmefehler? So eine Dopplung von mehrfachen Überspielungen?“

 

„Dachten wir auch. Obwohl es ein neues Band war.“ Der Mann mit dunklen Locken und Krausbart lehnte sich gegen die Tischplatte. „Wir sind ein weiteres Mal geflogen, mit anderer Technik, mit fabrikverpackten Bändern. Don und ich verstehen es ja selber nicht. Aber auch diese Aufnahmen zeigen insgesamt neun Wärmequellen.“

 

„Vielleicht sind unsere Leute auf Wanderer gestoßen, oder sie …“

 

„Das denken wir nicht“, mischte sich der Andere ein und schüttelte den Kopf. „Wir sind so dicht wie möglich über die Gruppe hinweg geflogen. Von oben sieht man vier Leute, sonst nichts. Deshalb hat es uns ja stutzig gemacht.“

 

„Könnten es Tiere sein, die sich unter der Nebeldecke befinden?“ Gibbs stand auf und trat ans Fenster. Was ging da draußen nur vor? Was wurde hier gespielt?

 

„Die Wärmequellen sind absolut untypisch für Tiere.“

 

„McGee.“ Gibbs drehte sich abrupt wieder zu den Männern um. Er wies mit seinem Finger auf seinen Agent. „Schick die Bänder zu Abby. Sie soll rausfinden, was das ist. Dann verständige Tony und Ziva. Vielleicht haben die ja bereits eine Erklärung für uns.“

 

Während McGee sofort der Arbeit nachging, räusperte sich Don. „Unsere Suche wird leider hier zu einer Geisterjagd.“ Er hob die Schultern, was seine jungendlich wirkende Ausstrahlung noch verstärkte. Ängstlich blickte er drein. „Wir sind inzwischen viermal gelandet, weil wir eine einzelne Quelle ausmachen konnten. Doch statt das vermisste Mädchen zu finden, standen wir jedes Mal vor einem Nichts.“

 

Niemand sprach mehr ein Wort, alle sahen sich nur an.

 

„Boss?“ McGees Stimme durchschnitt die Stille. Er hielt sein Telefon in die Luft. „Ich kann Tony und Ziva nicht erreichen.“

 

*****

 

 

Das war einfach unmöglich. Jodie blickte nervös von einer Seite zu nächsten. Sie kannte den Nationalpark wie ihre eigene Westentasche, doch heute schien alles anders zu sein. Oder gleich? Waren sie an dieser Baumgruppe nicht schon vor über einer Stunde vorbei gegangen? Unsicher strich sie sich eine klebende Haarsträhne aus dem Gesicht und warf einen Blick auf die Karte. Heimlich. Denn würde Fletcher sehen, dass sie sich beim Heimweg auf Hilfsmittel berief, hätte er wieder nur dumme Sprüche für sie auf Lager. Und für Geplänkel war sie gerade nicht aufgelegt.

 

„Hey.“ Erschrocken fuhr Jodie zusammen, als sie die Stimme von Fletcher dicht neben ihrem Ohr vernahm. Innerlich fluchte sie auf, straffte dann aber die Schultern und wartete. Doch Fletcher blieb stumm, kein Wort verließ seinen Mund.

 

„Wir müssen da lang“, antwortete sie, ohne vorher danach gefragt worden zu sein und deutete mit dem Kinn in die Ferne, wo die Lichtung, auf der sie sich gerade befanden, an eine kleine Baumgruppe grenzte. Doch selbst ihr fiel der schwache Klang ihrer Stimme auf. Ganz gewiss konnte sie so vor ihre Unsicherheit Fletcher nicht verbergen. Sie biss sich auf die Unterlippe und murmelte: „Glaub ich zumindest.“ In dieser prekären Situation war es wohl besser zu seinen Schwächen zu stehen, als sich wegen eigener Sturheit im Nationalpark zu verlaufen.

 

Fletcher nahm ihr die Karte aus der Hand, betrachtete sie konzentriert und runzelte dann die Stirn. „Es scheint der richtige Weg zu sein. Ich war zwar der Meinung, wir wären schon viel weiter. Aber laut Karte befinden wir uns erst hier.“ Man sah, wie es in ihm arbeitete und wie er versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Er warf einen weiteren Blick in die Karte, bevor er auf seine Armbanduhr blickte. „Wir müssen im Kreis gelaufen sein.“

 

„Bist du dir sicher?“ Jodie flüsterte. Sie wollte verhindern, dass die Agents, die inzwischen etwas zurückgefallen waren, ihr Gespräch verfolgen konnten. Die Frau war bereits angeschlagen. Auch wenn Jodie sie bewunderte, mit welchem Elan und welcher Ausdauer sie den Rückweg bisher beschritt. Noch mehr Unbehagen wollte sie den Ortsfremden nicht zumuten.

 

„Nein.“

 

Das war nicht die Antwort, die Jodie sich erhofft hatte. Sie nahm Fletcher die Karte aus der Hand und faltete sie zusammen. Währenddessen warf sie ihrem Kollegen einen Seitenblick zu. Der sonst so kraftvolle Kerl war plötzlich ungewöhnlich handsam geworden. Aber Jodie war nicht überrascht von dieser Wendung; sie kannte bereits diese andere Seite an ihm. In genau diese liebevolle, beinahe fürsorgliche Art hatte sie sich einmal verliebt. Damals, als er sie dabei unterstützte von ihrem prügelnden Freund los zu kommen. Oder als sie vor zwei Jahren bei einem Sturm von einem herabstürzenden Ast getroffen wurde. Immer wenn sie in Gefahr schwebte, war er so. Und irgendwas lag in der Luft, das spürte sie. ‚Nein‘, schrie sie in Gedanken, ‚Das ist unmöglich.‘ Sie wollte es nicht akzeptieren, noch einen Moment daran festhalten. Sie sog Luft in ihre Lungen. „Wir bilden uns das nur ein.“, platzte es schließlich aus ihr heraus. „Wir sind zu lange unterwegs. Wir sind müde. Und durch die ganzen Ereignisse vermutlich ziemlich angespannt.“

 

*****

 

Ziva setzte einen Fuß vor den anderen. Mechanisch. Jegliches Leben schien aus ihrem Körper gewichen zu sein. Sie war blass und ihre Haut glänzte durch die winzigen Schweißperlchen, die sich auf ihrer Stirn und ihren Wangen bildeten. Tony blieb an ihrer Seite. Fragte hin und wieder, ob es ihr gut ginge, bekam aber nur selten eine Antwort und dann meist nur in Form eines kurzen Kopfnickens. Zivas Blick war starr nach vorne gerichtet, ihre Hände in den Seitentaschen der Jacke versunken. Seit einer gefühlten Ewigkeit. Er fühlte sich so verdammt hilflos. Anfangs hatte er noch versucht, sie abzulenken. Erzählte ihr von Filmen und seinem letzten Wochenendtrip mit alten Collegefreunden. Doch inzwischen waren selbst ihm die Ideen für die unzähligen Monologe ausgegangen. Er wollte auch nicht mehr nur reden. Er wollte sie in seine Arme ziehen, ihr Kraft schenken. Und einfach für sie da sein. Nicht länger nur neben ihr herlaufen. Er wollte ihr endlich helfen.

 

„Brauchst du eine Pause?“, versuchte er es erneut, als er bemerkte, dass Jodie und Fletcher stehen blieben und tat es ihnen gleich. Ziva ging wortlos weiter. Seufzend sah er seiner Kollegin hinterher. Er machte sich keine große Hoffnung auf eine Antwort. Doch prompt belehrte sie ihn eines Besseren. Abrupt drehte Ziva sich zu ihm um und kam auf ihn zu.

 

Tony erschrak, und statt sich zu freuen, dass sie endlich eine Reaktion zeigte, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken und für ein paar Sekunden setzte sein Atem aus. Was war das? Die sonst so lebendig funkelnden Augen seiner Partnerin waren trübe und leblos. Daran hatte er sich in den letzten Tagen bereits gewöhnt. Doch das Braun wirkte jetzt tiefschwarz. Das Weiß des Augapfels war rot geädert, so als habe sie seit Stunden geweint. Doch Tony hatte zuvor keine Tränen gesehen. Zwar war er neben ihr hergelaufen, hatte sie aber immer nur von der Seite gesehen. Warum war es ihm nicht aufgefallen, dass Ziva geweint hatte? War er wirklich so blind?

 

„Das ist der falsche Weg.“ Ihre Stimme war brüchig und Tony spürte, wie schwer es ihr fiel, mit ihm zu sprechen. „Wir müssen umkehren.“

 

Unsicher blickte Tony von Ziva zu den anderen, die wenige Meter weiter auf sie warteten. „Jodie und Fletcher kennen den Weg. Verlass dich auf sie.“ Er legte seine Hand um ihren Oberarm und versuchte sie vorsichtig weiter zu schieben. Doch Ziva blieb standhaft und rührte sich nicht vom Fleck.

 

„Du verstehst mich nicht.“ Sie griff nach seiner Hand. „Wir müssen zurück.“

 

Tony spürte die Kälte ihres Körpers. Ihre Finger schienen aus Eis zu sein. Während er sich noch darüber wunderte, gelang es ihm, sie näher zu ziehen. „Wir gehen doch zurück“, sprach er leise und fuhr mit der freien Hand über ihre Wange. Er wusste, dass Ziva ein anderes Zurück meinte als er. Er konnte spüren, wie ihre gesamte Körperhaltung in die entgegengesetzte Richtung zog. Seine Hand ruhte jetzt auf ihrer Schulter. „Komm Ziva, Gibbs wartet sicher schon auf uns“, versuchte er es erneut und zog sie vorwärts. Ziva folgte wiederstrebend und ließ seine Hand nicht mehr los.

 

*****

 

Die Tage nach meinem Verschwinden waren grau. Nicht nur für meine Eltern. Auch für mich. Die Farben meiner Seele verblichen schneller als der Nebel sich hätte auflösen können, der mich in jener bitteren Nacht verschluckte. Die rosa Blume verblasste. Mein Ich verschwamm und ging in der grauen Masse unter. Ich wurde zu einem gleichförmigen Etwas. Nicht weiß, nicht schwarz. Ich war gefangen in der tristen Gleichheit meines neuen Universums.

 

Schwarz. Nacht. Wenn dicke Wolken den Mond und die Sterne verschlucken, wenn kein Licht die Erde erhellt. Dann herrscht Dunkelheit. Überall. Ich fürchtete mich im Dunkeln. Und ich bereute, mich meinen Ängsten gestellt und in jener Nacht mein schützendes Heim verlassen zu haben. Für immer.

 

Schwarz. Ich spüre noch immer die unnatürliche Schicht, die abblätternde Farbe des Lacks, auf meinen Händen. Sie sieht aus wie der Abgrund in die Dunkelheit.

 

In meinen schlaflosen Nächten läuft alles immer wieder in brennender Langsamkeit vor mir ab. Ich höre das Klopfen meines Herzens und meinen aufgeregten Atem. Ich höre auch die flehenden Worte, die aus meinem Mund sprudeln, wie der unaufhaltsame Schwall reinstem Wasser aus einer nie enden wollenden Quelle. Schreie, die niemand hört. Obwohl sie in der Stille an den Felsen widerhallen.

 

Und ich sehe jeden Tropfen Blut. Das dunkle Rot sticht im Grau hervor. Rinnt über meinen Körper, über meine bleiche Haut hinab und sickert in den Boden. Die Erde, in der ich für immer versinke, nimmt es auf. Ich war acht, als ich starb. Zwölf Tage nachdem ich aus dem Leben meiner Eltern verschwand, verlor ich auch mein Leben.

 

*****

 

McGee ignorierte sein Magengrummeln. Er hatte seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen. Doch das dumpfe Gefühl in seiner Bauchgegend mischte sich stetig mit Unbehagen. Panik machte sich in ihm breit. Nicht diese Art Panik, die man fühlt, wenn man in Lebensgefahr schwebt, nein, es war mehr die Sorge um seine Kollegen und das Wissen, die Sache nicht unter Kontrolle zu haben. Machtlos dem Geschehen ausgeliefert zu sein und die entstehende Leere mit keiner sinnvollen Tätigkeit füllen zu können. Seit über zwei Stunden versuchte er vergeblich, Tony und Ziva ans Telefon zu kriegen. Doch alles was Tim zu hören bekam, war die Ansage des Telefonanbieters, der Anrufer sei zur Zeit nicht erreichbar.

 

„Als ob ich das nicht auch ohne Ansage wüsste“, zischte er frustriert und schmiss sein Handy unsanft auf die Tischplatte. Er widerstand dem Drang, seinen Kopf auf die vor ihm aufgeschlagenen, nichtssagenden Akten sinken zu lassen und presste stattdessen die Zähne fest aufeinander. Tim wusste, es verursachte Kopfschmerzen, aber das war ihm zu diesem Zeitpunkt egal.

 

Ein lautes Piepen schreckte ihn auf. Auf dem Bildschirm blinkte es und zeigte ihm an, dass jemand versuchte ihn anzurufen. Er beugte sich nach vorn und las die Verbindungsdaten. Es war eine Nummer der ortsansässigen Pathologie. Seit nun mehr zwei Stunden waren Ducky und Palmer bereits dort. Tim freute sich auf eine ihm vertraute Stimme und nahm den Anruf entgegen.

 

Doch statt Duckys Gesicht, tauchte die dunkle, verkrümmte Nase eines Ungeheuers auf. Ein Knacken war zu hören, dann ein Husten. Doch nach der ersten Schreckminute, hatte Tim die Situation erkannt.

 

„Es funktioniert“, bestätigte er und sah, wie der Gegenüber erschrak, seine riesigen gelb verfärbten Zähne bleckte und sich dann lächelnd zurückzog. Im nächsten Moment trat Ducky an den Bildschirm. Hinter seiner Schulter tauchte Gibbs auf.

 

„Habt ihr was?“, fragte McGee und bemerkte dass seine Stimme kratzte. Er räusperte sich.

 

„Nicht wirklich“, antwortete Ducky und trat näher heran. „Wir können die Todeszeit nur sehr schwer einschätzen. Die Knochen sind so verwest, dass wir auf Proben aus dem Labor angewiesen sind. Und dass wir keinen ungefähren Richtwert haben, macht die Sache nicht unbedingt einfacher.“

 

„McGee“, ertönte Gibbs Stimme im Hintergrund und sofort trat Ducky ein Stück zur Seite. „Kannst du mal recherchieren, ob hier in der Nähe mal jemand vermisst wurde?“

 

„Ein vermisstes Kind?“

 

„Ja, es handelt sich mit Sicherheit um eine Kinderleiche. Ich vermute weiblich, aber das kann ich noch nicht mit Sicherheit sagen.“

 

Während Ducky noch sprach, tippte McGee bereits am zweiten Laptop den Suchauftrag ein.

„Gibt es was Neues von Tony und Ziva?“, fragte Gibbs irgendwann und erntete nur ein kurzes Kopfschütteln von seinem Agent.

 

„Sagt mir, dass das nicht wahr ist“, sagte Tim, wobei er den Satz kaum hervorbrachte. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Wie hypnotisiert blickte er auf den Bildschirm und mit jedem weiteren Treffersignal stieg Übelkeit in ihm auf. Er schluckte schwer und seine Fingerspitzen fühlten sich plötzlich merkwürdig taub an.

 

„Hast du was gefunden?“

 

Tim schwieg und klickte sich durch einzelne Berichte, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Doch letztlich zog ihn ein Zeitungsartikel in seinen Bann. Alleine die Überschrift ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

 

„Was hast du gefunden?“, fragte Gibbs ungeduldig und fügte ein aufforderndes „McGee, ich habe nicht ewig Zeit“ hinzu.

 

Tim sah auf. „Es gibt sechs offizielle Vermisstenanzeigen.“

 

„Und?“ Gibbs merkte genau, dass das noch nicht alles war, auf das sein Agent gestoßen war.

 

„Aber einer Sage nach, werden hier in der Gegend 13 Kinder vermisst.“

 

„13? Dreizehn Kinder?“ Gibbs Stimme war merklich lauter geworden.

 

„Ja, man nennt sie ‚die Nebelkinder‘. Es ist ein Mythos, der in dieser Gegend hier seit vielen Jahren erzählt wird. Ist das Zufall, Boss?“

 

„Glaube ich an Zufälle, McGee?“ Ein heiseres Lachen war zu hören.

 

„Nein“, stammelte Tim, „aber glaubst du an Geister?“

 

*****

 

Sie war nicht alleine als sie starb. Ich hielt ihre Hand. Ihre braunen Augen wirkten in der Dunkelheit tief schwarz und als das Funkeln verschwand und nur das trübe Kerzenlicht sich noch darin spiegelte, machte es den Tod unwirklich. Für mich. Als sei er weit entfernt. Dabei war er so nah.

 

Stella war zwölf. In der Nacht, in der mich der Nebel verschluckte, nahm sie mich auf. Sie strich mir über die Haare, trocknete meine Tränen. Sie hielt mich fest. Hielt mich in ihren kraftlosen Armen und schenkte mir Hoffnung. Sie erzählte mir Geschichten. Ihre Geschichte. Beschrieb mir den Tag, an dem sie verschwand und in der Dunkelheit erwachte. Sie zeigte mir ihren Nagellack, der bereits an einigen Stellen abgeblättert war. Er war schwarz. Sie summte die Melodie eines Kinderliedes und wiegte mich in den Schlaf.

 

Wir kannten uns sieben Tage. Und ich fühlte mich auf eine Art und Weise mit ihr verbunden, als seien wir Schwestern. Ein Gefühl, das einem hilft, durchzuhalten. Die Qualen zu ertragen. Den Durst und den Hunger zu verdrängen. Ein Art Liebe, die das Leben lebenswert macht. Doch dann starb die Liebe. Und ließ mich ein weiteres Mal alleine zurück.

 

Stella hatte aufgegeben. Sie ergab sich ihrem Schicksal. Doch ich war nicht dazu bereit. Ich beugte mich über ihren leblosen Körper und flüsterte ihr ein Versprechen ins Ohr. Auch wenn sie es nicht mehr hören konnte, war es wie ein Pakt, den wir gemeinsam schlossen. Man würde sie finden. Uns finden. Niemand sollte für immer verschwinden.

 

*****

 

Vor Schreck hätte McGee fast den Stift fallen lassen, als die Tür aufgerissen wurde und Gibbs hereinstürmte. Woher kam er so plötzlich? Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihm jedoch, dass sein Boss keine übermenschlichen Kräfte, sondern sich wohl direkt nach dem Telefonat auf den Weg hierher gemacht hatte. Der Blick auf die Uhr ließ ihn aber auch mit voller Wucht darauf aufmerksam werden, dass die Sorgen, die er sich bezüglich seiner Kollegen machte, keineswegs mehr unbegründet waren. Der Trupp hätte bereits längst zurück sein sollen.

 

„Wo stecken sie?“ Gibbs stand am Fenster und stierte in die Ferne.

 

„Ich kann sie nicht orten.“ McGee sah ebenfalls durch die Scheibe hinaus in die Natur. Der Himmel hatte sich rosarot verfärbt. Dunkle, violette Streifen zogen sich hindurch. Die Sonne stand tief. In weniger als einer Stunde herrschte im Park Finsternis. Und seine Kollegen irrten da draußen umher. Unerreichbar. Resigniert senkte der MIT Absolvent den Kopf. „Der Hubschrauber ist die Route abgeflogen. Keine Spur von ihnen.“

 

„Was hast du sonst noch?“ Gibbs fuhr sich durch die Haare und kam danach an McGees Arbeitsplatz. Seine Augen spiegelten einen Anflug von Verzweiflung.

 

„Bestätigte, oder sagen wir mal, nachvollziehbare Fakten zu vermissten Kindern, habe ich sechs. Diese sind zumindest …“

 

„Kannst du eine Verbindung zum aktuellen Fall herstellen? Gibt es eine Gemeinsamkeit mit Yasemin?“, fiel Gibbs ihm ins Wort.

 

Der Agent schüttelte den Kopf und klickte auf einen Link. „Das ist Stella. Vermisst 1926. Verschwand in einer Nebelnacht. Spurlos.“ Er klickte weiter. „Nancy. Verschwand ein Jahr später. Zeitungsberichten zu Folge hat der Nebelschleier sie verschluckt. Eine groß angelegte Suchaktion brachte nichts.“

 

„Hast du was Aktuelleres?“ Gibbs wurde ungeduldig.

 

„Malinka. Vermisst 1951. Verschwand aus einer psychiatrischen Klinik. Man geht davon aus, dass sie sich das Leben nahm. Die Leiche wird wenige Kilometer von hier im Moor vermutet.“

 

„Noch aktueller?!“

 

„1965. Nataly. Eine klassische Ausreißerin. Man hat nie weiter nach ihr gesucht. Und 1980 verschwand Sally. Ihr Vater wurde verhaftet und des Missbrauchs schuldig gesprochen. Doch er hat nie sein Schweigen gebrochen und den Ermittlern den Ort genannt, wo er die Leiche versteckt hat.“

 

„Was ist mit den anderen sieben? Gibt es da Anhaltspunkte?“

 

McGee unterdrückte ein unwilliges Kichern in seiner Kehle. „Boss, die anderen vermissten Kinder kann ich nur schwer nachvollziehen. Sie liegen noch länger zurück als Stella. Ich bin mehr oder weniger zufällig darauf gestoßen, als ich die Zeitungsartikel überflog, die während der Suchaktion von Nancy 1927 erschienen sind. Und da spricht die Bevölkerung, neben Stella, von weiteren sieben verschwundenen Mädchen.“

 

„Das einzige was Yasemin damit verbindet, ist der Ort des Verschwindens. Vielleicht ist es eben doch ein Zufall.“

 

Der Agent riss kurz, und von Gibbs unbemerkt, die Augen auf. „Du glaubst also doch an Zufälle, Boss?“, fragte er schmunzelnd. Aus unerklärlichem Grund, brauchte er die Zustimmung. Denn wenn das alles hier ein Zufall sein sollte, wäre er um einiges beruhigter.

 

„Ich glaube jedenfalls nicht an Geister. Buhu!“ Gibbs tatschte leicht gegen McGees Hinterkopf. Er hatte schon lange keine Kopfnüsse mehr verteilt, doch es war ihm einfach danach, alltägliche Dinge, Gewohnheiten, die ihm Sicherheit gaben, in die Arbeit mit einzubauen. Der Grauhaarige beugte sich zu seinem letzten verbliebenen Agent herunter und flüsterte leise in sein Ohr. „Buhu, ich bin ein Nebelgeist und ich verschlucke kleine Mädchen und dann …“ Seine Stimme war mit einem Mal wieder ernst und hatte an Lautstärke zugenommen. „… und dann, hol ich mir den Suchtrupp.“

 

„Boss?“ McGee runzelte die Stirn. Er wusste nicht, ob er lachen oder heulen sollte.

 

Gibbs sog die Luft ein und schüttelte den Kopf. „Also! Schieben wir die Geister mal kurz zur Seite und konzentrieren uns wieder auf die Lebenden.“

 

*****

 

Das Rosarot des Himmels verfärbte sich unaufhaltsam in ein dunkelviolettes Grau. Es stand in einem merkwürdigen Kontrast zum weißen Nebel, der an dieser Stelle wie eine dicke Wolke auf dem Boden lag und nur durch die Schritte aufgewirbelt wurde. Ansonsten herrschte Stillstand. Kein Windhauch bewegte die Blätter der Bäume. Die aufkommende Dunkelheit brachte die Natur für kurze Zeit zum Schweigen. Lediglich die leisen Rufe vereinzelter Vögel waren zu hören. Ziva ließ Tonys Hand los. Zum ersten Mal seit ihrem Ohnmachtsanfall fühlte sie sich wieder gut, hatte die Gewalt über sich und ihren Körper und nahm ihre Umwelt nicht mehr verschwommen wahr. Sie atmete tief durch. Tony, der sich sofort zu ihr umdrehte, als sie die Verbindung zu ihm löste, schenkte sie ein Lächeln. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, hörten sie Fletcher einige Meter vor sich fluchen.

 

„Verdammter Mist. Das kann nicht sein. Das ist unmöglich.“

 

Die Agenten schlossen zu den Rangern auf. Das etwas nicht stimmte, war ihnen schon seit längerer Zeit klar. Sie hatten sich verlaufen. Sie hatten kein Handyempfang. Sie hatten ein Problem, vielleicht auch zwei. Doch Fletchers ruhige Art wirkte bisher immer beruhigend auf sie. Doch jetzt verlor auch dieser Halt an Boden.

 

„Da kann einfach keine Hütte sein“, knurrte der Ranger.

 

„Da ist aber eine Hütte“, keifte Jodie und wies einen Hügel hinauf, den eine kleine Holzhütte zierte. „Und da es dunkel wird …“

 

„Du willst hier übernachten? Jodie? Ist das dein ernst?“ Fletcher blies die Backen auf und sah seinem Gegenüber tief in die Augen. Nach langen Sekunden des Schweigens nickte er zustimmend. „Oh Gott, ich hätte auf meine Großmutter hören sollen“, schnaubte er und stapfte den Hügel hinauf.

 

Ziva und Tony warfen sich einen fragenden Blick zu. Tony hob unwissend die Schultern.

 

„Meine Großmutter hat mich gewarnt. Sie hat es immer gesagt! Ich hätte aber doch nicht gedacht, dass da was dran ist.“ Fletcher sprach mehr zu sich selbst, als zu den anderen, die ihm schweigend folgten.

 

Jodie seufzte. „Du denkst jetzt nicht wirklich an das Märchen, oder doch?“

 

Fletcher drehte sich abrupt zu ihr um. „Natürlich denke ich an das Märchen. Ich bin inmitten des Shenandoah Nationalpark, Nebelschwaden um mich herum; ich habe mich an einem Ort verlaufen, der mir bekannt ist, ich finde den Weg nicht, den ich sonst im Schlaf kenne. Doch, Jodie, ich denke an die Nebelkinder.“

 

„Du bist kein Kind“, war alles, was Jodie darauf sagte und erntete dafür ein heiseres Lachen.

 

„Aber ich bin auf der Suche nach einem Kind. Ich höre Kinder schreien. Okay, ich dachte vorhin, ich hätte es mir nur eingebildet, aber inzwischen bin ich davon überzeugt, etwas gehört zu haben.“ Fletcher ging weiter. „Aber gut, übernachten wir hier. Wir haben ja eh keine andere Wahl.“

 

Tony räusperte sich und ging einen Schritt schneller, um zu Fletcher aufzuschließen. „Könntet ihr uns bitte mal aufklären, worüber ihr hier die ganze Zeit redet?“

 

Jodie lachte auf. „Genau Fletcher, setzen wir uns in die Schutzhütte und erzählen uns Horrorgeschichten.“ Sie selbst war stehen geblieben und wartete auf Ziva.

 

„Horrorgeschichten?“, fragte die Agentin, als sie neben ihr ankam und folgte dem Blick, den Jodie in die Ferne warf. Von hier oben wirkte die Natur noch unheimlicher. Grautöne verschlangen die letzten Farbreste.

 

„Eine Geschichte, die man sich hier in der Gegend erzählt. Quasi eine Legende. Fletcher kennt sie von seiner Großmutter und meine Mutter hat sie mir als Kind erzählt. Sie wird von Generation zu Generation weitergegeben. Ich dachte immer, sie diene nur dazu, die Kinder davon abzuhalten, alleine in den Wald zu laufen, aber heute bekommt sie auch für mich eine andere Bedeutung.“

 

Ziva schwieg.

 

„Die Nacht der Nebelkinder.“, flüstere Jodie und ging weiter.

 

„Was?“ Ziva war sich nicht sicher, die Worte richtig verstanden zu haben, so leise sprach Jodie.

 

„‘Die Nacht der Nebelkinder‘“, wiederholte die junge Frau, „so heißt die Legende.“ Und nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Und wir sind mittendrin.“

 

*****

 

Die Hütte stand auf dem Gipfel des Anstiegs. Sie wirkte alt, aber auch auf eine faszinierende Art und Weise einladend. Im violetten dunklen Licht der letzten Sonnenstrahlen strahlte sie das aus, was sie wohl in dieser Situation sein sollte. Ein Zufluchtsort für Wanderer. Um das Holzhaus war eine kleine Aussichtsplattform, die mit morschen Holzpranken gesichert und die Besucher vor dem dahinter vorhandenen, steilen Abgrund warnen sollten. Ob der Zaun jedoch noch sicher war, wagte Jodie zu bezweifeln.

 

Die Anderen huschten wie schwarze Schatten an ihr vorbei, gingen zu einer Bank, die unter dem Dachvorsprung stand und nahmen das Gepäck von ihren Schultern. Sie nahm sich die Zeit, die Landschaft noch einmal zu betrachten und sich die umliegende Umgebung genau einzuprägen. Die kleine Lichtung im Osten, der Laubwald daneben, das kleine Bächlein, das sich im Süden durch kleine unzählige Felsen schlängelte. Und die endlos wirkende Nebellandschaft, die alles miteinander verband und in ein riesiges weißes Meer überging. Hätten nicht die vereinzelten Stämme der Weiden aus dem Nebel herausgeragt, hätte man das Gefühl haben können, über den Wolken zu sein. Jodie atmete tief durch und senkte den Blick, nur um sofort wieder aufzusehen und den Blick erneut über die Landschaft schweifen zu lassen. So, als hätte sie Angst, es könnte sich alles in diesem winzigen Moment verändert haben.

 

Alles blieb gleich. Jodie seufzte leise und drehte sich zum Haus um. Die Schutzhütten im Shenandoah Nationalpark waren durchnummeriert. In der Regel stand die Zahl auf einem kleinen Messingschild, das irgendwo am Eingang befestigt war. Sie ging zur Tür und stellte erleichtert fest, dass sie recht hatte. Es war ein beruhigendes Gefühl, dass das Glück sie zumindest dieses eine Mal nicht verlassen zu haben schien. Vorsichtig fuhr sie mit dem Finger über das rostige Schild und befreite es von Staub und Dreck. Als sie die Zahlen deutlich erkennen konnte, spürte sie den warmen Atem Fletchers in ihrem Nacken. Er war dicht an sie heran getreten und sah ihr über die Schulter. Doch im nächsten Moment war er wieder verschwunden und ein Gefühl der Leere durchströmte ihren Körper. Mit klopfenden Herzen drehte sie sich um. Fletcher war nicht da. Er war nicht in ihrer Nähe. Ganz im Gegenteil, er saß noch immer bei den anderen und sah sie auffordernd an.

 

„Und? Welche Nummer?“, rief er ihr zu und kramte in seinem Rucksack nach einer weiteren Karte.

 

Jodie lief es eiskalt über den Rücken und versuchte ihre Angst mit einem Lächeln zu überspielen. „Einhundertneunzehn“, antwortete sie ihm und hatte kurz das Gefühl, sich nochmals von der Zahl überzeugen zu müssen, vermied es aber dann doch, sich erneut zur Tür umzudrehen. ‚Ich brauche dringend Schlaf‘, dachte sie sich und ging zu den anderen. Müde ließ sie sich auf die Bank sinken und beobachtete Fletcher, wie er die Karte überflog.

 

„Hier.“ Er zeigte mit dem Finger auf einen Punkt. „Hier ist Nummer 119.“ Er schüttelte den Kopf. „Wir sind komplett in die falsche Richtung gelaufen“, fügte er ungläubig hinzu.

 

Ziva starrte ihn für einen Augenblick an, dann fing sie an zu lachen. „Wenn ich mir irgendwann diese wunderschöne Natur ansehen möchte, erinnert mich daran, dass ich euch beide nicht als Wanderführer buche.“

 

„Wir müssen also die Nacht hier verbringen?“, mischte sich Tony ein. Er klang wenig begeistert.

 

„Du kannst uns gerne ein Taxi rufen, Tony“, antworte Jodie ihm bissig, was ihr jedoch sofort wieder leid tat. „Wir haben wohl keine andere Wahl.“ Sie verdrängte die aufkeimende Erinnerung der eben gemachten Erfahrung und schenkte ihm ein Lächeln. „Hatten die Kinder damals auch nicht…“

 

„Los Tony, werfen wir mal einen Blick ins Innere.“ Fletcher wies zur Hütte. „Vielleicht gibt es ein funktionierendes Funkgerät, oder wenigstens ein paar Konservendosen.“

 

Sofort war Tony auf den Beinen und folgte ihm. Die beiden Frauen sahen ihnen hinterher.

 

„Welche Kinder?“ Ziva rückte näher zu Jodie und sah in ihr bleiches Gesicht.

 

„Die Nebelkinder.“

 

Ziva spürte ein Kribbeln in ihrer Magengrube und die Traumbilder, die sie seit Tagen verfolgten, flackerten in ihr auf. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und biss die Zähne zusammen, um die Bilder zu verbannen, atmete tief durch und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen die Holzwand. „Erzähl mir die Geschichte.“ Ihre Stimme klang ängstlich.

 

„Es ist nur ein Märchen. Meine Mutter hat mir die Legende erzählt, da war ich acht oder neun.“ Jodie zog die Jacke enger um ihren Körper. Mit der untergehenden Sonne verschwand auch die Wärme und sie fröstelte leicht. „Ich glaube, die Geschichte diente den Erwachsenen uns Kinder davon abzuhalten, alleine in den Wald zu laufen. Besonders bei schlechtem Wetter.“ Ein kurzes Lächeln huschte durch ihr Gesicht. „Jeder hier in der Gegend kennt sie.“

 

Ziva schwieg.

 

„Okay.“ Jodie zog einen Müsliriegel aus ihrem Rucksack, teilte ihn und reichte Ziva eine Hälfte davon. „Wir haben ja Zeit.“

 

Die NCIS Agentin nahm den Riegel dankend entgegen und nickte. „Das haben wir wohl.“ In der Ferne hörte man ein Käuzchen schreien. „Es wird sicher eine lange Nacht.“

 

Jodie tat es Ziva gleich und lehnte sich gegen die Wand. Ihren Blick senkte sie und als sie zu sprechen begann, klang ihre Stimme geheimnisvoll. „Am Rande des Moors, steht ein altes zerfallenes Bauernhaus. Es steht schon lange leer. Vom Haus weg führt ein Weg durch den Sumpf, über Berge und Täler, vorbei an einem Wasserfall. Biegst du dort nach rechts ab, so erzählt man, führt dich ein Trampelpfad in eine völlig verlassene Landschaft. Du kommst zu einer Ebene, flach wie ein See, eingefasst durch dichtes Unterholz. Am Rande ragen dunkle graue Felsen in die Höhe, die dich warnen sollen, weiter zu gehen. Denn an diesem Ort ist es gefährlich. In den Nächten zieht Nebel auf und man sagt, wer den weißen Nebel sieht, kehrt nie wieder nach Hause zurück. Der Nebel verschluckt Kinder. Man nennt sie die ‘Nebelkinder‘. Ihre Seelen wandern umher, verlassen, sie sind traurig und einsam. Man sagt, sie wünschen sich nichts sehnlicher, als nach Hause zurück zu kehren.

 

In jenem Haus, am Rande des Moors, lebte vor über hundert Jahren ein Mädchen. Seit ihrem achten Geburtstag träumte sie von Nebel, der ihren Namen rief. Immer und immer wieder. Ihre Eltern wachten die Nächte an ihrem Bett und wenn sie schlafwandelnd hinaus ins Moor lief, brachten sie sie zurück.

 

Sie hatten große Angst um ihre Tochter, denn nur wenige Tage, bevor die Träume begannen, hatte sich ihre Freundin Nancy im Nebel verlaufen und war nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Alle machten sich Sorgen, denn zu dieser Zeit verschwanden insgesamt sieben Mädchen. Sie alle verloren sich in Nächten, in denen Nebel aufgezogen war. Sie fanden nie wieder zurück. Man erzählt, der Wind flüstere noch heute ihre Namen. Amy, Eurelia, Stella, Maggi, Alison und Nancy.

 

Die Menschen achteten fortan auf ihre Kinder, verriegelten nachts die Türen und Fenster. Das Bauernmädchen aber schlief keine Nacht mehr durch. Die Eltern kämpften unaufhaltsam um das Leben ihrer geliebten Tochter. Doch der Nebel gab nicht auf. Und nach zehn Jahren, im Winter, als die Mutter verstarb, nahm Cloe sich das Leben, weil sie die Träume nicht mehr ertragen konnte. Mit ihren letzten Tropfen Blut schrieb sie Nancys Namen in den Schnee. In jener Nacht, so erzählt man, zog ein Nebelfeld auf, das sieben Tage und sieben Nächte das ganze Dorf umhüllte. In der Dunkelheit hörte man die Nebelkinder weinen. Als der Nebel verflog, hörte auch das Weinen auf. Doch von Zeit zu Zeit kehrt der Nebel hierher zurück, auf der Suche nach neuen Seelen.“

 

Es folgte Schweigen. Jodie schloss für einen Moment die Augen. Sie dachte an ihre Mutter, die ihr als Kind die Legende erzählte, und sie erinnerte sich daran, wie die Geschichte sie davon abgehalten hatte, das Moor selbstständig zu erkunden. Damals fand sie die Geschichte gruselig und doch hatte sie gewusst, dass sie von den Erwachsenen bloß erfunden war. Doch heute, heute zweifelte sie an ihrer kindlichen Überzeugung. In ihr breitete sich ein ihr unbekanntes Gefühl aus, sie verspürte Angst.

 

*****

 

Das Innere der Hütte war finster und roch modrig. Es schien, als sei schon sehr lange Zeit niemand mehr hier gewesen. Tony leuchtete mit seiner Taschenlampe in die dunklen Ecken, während Fletcher mehr oder weniger zielstrebig durch den Raum ging, um dort das Fenster und die Verriegelung der Fensterläden zu öffnen. Kurz darauf fielen die letzten Strahlen Licht durch die Öffnung und offenbarten das Innere der Hütte in einem düsteren Schein. In der Mitte standen ein, mit dicker Staubschicht bedeckter Holztisch und vier Stühle. Nicht gerade einladend, dachte sich Tony und ging daran vorbei ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Auf der rechten Seite befand sich eine Tür. Der Türgriff knarzte unheimlich, als Tony ihn herunterdrückte und er rechnete eigentlich schon damit, dass er die Tür nur mit großer Kraftanstrengung öffnen könnte, doch sie glitt auf, als hätte sie nur darauf gewartet von Tonys Händen berührt zu werden. Dahinter befand sich eine kleine Kammer. Es gab kein Fenster. Tief in sich spürte er, es wäre besser gewesen, diesem Ort den Rücken zuzukehren. Doch sein logischer Verstand ignorierte seinen Instinkt. Er befand sich hier in einer Schutzhütte für Wanderer, sie waren vier Erwachsene. Ziva und er waren bewaffnet. Und doch fühlte er sich hier nicht sicher.

 

Nach und nach gewöhnten sich seine Augen an das Dämmerlicht und er sah sich suchend um. Doch in dieser Kammer befand sich nichts, außer ein Stockbett und ein offenes Regal, in dem zwei oder drei Thermodecken lagen. Es war still. Im Nebenraum hörte er Fletcher fluchen, der damit beschäftigt war, auch den zweiten Fensterladen zu öffnen und scheinbar daran zu scheitern drohte. Tony verließ die Kammer, schloss aber hinter sich nicht die Tür. Ein wenig frische Luft schadete dem Raum nicht, wenn er bedachte, dass sie die Nacht dort verbringen mussten. Auf der Suche nach dem Funkgerät ging er durch den recht großzügigen Raum. An der Wand hing eine alte Wanderkarte, an den Rändern vergilbt und eingerissen. Ein roter Punkt markierte ihren Aufenthaltsort.

 

Ein Windstoß fuhr durchs Haus und zerrte an den Fensterläden, dann war ein Poltern zu hören, das Klirren von Glas. Tony fuhr herum, sah, wie Staub aufwirbelte. Unbewusst zog er seine Pistole und richtete sie auf die Quelle.

 

„Nicht schießen“, lachte Fletcher und richtete sich stöhnend auf. „War nur ich. Das hat geklemmt, dieses blöde Ding.“ Noch immer saß er auf dem Boden. In seiner Hand hielt er den Riegel. „Aber jetzt ist er ab.“

 

Im selben Moment stürmten die Frauen in die Hütte. Ziva hatte ebenfalls die Waffe gezogen, während Jodie nur einen entsetzten Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte, der jeden Einbrecher mit großer Wahrscheinlichkeit sofort in die Flucht geschlagen hätte. Als sie allerdings Fletcher lachend am Boden sitzen sah, entspannten sich ihre Gesichtszüge wieder und wurden von einem breiten Grinsen abgelöst.

 

Tony ließ die Waffe sinken, steckte sie aber nicht weg. Er hatte nach wie vor ein ungutes Gefühl. Fletchers Sturz erklärte zwar das Poltern und auch das Klirren, da dabei die Fensterscheibe kaputt gegangen war. Aber für den Windstoß gab es noch keine logische Erklärung. Durchzug? Es war draußen windstill. Und auch jetzt war kein Windhauch mehr zu spüren. Hatte er sich das nur eingebildet? Auch den aufgewirbelten Staub? Tonys Blick wanderte unsicher zu Ziva. Sie hielt noch immer ihre Waffe hoch und zielte. Tony blickte einen kurzen Moment in ihre Augen, folgte dann dem Lauf ihrer Waffe und als er erkannte, worauf Ziva starrte, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Es war deutlich zu erkennen. Die Staubschicht auf dem Tisch hatte sich verändert und ein Händeabdruck war zu sehen.

 

*****

 

Wenn Gibbs etwas hasste, dann war es, untätig herum zu sitzen. In D.C. hätte er sich in seinen Keller verkrochen, um zu überlegen, was er tun könnte. Doch hier saß er in einer Holzhütte fest. Umringt von McGee, Ducky und Palmer. Vor über einer Stunde hatte er den Leiter des Camps veranlasst, die noch verbliebenen Kinder nach Hause zu schicken und hatte dem General nochmals versichert, alles zu tun, was in seinen Kräften stand, um seine Tochter zu finden. Dass auch seine Leute verschwunden schienen, hatte er ihm verschwiegen. McGee suchte fieberhaft nach Verbindungen zu den anderen Vermissten, doch auch da blieb der Erfolg aus. Sie hatten keinen weiteren Ansatzpunkt. Alles was sie vorweisen konnten, war ein verschwundenes Kind, ein verlorengegangener Suchtrupp, eine etwa 100 Jahre alte Kinderleiche. Merkwürdige Kameraaufnahmen, mit denen sich Abby in ihrem Labor beschäftigte. Ein alter Mythos. Und nicht zu vergessen: Nebel.

 

Es zog ihn nach draußen. Und als Gibbs auf der kleinen Terrasse im Dunkeln stand, fühlte er sich freier. Das bläulich flimmernde Mondlicht erhellte die Umgebung. Und das beruhigte ihn, denn wo immer sich das Team und das Kind auch befanden, sie waren nicht in der Finsternis verloren. Da draußen im Wald, umgeben von Gefahren und wilden Tieren. ‚Nicht zu vergessen, umgeben von Geistern‘, schoss es ihm durch den Kopf und ließ in schmunzeln. Nein. Er glaubte ganz sicher nicht an Geister. Es gab eine Erklärung für alles. Und morgen früh, im ersten Morgengrauen würden sie die Suche fortsetzen. Mit noch mehr Leuten, mit einem weiteren Hubschrauber und mit allem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln.

 

*****

 

Das Mondlicht schien durch das kleine Fenster, die verschmutzten Scheiben schirmten die Außenwelt ab und nur der Hauch des stählernen Mondlichts, das sich durch das trübe Glas kämpfte und letztlich auf dem Holzboden zum erliegen kam, tauchte die Umgebung in ein romantisches anmutiges Licht. Eine angenehme Kühle breitete sich im Zimmer aus. Dennoch gelang es Tony nicht, den Gedanken des Tages zu entfliehen. Sein Herz pulsierte und auf seiner Stirn bildeten sich winzige Schweißperlen. Lag es tatsächlich nur an den seltsamen Ereignissen, die ihn nicht schlafen ließen, oder doch an der Frau, die neben ihm lag? Ziva. Es hatte lange gedauert, bis er sie hatte davon überzeugen können, dass der Abdruck bereits von Anfang an auf dem Tisch gewesen war, dass der Grund dafür ganz einfach und rational war. Vielleicht waren erst vor ein paar Tagen Wanderer mit Kindern in der Hütte, oder aber der Händeabdruck war von Yasemine und sie hatten endlich eine Spur. Auch sich selber versuchte er das einzureden, denn er konnte sich einfach nicht daran erinnern, ob der Händeabdruck tatsächlich schon da war, als er mit Fletcher gemeinsam die Hütte betrat.

 

Er hatte es sich auf einer Isomatte, die er unter dem Stockbett gefunden hatte, gemütlich gemacht. Unter keinen Umständen wollte er in dieser Kammer schlafen. Ziva, die zunächst darüber lachte, war ihm nur eine Stunde später, nachdem sie das erste Mal aus dem Schlaf hochschreckt war, mit ihrer Matte gefolgt und lag jetzt neben ihm. Sie schlief ruhig.

 

Tonys Blick wanderte über die Decke, die ihren Körper verhüllte. Sein Blick blieb an ihrer Schulter haften. Ihre zarte, im Mondlicht glänzende Haut schillerte unter den dunklen Locken hervor und zog ihn in ihren Bann. Er spürte, wie sein Atem stockte, wie sich das Gefühl tausender Schmetterlinge in seiner Leistengegend ausbreitete und auch wenn seine Gedanken versuchten, ihn abzuhalten, war ihm gleichzeitig bewusst, wie sinnlos es war, sich dagegen aufzulehnen. Er war verloren. Hier, im Mondlicht der Nacht.

 

In Gedanken rückte er näher, nahm den Duft ihres Körpers in sich auf, spürte den Hauch ihres gleichmäßigen Atems. In Gedanken streckte er seine Hand aus, strich über die weiche Haut ihrer Wangenknochen, seine zittrigen Fingerspitzen berührten ihre roten Lippen. Ja, in Gedanken war er mutig, im wahren Leben stand er nicht zu seinen Gefühlen. Leugnete sie. Seit Jahren. Doch jetzt spürte er, wie die eiserne Fassade bröckelte.

 

Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, betrachtete ihren friedlichen und verletzlich wirkenden Ausdruck. Tony sog die Luft tief in seine Lungen, fühlte wie sein Brustkorb sich mit dem nötigen Sauerstoff füllte, doch sein Herz krampfte und japste nach dem lebensnotwendigen Gas. Er bemerkte den warmen Luftzug nicht. Alles in ihm drängte, drängte zu handeln, drängte ihn vorwärts, auf ein unbekanntes Ziel zu.

 

Und er tat, wozu er sich gezwungen fühlte. Mit zittrigen Fingern strich er über ihre Schulter, verharrte einen Moment, bevor er sich tatsächlich dazu durchrang, näher zu rücken. Zärtlich berührten seine Lippen ihre kalte Stirn. Für einen winzigen Augenblick, nicht greifbar für das Zeitkontinuum. Doch real für ihn selbst. Ihre Wimpern berührten seine Nasenspitze, kitzelten wohlig über seine Haut. Er spürte ihren warmen Atem. Ein Glücksgefühl überkam ihn, wie er es noch nie zuvor in seinem Leben verspürte.

 

Tony fühlte sich wie in Trance. Er schien abgesunken in eine unbekannte Welt, fernab des wahren Lebens. Er bemerkte zunächst nicht, wie die braunen, samtig weichen Augen ihn ansahen. Wie die Mundwinkel der Frau zuckten. Und wie sie die anfangs durch Erstaunen verkrampfte Haltung allmählich verlor. Erst als sich ihr Körper unter der Decke bewegte, als ihre Hand im Mondlicht erstrahlte und sie seinen Oberarm berührte, nahm er seine Umwelt wieder wahr.

 

Er spürte das Kribbeln auf seiner Haut, fühlte den wohligen Schauer über seinen Rücken laufen. Sein Atem ging stoßweise und doch vergaß er auszuatmen. Stockte. Mit einem Schlag spürte er die Hitze ihres Körpers, der von seinem Besitz nahm und ihn lähmte. Ziva rückte näher, schmiegte sich an ihn. Wortlos, als wäre jede Berührung selbstverständlich, als hätte niemals etwas zwischen ihnen gestanden. Ihre Hand glitt über seinen Rücken, streichelte zärtlich seine Haut. Zogen ihn sachte näher. Es gab kein Entkommen, er wollte nicht entkommen. Er wollte ihre Nähe. Und gemeinsam mit ihr die Ereignisse der letzen Tage hinter sich lassen.

 

Er sah in ihre Augen, erkannte ihre Willenlosigkeit und ihre auflodernde Leidenschaft. Ihre Lippen näherten sich, vereinigten sich. Ohne sich wirklich zu berühren. Er spürte die Wärme, die sich im ganzen Raum ausbreitete und wie ein Schleier über sie legte. Sie war bei ihm, mit ihm. Es war wie eine Verbindung fremder Welten. Als sie den Widerstand durchbrach, ihre Zunge seine Lippen berührten, verlor er den Verstand und tauchte ab in eine fremde Dimension.

 

Was immer sie tat, es ließ ihn erschauern. Wellen der Leidenschaft und Lust breiteten sich unaufhaltsam in ihm aus. Er zog ihren Körper näher an seinen, streifte mit bebenden Händen die Träger des Shirts über ihre Schultern. Zog sie noch näher an sich. Nur um kurze Zeit später nach Atem zu ringen, als ihre Hände über seinen Rücken wanderten und fordernd seine Pobacken ergriffen. Er sah Sterne. Herzchen, inmitten der Schwärze, die seinen Geist umnebelten.

 

Ihre Finger wanderten weiter, entblößten ihn, entledigten ihn seiner Boxershorts. Sein pulsierendes Herz rutschte tiefer, schickte Stromstöße durch seine Lenden und sammelte sich in seiner empfindsamsten Stelle. Was immer er fühlte, er konnte es nicht in Worte fassen. Stattdessen berührten seine Lippen ihr Kinn, wanderten über ihren Hals und ihre Schultern, zu ihren Brüsten und wieder zurück. Die anfänglich wohlige Wärme staute sich und wurde zu einer gefährlich explosiven Hitze. Sie tat es ihm gleich und ihre Küsse hinterließen eine heiße Spur der Leidenschaft auf seinem Körper. Was immer sie tat, es fühlte sich wundervoll an.

 

Ihre heiße Haut glänzte im Mondlicht, schimmerte silbern matt. Ihre Augen strahlten pure Energie. Alles an ihr war wunderschön. Seine Finger erforschten jeden Zentimeter des unbekannten Universums, wanderten über ihren Körper, über ihre Rundungen, über ihre Hüften. Zärtlich und zugleich aufzeigend, dass er nicht gewillt war, zurück zu rudern, blickte er in ihre Augen. Es gab kein Zurück mehr.

 

Ihr leises Stöhnen an seinem Ohr, forderte ihn heraus. Seine Lippen suchten erneut die ihren, seine Zunge fand Einlass und all die Leidenschaft, die in Wellen über ihn schwappte, spiegelte sich in einem innigen Kuss wider. Die Augen geschlossen, die Sinne außer Kontrolle, langsam, zärtlich und zügellos zugleich. Er war wie im Fieber. Seine Hände, seine Lippen, sein ganzer Körper war in Bewegung. Sie waren vereint. Hier. Im Mondlicht der Nacht.

 

Er schloss die Augen, konnte nicht mehr klar denken, hatte die Kontrolle über sich und sein Handeln längst verloren. Ihre Hände wanderten über seine Brust, umschlossen seinen Hals. Und als er den Druck ihrer Finger verspürte und die Augen wieder öffnete; als er die Kälte in ihren Augen sah, ihr blasses Gesicht, und den Schmerz wahrnahm, der sich unaufhaltsam in seine Kehle bohrte, breitete sich Panik in ihm aus. Im selben Augenblick schob sich eine Wolke vor den Mond. Dunkelheit. Ihm wurde bewusst, dass er sich in größter Gefahr befand. Und Ziva drückte immer fester.

 

*****

 

Jemand war hier. Dieser Gedanke durchfuhr Jodie in derselben Sekunde, als sie im Bett aufschreckte. Noch schlaftrunken, suchte sie nach dem Lichtschalter, bis ihr einfiel, dass sie sich nicht zu Hause befand, sondern in einer Waldhütte fernab der Zivilisation, gemeinsam mit Fletcher, der vom oberen Bett leise und kontinuierliche Schnarchgeräusche sendete. Sie lauschte in die Dunkelheit, doch alles schien ruhig. Nur Fletchers Atem und ihr eigener pochender Herzschlag waren zu hören. Mit zitternden Fingern suchte Jodie nach der Taschenlampe und schaltete sie an. Sie leuchtete durch die Kammer. Nichts. Dennoch war Jodie sich sicher, irgendwer oder irgendwas hatte sie geweckt.

 

Vorsichtig ließ sie die Füße auf den Boden nieder und stand auf. Sie hatte mitbekommen, dass Ziva den Raum samt ihrer Matratze bereits vor langer Zeit verlassen hatte. Warum? Hatte auch sie etwas gespürt? Dieses Gefühl, das sie nicht beschreiben konnte, sie aber innerlich aufwühlte und quälte? Jodie hatte das plötzliche Bedürfnis nach frischer Luft. Und auch wenn ihre Beine sie zunächst nicht sicher tragen wollten, wagte sie den ersten Schritt. Leise schlich sie zur Tür. Als sie die Türklinke herunterdrückte und die Tür einen winzigen Spalt öffnete, drangen merkwürdige Geräusche von draußen in die Kammer. Ihr Puls raste. Vorsichtig lugte sie hinaus.

 

Im Gegensatz zur Kammer herrschte im großen Raum keine absolute Dunkelheit. Seichtes Mondlicht schien durch die trüben Fenster. Jodie wagte sich weiter vor und kalte Luft schlug ihr entgegen. Die Tür nach draußen stand offen. Tony lag auf der Seite und warf sich im Schlaf hin und her, er schien einen Albtraum zu haben. Der Schlafplatz neben ihm war leer.

 

Jodie fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und wischte die kleinen Schweißperlen, die sich darauf gebildet hatten, weg. Langsam machte alles einen Sinn. Tony hatte sie vermutlich geweckt. Noch immer gab er im Schlaf merkwürdige Geräusche von sich, schnappte nach Luft. Beinahe sah es so aus, als kämpfe er um sein Leben. Es wurde Zeit ihn von dem fürchterlichen Traum zu erlösen. Jodie ließ sich auf die Knie sinken und in dem Augenblick als sie seine Schulter berühren und ihn wachrütteln wollte, blitzten Bilder in ihr auf. Fassungslos starrte sie auf die Leiche eines Mannes und wich geschockt zurück. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus. Sie sah, wie seine Lippen zuckten und dann schlaff wurden. Dann starrten sie die toten Augen an. Ein Schrei steckte in ihrer Kehle und nahm ihr die Luft zum Atmen. Dann war es vorbei. Die Bilder verschwanden ebenso schnell, wie sie aufgetaucht waren. Die Leiche verschwand und Tony lag wieder vor ihr.

 

Gleichzeitig fuhr ein warmer Windstoß durch die Hütte. Die Eingangstür quietschte. Jodie fuhr herum und starrte nach draußen. „Ziva?“ Ihre Stimme klang panisch. Sie lauschte angestrengt. Aber alles blieb still. Jodie war hin und hergerissen, doch als sie sah, dass Tony sich inzwischen beruhigt hatte und friedlich schlief, entschied sie sich, ihn besser nicht zu wecken. Sie stand wieder auf und schlich mit weichen Knien weiter zur Tür. Draußen angekommen, sog sie die frische Luft tief in ihre Lungen und versuchte, sich an die Bilder zu erinnern. Doch sie waren verschwommen und verblasst. Ihr Körper war mit einer leichten Gänsehaut überzogen. Sie fror. Doch nichts und niemand hätte sie in diesem Moment überzeugen können, zurück in die Hütte zu gehen. Stattdessen ging sie den kleinen Trampelpfad entlang. Die Kieselsteine unter ihren Füßen knirschten, ein Geräusch, das ihr aus unerklärlichen Gründen Sicherheit bot. Doch wahre Erleichterung verspürte sie erst, als sie um die Ecke bog und Ziva wohlbehalten am Rand der Klippe stehen sah.

 

„Ziva?“, flüsterte Jodie und trat näher. „Kannst du auch nicht schlafen?“ Keine Reaktion. Erst als sie den Arm der Agentin berührte, dreht diese sich zu ihr um. Ihr Gesicht war verheult. „Alles in Ordnung?“

 

„Sie sind da draußen.“ Ziva blickte wieder nach vorne. „Ich kann sie spüren.“

 

„Wir werden wohl alle paranoid.“ Jodie versuchte zu lächeln, doch es misslang ihr kläglich. „Ich sehe schon Leichen und ich spüre warmen Atem in meinem Nacken.“ Leichte Übelkeit stieg in ihr als sie an jenen Moment am Abend zurückdachte. Sie seufzte. „Selbst Tony wird von Albträumen heimgesucht.“

 

Ziva zuckte zusammen und sie sah sofort in Richtung Hütte. „Geht es ihm gut?“

 

„Ja, ja, er schläft wieder ganz ruhig. Aber er hat mich mit seinen Geräuschen geweckt.“ Jodie setzte sich auf die Bank.

 

„Er war so …“ Ziva stockte, zögerte einen kurzen Augenblick und setzte sich dann neben sie, ohne ihren Satz zu beenden. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte den Kopf gegen die Wand.

 

„Wie war er?“, fragte Jodie nach einer längeren Pause.

 

„Er war plötzlich so anders. Er…“ Sie hielt erneut inne. Es waren Schritte zu hören. Jodie und Ziva blickten sich fragend an. Und als Tony um die Ecke bog, atmeten sie erleichtert aus.

 

„Was macht ihr hier draußen?“ Seine Stimme krächzte, er räusperte sich und fuhr sich durch die Haare. Sein Blick allerdings ruhte ängstlich auf Ziva. „Ich … du …“, er stotterte. „Was war das?“

 

„Was das war?“ Zivas Augen funkelten jetzt wütend, auch wenn die Traurigkeit darin nicht zu übersehen war. „Was das war?“, wiederholte sie ruhiger. Sie schluckte, warf Jodie einen kurzen Seitenblick zu, ließ sich aber dann nicht weiter von ihr irritieren. „Das fragst du mich?“ Zivas Stimme zitterte. „Erst schläfst du mit mir und dann stößt du mich von dir weg? Einfach so? Wie soll ich das verstehen?“

 

Jodie blickte zwischen beiden hin und her und kam sich mit einem Mal ziemlich fehl am Platz vor. Doch die beiden ließen sich von ihrer Anwesenheit nicht weiter beeindrucken.

 

Tony schien verwirrt. „Ich habe dich nicht weggestoßen, du hast …“ Tony sank neben Ziva auf die Bank. „Du hast …“ Er konnte es nicht in Worte fassen, weil ihm das Geschehene plötzlich so unwirklich vorkam, obwohl er noch immer Zivas kalte Hände um seine Kehle spürte. Er fuhr vorsichtig über die pochenden Stellen an seinem Hals und erneuter Schmerz durchfloss seine Adern. Er hatte sich das alles nicht nur eingebildet, er konnte es noch immer spüren. Es war real.

 

„Was habe ich?“, fragte Ziva ungeduldig.

 

„Du…“ Seine Augen wurden glasig. Glaubte er selbst, was er da gerade auszusprechen versuchte? Oder hatte er das alles doch nur geträumt? Gab es solche Träume tatsächlich? Träume, in denen man die Realität nicht mehr vom Traum unterscheiden konnte? „Du hast versucht, mich umzubringen.“, presste er hervor und reckte das Kinn in die Höhe. „Hier, du hast mich gewürgt.“

 

„Ich habe was?“ Ziva riss entsetzt die Augen auf, dann lachte sie bitter, bevor sie schlagartig wieder ernst wurde. „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf und berührte vorsichtig die dunkelverfärbten Druckstellen auf Tonys Kehle mit ihren Fingerspitzen. „Das kann nicht sein.“

 

„Ich denke doch. Ich muss wohl ohnmächtig geworden und als ich eben wieder zu mir kam, warst du verschwunden.“

 

Zivas Wut war zunächst dem Entsetzen gewichen, jetzt schien sie verwirrt und leidend zugleich. Ungläubig sah sie ihn an. „Das …“

 

„Psst“, Jodie stieß Ziva in die Seite. „Seid endlich still!“ Sie legte den Zeigefinger auf ihre Lippen und lauschte. „Hört ihr das?“

 

*****

 

Nach Stellas Tod war es still. Ich vermisste ihre Stimme, die, eines Engels gleich, immer darauf bedacht war, mir Kraft zu geben. Die mich ablenkte und mir Mut machte. Ja, sogar ein wenig Hoffnung gab. Jetzt fühlte ich mich kraftlos, mutlos. Mir fehlten ihre beruhigenden Worte, ihre Nähe und die Wärme, die nicht nur ihr Körper, auch ihre Seele aussandte. Doch Stella war fort. Es war kalt. Er hatte sie mir weggenommen. Ich war alleine, und es herrschte Stille. Nur das sachte Plätschern des Wasserfalls und die Schreie der Vögel waren ein Zeichen, dass außerhalb der Kammer Leben war.

 

Der Wasserfall ist schön. Ich kann mich genau an ihn erinnern. Das klare Wasser fließt über die Felsen und glitzert dabei im Mondlicht, wie kleine Diamanten. Es strömt unaufhaltsam über die glatten Steine und fließt weiter, weiter hinab ins Tal. Es verliert sich hinter den Bäumen. Und niemand kann es aufhalten. Es ist frei. Doch ich bin gefangen. Ich kann ihm nicht folgen.

 

In den dunklen Nächten hat er mich dort hingebracht. Wenn der Nebel über den Boden kroch und der Mond am Himmel stand. Dann, und nur dann, schien er zufrieden zu sein, ja, beinahe glücklich. Seine Augen strahlten in jenem Moment, wenn sich der matte Schein des Mondes im See spiegelte und der Nebel den Wasserfall gefangen nahm. Ich saß inmitten des Bildes, auf einem großen Felsen, ließ meine Füße im kühlen Wasser baumeln und sehnte mich nach zu Hause.

 

In der letzten Nacht bemerkte ich es. Das grüne Blatt eines Baumes, das an mir vorbei floss und dabei meine Zehen streifte. Es kam ins Strudeln und ging unter, nur um ein Stück weiter wieder aufzutauchen. Das Blatt kämpfte, es gab nicht auf. Versuchte mit aller Macht oben zu bleiben. Und es gewann. Es fand Halt an der Oberfläche und schwamm davon.

 

*****

 

Ziva lauschte. Und tatsächlich hörte sie in der Ferne Wasser plätschern. Sie hätte schwören können, dass diese Geräusche vorher, als sie alleine hier draußen stand und über Tony nachdachte, nicht da gewesen waren. Sie war geschockt und traurig gewesen, dass er sie so abrupt von sich gestoßen hatte, ohne eine Erklärung, ohne ein einziges Wort. Aber war sie so in Gedanken versunken, dass sie ein eindeutiges Geräusch nicht wahrnahm? War sie schlafgewandelt? Sie konnte sich die Würgemale an seinem Hals nicht erklären. Sie hatte sich wohl gefühlt in seinen Armen. Warum hätte sie das also tun sollen? Und hat sie es getan? Konnte sie Tonys Worten Glauben schenken? Warum erinnerte sie sich nicht daran? Unbewusst streckte sie die Finger aus und suchte Tonys Hand. Sie umschloss sie fest und spürte, dass er nach einem kurzen Zögern ebenso an ihr Halt suchte. Doch so langsam war sie sich ihren eigenen Sinnen nicht mehr sicher.

 

„Hört sich wie ein Wasserfall an.“ Ziva ließ die Hand los und stand auf. „Das hat man eben noch nicht gehört.“ Sie ging in die Richtung, aus der das Plätschern kam und blieb an der Brüstung stehen. „Eben war es vollkommen still.“ Sie stützte sich mit den Händen an der Holzverkleidung ab, als ein plötzlicher Schmerz ihren Körper durchfuhr. Scheinbar hatte sie sich an dem Geländer verletzt, sich in die Hand geschnitten, denn als sie losließ, sah sie, wie Blut über ihr Handgelenk am Unterarm herunterlief.

 

„Verdammt.“ Sie wirbelte zu den anderen herum. „Das fehlte gerade noch.“ Sie presste ihr Shirt auf die klaffende Wunde. Sie sah noch, wie Tony besorgt aufsprang und auf sie zukam.

 

Im nächsten Augenblick war sie allein. Die Terrasse füllte sich mit blassblauem Licht. Der Nebel kroch den Hügel hinauf und auf sie zu, bis sie knöcheltief in der feuchten Kälte stand. Ängstlich blieb sie wie angewurzelt stehen und rief nach den anderen, aber ihre Stimme verklang hohl in der Dunkelheit.

 

Es wartete auf sie.

 

Die Kälte kroch über ihre Haut. Sie fror. Nur ihre Hand brannte wie Feuer, obwohl das Blut ebenso verschwunden war, wie die Verletzung an sich. Nur der Schmerz war geblieben. Sie versuchte ihn auszublenden und sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren. Was geschah mit ihr? Wo waren die anderen?

 

„Was willst du von mir?“, murmelte sie leise und kam sich ziemlich albern vor. Glaubte sie jetzt ernsthaft an Geister? War alles nur ein Traum? Hatte ihr jemand Drogen verabreicht, weswegen sie halluzinierte? Es wurde noch kälter, und der Nebel wirbelte um sie. Ihre Kleider waren feucht, ihre Haut war eiskalt. Und Ziva wusste, es gab kein Entkommen. Sie musste es ein für alle Mal zu Ende bringen. Jetzt.

 

Wie in Trance stieg sie die ersten Stufen hinab. Sie überlegte nicht, ob es der richtige Weg war. Es spielte keine Rolle, in welche Richtung sie lief. Ob sie endlos im Kreis ging oder einfach stehen blieb. Sie brauchte den Weg nicht zu finden, der Weg fand sie.

 

Langsam ging sie voran. Und zwang sich zur Ruhe. Sie wusste, wenn sie das Ziel erreichen wollte, dann durfte sie jetzt nicht den Kopf verlieren. Ihre Panik würde sie unnötig aufhalten. Nur wenn sie ruhig blieb und konzentriert, hätte sie die Chance, es zu beenden. Denn sie spürte, sie war ihr nahe, näher als je zuvor.

 

Jemand rief ihren Namen. Doch sie wollte es nicht hören. Nur das Plätschern des Wasserfalls drang in ihre Gedanken und zog sie weiter. Das beruhigende Geräusch des Wassers nahm ihr die letzten Zweifel und ließ sie noch tiefer sinken. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig und die Angst verschwand.

 

Sie lief barfuß über den Waldboden. Getrieben von einer inneren Macht. Wehrlos dem ganzen ausgesetzt. Sie spürte Hände, die sie berührten und die versuchten, sie aufzuhalten. Es war ein merkwürdiges Gefühl, wie durch Watte. Doch sie wusste, es war Tony, der sie nicht los lassen wollte. Er war bei ihr, an ihrer Seite, auch wenn sie ihn nicht sehen konnte. Und sie fühlte sich dadurch sicherer. Nichts konnte ihr passieren.

 

Dann sah sie das Gewässer. Sie sah die mit Moos bedeckten Felsen, durch dessen Spalten sich das Wasser drängte, das sich in einem wilden Spiel ergoss, um weiter über glatte Felsen zu fließen, nur um sich direkt wieder in die nächste Tiefe zu stürzen.

 

*****

 

McGee wälzte sich unruhig auf der Couch hin und her. Er zwang sich dazu, ein paar Stunden zu schlafen. Auch wenn sich sein ganzer Körper dagegen wehrte. Er hatte den Computer so ausgerichtet, dass er von weitem die Signale beobachten konnte. Sobald ein Handy seiner Kollegen wieder funktionierten sollte, würde er es sehen. Sicherheitshalber hatte er auch ein akustisches Signal eingestellt. Wo steckten Tony und Ziva bloß?

 

Es war spät, oder besser gesagt sehr früh. Ducky und Jimmy hatten sich ein Hotelzimmer genommen. Gibbs saß im Nebenzimmer auf einem Sessel und starrte gegen die Wand. Vor etwa einer Stunde war die Bestätigung herein geflattert, dass Nataly Flynn, die Vermisste aus dem Jahre 1965, inzwischen in D.C. lebte. Sie war quicklebendig. Abby hingegen war überein gekommen, dass ein magnetischer Defekt der Aufnahmekamera des Helikopters ihnen diese merkwürdigen Bilder hätte liefern können, wollte aber das Gerät an sich erst begutachten, bevor sie das tatsächliche Vorhandensein der Wärmequellen wissenschaftlich ausschließen konnte. Sie hatten den Background von Jodie und Fletcher, von Marc, dem Campleiter und von allen weiteren Betreuern überprüft. Nichts.

 

*****

 

Tony war das erste Mal in seinem Leben völlig ratlos. Egal was er tat, es schien keine Wirkung zu haben. Ziva ignorierte nicht nur seine Worte, nein, auch seine Versuche, sie festzuhalten, scheiterten kläglich. Er konnte sie nicht aufhalten. Sie schien in Trance, wie hypnotisiert und abgesunken in eine andere Welt. Tony fröstelte. Der Nebel kroch durch den dünnen Stoff seines Hemdes. Hätte er doch bloß vorhin beim Verlassen der Hütte nicht nur seine Jeans und sein Hemd angezogen, sondern auch nach seiner Jacke gegriffen. Er hätte sie jetzt Ziva überlegen können, die barfuß und bloß mit dünnem Trägershirt bekleidet, die ersten Stufen hinunter schritt. Warum zitterte sie nicht vor Kälte?

Er blieb an ihrer Seite. Berührte ihren Arm, hielt sie am Ellenbogen fest und stützte sie, wenn sie auf dem klitschigen Waldboden ins Rutschen kam. Ihre Schritte waren zielstrebig. Wo wollte sie bloß hin?

 

Sie erreichten eine Baumgruppe und Ziva bog auf einen kleinen Trampelpfad ab, der in die Dunkelheit führte. Tony wagte einen Blick nach oben. Die mit dichtem Laub behängten Äste verschluckten das Mondlicht bis auf kleine winzige Reste des matten Scheins. Der Anblick erinnerte ihn an verschiedene Szenen in Horrorfilmen und es war ihm, als höre er passend dazu die dramatische Musik in seinen Ohren erklingen. Noch nie hatte er diesen Anblick als so unheimlich empfunden. Was vielleicht auch daran lag, dass das Gesehene gerade real und keine Fiktion war.

 

Er sah zurück. Wo blieb Jodie? Vielleicht hätte er sie nicht bitten sollen, Fletcher zu wecken. Wenn sie sich nicht beeilte, wäre es den Beiden sicherlich unmöglich noch aufzuschließen. Hier in der Dunkelheit war es schwer, jemanden zu finden. Und Ziva, die zunächst nur langsam vorwärtsging, legte immer mehr an Tempo zu. So, als fühle sie sich sicher und kenne den Ort, an den es sie zog.

 

Als sie eine kleine Lichtung erreichten, war das Plätschern des Wasserfalls nicht mehr zu überhören. Der Mond erleuchtete die umliegenden hohen Bäume, bestrahlte die dicken Felsen, die am Rande in die Höhe ragten und den dicken, weißen Bodennebel, der alles noch unwirklicher erscheinen ließ. Ein erneuter Schauer lief ihm über den Rücken. Das Wasser floss durch die Felsspalten, über flache Steine hinweg und verschwand im Nebel. Irgendwo um ihn herum, musste also Wasser fließen, doch er konnte es nicht sehen, er konnte Nichts sehen, was unterhalb seiner Knie war. Seine Adern pulsierten und er spürte sein Herz ungewöhnlich schnell klopfen. Ziva hingegen schien vollkommen ruhig. Sie war stehengeblieben und betrachtete mit leeren Augen den Wasserfall.

 

*****

 

Jodie schrie kurz auf, danach fluchte sie lauthals und tauchte mit ihren Armen in den weißen Nebel ab, suchte, und hob schließlich einen dicken Ast in die Höhe, gegen den sie gerade gelaufen war.

„Verdammte Scheiße.“ Wütend und mit noch immer schmerzverzerrtem Gesicht warf sie das Holzstück zur Seite.

 

Fletcher grinste erst ungehalten, sah sie dann aber doch besorgt an. „Hast du dir weh getan?“

 

„Nein, alles bestens.“ Ihre Laune war mies. Sie war müde, hungrig und sie fror. Keine gute Kombination, um mitten in der Nacht mit einem schadenfrohen Fletcher durch den Wald zu laufen und zwei verloren gegangene Bundesagenten zu suchen. Ein Waldkauz schrie und ließ sie zusammenzucken.

 

„Hast du etwa Angst?“ Fletcher lachte nun endgültig laut auf und schüttelte theatralisch den Kopf. „Das hast du jetzt davon. Warum laufen wir auch im Dunkeln durch den Wald? Warum liegen wir nicht im Bett und schlafen? Ich habe gerade so schön geträumt. Aber nein, ihr müsst ja auf Entdeckungstour gehen. Wisst ihr nicht, wie gefährlich es ist, im Dunkeln durch die Gegend zu laufen? “

 

„Halt endlich die Klappe“, fuhr Jodie ihn an und strahlte mit der Taschenlampe mitten in sein Gesicht. „Willst du mir jetzt stundenlang eine Predigt halten?“

 

Fletcher hob schützend einen Arm vor seine Augen. „Ich mein ja nur. Besonders schlau war das halt nicht.“

 

„Das weiß ich auch. Aber sollen wir die Beiden ihrem Schicksal überlassen?“ Sie ließ den Lichtkegel wieder sinken.

 

„Wäre mir ehrlich gesagt lieber“, murrte Fletcher, trat einen Schritt auf Jodie zu und griff nach ihrer Hand. „Aber dann müsste ich auf einen romantischen Spaziergang mit dir verzichten. Und das wäre doch wirklich all zu schade.“

 

„Ich hasse dich, Fletcher.“ Jodie hoffte, dass er in der Dunkelheit das Schmunzeln in ihrem Gesicht nicht sehen konnte. Doch, auch wenn es ihr erster Impuls gewesen war, seine Hand schüttelte sie nicht ab. Sie wollte es zwar unter keinen Umständen zugeben, aber sie hatte schreckliche Angst. Und zudem brannte ihr Schienbein. Sie konnte förmlich spüren, wie vereinzelte Bluttropfen daran herunterliefen. Und wenn sie an Blut dachte, verlor Jodie an ihrer Stärke und wurde zum kleinen Mädchen.

 

„Holen wir die Zwei zurück.“ Fletcher stapfte los und zog sie mit sich. Doch nur wenige Meter weiter blieb er abrupt stehen. Stumm deutete er mit dem Kopf zur Seite. Am Waldrand hatte sich etwas bewegt und kam jetzt langsam auf sie zu. Der Bodennebel wurde aufgewühlt und fiel dahinter wieder in sich zusammen. Mit zitternden Händen hob er die Taschenlampe. Augen blitzten auf, verloren sich aber genauso schnell wieder in der Dunkelheit, das Nebelwesen lief in die andere Richtung davon und verschwanden hinter dicken Sträuchern. Erst da atmete Fletcher wieder aus.

 

„Hast du etwa Angst?“, äffte Jodie ihn nach und kicherte hysterisch, während sie seine Hand fester drückte.

 

„Ein Tier.“ Fletcher blieb ihr die eigentliche Antwort schuldig. Stattdessen ging er weiter. „Ich glaub, da vorne sind sie.“

 

*****

 

Nach einer perfekten Nacht war er nett zu mir. Er brachte mir Limonade und Schokolade, statt Wasser und Brot. In den wenigen Tagen, die ich weit weg von zu Hause, an diesem unheimlichen Ort war, lernte ich nicht nur den Nebel lieben, nein, ich hoffte zugleich auf klare Mondnächte. Denn nur diese Stunden stillten meinen Durst und meinen Hunger. Waren der Nebel zu stark und der Mond zu schwach, ließ er es mich spüren, in dem er mich ignorierte oder alleine ließ und mich so der Dunkelheit überließ.

 

Der Weg zum Wasserfall führte durch den Wald. Doch meine Augen waren an die Dunkelheit gewöhnt und ließen die Finsternis erstrahlen. Die alten Bäume wurden zu meinen Freunden, die mir leise Mut zu flüsterten, in dem sie standhafte Normalität widerspiegelten. Als ich in glücklichen Tagen mit meinem geliebten Vater durch den Wald lief, hatte er ihnen immer lustige Namen gegeben und mir erzählt, Bäume seien Wunderwesen, die uns immer und überall beschützten. Ich glaubte ihm, damals. Ich wollte ihm glauben, auch da noch. Ich hoffte, dass er mich nicht angeschwindelt hatte, weil ich noch ein kleines Mädchen war. Doch inzwischen weiß ich, dass Bäume bloß Bäume sind.

 

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, Fremde an seinem Wasserfall zu sehen. Es war mein Wille. Ich habe sie dort hingeführt. Und doch ist es so, als dringe jemand tief in meine Erinnerungen ein. Ich bin so kurz vor dem Ziel, dass mich Panik erfüllt. Was, wenn sie mich finden? Was passiert mit mir? Verschwinde ich für immer? Oder kehre ich nach Hause zurück?

 

*****

 

McGee zuckte unwillkürlich zusammen, als das Telefon auf dem Tisch läutete. Schlaftrunken sah er auf die Wanduhr, deren Ziffern er in der Dunkelheit gerade noch so erkennen konnte. Zwanzig Minuten. Er hatte ganze zwanzig Minuten geschlafen. Er stand auf und griff nach dem Hörer.

 

„Ja, bitte“, grummelte er in den Hörer.

 

„Timmy“, rief eine laute, aufgeregte Stimme in den Hörer. Unverkennbar Abby, die ihm keine Zeit ließ, sie zu begrüßen, sondern einfach drauflos sprach. „Ich habe Sally gefunden. Also nicht gefunden, mmh, ja doch, gefunden ist schon das richtige Wort. Gefunden und wieder…“

 

„Sally?”, fiel McGee ihr ins Wort. Er brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu ordnen. „Das verschwundene Mädchen von 1980? Der Vater wurde wegen Missbrauch und Mord verurteilt. Die Leiche wurde aber nie entdeckt.“

 

„Weil keine Leiche existiert. Sally lief in dieser Nacht davon, kam dann in einem Kinderheim unter und bekam zwei Jahre später Pflegeeltern. Sie wuchs ganz in der Nähe auf.“

 

„Wie bist du auf sie gestoßen? Ich habe bei meiner Recherche keinen einzigen Hinweis auf sie entdecken können.“ Der Agent ließ einen kurzen Blick über seine Bildschirme huschen, als hätte er die Hoffnung, auch dort etwas übersehen zu haben, aber er sah die gleiche Leere, wie auch schon Stunden zuvor. Enttäuscht hob er die Schultern.

 

„Weil wir bisher nach dem falschen Namen gesucht haben. Sie nannte sich Magret Hoffman.“

 

„Magret Hoffman?“

 

„Ja. Eine ganz traurige Geschichte. Nach Jahren des Schweigens hat sie endlich den Mut gefunden, sich der Wahrheit zu stellen. Sie hat ihre Geschichte geschrieben und unter dem Titel ‚Ich bin erst tot, wenn ich nicht mehr atme‘ veröffentlicht. Darin hat sie nicht nur ihren Vater beschuldigt, sondern auch noch weitere Männer. Nachdem sie daraufhin Morddrohungen erhalten hat, hat man ihr einen weiteren neuen Namen gegeben und sie ist wieder untergetaucht. Und somit verschwindet Magret Hoffman, alias Sally, wieder vom Radar.“

 

Nach diesem Satz schwieg Abby. Auch Tim sprach kein Wort. Es herrschte Totenstille. Er hörte durch das Telefon den leisen Atem der Kriminaltechnikerin.

„Ihr habt noch immer keine Spur?“, fragte sie irgendwann, obwohl es mehr nach einer Feststellung klang. Sie schniefte. „Wie ist das möglich, Timmy? Wie können sie so spurlos im Wald verloren gehen?“

 

„Ich weiß es nicht, Abbs. Ich kann es mir nicht erklären. Aber wir werden sie finden.“ Seine Stimme klang entmutigt und der letzte Satz verfehlte die eigentliche Wirkung, Abby zu trösten.

 

„Versprich mir, dass du sie findest.“ Wütend und traurig zugleich, bettelte sie ihn durch den Hörer an. „Bitte findet sie und auch Yasemin. Findet auch das Kind.“

 

Einer der Bildschirme gab einen kurzen schrillen Ton von sich. McGee, der sich während dem Gespräch mit Abby gemütlich im Stuhl zurückgelehnt hatte, setzte sich auf. „Ich hab eine Handyortung im Park.“ Er sah genauer hin. „Es ist Fletchers Handy.“ Ein weiterer Alarm war zu hören. „Zivas Handy“, gab er an Abby weiter und starrte gebannt auf den Bildschirm.

 

„Was ist mit Tony? Kannst du ihn nicht orten? Wo stecken sie?“

 

„Nein, kein Signal von Tony“, murrte er und zoomte den Bereich heran. „Wie zum Teufel sind die denn dahin gekommen?“

 

„Wo sind sie denn?“ Abby wurde am anderen Ende unruhig.

 

„Ziemlich weit weg von ihrer eigentlichen Route. Sie müssen die ganze Zeit in die falsche Richtung gelaufen sein.“

 

 

*****

 

 

Wie der Tag endet, oder der nächste beginnt, liegt nicht in unserem Ermessen. Man weiß nie, was passiert. Mit unseren Taten beeinflussen wir den Verlauf. Und genau das, tun Millionen anderer Menschen auch. Ich fragte mich in diesen Nächten oft, was meine Eltern gerade taten. Suchten sie nach mir? Weinten sie um mich? Ging mein Vater nachts in den Wald, um mir nahe zu sein? Nähte meine Mum meinen Mantel, den ich mir so sehr gewünscht hatte, weiter, oder hatte sie die Hoffnung bereits aufgegeben, dass ich zurückkehre? Wartete sie auf mich?

 

Wenn ich in der Zeit meines Verschwindens etwas gelernt habe, dann war es das Warten. In dieser Welt muss man geduldig sein. Auf den richtigen Moment hoffen. Ausharren. Bis die Stunde anbricht, die man sich herbeisehnt. Ich war aufmerksam und geduldig. Und lauerte.

 

Ich habe gewartet. Auf den richtigen Moment. Auf die Wolke, die sich vor den Mond schob und die Welt in Finsternis tauchte. Ich spüre noch immer mein klopfendes Herz, fühle die spitzen Steine unter meinen Füßen. Doch sie sind mir egal. Ich will weg. Weg von ihm. Ich will nach Hause.

 

In jener Nacht sah ich mich nicht um, aus Angst, er könnte hinter mir stehen. Ich lief schneller als meine Füße mich tragen konnten und rannte davon. Bis meine Lunge brannte und meine Beine mir nicht mehr gehorchen wollten. Mit zitterndem Körper versteckte ich mich hinter einem Baum. Versuchte zu atmen und gleichzeitig zu lauschen. Doch mein Herz schlug zu laut. Ich kann es heute noch hören. Ich spüre es noch immer in meiner Brust pulsieren.

 

Hätte mein Herz nicht geschlagen, hätte ich das Geräusch früher gehört. Jetzt höre ich sie noch immer, sie hallen in meinem Kopf. Die Schritte, die sich mir nähern. Die raschelnden Blätter hinter mir. Seinen Atem.

 

*****

 

Ziva ließ sich auf die Knie sinken. Ihr Körper wurde von weißem Nebel umringt. Nur noch ihr Oberkörper ragte aus dem Schleier. Sie spürte, wie sie wieder zurückkam, fühlte Tonys Hand auf ihrer Schulter. Was ging hier vor sich? Ihr erster Impuls war, aufzuspringen und weg zu laufen, doch wenn sie das tun würde, dann würde sie nie erfahren, was mit ihr geschah. Irgendwo hier, unter dem Nebel, waren die Antworten auf all ihre Fragen.

 

Sie sah zu Tony auf. Sein besorgter Blick sprach Bände und um ihn zu beruhigen, schenkte sie ihm ein kurzes Lächeln. Sie griff nach seiner Hand und stand auf.

 

„Ziva?“ Er starrte sie an, versuchte in ihrem Gesicht zu lesen und stellte erleichtert fest, dass sie wieder auf ihn reagierte. Zufrieden seufzte er und zog sie in seine Arme. Doch noch bevor er ihr einen Kuss auf die Stirn hauchen konnte, ließen ihn Geräusche herum schnellen. Intuitiv griff er nach seiner Waffe, und verflucht sich innerlich, als er feststellte, dass er sie nicht bei sich trug.

 

„Wer ist da?“, fragte er in die Dunkelheit.

 

Doch es blieb still. Außer dem Plätschern des Wassers, war kein Mucks mehr zu hören. Er drehte sich wieder zu Ziva um, doch auch sie hatte das Geräusch wahrgenommen und war ebenso hellhörig geworden. Beide lauschten.

 

Im Unterholz knackte es. Eine Art Kichern war zu hören. Dann sprang etwas Großes aus dem Schatten der Bäume. Tony unterdrückte einen Schrei, sein Herz schien für Sekunden stehen zu bleiben. Doch als er die Situation erkannte, lachte auch er schallend auf.

 

„Du bist unmöglich“, schimpfte Jodie und folgte dem riesigen Etwas.

 

„Sorry“, murmelte Fletcher, der nun lachend vor ihnen stand und unschuldig die Arme hob. „Ich konnte nicht widerstehen.“

 

„Das ist besser als jede Geisterbahn.“ Tony schüttelte amüsiert den Kopf.

 

„Seid ihr eigentlich von allen guten Geistern verlassen?“, wechselte Fletcher das Thema und war sich seiner zweideutigen Formulierung durchaus bewusst. „In der Dunkelheit hier rumzulaufen, ist doch totaler Schwachsinn. Und gefährlich obendrein.“

 

Tony stimmte ihm zu. „Gehen wir zurück.“ Er griff nach Zivas Hand. „Und dich binden wir besser irgendwo fest, dass du nicht …“ Er stockte und suchte nach den richtigen Worten.

 

„… mondwandelst“, beendete Fletcher seinen Satz. „Es gibt Menschen, die reagieren so auf den Vollmond. Meine Schwester ist auch früher schlafgewandelt. Merkwürdig das Ganze. Sie ist einfach aufgestanden, in den Stall gegangen und hat die Tiere gefüttert. Am nächsten Tag wusste sie nix mehr davon.“

 

„Könnte eine Erklärung sein.“

 

„Kommst du Jodie?“, rief Fletcher und drehte sich zu Jodie um, die etwas abseits stand und ihnen den Rücken zu kehrte. Sie blickte auf den Wasserfall.

 

„Wir müssen nach rechts“, antwortete sie.

 

„Was?” Fletcher sah von Jodie zu Tony, so, als wolle er sich versichern, dass er die Worte richtig verstanden hatte.

 

„Am Wasserfall müssen wir rechts abbiegen“, wiederholte Jodie, ohne sich zu den anderen umzudrehen.

 

„Die Legende“, murmelte Ziva leise. „Die Legende sagt, dass man…“

 

„Jetzt seid ihr übergeschnappt“, fiel Fletcher ihr ins Wort und verdrehte die Augen. „Bitte Leute, ihr glaubt doch jetzt nicht ernsthaft an diese Geistergeschichte?! Wir gehen jetzt zurück, schlafen ein paar Stunden und morgen sieht die Welt wieder ganz anders aus.“

 

Tony, der die Entschlossenheit in Zivas Augen erkannte, atmete tief durch. „Ich fürchte Fletcher, wir gehen nicht zurück.“

 

*****

 

Gibbs stand plötzlich hinter ihm und McGee wunderte sich noch nicht einmal darüber. Zu häufig hatte sein Boss schon bewiesen, instinktiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu erscheinen. McGee nickte beiläufig und zeigte auf den Bildschirm.

 

„Ich habe ein klares Signal sowohl von Zivas als auch von Fletchers Handy.“ Er hob die Schultern. „Es ist vor wenigen Minuten wie aus dem Nichts aufgetaucht und seitdem konstant. Ich habe versucht, sie anzurufen, aber niemand geht ran. Leider kann ich Tony nicht orten.“

 

„Wo sind sie?“, murrte Gibbs und beugte sich vor, um besser auf den Bildschirm blicken zu können.

 

„Das ist merkwürdig, Boss.“ McGee verkleinerte den Ausschnitt wieder, um eine besser Übersicht der Karte einzustellen. „Sie sind anscheinend in die vollkommen falsche Richtung gelaufen.“

 

„Da. Was ist das? Ist das eine Straße?“

 

„Das ist der Skyline Drive. Man kommt über den Ausgangspunkt Front Royal am Highway 340 drauf. Er schlängelt sich durch den gesamten Park. Der Ortungspunkt der Handys liegt unweit des Aussichtspunkt Mary Rock. Hier. Zu Fuß sind es von dort dann vielleicht noch 20 Minuten.“

 

„Druck mir das aus“, sagte Gibbs barsch.

 

„Ich schick es dir auf dein Handy“, antworte McGee knapp und erntete daraufhin eine Kopfnuss. Verwundert blickte er auf, das hatte sein Boss schon lange nicht mehr gemacht.

 

„Ich glaube, das Handy ist keine gute Idee. Wenn ich da draußen bin, will ich Papier in der Hand haben.“ Gibbs ging zum Tisch und faltete die Karte des Campleiters zusammen, schnappte sich einen Kompass und eine Taschenlampe. Vorsichthalber wanderten Ersatzbatterien und Signalfeuer in seinen Rucksack. Im Vorbeigehen schnappte er sich den Ausdruck. Im Türrahmen blieb er stehen und sah McGee mit zu Schlitzen verengten Augen an. „Worauf wartest du?“

 

Im Bruchteil einer Sekunde war alles klar und McGee verstand. Er sprang wie von der Tarantel gestochen auf. „Boss, bin schon unterwegs“, murmelte er, klappte in Windeseile den Laptop zusammen, klemmte ihn unter den Arm, schnappte sich im Vorbeigehen seine Jacke, griff ebenfalls nach einer Taschenlampe und war schließlich bereit zum Aufbruch.

 

*****

 

 

 

Der Weg war beschwerlich. Sie liefen über unebenen Boden, vorbei an Gestrüpp, das Schlingpflanzen ähnelte und gespickt war mit kleinen Dornen. Es war dunkel und nur wenig Mondschein bahnte sich den Weg durch das dicke Blätterdach der hohen Kastanien. Der Bodennebel hatte sich an dieser Stelle etwas gelichtet und Tony war froh darüber, den Waldboden unter sich ansatzweiße erahnen zu können. Dennoch fühlte es sich an, als würden die Pflanzen, die sich unentwegt um seine Beine schlangen, ihn zum umkehren auffordern, als wollten sie ihn festhalten. Was tat er hier überhaupt? Warum hatte er sich überreden lassen, diesen Unsinn mitzumachen? Den Spuren der Nebelkinder zu folgen? Das war lächerlich. Fletcher und er hatten versucht, die Frauen davon zu überzeugen zur Hütte zurückzukehren und dann wenn nötig am Morgen, wenn es hell genug war, nochmals hierher zu kommen. Doch beide wären auch bereit gewesen, ohne sie weiterzugehen. Und für ihn kam es nun mal nicht in Frage, seine Partnerin alleine los ziehen zu lassen. Also stolperte er ihr missmutig hinterher.

 

Ziva und Jodie waren bereits ein gutes Stück voraus. Tony hörte nur hin und wieder leises Gemurmel der Frauen. Fletcher dagegen war hinter ihm. Dieser allerdings fluchte lauthals und so musste er sich noch nicht einmal umdrehen, um sich seiner Anwesenheit bewusst zu sein. Ansonsten durchschnitten bloß das Knacken des Unterholzes und die Laute der unterschiedlichsten Tiere die nächtliche Stille.

 

Tony seufzte und zog sein Handy aus der Hosentasche. Noch immer blinkte das Symbol, dass das Gerät keinen Empfang hatte, doch wenigstens funktionierte die Anzeige der Uhrzeit. Es war kurz nach 3. Sie waren bereits über eine Stunde unterwegs, irrten durch den Shenandoah Nationalpark und folgten einer Geisterspur. NCIS Agent auf Geisterjagd. Tony schmunzelte. Wenn er hier heil rauskommen sollte, hätte er für Tim wohl genügend Stoff für einen erneuten Bestseller.

 

Tony steckte das Telefon wieder weg und sah auf. Für einen winzigen Moment starrte er in Richtung der Frauen. Beide standen geschätzte 30 Meter vor ihm, hell erleuchtet. Sie sahen aus wie zwei weiße Gestalten, die soeben dem Nebel entsprungen sind. Zivas Haut glänzte silbern, ihr dunkles Haar wirkte grau. Er sog die Luft tief in seine Lunge, nur um sich in der nächsten Sekunde bewusst zu werden, dass die Färbung der Tatsache entsprach, dass sie bereits den Wald verlassen und nun auf einer Lichtung standen, die vom Mondschein hell erleuchtet wurde. Tony atmete tief durch und ging weiter.

 

Die Lichtung entpuppte sich als eine weitläufige Ebene. Dunkle, hohe Felsen ragten am Rand in den Himmel. So, als wollten sie warnen, weiterzugehen. Tony trat ins Licht. Der Boden war weitläufig mit dichtem, scheinbar undurchdringbarem Nebel bedeckt. Einzelne, alte Bäume ragten daraus empor. Ohne sie hätte man auch glauben können, man stände am Ufer eines Sees. Die Schreie eines Vogels hallten durch die Luft, eine Schar Fledermäuse löste sich aus den Nischen der dunklen Felsen und flogen in einem wilden Bogen über ihre Köpfe hinweg.

 

„Oh mein Gott“, wisperte Jodie und drückte sich an Fletcher. „Dieser Blick ist traumhaft. Und gleichzeitig so gruselig.“

 

Fletcher legte beschützend den Arm um sie und nickte.

 

„Und es entspricht ganz und gar der Legende. Die Geschichte ist wie eine Art Wegbeschreibung, selbst die hohen Felsen stimmen überein.“

 

„Das ist Zufall“, murrte Fletcher, doch seine Meinung war nicht gefragt.

 

„Wir sind am Ziel angekommen“, redete Jodie weiter. „Das ist der Ort, der die Kinder verschluckt. Wo sie für immer verschwinden.“

 

Tony spürte, wie sich eine leichte Gänsehaut auf seinen Armen ausbreitete, versuchte aber mit einem leisen Seufzen davon abzulenken. Zivas Schmunzeln allerdings verriet ihm sofort, dass er es vor ihr nicht verbergen konnte.

 

„Was denn?! Mir ist kalt“, zischte er in ihre Richtung und rieb wärmend über seine Oberarme.

 

In dem Moment, als Ziva dem etwas entgegen bringen wollte, hallten erneut die Schreie eines Vogels über die Ebene und ließen sie verstummen.

 

„Können wir jetzt endlich wieder umkehren? Oder wollt ihr noch immer weiterlaufen? Aber dann sagt mir bitte, warum?“, nörgelte Fletcher und blickte Jodie provozierend in die Augen.

 

Diese schnappte nach Luft und setzte zu einer Antwort an, doch er fiel ihr sofort ins Wort. „Ja, ihr habt die Legende belegt. Es gibt den Ort wirklich! Es gibt den Wasserfall, den Trampelpfad, die Felsen und sogar die Ebene, die einem See gleicht. Macht ein Foto und lasst uns zurück zur Hütte gehen. Ihr habt zwei Minuten. Ich verschwinde mal kurz hinter den Felsen und gehe einem Bedürfnis nach.“ Lachend stolperte er davon.

 

Jodie biss sich auf die Unterlippe und sah ihm wütend hinterher.

 

„Guck nicht so böse, und fotografier“, schrie Fletcher von weitem.

 

„Mit was denn?“, entgegnete sie lauthals und man konnte sehen, wie sie vor Zorn rot anlief.

 

„Tony hat sein Handy mit“, hallte es hinter dem Felsen hervor.

 

Tony streckte es ihr entgegen und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

 

„Fotografier du doch. Ist doch dein Handy“, stieß sie hervor und verschränkte murrend die Arme vor der Brust.  

 

 

*****

 

Wenn Menschen verschwinden, verschwinden sie nicht immer ganz. Viele wollen nicht gefunden werden. Sie verlassen die Menschen, die sie lieben, um sich irgendwo neu zu erfinden. Ein neues Leben anzufangen. An einem Ort, den keiner kennt. Fern der Heimat. Warum?

Oder aber sie laufen weg. Laufen weg, weil sie den Schmerz nicht mehr ertragen können, weil sie keine Möglichkeit finden, dem Unheil zu entfliehen.

Doch sie alle tauchen wieder auf, manche früher, die anderen erst sehr viel später. Vielleicht am selben Ort oder doch weit weg, in der Ferne.

Ich verstehe diese Menschen nicht. Wer möchte schon freiwillig verschwinden? Wer gibt sein Leben auf? Ich jedenfalls will gefunden werden. Ich will zurückkehren. Und ich gebe nicht kampflos auf.

 

Er zerrte mich hinter sich her. Schneller, als dass meine Füße mich tragen konnten. Ich schrie und wusste, es würde mich niemand hören. Die dunklen Bäume, längst nicht mehr meine Beschützer, verschluckten meine Schreie. Warfen sie wie ein Echo zurück. Vorwurfsvoll. Er war wütend. Wütender, als jemals zuvor. Seine Finger umschlossen mein Handgelenk und drückten zu. Es gab kein Entkommen mehr. Ich hatte die einzige Chance, ihm zu entfliehen, nicht genutzt. Ich erinnere mich daran, dass ich weinte. Nicht weil er mir weh tat, nein, ich vergoss die Tränen aus Enttäuschung.

 

*****

 

 

Jodie verschränkte wütend die Arme vor ihrer Brust. Wo steckte er bloß? Es war so typisch für Fletcher, dass er das Verhalten, das wohl eher einem Kind und sicher nicht einem ausgewachsenen Mann gebührte, übertreiben musste. In vielen Situationen fand sie es ja ganz nett und lustig, eine Tatsache, die sie aber unter keinen Umständen zeigen, geschweige denn zugeben wollte. Aber jetzt war auch für sie die Grenze erreicht. Vor Zorn biss sie sich auf die Unterlippe und stapfte in die Richtung, in die Fletcher vor über zehn Minuten verschwunden war.

 

„Komm endlich Fletcher. Oder wir gehen ohne dich“, brüllte die junge Frau durch die Nacht. „Erst machst du so ein Theater, wir sollten endlich zurückgehen und jetzt treibst du wieder deine üblichen Spielchen.“ Aber nicht mit mir, fügte sie in Gedanken hinzu und ging um den Felsen herum, der im Mondlicht silbern glänzte. Sie rechnete damit, ihn hinter einem Felsvorsprung zu finden, blöd grinsend, doch Fletcher blieb verschwunden. Aufgebracht ballte sie die Hände zu Fäusten und überlegte, welche Worte sie für die Standpauke wählen sollte, die sie ihm zweifellos halten würde.

 

Hinter dem Felsen war es dunkel. Tiefe schwarze Schatten verdrängten das Mondlicht. Für einen winzigen Augenblick zögerte Jodie, doch dann ging sie weiter. Die Wut übertrumpfte ihre Angst und sie ignorierte selbst den warmen Lufthauch, der um ihre Beine zog. Alles was sie wollte, war diesen Spinner zu finden und ihm die Meinung zu sagen. Im Unterholz knackte es, doch Jodie zuckte noch nicht einmal mit der Wimper, sondern rümpfte siegessicher die Nase und ging zielstrebig in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Es knackte erneut, links, doch gleichzeitig nahm sie rechts etwas im Augenwinkel wahr. Eine Art Bewegung, verschwommen. Ein Tier? Fletcher? Etwas hatte sich bewegt, da war sie sich sicher. Sie drehte den Kopf, um nachzusehen. In diesem Augenblick streifte etwas Warmes ihren Unterarm und Jodie schnellte herum. Nichts. Ihr Herz schlug schneller und tausende kalte Schauer liefen ihr über den Rücken und versteiften ihren Körper. Die Geräusche kamen jetzt von überall. Die Welt schien sich zu drehen. Sie vergaß zu atmen. Dann setzte ihr Fluchtinstinkt ein und sie rannte davon.

 

Es dauerte weniger als zehn Sekunden. Ihr Fuß blieb hängen, vielleicht in einer Wurzel? Einem Stein? Sie verlor die Kontrolle und machte sich sofort auf einen Aufprall bereit, streckte die Arme weit voraus, um sich abzufangen. Doch der Boden kam nicht. Nicht da, wo sie ihn vermutete. Er kam viel zu spät. Sie schrie. Sie fiel in die Tiefe, stürzte einen steilen Hang hinunter. Sie verlor die Orientierung. Ihre Arme, ihre Beine, ihr ganzer Körper schrammte an Steinen, spitzem Geäst und sandiger Erde entlang. Ihr Kopf verfehlte nur wenige Millimeter einen Felsblock. Bis sie schließlich hart auf dem Rücken landete. Schmerz durchfuhr ihren Körper und sie musste gegen die drohende Ohnmacht ankämpfen. Sie blickte durch die Baumwipfel in den Nachthimmel hinauf. Erde fiel auf ihr Gesicht. Im ersten Moment traute sie sich nicht zu bewegen, alles tat weh. Sie brauchte eine weitere Minute, bis sie wieder richtig Luft bekam. Dann setzte sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht langsam auf.  

 

Dann sah sie ihn. Fletcher saß mit kreidebleichem Gesicht nur wenige Meter von ihr entfernt. Er hatte die Hand nach ihr ausgestreckt, doch er schien nicht in der Lage, sich weiter zu bewegen. Seine Haare waren wild zerzaust, sein Hemd zerrissen. Dunkle Flecken bedeckten sein Gesicht. Jodie blickte an sich herunter, sie sah nicht wesentlich besser aus.

 

„Jodie?“ Fletchers Stimme war schmerzhaft verzerrt. „Alles okay bei dir?“ Er schnappte nach Luft.

 

Die junge Frau versuchte aufzustehen, entschloss sich dann aber doch dazu, zunächst auf allen Vieren zu Fletcher zu kriechen. Stöhnend ließ sie sich neben ihn sinken und lehnte sich gegen den Felsen. „Soweit alles klar. Und bei dir?“

 

„Ich glaube“, er stockte und schnappte nach Luft. „Ich habe mir … ein paar Rippen gebrochen.“

 

„Schlimm?“ Besorgt sah sie ihn an und legte ihre Hand auf seinen Schoß.

 

„Wird schon gehen“, antwortete er und nickte erschöpft. „Toller Sturz übrigens und sorry, ich war nicht in der Lage dir zu helfen.“

 

Jodie lächelte kurz und ließ dann ihren Blick wandern. Der Mond stand direkt über ihnen und erhellte den Ort. Sie begutachtete zunächst den Hang, den sie und wohl auch Fletcher herunterfielen. Er war ziemlich steil und es schien ein Wunder zu sein, dass sie beide den Sturz ohne größere Verletzungen gemeistert hatten. Seitlich vom Hang waren Stufen in den Felsen geschlagen und eine Art Treppe führte nach oben in die Dunkelheit. Das Ende konnte Jodie nicht erkennen. „Wo sind wir denn hier gelandet?“

 

„Keine Ahnung“, wimmerte Fletcher und deutete ihr in die andere Richtung. „Scheint der Eingang einer Höhle zu sein.“

 

„Sind das noch Ausläufer der Natural Bridge Caverns?“ Jodie stemmte sich in die Höhe. „Das wäre ja ein Ding.“

 

„Bis hierher?“ Fletcher schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Kann ich mir nicht vorstellen.“

 

Vorsichtig setzte Jodie einen Fuß vor den anderen. Doch der Schmerz blieb erträglich. Sie rollte ihren Kopf im Nacken und schüttelte die Arme. „Morgen kann ich mich nicht mehr bewegen“, sagte sie weinerlich und lachte. Dann hielt sie inne und starrte in Richtung des Höhleneingangs.

 

„Was?” Fletcher sah ihr besorgt ins Gesicht. „Was ist los?“

 

„Da liegt ….“ Ohne den Satz zu beenden, humpelte sie los und ließ den unwissenden Fletcher zurück.

 

„Was ist da?“ Er versuchte sich weiter aufzusetzen, um etwas zu sehen, gab es aber schnell wieder auf.

 

„Ein Haarband.“ Jodie hob es auf und schluckte schwer. „Ich glaube, Yasemin hatte so eines.“

 

 

Fortsetzung folgt ....