DIE KLEINE SCHWESTER


 

„Es war keine Absicht von meiner Schwester.“ Tommy wehrte sich vehement gegen Milenas Vorwürfe.

 

„Warum verteidigst du sie, sie hat meine Hello-Kitty-Box kaputt gemacht. Es gibt genügend Leute, die das bezeugen können.“ Mia hatte die Hände in die Seite gestemmt und blickte böse zu ihrem kleinen Freund, der nervös mit seinen Fingern spielte. „Miss Cumberland hat gesagt, sie war über und über mit Himbeersirup bekleckert. Also, ich frag dich nochmal: Wieso verteidigst du sie?“

 

„Weil sie meine kleine Schwester ist.“ schrie Tommy dem Mädchen entgegen und biss sich danach vorsichtig auf die Unterlippe.

 

„Kaputt ist kaputt“ maulte Mia und stampfte mit dem Fuß auf. Alleine die Erinnerung an die anstrengende Zeit, die Überredungskünste und Bestechungsversuche bei Ziva und ihrem Dad, machten sie so wütend. Der Umstand, dass der Kaputtmacher ein zweijähriges Kind war, besänftigte sie auch nicht. (HIER DER LINK ZU DEINEM SC)

 

Tommy legte seinen Kopf schief und versuchte es mit seinem bezaubernden Augenaufschlag. „Sie ist doch noch so klein.“

 

„Trotzdem werde ich mit ihr reden müssen.“ mischte sich Diggs ein. „Man kann nicht einfach so was kaputt machen. Das erklär ich ihr nochmal.“

 

„Das hab ich ihr schon gesagt.“ murmelte Tommy und in seinen Augen bildeten sich erste kleine Tränchen.

 

„Aber du bist ihr Bruder. Wenn ich mit ihr rede ist das sicher besser.“ Diggs klopfte dem traurigen Jungen auf die Schulter. „Wart´s ab.“ grummelte er und wandte sich zu Taljah und Mia. „Wenn Tommy abgeholt wird, bringt ihr die Kleine zu mir.“

 

Über Milenas Gesicht zog sich ein großes Grinsen. „Na klar“ Diggs würde sie sicherlich zum reden bringen.

 

Eine Stunde später saßen die Mädchen auf dem Klettergerüst und ließen die Beine baumeln. Taljah war bis ganz nach oben geklettert, während es Mia sich etwas tiefer gemütlich gemacht hatte. Während die kleine DiNozzo Prinzessin mit dem Versuch beschäftigt war, mit ihrer Spucke eine große Blase zu bilden, dachte Taljah über Mias Hello-Kitty-Box nach. Sie fand den Umstand, dass die rosa Brotzeitbox kaputt war, gar nicht so schlimm. Eigentlich freute sie sich sogar. Ein kleines bisschen zumindest. Plötzlich zog Milena an Taljahs Schuh.

 

„Was, Mia?“ genervt sah der Lockenkopf nach unten. „Nicht ziehen, oder willst du, dass ich hier runterfalle?“

 

„Wäre eine günstige Gelegenheit.“ grummelte Mia, die von der ewigen Meckerei ihrer Freundin bereits etwas frustriert schien. Andererseits wäre es ohne Taljah aber auch ziemlich langweilig. Sie hätte niemanden mehr zum ärgern. Doch zum Streiten hatten sie jetzt keine Zeit, sie hatten einen Auftrag.

 

„Tommys Mutter kommt“ Mia zeigte auf den kleinen Fußweg, der am Zaun des Kindergartens entlang führte. Eine Frau mit Kinderwagen steuerte gerade den Eingangsbereich an, stellte den Wagen ab und nahm das 2jährige Mädchen heraus.

 

Während Mia vorsichtig herunter kletterte, sprang Taljah mit einem Satz vom Klettergerüst und wartete dann ungeduldig, mit einem triumphierenden Grinsen im Gesicht, am sicheren Boden auf ihre Freundin. Nach Taljahs Empfinden dauerte es eine Ewigkeit bis Mia ankam und schließlich rannten sie gemeinsam zurück in das Gebäude.

 

Im Eingangsbereich des Kindergartens saß das kleine Mädchen. In den Händen hielt sie ein Bilderbuch und blickte fasziniert und total versunken auf die Tierabbildungen. Den linken Daumen hatte sie bis zum Anschlag in den Mund geschoben und nuckelte genüsslich darauf herum.

 

Taljah und Mia näherten sich von hinten. Als das Mädchen sie jedoch bemerkte, legte sie den Kopf schief und lächelte ihnen entgegen. Mia, die sich zunächst mit aller Kraft in ihre Wut hineingesteigert hatte, fiel wie ein Luftballon, der gerade von einer Nadel gepiekt wurde, in sich zusammen.

„Sie sieht wirklich noch ziemlich klein aus.“ flüsterte Milena und rümpfte die Nase. „Sie sieht wirklich nicht aus, als könnte sie einer Fliege was zu Leide tun. Geschweige denn, meine Hello-Kitty-Box absichtlich kaputt machen.“

 

Das Mädchen gluckste kurz auf, als die Beiden neben ihr stehen blieben und nahm den Finger aus dem Mund. Fasziniert blickte sie von Taljah zu Mia und wieder zurück. Ein breites Grinsen machte sich im Gesicht des Mädchens breit und sie griff nach der Mappe, die schon die ganze Zeit neben ihr lag. In diesem Moment kam Tommys Mutter um die Ecke.

 

„Oh Hallo ihr Zwei“ begrüßte sie die beiden Mädchen, ging vor ihnen auf die Knie und streckte ihnen die Hand hin. „Ihr müsst Lia und Mali sein. Schön euch kennenzulernen.“

 

Verwirrt blickten Milena und Taljah in die Augen der Frau. „Nein“ kam es gleichzeitig von ihnen. „Ich bin Mia und das ist Tali“ fügte Mia besserwisserisch hinzu.

 

„Oh, seid ihr sicher? Ihr habt große Ähnlichkeit mit den beiden Kindern in Tommys Bildergeschichte über den Puppenmörder.“ Sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Mappe in den Händen von Tommys Schwester.

 

Mia und Taljah warfen sich einen Blick zu, vergessen war ihr eigentlicher Auftrag, vergessen war die kaputte Hello-Kitty-Box. War das tatsächlich möglich, hatte Tommy tatsächlich ein Buch über sie geschrieben. Sollte er sie als Vorlage für seine Geschichte benutzt haben.

 

„Hier seht selbst.“ Tommys Mutter blätterte auf die erste Seite, dann auf die Zweite. Doch als sie zurück zu den Mädchen blickte, waren diese bereits verschwunden….

 

 

 

 

FORTSETZUNG

 

Einen Tag später saßen Milena und Taljah früh am Morgen in der Bauecke. Tommys Mutter war so stolz auf das Kunstwerk ihres Sohnes, dass sie gleich mehrere Kopien für die Erzieherinnen im Kindergarten angefertigt hatte. Milena, aufmerksam wie immer, hatte den Stapel im Büro sofort entdeckt und sich und Taljah je ein Exemplar mitgehen lassen. Beide Mädchen waren in die Bildergeschichte vertieft.

„Bist du mit Tommys Geschichte schon durch?“ fragte Mia nach einer Weile und warf Taljah einen Seitenblick zu.

„Zur Hälfte und Du?“ Taljah zog eine Grimasse und schnalzte mit der Zunge.

„Ich bring den Kerl um.“ zischte Mia wütend.

 

DIggs, der sich gerade neben den Mädchen auf die Knie fallen ließ und nach der Kiste mit den Eisenbahnschienen griff, sah von einer zur anderen.„Wen denn?“

Mia runzelte die Stirn. „Tommy! Hast du die Geschichte schon gelesen?“

Diggs hob nur gelangweilt die Schultern und beschäftigte sich mit der Lokomotive. Wenige Sekunden später allerdings legte er diese gelangweilt zur Seite. „Sollen wir in den kleinen Garten aufs Trampolin?“

Taljah und Mia nickten freudig und versteckten daraufhin ihr Exemplar der Geschichte unter der Kiste mit den schweren Bausteinen.

In diesem Moment bog Tommy um die Ecke und blieb bei seinen Freunden stehen. Diggs klopfte dem kleinen Jungen im Vorbeigehen auf die Schulter und stürmte davon. An der Tür drehte er sich noch einmal kurz um.

„Nehmt das Dreirad, wir treffen uns dort.“

Tommy bemerkte die Blicke der Mädchen auf sich. Er fühlte sich äußerst unwohl. „Wie oft muss ich es noch wiederholen. Die Figuren in meinem Buch seid nicht ihr.“ stammelte er und zog eine Schnute.

„Ich werde fahren.“ grummelte Taljah und schob die anderen Zwei vor sich aus dem Zimmer und in Richtung Terrassentür.

 

„Fühlst du dich wohl da hinten, TomTom.“ Mia, die direkt hinter Taljah auf dem Dreirad saß, warf einen Blick über ihre Schulter und blickte in das angstvolle Gesicht des Jungen, der sich krampfhaft an der Stange des Anhängers festhielt.

„Zum letzten Mal die Geschichte ist reine Fantasie.“ wimmerte Tommy und versuchte die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.

„Für die wir die Vorbilder waren, richtig?“ äußerte sich Taljah.

„Nein, Leute hört mir doch mal zu….“ Tommy wollte gerade wieder anfangen sich zu verteidigen.

„Glaubst du das was er da erzählt, Tali?“ unterbrach ihn Mia.

Taljah brach in Gelächter aus und prustete laut los.

„Dachte ich mir.“ Mia warf ihm einen mitleidigen Blick zu. „Nett dich gekannt zu haben, Kleiner“

„Taljah“ sagte Mia noch, doch die kleine Israelin trat bereits feste in die Pedalen.

„Es ist doch nur ein Buuuuuuuch….“ schrie Tommy und purzelte rücklings vom Anhänger.

 

Milena und Taljah sprangen vergnügt auf dem großen Trampolin herum. Diggs saß auf der Schaukel und nippte an seinem Kakao, den er sich eben noch im Frühstücksraum besorgt hatte. Rocky saß auf dem Baumstamm und beschäftigte sich mit einer toten Ameise. Mit seiner Lupe zählte er gerade die Beinchen des Tieres. Als Tommy um die Ecke bog, sah er auf. Der kleine Junge schlich mehr, als dass er ging und unsicher blickte dieser sich um.

„Was ist mit dir denn passiert?“ fragte der ältere Junge besorgt und musterte ihn von oben bis unten.

„Kreative Differenzen mit den Mädels, Rocky“ murmelte Tommy und blieb neben seinem Freund stehen.

„Das kommt in letzter Zeit aber ziemlich häufig vor.“ murmelte Rocky und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Lupe in seiner Hand.

„Das Leben eines Künstlers ist nie sehr leicht, Tommy.“ Ohne aufzublicken, sprach er weiter. „Aber ein wahrer Künstler steht da drüber.“

„Danke Rocky“ nuschelte Tommy.

„Übrigens….“ Rocky kratzte sich am Kopf. „…. weißt du, ob Milena es schon fertig gelesen hat?“

„Noch nicht“ antwortete der Kleine und hob die Schultern.

Rocky seufzte. „Also vor ihr musst du dich vorsehen.“

 

Den restlichen Tag saß Tommy zerknirscht in der Ecke, trottete den Kindern lustlos hinterher oder lutschte an seinem Daumen. Seine Freunde waren scheinbar wirklich sauer auf ihn. Er sollte sich schleunigst etwas einfallen lassen, um Taljah und Milena, aber auch die anderen wieder milde zu stimmen. Und wenn es tatsächlich sein musste, würde er sich auch bei ihnen entschuldigen. Obwohl er sich keiner Schuld bewusst war. Schließlich waren die Anderen alle in den Urlaub gefahren und hatten ihn alleine und vollkommen einsam im Kindergarten zurückgelassen und schließlichh wollte er ja nur die Geschichte über den Puppenmörder malen. Doch dann war seine Fantasie mit ihm durchgegangen und er hatte Dinge gemalt, die einfach so in seinem Kopf aufgetaucht waren. Seine Nase lief, weil er kurz vorm Heulen war und deshalb kramte er gedankenverloren in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch. Plötzlich hielt er in der Bewegung inne. Das war´s! Statt des Taschentuchs hielt er den zusammengefalteten 5€-Schein in der Hand, den er gestern als Belohnung für die gute Geschichte von seiner Großmutter bekommen hatte.

 

Währenddessen saßen Milena und Taljah am Tisch im Gruppenraum. Beide hatten die Blätter wieder aus dem Versteck geholt. Taljah knabberte an ihren Fingernägel; auch wenn sie es nie zugeben würde, aber Tommy schien wirklich Talent zu haben. Mia saß ihr gegenüber und war ebenfalls dabei, die Bilder zu betrachten.

„Tommy gelingt es wirklich, den Kern deines Wesens herauszustellen.“ Mia war total in die Bilder vertieft und blickte noch nicht mal auf während sie weitersprach.

„Unnahbar, kalt und ohne mädchenhaften Geschmack, kein Rosa, keine Puppen. Die Bilder sind echt gut.“ Vorsichtig linste sie über den Rand der Blätter, doch Taljah war verschwunden. Sie rümpfte die Nase und biss sich auf die Unterlippe.

„Du stehst wieder hinter mir, richtig?“ flüsterte Mia leise, obwohl sie bereits Taljahs Atem in ihrem Nacken spürte.

„Gut geraten, Mia“ Mit einem Ruck schob der Lockenkopf den Stuhl gegen den kleinen Tisch und klemmte Mia ein, so dass ihr keine Fluchtmöglichkeit mehr blieb.

„Weißt du, ich glaube Tommy hat recht.“ Taljah hatte ein ganz bestimmtes Bild von Tommy im Sinn, auf dem das Mädchen mit den Locken gerade drohend die Büroklammer nach oben hielt.

„Ja stimmt, finde ich auch.“ Mia dachte an das Bild, das die Mädchen aus der Geschichte lachend Hand in Hand zeigte.

„Ehrlich, es ist fast meine ganze Willenskraft nötig den Drang zu unterdrücken, der mich in deiner Nähe quält. Vielleicht wird es ja langsam Zeit, dass ich ihm nachgebe, oder?

„Und mit nachgeben meinst du...?“ Mia war verwirrt und schielte nach oben.

Taljah, die ihren Kopf beinahe auf die Schulter von Mia abgelegt hatte, flüsterte ihr ins Ohr.

„Ihn auszuleben….das zu tun, was meiner Natur entspricht.“

„Genau das Gefühl hatte ich schon damals bei deinem ersten Übernachtungsbesuch, als wir Puppe in der Badewanne gebadet haben.“

„Ach wirklich?!“ Taljah war etwas verwirrt. Wovon bitte sprach Milena da überhaupt. „Weißt du ich hätte es fast bei unserem ersten Treffen gemacht.“

„Ehrlich?“

„Aber meiner Mama hätte das kaum gefallen.“

„Wahrscheinlich weil sie nicht mag, dass du mit Puppen spielst.“

„Nein, weil sie stinksauer ist, wenn ich Freunde mit meiner Büroklammer piekse.“

 

„Seid ihr fertig“ grummelte Diggs, der plötzlich und unerwartet neben ihnen stand. Er griff nach Mias Blättern und sammelte auch das Exemplar von Taljah ein. Genervt pfefferte er es in die Ecke hinter den Puzzleschrank. „Wenn ich noch einen erwische, der das liest….“

„Aber…“ wollte Mia gerade losprotestieren.

„Nix aber“ stoppte sie Diggs unsanft. „Wir wollen los.“

„Wir wollen was?“ erkundigte sich Taljah neugierig.

„Tommy hat zur Belohnung für die Bildergeschichte 5€ von seiner Großmutter bekommen und er hat uns als Wiedergutmachung zum Eis essen eingeladen. Miss Cumberland geht mit uns rüber ins Eiscafe.“

Mia und Taljah blickten sich an. Mia lief bereits bei dem Gedanken an eine Kugel Schokoeis das Wasser im Mund zusammen und auch Taljah hatte gegen ein Erdbeereis nichts einzuwenden.

Diggs, der bereits wieder an der Tür stand, rollte genervt mit den Augen. „Heute noch….“